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StartseiteKommentare und Themen der WocheEs wird zukünftig mehr Wettbewerb geben19.10.2016

Gekippte Medikamenten-PreisbindungEs wird zukünftig mehr Wettbewerb geben

Der Europäische Gerichtshof hat die Preisbindung für Medikamente gekippt. Wenn ausländische Online-Apotheken Arznei nun deutlich günstiger anbieten dürfen, erhöhe das auch den Druck auf deutsche Apotheken, meint Stefan Römermann. Und das sei gut so. Denn Beratung gebe es zu oft nur auf explizite Nachfrage.

Von Stefan Römermann

Eine pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin stellt Medikamente für die Stationen in der Krankenhausapotheke am Universitätsklinikum Leipzig (Sachsen) bereit. (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Medikamente in einer sächsischen Krankenhaus-Apotheke (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
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Keine Frage: Wenn ich mit dickem Hals und brummenden Kopfschmerzen vom Arzt komme, bin ich dankbar, dass ich für meine Medikamente nicht noch kilometerweit laufen muss. Und auch für viele ältere Menschen ist die Apotheke um die Ecke ein wichtiger Bezugspunkt. Apotheken sind in manchen Gegenden die einzigen Geschäfte, die es noch gibt. Denn kleine Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte haben keine Preisbindung, die ihr Geschäftsmodell schützt.

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs könnte genau das jetzt ins Wanken bringen. Zwar gilt es zunächst einmal nur für ausländische Apotheken, die beispielsweise über das Internet Medikamente nach Deutschland verkaufen wollen. Doch wenn ausländische Online-Apotheken Medikamente deutlich günstiger anbieten dürfen – dann erhöht das auch den Druck auf die Apotheken hier in Deutschland. Denn es ist kaum vorstellbar, dass die deutsche Preisbindung diesen Tiefschlag unbeschadet überlebt.

Die Beratung ist in zu vielen Apotheken eher ein Witz

Es wird zukünftig also mehr Wettbewerb geben. Und das ist auch gut so. Denn unser vergleichsweise teures Gesundheitssystem ähnelt trotz aller Sparzwänge immer noch in weiten Teilen einem Selbstbedienungsladen. Und bei den vergangenen Gesundheits-Reformen sind die Apotheker nahezu ungeschoren davon gekommen.

Die Apothekerverbände gehen jetzt in die Offensive – und fordern kurzerhand ein Verbot von Versandapotheken. Dabei singen sie das schöne Lied vom Verbraucherschutz. Die gute Beratung in der Apotheke vor Ort sei sonst gefährdet. Doch seien wir ehrlich: Die Beratung ist in zu vielen Apotheken eher ein Witz. Zwar müssen Apotheker hierzulande sehr gut ausgebildet sein. Doch im Alltag in deutschen Apotheken merkt man davon immer weniger. Beratung gibt es meist nur, wenn der Patient explizit danach fragt. Unaufgeforderte Hinweise auf gefährliche Wechselwirkungen sind Glückssache.

Nicht zuletzt deshalb werden auch Online-Apotheken zukünftig eine wichtigere Rolle im Gesundheitssystem spielen. Denn dort wird auch nicht schlechter beraten als in den Filialen vor Ort. Das hat eine große Untersuchung der Stiftung Warentest vor zwei Jahren klar gezeigt.

Apotheken vor Ort wird es weiter geben

Hier werden sich zukünftig die Gewichte verlagern: Vor allem Menschen mit chronischen Krankheiten werden häufiger im Internet bestellen. Denn wer regelmäßig, oft über Jahre die gleichen Medikamente einnimmt – der braucht nicht bei jedem Kauf eine intensive Beratung – und er profitiert am meisten von Rabatten und günstigeren Preisen.

Aber auch Apotheken vor Ort wird es weiter geben. Wer akut krank ist – der will schließlich nicht tagelang warten, bis das passende Medikament per Post kommt. Und Apotheken, die diese Patienten gut beraten – haben auch nach einem Ende der Preisbindung eine gute Chance, im Wettbewerb zu bestehen.

Stefan RömermannStefan RömermannStefan Römermann, geboren 1977, hat an der Universität Leipzig Theaterwissenschaft und Anglistik studiert. Seit 2003 arbeitet er beim Hörfunk, vor allem für die ARD und den Deutschlandfunk. Seine Themenschwerpunkte sind Computer, Medien und Technik. Seit November 2013 ist er Mitglied der Wirtschaftsredaktion und dort Redakteur und Moderator der Sendung "Umwelt und Verbraucher".

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