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Geld spendet Leben

Zum Handel mit Organen

Von Christina Berndt, Süddeutsche Zeitung

Transparenz und Kontrolle sind die Aspekte, auf die es in der Transplantationsmedizin ankommt. (dpa / picture alliance / Universitätsklinikum Münster)
Transparenz und Kontrolle sind die Aspekte, auf die es in der Transplantationsmedizin ankommt. (dpa / picture alliance / Universitätsklinikum Münster)

Es soll nun endlich manches anders werden in der Organspende. Künftig soll es tatsächlich mehr Transparenz und effizientere Kontrollen geben, verkündete die Bundesärztekammer in dieser Woche. Ärzte sollen ihre Patienten nicht mehr im Alleingang auf die Warteliste für ein Spenderorgan setzen dürfen; sie müssen sich dazu künftig das Einverständnis mindestens eines Kollegen holen.

Auch will die Ärztekammer die Öffentlichkeit besser informieren, wenn wieder einmal Unregelmäßigkeiten bei der Organvergabe untersucht werden. Und die Strafen für Ärzte, die so etwas tun, sollen härter werden. Die Maßnahmen sind richtig. Wenn sie keine Worthülsen bleiben, sondern stringent umgesetzt werden, ist damit viel für eine redliche Organvergabe getan. Transparenz und Kontrolle, das sind nämlich genau die Aspekte, auf die es in der Transplantationsmedizin ankommt. Ohne sie kann es kein Vertrauen geben. Vertrauen wird zunächst geschenkt. Es bleibt aber nur dann erhalten, wenn diejenigen, denen vertraut wird, dass sie sorgsam mit ihrer Verantwortung umgehen. Die Transplantationsmedizin ist auf das Vertrauen der Bevölkerung aber in besonderem Maße angewiesen. Zu Recht sind die Bürger dazu nur bereit, nach ihrem Tod oder dem Tod ihrer Angehörigen die Organe zur Verfügung stellen, wenn sie sicher sein können, dass bei deren Vergabe alles mit rechten Dingen zugeht.

Schließlich rührt die Organspende im wahrsten Sinne des Wortes an das Innerste der Menschen. Das Schlimme ist nur: Kritiker des Systems fordern solche Änderungen schon seit Jahren. Die Ärztekammer aber hat sich gegen die Forderungen immer gewehrt. Als Vertreterin der Ärzteschaft war Kontrolle der mächtigen Chirurgen genauso wenig ihr Interesse wie die Offenlegung von Mauscheleien. Die Prüfungskommission der Ärztekammer, die für die Untersuchung von Regelverstößen zuständig ist, hat jahrelang im Dunkeln vor sich hingeprüft, hat Anfragen von Journalisten, denen Missstände zu Ohren gekommen waren, immer wieder mit dem Hinweis auf Datenschutz abgebügelt. Oder sie hat Menschen, die Unregelmäßigkeiten angezeigt haben, so lange hingehalten, bis sie schließlich lapidar mitteilte, die Vorwürfe seien nun ohnehin verjährt. Es musste erst der größte Transplantationsskandal in der Geschichte der Republik passieren, bis sich an dieser Haltung nun offenbar etwas ändert.

Das Leid, das geschehen ist, hat ein so erschreckendes Ausmaß, dass selbst Kritiker des Systems damit in Deutschland nicht gerechnet hätten. In mehr als 40 Fällen sollen Ärzte in Göttingen und vor ein paar Jahren auch schon in Regensburg einzelnen Patienten eine Spenderleber verschafft haben, obwohl diese noch gar nicht an der Reihe waren. Andere Patienten auf der Warteliste sind deshalb übergangen worden. Manche von ihnen sind wahrscheinlich gestorben, bevor sie ein lebensrettendes Organ bekamen. Die Ärzte haben sich aufgeschwungen zu Herrschern über Leben und Tod. Sie haben Gott gespielt. Was besonders erschreckend ist: Diese Vorgänge hätten sich verhindern lassen. Schließlich war der Hauptverdächtige in all diesen Manipulationen schon vor Jahren negativ aufgefallen. Es war längst bekannt, dass er im Zweifel das Gesetz nicht so wichtig nahm und seine Interessen über die Regeln der Organspende stellt. Im Jahr 2005 schon hatte er eine Spenderleber, die eigentlich einem Patienten in Deutschland zugestanden hätte, nach Jordanien transportieren lassen und sie dort einer Frau an einer Privatklinik eingesetzt.

In dem Fall wurde damals ermittelt, doch es geschah nichts. Wenn schon die Staatsanwaltschaft das Verfahren einstellte, weil die ungeheuerlichen Vorgänge nicht auf deutschem Boden stattfanden, so hätte damals aber die Ärztekammer den Fall wenigstens bekannt machen müssen. Dann wäre man zumindest gewarnt gewesen. So aber machte der Arzt sogar noch einen Karrieresprung und wurde Professor in Göttingen. Weil man ihn gewähren ließ, konnte es zum aktuellen Super-Gau der Transplantationsmedizin kommen. Die Folgen dieses Skandals für die Organspende sind nicht abzusehen. Viele Menschen, die schon immer der Meinung waren, dass man Transplantationsmedizinern nicht trauen könne, werden sich bestätigt fühlen. Manche werden entsetzt ihren Organspendeausweis zerreißen und wieder andere werden sich denken: nun erst recht. Bevor nun die Kranken sterben, die auf so menschenverachtende Weise hintergangen wurden, geben sie die Organe ihres verstorbenen Angehörigen für die Entnahme vielleicht erst recht frei. Die Patienten können schließlich am wenigsten dafür.

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