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StartseiteGesichter EuropasGeldgeber auf der Bremse14.03.2009

Geldgeber auf der Bremse

Das Projekt Ilisu-Staudamm in der Türkei

Wieder einmal steht der Bau des Ilisu-Staudamms in der Türkei auf der Kippe. Für die Türkei ist der Ilisu-Staudamm ein wichtiges Prestige-Projekt, sie will mit dem Damm ihren wachsenden Strombedarf decken. Zwar hatten Deutschland, Österreich und die Schweiz zugesagt, das Bau-Projekt mit Kreditgarantien von fast einer halben Milliarde Euro zu unterstützen. Gebunden waren diese Garantien jedoch an strenge Auflagen zum Schutz von Mensch, Natur und Kultur im Flutungsgebiet.

Eine Sendung mit Reportagen von Susanne Güsten

Hasankeyf ist eine antike türkische Stadtfestung am Tigris. Im Zuge des Südostanatolien-Projekts plant der türkische Staat, Hasankeyf unter Wasser zu setzen. (AP Archiv)
Hasankeyf ist eine antike türkische Stadtfestung am Tigris. Im Zuge des Südostanatolien-Projekts plant der türkische Staat, Hasankeyf unter Wasser zu setzen. (AP Archiv)

Weil die türkischen Behörden diese Auflagen nicht erfüllt haben, zogen die Kreditgeberländer vor kurzem die Notbremse. Sie suspendierten die Verträge , setzen ein Ultimatum und stoppten den Beginn der Bauarbeiten. Bis Mitte dieses Jahres hat die Türkei nun Zeit, die Auflagen der Geldgeber zu erfüllen. Andernfalls wollen Deutschland, Österreich und die Schweiz aussteigen.

Eine junge Frau, wieder ohne Job

"Wir haben am Staudamm gearbeitet und unser Brot verdient, aber jetzt sitzen wir alle zuhause rum und warten. Wenn es nicht weitergeht am Staudamm, dann werden wir alle wieder fortgehen müssen von zuhause, dann wird alles wieder sein wie zuvor. Dann wird sich hier nie etwas ändern. Ohne Arbeit gehen wir hier zugrunde."

Und ein junger Mann in Sorge

"Wenn der Damm gebaut wird, dann wird das Wasser bis zu den Lautsprechern am Minarett steigen, also bis knapp unter die Spitze. Die Unterstadt von Hasankeyf wird komplett im Stausee verschwinden, die Brücke, die Grabmäler und Moscheen, alles. ( ... ) Nichts von all dem hier wird bleiben."

Geldgeber auf der Bremse – Das Projekt Ilisu-Staudamm in der Türkei. Gesichter Europas heute mit Reportagen von Susanne Güsten, am Mikrofon begrüßt Sie Katrin Michaelsen.

Mehr als eine Milliarde Euro will die Türkei für den Ilisu-Staudamm ausgeben. Gebaut werden soll er in Südostanatolien, in der Nähe des Dorfes Ilisu. Ein Mega-Projekt. Der Damm soll das Wasser des Tigris aufstauen, oberhalb der Grenzen zu Syrien und Irak. Neben türkischen Unternehmen verdienen an dessen Bau auch deutsche, österreichische und Schweizer Firmen mit.

Die Finanzierung läuft über Exportkreditversicherungen, über sogenannte Hermes-Bürgschaften, aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, allerdings unter strengen Auflagen zum Schutz von Mensch, Natur und Kultur im Flutungsgebiet. Und genau an diesen Auflagen droht das Projekt nun zu scheitern. Denn die Türken haben sich nicht an die Abmachungen gehalten, so dass die Kreditgeberländer auf die Bremse traten. Sie stoppten die Kreditverträge zu Beginn des Jahres und setzten der Türkei eine allerletzte Frist. Bis zum 1. Juli haben das Baukonsortium und die Behörden nun Zeit nachzubessern. Gelingt es ihnen nicht, dann ist der Traum vom Riesenstaudamm ausgeträumt. Zeit also, um einmal vor Ort nachzusehen, was am Tigris geschieht.


Reportage "Die Staustelle"

Der Tigris: Dunkelgrün und träge wälzt sich der Fluss durch die Biegung unterhalb vom Dorf Ilisu in Südostanatolien. Ungehemmt fließt er noch durch das Tal, das demnächst von einem riesigen Staudamm abgesperrt werden soll. 135 Meter hoch und fast zwei Kilometer breit soll er werden, eine Betonwand so hoch wie ein 30-geschossiges Hochhaus.

Noch ist davon nichts zu sehen. Das Flussbett an der geplanten Staustelle ist unberührt; an der Großbaustelle oberhalb des Flusses ist es so ruhig, dass man die Vögel singen hört. Dutzende Bagger und Lastwagen stehen ordentlich in Reih und Glied geparkt, so wie sie am Neujahrstag abgestellt worden sind. Seither stehen die Motoren auf der Baustelle still, erzählt der Projektleiter, ein kräftiger Mittdreißiger mit grünen Augen und unerschütterlich ruhigem Wesen:

"Wir haben alles gestoppt, als die Kredite suspendiert wurden, alles. Wir können derzeit nichts machen. Hier die Erde auf diesem Haufen, die hatten wir hergeschafft, um die Anlage zu begrünen, nicht mal die können wir jetzt verteilen. Weil wir keine Baumaschinen anlassen dürfen wegen der Suspendierung, das ist verboten. Wir können nichts machen, gar nichts."

Fast gespenstisch wirkt die Ruhe auf der weitläufigen Baustelle, die sich über mehrere Quadratkilometer auf den Anhöhen über dem Fluss ausdehnt. Fertigbauhallen, Maschinenparks und Container stehen auf dem stacheldrahtumzäunten Areal, das von Soldaten bewacht wird. Die Bauarbeiten für den Staudamm selbst haben noch nicht begonnen, betont der Projektleiter beim Rundgang über die Baustelle, dafür laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren:

"Bisher, also in dem einen Jahr, das wir hier schon arbeiten, haben wir die Unterkünfte für die Arbeiter und Ingenieure errichtet, die am Damm arbeiten werden. Das sind die Fertigbauten, die Sie hier sehen, die sind 17.000 Quadratmeter groß, da mussten wir natürlich schon graben, um die zu befestigen. Hier vorne, das ist das Wohnheim für die Ingenieure, dahinter die Kantine, die drei, vier Gebäude da drüben sind Büros für Ingenieure und Techniker, und dort ist ein Kohlekraftwerk, um die Unterkünfte und Büros zu heizen und auch zu klimatisieren – im Sommer wird es hier an die 55 Grad heiß."


In einem Hufeisen von Fertigbaubüros haben die Männer von der Bauleitung und die Verwaltungschefin ihre Schreibtische, Computer und Drucker stehen. Der Sicherheitschef, ein massiger Ex-Offizier mit kahlem Schädel und Intellektuellenbrille, hält per Funkgerät den Kontakt zu den Wächtern an den Toren.

""Zehn-fünfzehn, wer hat Sie angewiesen, den Lastwagen hereinzulassen?""

Zu tun gebe es trotz des Baustopps genug, versichert der Sicherheitschef. Die Zwangspause verstreiche nicht ungenutzt:

"Wir haben seit dem Baustopp die Arbeiten an den Auflagen der europäischen Kreditgeber beschleunigt, um sie noch rechtzeitig vor Ablauf der 6 Monate erfüllen zu können. Wir arbeiten hier derzeit unter Hochdruck daran, die Mängel zu beseitigen, mit denen die Kreditgeber die Suspendierung begründet haben."

Mit Baumaschinen sind diese Mängel freilich nicht zu beseitigen – bei den Auflagen der Kreditgeber geht es um die schonende Umsiedlung der Bevölkerung im Flutungsgebiet und um den Schutz von Umwelt und Kulturgütern.

Die Männer in der Baubaracke sind von ihrem Projekt leidenschaftlich überzeugt. Nicht nur um Energie gehe es beim Ilisu-Staudamm, sagt der Ausbildungsleiter des Projekts, ein gütig wirkender Mittfünfziger mit grauem Spitzbärtchen; es gehe auch um die wirtschaftliche und soziale Förderung einer unterentwickelten Region:

"Hier im Südosten der Türkei sind Arbeitslosigkeit und Armut gewaltig. Das einzige Mittel, das zu ändern, ist Beschäftigung - und kein Sektor schafft mehr Beschäftigung als der Bau. An diesem Damm werden allein 4000 Arbeiter direkt beschäftigt werden, 80.000 Leute werden indirekt beschäftigt, dazu kommen die Arbeitsplätze, die durch die Umsiedlungsauflagen geschaffen werden. Ohne Arbeit können wir den Bildungsstandard und die Lebensqualität dieser Region nicht anheben; ohne Beschäftigung können wir auch die rückständigen Traditionen dieser Gegend nicht überwinden, etwa dass Frauen nicht aus dem Haus dürfen. Nur wenn dieses Projekt weiter geht, wird sich hier etwas ändern."

Seit vielen Wochen sind den Männern auf der Baustelle die Hände gebunden, die Ungeduld ist ihnen deutlich anzumerken. Bis zum Ablauf der 6-monatigen Suspendierung könnten sie nicht mehr warten, sagt der Sicherheitschef:

"Die Zeit drängt. Wir wollen hier nicht die vollen 6 Monate warten. Wir alle hier hoffen, dass die europäischen Kreditgeber uns spätestens im April wieder weitermachen lassen, nicht am Damm, aber am Straßenbau und so. Anders geht es auch nicht. Wenn das 6 Monate weitergeht mit dem Baustopp, dann verlieren die Menschen hier die Geduld und den Glauben."

Auch den Männern von der Bauleitung fällt das Warten schwer. Nach dem Tee brechen sie mit Spaten auf, zum Bäume pflanzen – dafür haben sie sich eine Sondergenehmigung geholt. Tausende Bäumchen haben sie rings um die Baustelle schon eingesetzt, mit eigenen Händen, um die Zeit zu vertreiben. Dennoch halte man sie in Europa offenbar für gierige Umweltzerstörer, klagt der Projektleiter, der seinen Kollegen von seinem Aussichtspunkt über dem Tigris nachblickt:

"Ich finde das ungerecht, denn alles, was wir hier bisher getan haben, ist doch für die Bevölkerung gewesen: die Brücke, die Straßen.... Die Leute hier haben doch jahrzehntelang nichts gesehen außer Krieg und Terror. Mit dem Staudammprojekt war hier erstmals Hoffnung in eine bessere Zukunft aufgekeimt - aber jetzt ist alles wieder unsicher."


Der Tigris fließt durch die Türkei, durch Syrien und den Irak. Die Legende sagt, dass Allah seinen Erzengel Daniel gebeten habe, von der Quelle des Tigris im Norden bis in die Stadt Basra im fernen Süden eine Linie zu ziehen. Ohne allerdings dem Besitz der Armen und Notleidenden Schaden zuzufügen. Und weil es schon damals in der Region große Not gegeben habe, gleiche der Verlauf des Tigris einer wilden Zickzacklinie. Noch heute windet sich der Fluss ungehindert durch das ostanatolische Hochland, auch die Armut ist geblieben, für die Menschen aber ist der Tigris Teil ihres Lebens.

Dîcle me ez – Der Tigris bin ich
Mehmet Uzun


Der Tigris bin ich,

des Tigris Stimme,

widerhallender Schrei,

drängender Hilferuf,

sprechendes Lied.



Auf meinem Gesicht die Wunden von Lanze und Schwert,

die Farben von Kummer und Leid,

das Heulen der Toten,

Krieg, Kampf, Trennung, Plünderung,

Inmitten wilder Felsen geboren,

In der Leere eines ruhigen und endlosen Ozeans sich verlierend.

Ich werde geboren, starker Wind, Weiden, weißer Schnee,

Wunsch, Begeisterung, Liebe.

Ich sterbe, heißer Wind, Wüste, weder Schutz noch Schatten.

Leere, Stille, Ruhe,

Auf meinem Gesicht Floße, Schiffe, wie fließende Tränen,

Schatten von Platanen, Weiden und Pappeln, wie davonziehende Spuren.


Der kurdische Schriftsteller Mehemd Uzun hat die Geschichte und die Literatur der Kurden zu neuem Leben erweckt. Kämpfe zwischen den PKK-Rebellen und der türkischen Armee haben ihre Spuren im Südosten Anatoliens hinterlassen. Und jahrzehntelang überließen die Regierungen in Ankara diese Region einfach sich selbst. Doch mit dem "Entwicklungsprojekt für Südostanatolien" - abgekürzt GAP – will die Regierung für einen wirtschaftlichen Aufschwung sorgen und zugleich den steigenden Energiebedarf in der Türkei decken. 22 Staudämme sollen einmal entlang von Euphrat und Tigris stehen, neun sind bereits in Betrieb, darunter auch der gewaltige Atatürk Staudamm am Euphrat. Mit den Menschen in den Flutungsgebieten, den Kulturschätzen und der Umwelt waren die türkischen Behörden oft nicht zimperlich.
Zuletzt ist in der Region der Batman-Staudamm fertig gestellt worden. Er staut einen Nebenfluss des Tigris auf, um damit ein 200-Megawatt-Kraftwerk anzutreiben. Er liegt etwa 100 Kilometer nordwestlich der Ilisu-Staudamm-Baustelle.



Reportage "Batman"

Durch den Batman-Staudamm rauschen die Wassermassen. Etwas verloren steht unter der gewaltigen Staumauer die Malabadi-Brücke, einer prächtigen artukidischen Steinbrücke aus dem 12. Jahrhundert, die jetzt vom Oberlauf des Flusses abgeschnitten ist und sich mit ihrem kühnen Bogen von Nirgendwo ins Nichts schwingt. Ein Warnschild am Flussbett mahnt zu äußerster Vorsicht, weil der Wasserpegel binnen Minuten drastisch steigen könne, wenn am Staudamm die Schleusen geöffnet werden.

Von Ferne dringen die Geräusche aus dem Dorf Catakköprü herüber, das auf einer Anhöhe über dem Fluss steht. Bäume, grüne Weiden und eine kleine Dorfmoschee zieren die Ortschaft, deren Bewohner sich glücklich schätzen können. Flussaufwärts gab es früher noch mehr solche Dörfer - bis der Damm gebaut wurde und sie im 50 Quadratkilometer großen Stausee versanken.

Ihre Bewohner leben nun hier.

"Nichts gibt es hier, keine Heizung, nichts. Nicht einmal Strom oder Wasser gab es, als wir kamen, nicht einmal Farbe an den Wänden."

"Staudamm-Siedlung" heißen diese tristen Wohnblocks im Volksmund, sie stehen 50 Kilometer vom Stausee entfernt alleine auf einem Hügel am Rande der Großstadt Batman. Einen offiziellen Namen oder eine Adresse hat die Siedlung nicht. Erst seit letztem Jahr gibt es überhaupt eine Zufahrtsstraße, obwohl die Menschen schon seit fünf Jahren hier leben – seit der Batman-Staudamm im Jahr 2004 feierlich eröffnet wurde.

Im dritten Stock eines Betonklotzes bittet die Hausfrau Sehnaz, eine junge Kurdin mit rundem Gesicht unter dem Kopftuch, herein in ihre Wohnung:

"Hier, das ist das größte Zimmer. Hier schlafen wir, aber tagsüber räume ich die Betten weg, weil kein Platz ist. Hier ist die Toilette... Im Dorf waren wir große Zimmer gewohnt, weil wir ja große Familien haben, aber hier können wir uns nicht umdrehen. Und alles ist vom schlechtesten und billigsten: Die Türen schließen nicht, die Fenster auch nicht – durch die Ritzen weht Sand und Staub herein, und das im dritten Stock!"

Mit drei Kindern lebt Sehnaz in der Wohnung, ihre Nachbarin Vesiye hat fünf Kinder. Beide Frauen sind Bäuerinnen aus dem Dorf Yenicaglar, das im Batman-Stausee versunken ist. Dass die Wohnungen zu klein, kalt und schlampig gebaut sind, sei längst nicht das Schlimmste an dem neuen Siedlungsort, sagt Vesiye:

"Sehen Sie mal aus dem Fenster, was ist da? Nichts. Keine Moschee, keine Klinik, kein Spielplatz, kein Baum oder Strauch. Wenn es regnet, versinkt hier alles im Schlamm."

Kein Weg, kein Gras oder auch nur Kies ist auf der nackten Erde zwischen den 20 Betonbauten ausgelegt, in denen mehrere Hundert Menschen leben. Keinen Laden gibt es in der tristen Siedlung oder in fußläufiger Umgebung, und auch sonst nichts, sagt Sehnaz:

"Wenn ein Kind zum Arzt muss, dann schaukele ich eine Stunde lang mit dem Bus in die Stadt und eine Stunde lang zurück, erst nach Dunkelheit bin ich zurück."

Sehnaz und Vesiye ziehen ihre Kinder alleine auf, so wie fast alle anderen Frauen in der Staudamm-Siedlung. Nicht einmal fünf Männer sind in den 132 Wohnungen der Siedlung aufzutreiben, wo hunderte Frauen und Kinder leben. Sehnaz erklärt, warum das so ist:

"Die Ehemänner von allen Frauen hier, die arbeiten in Istanbul oder sonst wo im Westen auf dem Bau. Die Frauen und Kinder bleiben hier alleine. Über Monate und Jahre müssen die Ehepaare getrennt leben. So sieht es bei uns aus."

So war das nicht geplant. Brot, Arbeit und ein neues Leben hatten die Behörden den Bewohnern im Flutungsgebiet versprochen, erinnert sich Vesiye:

"Als unsere Häuser und Felder vom Stausee geflutet wurden, haben sie uns versprochen, dass wir alles bekommen würden, was wir brauchen - vor allem Arbeitsplätze. Wohnungen in der Stadt sollten wir bekommen, nicht hier draußen. Und alles sollte fertig sein, bis wir kommen. Alles, alles haben sie uns versprochen: Gärten, Schulen, Moschee, Park, Spielplatz, Klinik – alles wollten sie uns schlüsselfertig übergeben. Gehalten haben sie nichts, bekommen haben wir das hier, so wie es ist."

Umgerechnet 8.000 Euro sollen die Bewohner der Staudamm-Siedlung nach Ablauf einer fünfjährigen Karenzfrist für die Wohnungen zuzahlen, die nach Berechnung der Behörden mehr wert sein sollen als ihre enteigneten Häuser und Felder im versunkenen Dorf. Doch die Männer aus der Siedlung verdienen als Hilfsarbeiter in der Westtürkei keine 500 Euro im Monat, davon müssen sie ihre fünf- oder siebenköpfigen Familien ernähren. Für Ratenzahlungen an den Staat, der sie in diese Lage gebracht hat, ist da nichts übrig. Sehnaz ist verbittert:

"Arbeitsplätze haben sie uns versprochen, Häuser und Gärten haben sie uns versprochen – so haben sie uns aus dem Dorf wegbekommen. Dörfler sind nun mal leichtgläubig, denen muss man nur was versprechen und sie machen mit. Wenn wir gewusst hätten, wo wir landen, hätte keiner mitgemacht. Die haben uns übertölpelt."

Ihre Nachbarin Vesiye stimmt nicht ein. Sie blickt aus dem Fenster auf die Hauswand gegenüber und sieht etwas anderes:

"Unser Dorf war so schön. Alles gab es dort, da ging es uns gut. Wir hatten ein Haus, wir hatten Vieh, wir hatten ein Auskommen. Wir haben Tomaten gezogen und Melonen angebaut im Garten, wir konnten uns selbst ernähren. Hier können wir das nicht. Aber in unser Dorf können wir nie mehr zurück."


Beim Ilisu-Staudamm sollte alles anders werden. So zumindest hatten es sich die europäischen Kreditgeber gedacht, die Regierungen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Immerhin wird die Türkei noch viele Staudämme bauen, daran kann sie niemand hindern. Warum also nicht dazu beitragen, dass sie dies möglichst menschenfreundlich und umweltschonend tut? Dass sie bei der Umsiedlung Standards der Weltbank einhält und archäologische Kulturgüter fachgerecht schützt? Das war einer der Grundgedanken der deutschen Kreditbürgschaft für den Staudamm und er führte zu den insgesamt rund 150 Auflagen. Mit diesen gelernten Standards soll die Türkei dann auch zukünftige Staudamm-Projekte umsetzen. Ein klassisches Entwicklungsprojekt also. Und teilweise ging die Rechnung bisher auch auf. Der Umsiedlungsplan für den Ilisu-Staudamm sieht weitaus bessere Konditionen für die Menschen im Flutungsgebiet vor, als es die türkischen Gesetze bisher einräumten. Fast 200 Ortschaften in fünf Provinzen wird der Stausee vollständig oder teilweise überfluten, mindestens 55 000 Menschen werden ihr Heim verlassen müssen. Wenn der Staudamm fertig ist, dann wird das Dorf Ilisu mit als erstes im Stausee versinken. Die Vorbereitungen für eine Umsiedlung laufen bereits und sind schon relativ weit fortgeschritten. Glücklich aber sind die Dorfbewohner trotzdem nicht.

Reportage "Dorf Ilisu"

Am Dorfbrunnen von Ilisu plätschert klares Gebirgswasser aus einem Rohr ins Becken. Die Dorfbewohner sind auf diesen Brunnen angewiesen, denn in ihren Häusern haben sie kein fließendes Wasser. Auch eine Kanalisation gibt es im Dorf nicht, oder gepflasterte Wege.

Dafür führen Treppen auf die flachen Dächer der kleinen Häuser, auf denen die Bewohner gerne sitzen. Weil die Häuschen so eng zusammengebaut sind, führt der nächste Weg zu einem Nachbarn oft nicht durch die steinigen Gassen, sondern über die Dächer des Dorfes – so auch zum Amtsraum des Ortsvorstehers.

Auf niedrigen Tischen sind in dem Raum mehrere puppenhausgroße Modelle von Villen ausgestellt - maßstabsgerechte Architektenmodelle der Häuser, die der Staat den Dorfbewohnern als Entschädigung für ihren verstaatlichten Besitz anbietet. Aus den Modellen dürfen sich die Bewohner Ilisus ihr Traumhaus aussuchen, sagt der Ortsvorsteher Mehmet Celik, ein drahtiger Mann mit weißen Haaren:

"Drei Häusertypen gibt es hier, A, B und C. Uns gefällt das Haus C am besten, weil es am größten ist und weil die Zimmer unterschiedlich sind, nicht alle gleich. Alle im Dorf wollen dieses Haus. Allerdings wollen wir die Häuser umsonst haben, das steht für uns fest. Wenn wir für diese neuen Häuser bezahlen sollen, dann lehnen wir ab und wandern aus. Dann bleibt keiner hier."

Draußen im Dorf sind die Vorbereitungen für die Umsiedlung schon im Gang. Angestellte der vom Baukonsortium beauftragten Umweltfirma gehen mit Fragebögen von Haus zu Haus. Sie wollen so viel wie möglich von den Bewohnern wissen: wie viel Kinder sie haben, wie hoch ihr Einkommen ist, bis hin zu ihren monatlichen Ausgaben für Tabak oder Zahnpasta. Auf Grundlage dieser Daten soll ein Entwicklungsplan für das neue Dorf erarbeitet werden, in das die Bewohner umgesiedelt werden sollen. Von einem Dach aus verfolgen einige Bauern das ungewohnte Treiben im Dorf:

"Sehr scharf sind wir nicht darauf. Sie sagen, wir bekommen für unser Dorf da drüben ein neues Dorf, aber wie soll das gehen? Wenn ich hier bleibe in unserem Dorf, da habe ich Felder, da habe ich Obstbäume, da habe ich mein Auskommen. Aber da drüben ist doch nichts."

Ob sie bei der Umsiedlung denn auch Land für ihre Obstbäume und ihr Vieh bekommen würden, wollen die Bauern auf dem Dach von dem Projektleiter der Befragung wissen, der zu ihnen hochgestiegen kommt. Garantieren kann der Mann aus Ankara das nicht:

"Grundsatz ist es, dass ein Haus für ein Haus und Boden für Boden gegeben wird. Aber wenn es am neuen Siedlungsort nicht ausreichend Boden geben sollte, dann werden Ihnen andere Einkommensquellen angeboten, etwa in einer Kooperative, mit Fischerei oder mit Treibhäusern. Es geht bei unserer ganzen Planung darum, dass das Dorf an seinem neuen Ort sein Auskommen haben wird."

Was genau für Ilisu und seine Bewohner geplant ist, wollen die Bauern nun natürlich wissen: Sollen sie fischen, Tomaten anbauen oder Schafe scheren? Das ist noch offen, räumt der Umweltingenieur ein:

"Nein, Genaues kann ich Euch noch nicht sagen, weil wir an den Plänen noch arbeiten. Wenn die fertig sind, sagen wir Euch alles. Dann sagen wir zum Beispiel, Ihr könnt hier Treibhäuser hinstellen, und wir bringen Euch bei, wie man die bewirtschaftet. Das läuft parallel zu den Arbeiten am Staudamm, damit Ihr nicht vor dem Nichts steht, wenn der Damm fertig ist. Aber derzeit untersuchen wir die Örtlichkeiten noch, um zu sehen, was geht; da sind wir noch nicht fertig."

Die Männer auf dem Dach sind mit diesen Antworten nicht zufrieden, ihnen sind diese Versprechen zu vage. Vor allem fordern sie ein klares Wort über die Kosten für die neuen Häuser, über die sie Beunruhigendes gehört haben, wie der junge Bauer Mehmet Emin Celik sagt:

"Mit dem neuen Siedlungsort sehen wir das so: Wenn sie uns die Häuser umsonst geben, dann wollen wir sie schon haben. Aber sehen Sie mal, für unsere Häuser hier haben die Behörden uns
30 000 Lira gezahlt als Entschädigung, und für die neuen Häuser da oben wollen sie 70 000 Lira haben, die wir in zehn Jahren abbezahlen sollen. Also, wenn das so läuft, dann machen wir da nicht mit. Wir wollen die Häuser gratis haben."

Der Mann aus Ankara versucht zu beschwichtigen:

"Gut, wenn sie dir keine 30.000 Lira für dein Haus geben, sondern das neue Haus im Austausch für das alte, ohne Zuzahlung, wie sieht es dann aus?

Nein, das will ich auch nicht.

Warum?

Nun, weil ich hier glücklich und zufrieden bin. Mir geht es hier gut, Gott sei es gedankt.

Aber dort wird es schöner sein als hier.

Schön und gut, aber wenn der Damm mal fertig ist – wovon soll ich dann leben, was soll ich dann machen?

Dafür werden Dir ja Ausbildungen und Arbeitsplätze angeboten. Deshalb machen wir hier im Dorf ja gerade die Befragung, um festzustellen, wie wir Euch hier neue Existenzen und Einkommensquellen erschließen können, wenn der Damm mal fertig ist. Deshalb machen wir das ja. Dafür macht das der Staat.

Das ist ja nett vom Staat, aber ich ernähre mich bisher von meinem Land. Und ich sehe hier nur, dass der Staat mir mein Land wegnimmt."

Was der Mann aus Ankara noch zu sagen hätte, geht im erregten Geschrei unter. Hilfesuchend blickt er sich zum Ortsvorsteher um, doch der ergreift Partei für die Bauern auf dem Dach.

"Das ist doch alles Traumgerede, die Behörden erfüllen doch keine dieser Auflagen, keine. Bis heute haben sie nichts davon getan, was sie versprochen haben. Klar, sie sagen dies und sie sagen das, aber wenn es ans Eingemachte geht, dann heißt es immer: leider doch nicht."

Vergeblich zählt der Mann aus Ankara die Maßnahmen auf, die in den letzten Monaten ergriffen worden sind, um die Umsiedlung auf solide Beine zu stellen: die Befragungen, die Informationsveranstaltungen, die Modellhäuser und der neue Siedlungsort. Der Ortsvorsteher ist ungerührt:

"Wenn einer einmal sein Versprechen nicht gehalten hat, selbst wenn er das später korrigiert, dann glauben ihm die Menschen eben nicht mehr so leicht."


He du, Schrei der Menschheit,

hilferufende Stimme der Menschheit.

Leih dein Ohr meiner Stimme, der Stimme von Cizira Botan.

Cizira Botan, Sohn von Cudi, Enkel Noahs,

meine eine Seite den Bergen und Weiden,

meine andere Seite dem Meer und Wüste zugewandt.



Himmel, Sonne, Sterne, Mond, Mondlicht urewige, standhafte

Zeugen meines Gesichtes, Spuren auf meinem Gesicht.

Sie summen das Wiegenlied der Traurigkeit,

streicheln mein verwundetes Gesicht.

Um mich herum Adler, Vögel,

Bussard, Falke, Habicht,

Storch, Kranich, Pfau, regenbogenfarbig.

Ewiger Regenbogen, bald im unendlichen Himmel, bald auf meinem Gesicht.

Ich fließe von gestern nach heute.

Von der starken Stimme der Begeisterung der Stimme der Stille zu.


Die türkischen Behörden sind in Verzug. Weder die Umsiedlung der Menschen im Flutungsgebiet läuft nach Plan, noch die Vorbereitungen zur Rettung der zahllosen Kulturschätze. Viele der archäologisch vielversprechenden Ausgrabungsstätten am Tigris und an seinen Zuflüssen sind noch nicht einmal vernünftig gesichtet worden. Schon allein deswegen, weil manche von ihnen in gefährlichen Gegenden liegen, wo die kurdischen PKK-Rebellen das Sagen haben und deswegen nicht gegraben werden kann. Doch selbst an der prominentesten Kulturstätte, in der antiken mesopotamischen Stadt Hasankeyf, ist noch so gut wie nichts passiert, um zumindest die wichtigsten Baudenkmäler zu retten. So die Einsätzung unabhängiger Experten. Geht es nach dem türkischen Baukonsortium, dann werden einmal die Grabmäler und Moscheen von Hasankeyf abgetragen und in einem Museumspark wieder aufgestellt. Noch allerdings lässt sich das historische Erbe der Region am Originalschauplatz bewundern.

Reportage "Hasankeyf"

Ein dünner Wasserstrahl rieselt in ein Steinbecken am Fuße der Kalksteinklippen, die in Hasankeyf über dem Tigris aufragen. Aus einer der geheimen Leitungen fließt es, mit denen die Festung auf den Klippen und die Bevölkerung von Hasankeyf einst zu Belagerungszeiten versorgt wurden. Heute bietet der Brunnen eine letzte Gelegenheit zur Erfrischung vor dem Aufstieg auf den Burgberg. Etwa eine Stunde dauert die Klettertour, sagt der Führer, ein 19-jähriger Junge aus Hasankeyf:

"Willkommen, ich heiße Bekir Ayhan, und ich zeige Besuchern hier die Sehenswürdigkeiten. Wir steigen jetzt auf den Burgberg, von dort kann man die Kulturschätze aus der mehr als 10 000-jährigen Geschichte von Hasankeyf sehen."

Ein paar Eckdaten aus dieser Geschichte zählt Bekir noch auf, bevor es los geht:

"Die Assyrer, die Meder und die Perser siedelten hier schon vor Beginn unserer Zeitrechnung, in den Jahrhunderten nach Christus wurde die Stadt von den Byzantinern beherrscht, dann von den Artukiden, den Akkoyunlu, den Seldschuken und den Osmanen. Am stärksten geprägt worden ist das heutige Stadtbild von den Artukiden, die Hasankeyf im 11. und 12. Jahrhundert zu ihrer Hauptstadt ausbauten."

Auf einem steilen Pfad geht es nun bergan, eine Holztreppe überbrückt einen Abgrund vor dem Tor zur Festungsanlage.

Durch das zweite Tor der ayyubidischen Festungsanlage aus dem 14. Jahrhundert geht es hinauf auf die Klippen; das erste Tor ist schon lange zerstört, erzählt Bekir.

Höhlen säumen den mit Steinen gepflasterten Weg, der in der Anlage bergan führt – tief in den weichen Kalkstein gehauene Räume mit gerundeten Eingängen.

"Die Höhlen hier an diesem Weg waren noch bis vor kurzem Geschäfte, denn dies war bis in die 1970er-Jahre hinein noch die Marktstraße von Hasankeyf. In den anderen Höhlen, die wir weiter oben noch sehen werden, wohnten die Menschen damals – mehr als 5.000 Höhlen gibt es in Hasankeyf. Heute wohnen aber nur noch ein oder zwei Familien darin."

Die meisten Einwohner sind in den 70er-Jahren aus den Höhlen in die Neustadt hinunter gezogen, als der Staat ihnen dort Häuser und Straßen baute. Während des Krieges gegen die PKK wurden die Höhlen später ganz geräumt – die Sicherheitskräfte befürchteten, Rebellen könnten sich dort einnisten.

Heute treiben sich vor allem Hühner, Schafe und Ziegen in den Höhlen herum, hier und da auch ein Esel; in manchen Höhlen liegen Säcke gestapelt oder Feuerholz.

"Weil die Hasankeyfer ja bis vor 30 Jahren noch in diesen Höhlen wohnten, hat jede Höhle hier noch immer ihren Besitzer. Viele Leute nutzen ihre Höhlen, um Futter oder Lebensmittel zu lagern, weil sie im Sommer kühl sind und im Winter warm; andere halten ihre Hühner hier oder ihr Vieh."

Lange wird das nicht mehr gehen. Wenn der Ilisu-Staudamm fertig ist, werden weite Teile von Hasankeyf im Stausee versinken - einschließlich dieser Höhlen, die seit Menschengedenken bewohnt waren. Auch die Besitzer der Höhlen werden ihre Häuser in der Neustadt wieder verlassen müssen, sagt Bekir:

"Weil jetzt der Damm gebaut wird, sollen die Bewohner in eine neue Siedlung umgesiedelt werden, am Raman-Berg dort am anderen Tigris-Ufer."

60 Meter über dem Tigris, etwa die Hälfte des Ausstiegs ist geschafft.

"Gegenüber sehen wir eine artukidische Münzerei aus dem 11. Jahrhundert. Und wenn wir steil runterblicken, sehen wir da unten auf die alte Seidenstraße, auf der die Karawanen ins heutige Syrien, Irak und Iran zogen."

Und weiter geht es, immer bergauf.

80 Meter über dem Tigris, und eine ganz andere Architektur: Unverkennbar eine kleine Basilika ist es, in die Bekir hineinschlüpft:

"Wir befinden uns jetzt in einer Moschee. Sie ist als Kirche errichtet worden, um das Jahr 363, später ist sie von moslemischen Eroberern zur Moschee umgewandelt worden. Es gibt in Hasankeyf heute noch drei oder vier weitere Moscheen, die als Kirchen errichtet wurden, die anderen sind leider eingestürzt, bei Naturkatastrophen, aber auch aus Vernachlässigung."

Bischofssitz war Hasankeyf im byzantinischen Reich. Die Stadt dürfte sogar schon christlich gewesen sein, als in Konstantinopel noch Christen verfolgt wurden.
Und noch immer geht es weiter bergauf. Bei 100 Metern über dem Tigris ist der Große Palast erreicht, mit seinen einst 400 Räumen und dem hohen Wachturm, dessen Überreste wie ein mahnender Finger auf den Klippen über dem Tigris aufragen.

Zehn Höhenmeter und zehn Minuten Fußmarsch weiter ist der Gipfel endlich erreicht; ein weiterer Kirchenbau krönt den Festungshügel. Von der Anhöhe sind auch die Bauten in der Unterstadt von Hasankeyf gut zu sehen: die El-Rizk-Moschee aus dem Jahr 1409, die ebenfalls ayyubidische Koc-Moschee, die Grabmäler.... Von hier aus ist auch zu sehen, was alles im Stausee versinken wird. Bekir weist auf das Minarett der sechshundert Jahre alten El-Rizk-Moschee - ein fast unversehrtes Wunder aus kunstvollem Ziermauerwerk, auf dessen gerundeter Spitze gut 50 Meter über dem Fluss ein Storchennest balanciert:

"Wenn der Damm gebaut wird, dann wird das Wasser bis zu den Lautsprechern am Minarett steigen, also bis knapp unter die Spitze. Die Unterstadt von Hasankeyf wird komplett im Stausee verschwinden, die Brücke, die Grabmäler und Moscheen, alles. Nur der Gipfel des Palasthügels, wo wir jetzt stehen, das wird zunächst noch aus dem Wasser aufragen, aber auch nicht mehr lange. Denn der weiche Kalkstein wird vom Wasser unterspült werden und einstürzen. Nichts von all dem hier wird bleiben."



Cizira Botan, Perle von Obermesopotamien.

In dir sind starke Gefühle und tiefe Träume verborgen,

schöne Worte, glasklare Reden von gestern nach morgen,

sich verändernd, einem reißenden Strom gleich.

Reiter auf edlen Rössern, einem reißenden Strom gleich,

Wolken von Regen schwanger, einem reißenden Strom gleich,

Schwärme von Kranichen, einem reißenden Strom gleich,

schwarze Steine und Felsen von Cudi, einem reißenden Strom gleich,

Saat, die aufgeht, einem reißenden Strom gleich,

Hyazinthen ihr Haupt erhebend, einem reißenden Strom gleich,

Wort, das mit mir fließt, einem reißenden Strom gleich,

Und ich, Spuren der Menschheit, einem reißenden Strom gleich,



He du, Schrei der Menschheit,

hilferufende Stimme der Menschheit.

Leih dein Ohr meiner Stimme, der Tigris bin ich,

Stimme des Liedes vom Tigris,

Sprache derer ohne Sprache, Stimme derer ohne Stimme ...


Von dem Dorf Ilisu windet sich eine Straße in engen Kurven durch die Berge hoch in die Kreisstadt Dargetschit. Knapp 15 000 Menschen leben hier, überwiegend Kurden, aber auch ein paar Aramäer. Nur über eine schmale Landstraße ist das entlegene Städtchen zu erreichen. Wer hinein will, der muss erst einmal einem Wachtposten Rechenschaft ablegen. Dargecit liegt ebenso wie die Staudamm-Baustelle im Kampfgebiet zwischen der türkischen Armee und den kurdischen PKK-Rebellen. Diesem Konflikt sind die Stadt und die umliegenden Dörfer seit Jahrzehnten ausgeliefert. Viele Familien haben Angehörige verloren, der Krieg hat eine ganze Region verarmen und ausbluten lassen. Auf der Hauptstraße von Dargecit spielen die Kleinkinder in tiefen Pfützen, Eselskarren sind das vorwiegende Transportmittel. Von Investitionen und Arbeitsplätzen hat hier schon lange niemand mehr zu träumen gewagt – bis die Bauarbeiten am Ilisu-Staudamm begannen.

Reportage "Dargecit"

Für ihre Freundinnen und Arbeitskolleginnen von der Ilisu-Dammbaustelle kocht Ruki den Tee. Die sind zu Besuch bei ihr zuhause, in dem kleinen Häuschen in Dargecit, wo die 18-Jährige mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihrer Schwester und ihrer Schwägerin lebt – einer von vielen Frauenhaushalten in der abgelegenen kurdischen Kleinstadt im Südosten der Türkei.

In der kleinen Stube von Rukis Elternhaus sitzen die Freundinnen zusammen: junge Mädchen in Jeans und bunten, glänzenden Kopftüchern – das ist gewagte Kleidung für eine kurdische Provinzstadt wie Dargecit. Der Fernseher läuft leise im Hintergrund. Abwarten und Tee trinken – dieses Sprichwort gibt es zwar nicht auf Türkisch, aber das ist es im Wesentlichen, was Ruki und ihre Freundinnen tun, seit die Kreditverträge für den Staudamm ausgesetzt und damit auch die Arbeiten auf der Baustelle eingestellt wurden. Jetzt warten sie auf die Entscheidung der europäischen Kreditgeber über die Zukunft des Staudamms, sagt Ruki:

"Wir haben am Staudamm gearbeitet und unser Brot verdient, aber jetzt sitzen wir alle zuhause rum und warten. Wenn es nicht weitergeht am Staudamm, dann werden wir alle wieder fortgehen müssen von zuhause, dann wird alles wieder sein wie zuvor. Dann wird sich hier nie etwas ändern. Ohne Arbeit gehen wir hier zugrunde."

Bevor der Bau gestoppt wurde, haben die Mädchen in der Großküche und in der Reinigung gearbeitet. Ein Leuchtfeuer der Hoffnung war der Staudamm für sie, sagt die ebenfalls 18-jährige Asya:

"Das war so toll, dass hier der Bau begann. Ich würde so gerne studieren, aber ich habe nur die Mittelschule abschließen können, denn für das Gymnasium fehlte uns das Geld, und ich habe schon immer für die Familie arbeiten müssen. Dann hat der Bau am Staudamm begonnen. Dort habe ich das Geld verdient für meine Schulgebühren, ich mache jetzt nämlich meinen Schulabschluss im Fernstudium. Nach der Arbeit habe ich immer gelernt. Aber jetzt mache ich mir große Sorgen. Ohne die Arbeit am Damm kann ich mir die Schule nicht leisten, und dann werden wir auch wieder unter die Wanderarbeiter gehen müssen. Mein Traum vom Studium wird dann wohl platzen."

Bis der Staudamm kam, haben Asya, Ruki und ihre Freundinnen ihren Unterhalt und den ihrer Familien als Wanderarbeiterinnen im Westen der Türkei verdient, so wie die meisten arbeitsfähigen Menschen in Dargecit das bisher taten: als Saisonkräfte auf den Baumwollfeldern bei Adana, in den Haselnussplantagen an der Schwarzmeerküste, auf den Feldern um Düzce in der Nordwesttürkei und bei der Kartoffelernte in Antalya. Ein hartes Leben ist das, erzählen die Mädchen:

"Da werden wir in Plastikzelten untergebracht. Morgens ganz früh wecken sie uns wie die Soldaten zur Arbeit, Abends kommen wir zurück ins Zelt, und das Essen ist furchtbar.

8 Monate, 9 Monate, ein Jahr lang siehst du deine Mutter nicht. Die Geschwister wachsen auf und man kennt sie kaum. Und das Geld, das wir auf den Feldern verdienen, können wir gleich zum Arzt tragen. So kalt wie das ist Nachts im Zelt, und auf den Feldern tagsüber unglaublich heiß, stundenlang unter der Sonne - das hältst du nicht aus."

Für sie hat der Staudamm neue Horizonte eröffnet:

"Hier hat uns morgens der Personalbus abgeholt und abends heim in unser eigenes Zuhause gebracht. So glücklich waren wir! Wir sind morgens froh aus dem eigenen Bett gesprungen, sind zur Arbeit gegangen, Abends ein warmes Essen daheim bei der Mutter. So schön! "

Besser verdient haben sie am Staudamm ohnehin:

"Und Versicherungen haben wir jetzt auch, zum ersten Mal in unserem Leben. Auf den Feldern im Westen gibt es keine Krankenversicherung und keine Sozialversicherung, aber auf dem Damm bekommen wir das alles, und das Gehalt auch. Wir Mädels hier haben alle zum ersten Mal Geld von der Bank abheben können, wir haben erstmals ein Bankkonto – das ist ein tolles Gefühl!"

Und ein anderer Ton herrscht auf dem Damm auch:

"Auf den Baumwollfeldern gab es immer einen Vorarbeiter, der orderte uns in so einem Tonfall herum: Hol dies, tu das! Richtig übel. Aber wenn am Damm jemand etwas von uns wollte, dann hat er uns höflich darum gebeten. Das ist so angenehm, wenn man freundlich gefragt wird, dass man seine Arbeit von Herzen gerne macht."

Deshalb war es für die Mädchen ein Schicksalsschlag, als die Kredite gestoppt wurden.

"Wir hatten eine Neujahrsfeier auf der Baustelle, das war ganz toll – ich habe zum ersten Mal in meinem Leben so ein Fest erlebt. Aber am nächsten Tag, als wir zur Arbeit kamen, da hieß es, die Kredite sind gestoppt, der Bau wird gestoppt. An dem Tag haben wir alle geweint, das können Sie glauben. Die Mädchen haben alle gesagt, jetzt müssen wir wieder als Wanderarbeiter in den Westen auf die Baumwollfelder."

Eine junge Frau mit langem Rock, Pullover und einem Kopftuch in gedeckten Farben sitzt in einer Ecke der Stube; sie hat bisher still zugehört. Sükran heißt sie; sie ist seit zwei Jahren mit Rukis Bruder verheiratet, der auf einer Baustelle im nordirakischen Erbil arbeitet und nur alle vier oder fünf Monate kurz auf Besuch kommen kann. Kinder hat sie deshalb noch keine, auch keinen Haushalt – schicklichkeitshalber muss sie bei der Schwiegermutter leben, solange ihr Mann fort ist. Auch ihre Hoffnungen hängen am Staudamm, sagt Sükran:

"Wenn der Staudamm gebaut würde, dann könnte mein Mann vielleicht dort Arbeit bekommen und müsste nicht mehr ins Ausland, um uns zu ernähren. Diese Hoffnung habe nicht nur ich, das hoffen 90 Prozent aller Frauen hier in Dargecit, denn denen geht es ganz genauso wie mir. Wenn unsere Männer hier arbeiten könnten, wenn sie abends heimkommen könnten zu uns, dann wäre alles viel besser."


Der Tee ist getrunken, es ist Zeit zum Aufbruch. Eine Bitte haben die Mädchen zum Abschied:

"Bitte richten Sie denen dort in Europa einen schönen Gruß von uns aus, dass sie bitte den Damm freigeben sollen.

Inshallah."


Geldgeber auf der Bremse – das waren die Gesichter Europas über das Projekt Ilisu-Staudamm in der Türkei. Mit Reportagen von Susanne Güsten. Die Musik hat Babette Michel ausgewählt, die Literatur entnahmen wir dem Buch "Hawara Dicleye" von Mehmed Uzunm gelesen hat sie Volker Risch. Am Mikrofon war Katrin Michaelsen.

Literatur:
Mehmet Uzun, "Der Tigris bin ich" aus "Hawara Dicleye ye I", Avesta-Verlag, 2002. aus Internet-Seite 'Kurdmania.com'

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