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Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktGelebte Ambivalenz als Credo des SIC-Literaturverlages06.09.2011

Gelebte Ambivalenz als Credo des SIC-Literaturverlages

Jürgen Ploog: "Unterwegs sei ist alles / Tagebuch Berlin – New York" und Achim Wagner: "Flugschau. Gedichte"

Die Initiatoren der Literaturzeitschrift SIC, Christoph Wenzel und Daniel Ketteler, haben sich auf ein Wagnis eingelassen und einen Independent-Verlag gegründet. Gestartet haben sie den SIC-Literaturverlag mit Werken des Lyrikers Achim Wagner und von Jürgen Ploog, Urgestein der unabhängigen deutschen Literaturszene.

Von Enno Stahl

Ein Schwerpunkt des neuen SIC-Literaturverlages liegt auf der Lyrik (Deutschlandradio / Bettina Straub)
Ein Schwerpunkt des neuen SIC-Literaturverlages liegt auf der Lyrik (Deutschlandradio / Bettina Straub)

Immer schwerer wird es auf dem Buchmarkt für die Verlage. In Zeiten, in denen sie dafür bezahlen müssen, um im Buchhandel gut oder überhaupt noch positioniert zu werden, ist es um so erstaunlicher, dass immer wieder neue, unabhängige Kleinverlage in Deutschland entstehen. Sie können bei diesem Run auf die besten Verkaufsflächen ohnehin nicht mithalten, sind oft genug nicht einmal bei den Sortimentern vertreten, sondern angewiesen auf Direktvertrieb. Ein aktuelles Beispiel für einen solchen Versuch ist der SIC-Literaturverlag aus Aachen, hervorgegangen aus der gleichnamigen Literaturzeitschrift. Was gab den Ausschlag für die Verlagsgründung, was ist das Ziel des neuen Verlags, der Autor und Verleger Christoph Wenzel:

"Na gut, das Ziel ist zunächst mal, den Autoren ein Forum zu bieten, auch im Rahmen einer Einzelpublikation, im Rahmen einer Zeitschrift kann man ja nur den begrenzten Platz zur Verfügung stellen, den Autoren ein größeres Forum zu bieten, im Rahmen eines ganzen Buches, die wir gedruckt sehen wollen bzw. die wir unterrepräsentiert sehen im Literaturbetrieb."

"Autoren, die die Verleger gerne gedruckt sehen wollen", aber was sind das für Autoren, welches ist die Programmatik, die der SIC-Literaturverlag verfolgt:

"Ein Schwerpunkt liegt natürlich auf der Lyrik, die es ohnehin natürlich schwer hat auf dem Buchmarkt, die großen Absatzzahlen sind da natürlich nicht zu erwarten. Nichtsdestotrotz kann es nie genug Lyrikverlage geben. Wir sind aber auch kein reiner Lyrikverlag, das zeigt ja schon die Publikation des Ploog-Buches. Was ist die Programmatik? Gelebte Ambivalenz würde ich sagen. Qualitative Vielfalt, gelebte Ambivalenz, das machen schon die beiden Pole deutlich der ersten beiden Bücher. Wir haben das auch immer versucht, in der Zeitschrift umzusetzen."

Die ersten beiden Bücher könnten tatsächlich nicht unterschiedlicher sein: einmal der Lyrikband "Flugschau" des Autors Achim Wagner, Jahrgang 1967, wohnhaft in Köln und Istanbul. Zum anderen der Band "Unterwegs sein ist alles / Tagebuch Berlin – New York" von Jürgen Ploog. Letzterer, Jahrgang 1935, ist wahrlich kein Unbekannter. Ploog ist eine Legende der unabhängigen deutschen Literaturszene. Der Klappentext nennt ihn gar die "Vaterfigur des deutschen Untergrunds", eine Bezeichnung, die dieser selbst sehr ungern hört und sogar explizit ablehnt. Es gebe keinen Vater und auch keine Kinder, es gebe nicht einmal einen Untergrund, sondern nur eine Szene, die nicht zum Mainstream gehört. Diese Szene komme weniger in den großen Feuilletons vor, ohne daher ganz unsichtbar zu sein. Es sei nicht zu bestreiten, dass er, Ploog, eben eher dazugehöre.
Sein aktuelles Buch im SIC-Literaturverlag besteht aus zwei Teilen, der erste "Unterwegs sein ist alles" mit dem programmatischen Untertitel "Nomadische Statements" ist eine Mischung aus Geschichten und Essays über das Reisen, über den Zustand des Reisens. Geschrieben ist er als normaler Fließtext, doch fallen die schnellen Orts- und Szenenwechsel auf, von Hongkong nach New York sind es zumeist nur zwei Sätze. Nun weiß man, dass Jürgen Ploog in den Sechziger und Siebziger Jahren unter dem Einfluss von William S. Burroughs, mit dem er befreundet war, zentrale Beiträge zu einer deutschen Cut-Up-Prosa geliefert hat. Basiert auch dieser Text, der sich eigentlich recht flüssig liest, auf der Cut-Up-Technik?

"Ich schneide immer. Das ist die Grundlage meiner Arbeitsweise. Ich schneide immer. Das Schneiden ist jetzt in den letzten Jahren wohl nicht mehr so sichtbar als Technik, daran liegt mir auch gar nicht, ich kümmere mich um die Ergebnisse, die kommen aus dem Schneidevorgang nach wie vor heraus, natürlich mischt sich das mit Erinnerungen, mit Szenen, die bei mir beim Schreiben im Kopf auftauchen, wenn ich die verfolge. Es ist eine Mischung aus Dingen, die im Prozess des Schreibens auf mich einströmen und dieser Prozess löst oder öffnet mein Bewusstsein für alle möglichen Dinge, die ich mitverarbeiten will."

Das Textresultat ist von einer beeindruckenden Bildfülle geprägt, ständig wähnt man sich in einem Film, Bilder, die man irgendwoher kennen mag, eine Flickermaschine, ein "Film in Worten". Woran liegt das, denkt Ploog in Bildern, die dann so etwas wie einen Sprachfilm ergeben, oder ist das, was er denkt, ein Film?

"Ja, sicher. Die sogenannte Realität, das ist n Film. Aber ich würde nicht behaupten, dass ich im Film denke, sondern vermutlich – aber das sind eben sehr diffizile Vorgänge, führt das Schneiden eben zu bildhaften Szenen und Elementen. Weil: Wenn ich nicht erzähle und die Sprache nur benütze, um einen Vorgang, den ich erlebt habe, der mir vorschwebt, den ich präsentieren will, wenn ich die Sprache nicht einfach so als Instrument einbringe, sondern in die Sprache selbst eingreife und sie wörtlich nehme, entstehen Bilder und aus den Bildern entstehen dann vielleicht Szenen oder Episoden und das ist meine Methode. Weil ich komme aus der ganz rudimentären Situation des Wortes und im Endeffekt das alphabetische Wort ist zwar kein Bild, aber es kann zum Bild werden, wenn man es aus dem assoziativen Fluss löst, dann evoziert es Bilder, ruft es Bilder hervor, und ich glaub, das ist der Grund, wieso bei mir viele Bilder entstehen beim Schreiben."

Der zweite Teil des Bandes, das "Tagebuch Berlin - New York ", ist von ganz anderem Charakter, und das liegt wohl in seiner Natur – handelt es sich hier um ein echtes "Tagebuch" oder wurde auch hier überarbeitet, geschnitten, ist es vielleicht gar fiktional?

"Nein, das ist gänzlich faktisch. Immer vor Ort geschrieben, aber natürlich so, wie ich schreibe. Ich sitze am Kennedy Airport und habe noch eine Stunde, bis der Abflug ist. Da sitze ich da, geht mir irgendwas durch den Kopf. Oder ich sitz in Berlin ... diese Flughäfen sind ja so Durchgangswartestationen, also einerseits ist man gar nicht da und will auch gar nicht da sein, ist man zeitlich erst mal festgenagelt und ein ständiger Fluss von Menschen, mit den entsprechenden Reizen, die davon ausgehen.

Alles vor Ort faktisch niedergeschrieben. Nichts erfunden. Die Idee bei dem Tagebuch war, dass ich tatsächlich immer zwischen New York und Berlin gependelt bin, über Frankfurt zwar, und immer wenn ich in New York war, hab ich dort geschrieben, immer wenn ich Berlin war, hab ich dort geschrieben. Irgendwann wuchsen diese beiden Städte zusammen und ich hab dann gesagt, jetzt entsteht sozusagen eine virtuelle dritte Stadt, die quasi mitten im Atlantik positioniert ist, also für mich im Fluge wachsen diese beiden Städte in sich zusammen und dazu verhilft mir dann der Schneideprozess, auf diese Weise komme ich dann viel schneller dazu, sie zusammen zu bringen."

Das Berlin-New-York-Tagebuch ist über einen Zeitraum von zehn Jahren entstanden. Man muss dazu wissen, dass Jürgen Ploog 30 Jahre lang Linienpilot bei der Lufthansa gewesen ist, der sich nicht nur zwischen diesen beiden Weltstädten hin und herbewegte. Wenn man die Darstellung dieser "virtuellen Stadt" im Buch betrachtet, auch verschiedene Skizzen, die in den Text eingefügt sind, erscheinen urbane Topografien von einiger Bedeutung, spielte diese Thematik für Ploog bei der Abfassung des Buches eine Rolle?

"Diese Dinge interessieren mich sehr. Mein Blick als ehemaliger Pilot ist auch immer irgendwie von oben und auch einige dieser Skizzen belegen ja, dass ich immer diese Draufsicht habe, anhand derer ich immer orientiere. Aber es ist natürlich auch so, wenn ich mich draußen bewege, muss natürlich nach wie vor den Fußgängerblick haben, wenn ich mich durch die Gassen bewege oder schlängele. Diese Mischung, die Dinge von allen Seiten sehen, gewissermaßen auch mehrdimensional und nicht flächig. Der Mensch, der sich nie in die Lüfte bewegt, also auch geistig, das nenne ich ja: den Raum, ist ja immer in der Fläche unterwegs. Ich lege sehr viel Wert auf die dritte Dimension, von oben, und da wird's ja schnell kontinental oder global, und diese Dinge spielen immer mit hinein, aufgrund meiner Erfahrung, also meiner Lebensweise als Pilot."

Ploogs Buch reiht sich ein in eine ganze Reihe von Publikationen dieses Autors, die zumeist in kleinen, teilweise kurzlebigen Verlagen erschienen. Immer geht ein ganz besonderer Reiz von ihnen aus, so auch von diesem aktuellen Titel. Das liegt neben der Bildhaftigkeit der Sprache auch und gerade daran, dass Ploogs Prosa sich stets an zeitgenössische Theoriediskurse anschließen lässt, seien es jene über das Nomadentum des heutigen Menschen oder sei es der spatial turn, die Hinwendung zur Frage des städtischen Raumes, zur Topografie. Dem Autor wie seinem Verlag ist zu wünschen, dass dem Unternehmen Nachhaltigkeit beschieden sei.

Der Knackpunkt bei solchen ebenso ambitionierten wie idealistischen Projekten ist immer der Vertrieb, der Buchmarkt ist in den letzten zwei Jahrzehnten enorm professionalisiert worden, in dieser Systematik mitzuspielen, aber kostet viel Geld. Welchen Weg sieht Verleger Christoph Wenzel für seinen Verlag, einen effektiven Vertrieb zu einzurichten?

"Wir setzen zum einen auf ein gewachsenes Netzwerk, das sich durch die Zeitschrift ergeben hat, aber auch durch unsere eigene Arbeit als Autoren. Wir sind natürlich selbst stark gefordert, was den Vertrieb angeht. Ein professioneller Vertrieb kostet Geld, das ist ein Unternehmen, das uns natürlich nicht ernährt, das wir nebenher betreiben, nichtsdestoweniger versuchen wir natürlich so professionell wie möglich zu sein dabei."

Jürgen Ploog: "Unterwegs sei ist alles / Tagebuch Berlin – New York"
160 Seiten mit zahlreichen Illustrationen, 19 Euro

Achim Wagner: "Flugschau. Gedichte"
72 Seiten, 16 EUR

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