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StartseiteBüchermarktGelebte Brüderlichkeit07.06.2010

Gelebte Brüderlichkeit

Tomi Ungerer: "Zloty", Diogenes Verlag

Bekannt ist er ja vor allem für seine Zeichnungen und bissige Karikaturen: Der Elsässer Tomi Ungerer, der 1931 in Straßburg zur Welt kam. Immer wieder hat Ungerer aber auch eigene Bücher veröffentlicht. In "Zloty" greift er das alte Märchenmotiv von Rotkäppchen und dem bösen Wolf auf, um es mit Witz und einer Prise Ironie umzuschreiben.

Von Claus Lüpkes

Tomi Ungerer, Grafiker und Schriftsteller (Jürg-Peter Lienhard)
Tomi Ungerer, Grafiker und Schriftsteller (Jürg-Peter Lienhard)

Zwei dicke schwarze Baumstämme rahmen das erste Bild ein, Stämme von kahlen Laubbäumen mit Schnee auf den Ästen und Schnee auf den Wurzeln.

Im Hintergrund zahlreiche weitere mächtige Stämme: ein Wald im Winter.
Vorne rechts ein grüner Motorroller mit einem gelb gekleideten Mädchen drauf:

"Zloty düste durch den Wald. Sie hatte es eilig. Wie jede Woche wollte sie ihrer kranken Großmutter, die drüben auf den anderen Seite wohnte, die Einkäufe bringen. In einer Kurve überfuhr sie einen Zwerg. Er kam mit dem Schrecken davon, aber der Motorroller war schrottreif. Vom Lärm angelockt tauchte eine dritte Gestalt auf. Sie machten sich mit einander bekannt. 'Ich bin Samowar, der große Zwerg.' 'Und ich bin Kopek, der kleine Riese.' 'Ist das nicht lustig', sagte Zloty. 'Wir sind alle gleich groß'."

Womit wir schon beim Thema wären: nämlich wie relativ Begriffe doch sind. Schließlich ist der kleine Riese eben nicht größer als der große Zwerg, und zwischen ihnen Zloty.

Im Vordergrund aber lauert bereits der böse Wolf, verdeckt von einem schneebedeckten schwarzen Felsen.

Zuerst einmal jedoch lädt Kopek seine neuen Freunde ein zu sich nach Hause, zu seinen Riesen-Eltern.

Die auf einem Schrottplatz leben, was Ungerer gleich die Gelegenheit gibt, das Bild dazu in seiner typischen flächigen Mischtechnik mit skurrilen Dingen auszuschmücken, wie zum Beispiel den alten Stahlhelm von Kopeks Vater mit einem Wasserhahn als Pickel, ein Detail von zugleich hoher Symbolkraft.

Und natürlich versprechen die Eltern auch gleich, den Roller zu reparieren.
Inzwischen ist es spät geworden: Samowar, der große Zwerg, muss nach Hause, und nimmt seine zwei Freunde gleich mit.

So lernen wir auch die Welt der Zwerge kennen, die – wie könnte es anders sein - in gemütlichen Pilzhäuschen wohnen.

"Am nächsten Morgen kehrten sie zu den Riesen zurück. Der Roller sah aus wie neu, mit Stoßstangen, einer Sirene, einem gepolsterten Sitz und sogar einem Kleiderbügel. Zloty dankte den Riesen, verabschiedete sich von ihren neuen Freunden und machte sich auf den Weg. Ihr Großmutter wartete. Wieder düste sie durch den Wald. Diesmal stieß sie mit dem großen bösen Wolf zusammen. Das arme Tier war schwer verletzt."

Wir sehen, wie Zloty es noch am Unfallort verarztet und dann - mit ihm auf den Schultern - vor der Tür der Großmutter steht.
Schließlich liegen Großmutter und der Wolf einträchtig nebeneinander im Bett, um sich von Zloty pflegen zu lassen – eines der kuriosesten Bilder dieses Buches: Während vorne Kopek und Samowar mit ihrer Hausmusik auf einem Kochtopf und einer selbst gebauten Flöte für Unterhaltung sorgen, hängen hinter dem Bett neben Sowjetorden die Porträts von Stalin und anderen Genossen sowie eine ausgewachsene Kalaschnikow.
Darunter auf dem Nachtisch hingegen eine meditierende Buddafigur und ein glühendes Räucherstäbchen.

Später sehen wir dann Zloty mit den Zwergen im sommerlichen Wald Pflanzen sammeln, während sich Kopek und mit ihm der Wolf in dieser Idylle langweilen. Doch dann die Katastrophe: Ein Vulkanausbruch zerstört über Nacht Zlotys Stadt, ihr Vater kann Zloty und die Mutter retten, der kleine Bruder bleibt verschüttet.

Da tauchen die Hilfstruppen der Zwerge auf, und die der Riesen, mit dem gezähmten Wolf als Rettungshund, der auch gleich den verschütteten Bruder aufspürt. Den Zwergen gelingt es, den Kleinen heil aus den Trümmern zu bergen. Dann beginnen schon die Aufräumarbeiten:

"Die Riesen begannen sofort damit, den Schutt wegzuräumen. Die Zwerge kümmerten sich um die Verletzten. Als Notunterkunft hatten die Riesen ein altes Zirkuszelt mitgebracht und genug Essen für die ganze Stadt. Als endlich der offizielle Hilfskonvoi aus der Hauptstadt eintraf, war die Überraschung über das kuriose Empfangskomitee groß. Die Helfer kamen aber gerade rechtzeitig zum großen Fliederfest, um die glückliche Rettung aller Stadtbewohner zu feiern. Am nächsten Tag machten sie sich gemeinsam an die Arbeit und bauten die Stadt wieder auf. Neue Hauptattraktion war das Wellnesscenter. Die Riesen waren für den Fitnessbereich zuständig mit einem Joggingrad, das elektrischen Strom erzeugte. Die Zwerge übernahmen die Bäder. Ihr Gäste wurden mit aromatischen Ölen und Essenzen verwöhnt und badeten im Glück. Die Riesen und die Zwerge gehörten jetzt für alle dazu."

So hat schließlich die Not alle zusammengebracht, die Menschen, die Riesen und die Zwerge, Zloty und Kopek und Samowar.

Mit "Zloty" erzählt uns Tomi Ungerer ein Märchen, in das sowohl Motorroller, Autos und Telefone wie auch Wellnesscenter mit Fitnessbereich Einzug gehalten haben. Angesiedelt hat er es irgendwo im Osten, wie die Namen andeuten, und die alten Sowjetsymbole, die Ungerer augenzwinkernd einstreut.

Zugleich greift er das alte Märchenmotiv von Rotkäppchen und dem bösen Wolf auf, um es mit Witz und einer Prise Ironie umzuschreiben.
Dabei malt er, so Ungerer dazu, diese Bilder immer auch für das Kind in sich selber, und das sieht man ihnen an, mit ihren skurrilen und manchmal so wunderbar abwegigen Einzelheiten: Da scheint ihm dann der Schalk tatsächlich im Nacken zu sitzen.

Vor allem aber geht es ihm wie schon so oft in seinem Werk auch bei diesem Bilderbuch wieder um die Idee einer gelebten Brüderlichkeit, die dem Elsässer und Kriegskind Tomi Ungerer seit Jahrzehnten ein Anliegen ist.

Die Bildergeschichte "Zloty" von Tomi Ungerer ist als Originalausgabe im Hardcover bei Diogenes in Zürich erschienen, sie wurde von Anna Cramer-Klett übersetzt und kostet 16.90Euro.

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