• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 10:10 Uhr Kontrovers
StartseiteKultur heute"Gelernt haben wir definitiv gar nichts"15.09.2010

"Gelernt haben wir definitiv gar nichts"

Vor zwei Jahren ging die Bank Lehman Brothers pleite

Zwei Jahre nach der Pleite der Lehman-Bank lässt sich die Politik weiterhin von der Finanzindustrie gängeln, warnt der Wirtschaftsphilosoph Karl-Heinz Brodbeck. Trotz Änderung einiger Spielregeln habe man die grundsätzliche Konstruktion völlig freier Märkte nicht aufgegeben.

Karl-Heinz Brodbeck im Gespräch mit Karin Fischer

"Politiker, wenn ihr versucht, uns zu regulieren, werden wir den Markt crashen." (AP)
"Politiker, wenn ihr versucht, uns zu regulieren, werden wir den Markt crashen." (AP)

Karin Fischer: Der Moment, als die Bank Lehman Brothers kollabierte, war ein historischer Moment. Es war genau der Zeitpunkt, an dem eine private, durch Immobilienspekulation herbeigeführte Schuldenkrise verstaatlicht wurde und die Erpressung der Politik durch die Finanzwirtschaft milliardenschwere Form annahm. Diese Analyse lieferten in den letzten zwei Jahren viele Wirtschaftsexperten, doch die Frage am heutigen Jahrestag der Lehman-Pleite lautet: Haben wir gesamtgesellschaftlich, vielleicht sogar in globalem Rahmen eigentlich irgendetwas aus diesem historischen Moment gelernt? -Vor der Sendung ging diese Frage an den Ökonomen und Philosophen Karl-Heinz Brodbeck.

Karl-Heinz Brodbeck: Gelernt haben wir definitiv gar nichts. Ganz im Gegenteil: Es hat sich viel mehr gezeigt, dass die Politik sich von der Finanzindustrie weltweit gängeln lässt. Sie versteht, das zwar sehr geschickt zu verkaufen, aber Tatsache ist: Auch die Politik hat heute fast keinen großen Spielraum mehr, der wird im Wesentlichen festgelegt durch die großen Finanzinstitutionen und durch die Finanzmärkte.

Ein ganz kleines Beispiel. In den USA, als das Bankenregulierungsgesetz etwas schärfer diskutiert wurde, in einer schärferen Variante, haben ein paar sehr, sehr große, sehr einflussreiche Banken - das war am 8. Mai - innerhalb eines Tages den Dow Jones um 1000 Punkte nach unten gecrasht, so sehr können sie den Markt manipulieren. Damit haben sie gezeigt: Politiker, wenn ihr versucht, uns zu regulieren, werden wir den Markt crashen, ihr habt nicht die Möglichkeit, uns zu regulieren.

Fischer: Damals hieß es, "to big to fail". Gibt es denn sozusagen wirtschaftsphilosophische Grundannahmen, die von diesen Ereignissen auf den Kopf gestellt wurden? Es wurde ja sehr viel diskutiert damals.

Brodbeck: Völlig richtig. Etwas, was eigentlich schon seit 20 Jahren zu ahnen war - ich kämpfe jedenfalls seit 20 Jahren dafür, dass die ökonomische Zunft sich selber besinnt, ihre Grundlagen überdenkt -, diese Grundlagen lassen sich eigentlich in einem einfachen Satz zusammenfassen. Alle Märkte, wenn sie nicht staatlich reguliert werden, sind effizient. Und diesen Gedanken haben wir auch auf die Finanzmärkte übertragen. Man hat sozusagen die Finanzmärkte auch weltweit völlig freigelassen. Man hat die politische Regelung zurückgefahren, in der Hoffnung, dass die Märkte einfach alles viel besser machen, als es die Politik je könnte. Damit haben wir auch sämtliche Sicherungssysteme zurückgefahren, und im Effekt führte das dann natürlich dazu, dass weltweit gigantische Ungleichgewichte, Instabilitäten und Blasen aufgebaut wurden.

Fischer: Aber genau das könnte doch auch sozusagen ein positives globales Denken befürworten. Die ganze Welt hat gesehen, dass Finanzmärkte Gesellschaften sozusagen an den Abgrund führen können, und dieser Zwang, global zu denken - hat man ja zwischendurch auch diskutiert -, könnte eine Zukunftsstrategie sein, nur noch "Grünes Wirtschaften" zum Beispiel.

Brodbeck: Ja. Das ist die große Hoffnung, die ich auch damit verbunden hatte, aber alles, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, hat diese Hoffnung eigentlich nicht nur enttäuscht, sondern es weist in dieselbe alte Richtung. Man macht einfach weiter. Man glaubt, durch ein paar Spielregeln jetzt wie Basel III, dass man die Einlagen bei den Banken ein bisschen erhöht, und da versucht man, ein paar Sicherheitspolster einzubauen. Aber die grundsätzliche Konstruktion, gebt die Märkte weltweit frei, diese grundsätzliche Konstruktion haben wir eben nicht aufgegeben.

Fischer: Lassen Sie uns von den Playern zu den Menschen kommen. Es hat ja auch die Griechenlandkrise, die später kam, gezeigt, dass selbst in einem ja eher positiv besetzten Verbund wie Europa die Menschen dann doch zuerst an sich selbst denken. Ist der Mensch des 21. Jahrhunderts mental vielleicht noch nicht reif für die Bewährungsproben des 21. Jahrhunderts?

Brodbeck: Ehrlich gesagt klingt mir das ein bisschen zu abstrakt. Was wir in Griechenland, oder was wir durchaus in den USA jetzt beobachten können, ist ein beginnendes Aufbegehren der breiten Bevölkerungsschichten, aber eben nur dann, wenn sie unmittelbar betroffen sind, wenn ihnen die Sparprogramme, die Armutsprogramme aufs Auge gedrückt werden und sie das unmittelbar spüren. Dann geht man auf die Straßen und es beginnen eigentlich ganz traditionelle Reaktionsmuster, soziale Unruhe.

Fischer: Karl-Heinz Brodbeck, stellen Sie sich vor, Sie wären Historiker und würden in 100 Jahren auf diese kurze Zeit schauen. Was ist in Ihren Augen gesamtgesellschaftlich und global passiert?

Brodbeck: Was wir einfach gerade durch die Finanzkrise zusätzlich nicht sehen, was gleichsam einen Nebel davorgeschoben hat, ist: Die wirklichen globalen Probleme sind ökologische Probleme, das sind die Probleme der Armut, und wir tun so, als hätten wir immer noch die Probleme des 20. Jahrhunderts. Wenn die Temperatur in 100 Jahren um drei, vier Grad höher sein wird, die Durchschnittstemperatur auf dem Globus, dann haben die Menschen vollständig andere Fragen und sagen, warum habt ihr das nicht gesehen, warum habt ihr nicht umgesteuert, warum habt ihr euch um so vernachlässigbare Fragen wie euere Ökonomie gekümmert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk