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StartseiteKultur heuteGelungener Wagner-Verdi-Spagat27.11.2012

Gelungener Wagner-Verdi-Spagat

Die Oper von Venedig eröffnet mit "Tristan und Isolde" und "Otello" die Spielzeit

Die Doppelpremiere der ungleichen Liebestragödien im Teatro La Fenice ist ein bewundernswerter Kraftakt, der vor allem Dank Myung-Whun Chung gelingt. Der Dirigent wird sowohl der Wagnerschen Kunst des Übergangs, als auch der unerbittlich klaren Linienführung Verdis gerecht.

Von Dieter David Scholz

Venedigs Opernhaus "La Fenice" eröffnet die Spielzeit mit Wagner und Verdi (picture-alliance / dpa/dpaweb)
Venedigs Opernhaus "La Fenice" eröffnet die Spielzeit mit Wagner und Verdi (picture-alliance / dpa/dpaweb)

Mit der Gegenüberstellung der so ungleichen Liebestragödien wagt das traditionsreiche Teatro La Fenice ein geradezu tollkühnes Unternehmen. Die Doppelpremiere ist ein bewundernswerter Kraftakt, wie er wohl nur in Italien möglich ist, trotz der lebensbedrohlichen Krise der Oper in Italien, die vor drei Wochen Thema eines Kongresses in Florenz gewesen ist. Venedig war schon immer besonders mutig. Nicht nur in Sachen Oper. Aber nur dank des Dirigenten Myung-Whun Chung ist dieser Verdi-Wagner-Spagat zu realisieren gewesen. Beiden, Verdi mit seiner klaren, wahrhaftigen Musikdramatik, als auch Wagner mit seiner schopenhauerisch infizierten, psychologischen Musiksprache wird dieser Ausnahmedirigent gerecht.

In Venedig hat Verdi einige seiner wichtigsten Werke uraufgeführt: Rigoletto, La Traviata und Simone Boccanegra. Richard Wagner hat in der Serenissima die chromatischen Hormongesänge des zweiten Tristan-Aktes geschrieben, hat sich in seinen letzten Lebensjahren des Winters in die Lagunenstadt zurückgezogen, hat im Teatro La Fenice zum letzen Mal eigene Musik dirigiert und ist schließlich am Canale Grande gestorben.

"Venedig war für beide Komponisten sehr wichtig. Für Wagner nicht nur, weil er dort starb. Und für Verdi war Venedig die Stadt seiner Musik-Theaterrevolution: Otello war die erste exquisite Auftragsoper eines Theaters im vereinigten Italien."

Francesco Micheli zeigt Verdis Otello vor Sternbildern, die das unentrinnbare Schicksal meinen, das in Gestalt von schwarzen Lemuren die Bösen wie die Guten lenkt. Goldene Schiffsmodelle deuten die Marinemacht Venedig an. Habsburger-Uniformen und prachtvolle Damengarderobe der Verdi-Zeit verorten das Stück in seiner Entstehungszeit. Die orientalische Ausstattung eines immer wieder in den blauen Sternenraum hereinfahrenden, goldenen Raums bildet den intimen Rückzugsort für den mörderischen Mohren von Venedig und seine geliebte Desdemona. Eine bildschöne, konventionell symbolische zwar, aber sehr einleuchtende Inszenierung. Der stimmmächtige Gregory Kunde in der Titelpartie überrascht mit dramatisch-belcantischen Reserven, wie man sie kaum je zuvor von ihm hörte und die junge, aufstrebende Italoamerikanerin Leah Crocetto singt eine pralle Desdemona von anrührend naiver Natürlichkeit.

Im Gegensatz zu Francesco Michelis stimmungsvoll-elegantem Otello kommt Paul Currans halb abstrakte, halb realistische Tristan-Inszenierung mit fachwerkartigen Holzwänden als Schiffsbug - umgedreht deuten sie Burgmauern an - mit einem Holzkäfig für die Karten spielenden Freunde Tristan und Kurwenal und einem Becketthaften Baumskelett eher wie unbeholfenes, brachiales und altmodisches Regietheater daher. Zu schweigen von den Absurditäten der Personenregie. Dennoch darf dieser Tristan ein Ereignis genannt werden, nicht wegen des Tristan-Sängers Ian Storey, eher schon wegen der jungen, vielversprechend phänomenalen Isolde-Debütantin Brigitte Pinter. Vor allem aber wegen des fabelhaften Orchesters des Teatro La Fenice und des geradezu erschütternden Dirigats Myung-Whun Chungs, das jeden breiigen Wagner-Mischklang à la Bayreuth und jedes weihevoll-teutonische Zeitmaß vermeidet. Brillanter, leuchtender, in seiner Polyfonie transparenter und vielschichtiger hat man Wagners Tristan kaum je gehört.

Myung-Whun Chung versteht es, sowohl der Wagnerschen Kunst des Übergangs, des psychologisierenden, irisierenden Spiels von Farbe und Klang, als auch der unerbittlich klaren, dramatischen Linienführung Verdis gerecht zu werden. Toscaninihaft geschärft klingt Verdi bei ihm moderner und komplexer denn je, Wagner ganz neu. Eine Sternstunde, diese unroutinierte, von allen Verkrustungen falscher Aufführungskonventionen freie Wagner- und Verdi-Lesart: Schockierend mitleidslos und doch zutiefst human. Wie Verdis Dramaturgie, die die tragisch Untergehenden, die Opfer, anders als Wagner, ohne alles endlose Erklären, in prägnante Musik erlöst. Regisseur Franceso Micheli greift diesen Gedanken auf, indem er einen ergreifenden Liebestod der anderen Art inszeniert, mit der Auferstehung der ermordeten Desdemona, die ihrem Otello den Dolch zu seiner Selbstentleibung reicht, um anschließend gemeinsam mit ihm den Sternen entgegen zu gehen. Näher als bei diesem Auftakt des Wagner-Verdi-Jubeljahres in Venedig kamen sich Wagner und Verdi nie.

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