• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 12:00 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktGelynchter Sohn15.02.2009

Gelynchter Sohn

Buch der Woche: Jürgen Lodemann, Paradies irisch. Roman

John Lynch, Oberster Richter im irischen Galway des 16. Jahrhunderts, muss richten über den eigenen Sohn. Ihn verurteilen wegen Mordes am Rivalen. Historisch authentisch, nie dozierend, erzählt Jürgen Lodemann das Entfalten eines irischen Dramas von shakespearschen Ausmaßen.

Von Tanya Lieske

Friedhof im Herbst (AP Archiv)
Friedhof im Herbst (AP Archiv)

Die irische Hafenstadt Galway zur Zeit der Spätrenaissance. Die Mauern der Stadt sind befestigt, im Inneren leben, handeln und herrschen 14 Familienclans, jene Stämme die der Stadt noch heute ihren Namen geben, Galway nennt sich City of the Tribes. Wahre Dynastien sind es, stolze Familien, die sich die Bürgerrechte von London ertrotzt haben, und deren Wohlstand sich auf einem blühenden Seehandel mit Spanien begründet. Spanien steht unter der Regentschaft der Habsburger in voller Blüte, noch dauert das Goldene Zeitalter an, und so können kostbare Stoffe, Gewürze, Gold und Edelhölzer nach Galway verschifft werden. Die Stadt revanchiert sich mit Schafwolle, mit Salz, mit gepökeltem Fleisch und mit allem, was der eher karge Boden Connemaras herzugeben vermag; ferner mit Spitze aus Flandern, Glas aus Böhmen, Salz und Edelmetallen aus Deutschland. Doch nicht nur Waren werden gehandelt, es kommt auch zu einem beispiellosen geistigen und kulturellen Austausch, Schiffsbauer verhandeln über Leichtboote und Karavellen, höfische Sitten treffen auf keltischen Überschwang und nicht zuletzt die katholische Monarchie auf den beweglichen Geist des protestantischen Merkantilismus.

Inzwischen galt die gesamte Stadt mit ihren ähnlich geschmückten Palästen als Wunder im grünen Land der niedrigen Strohhütten, wo sich in diesem wilden Westen der Insel die Bauernkaten meist hinter felsigen Wiesenbuckeln duckten. In der weiten fernen Einsamkeit der Connemara-Moore und der kahlen Rundberge erhob sich an der atlantischen, flachen Küste mit prächtigen Häusern eine ringsum gut befestigte Handelsstadt, die stolze Erfolgsstadt der Galwayer Kaufleute.

Jürgen Lodemann hat mit "Paradies irisch" einen historischen Roman geschrieben, und wenn er nicht unter diesem Etikett verkauft wird, dann wohl, um sich vom Schmuddelimage des Genres zu distanzieren. Lodemann geht mit viel historischer Akribie zu Werke geht, er schildert die Sitten und Gebräuche im Galway des Jahres 1550 so detailliert wie möglich. Dabei meidet er die Kardinalsünde des populären historischen Romans, nämlich den dozierenden, erklärenden Gestus. Bei Lodemann soll sich noch die geringste Betrachtung von Sitte und Zeit organisch aus dem Erzählten ergeben, und es darf vorweg gesagt werden, dass dem Autor dies über 400 Seiten hinweg auch gelingt.
Man befindet sich zum Auftakt des Romans im Haus des obersten Richters und Bürgermeisters der Stadt Galway. John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch ist der mächtigste der 14 Stadtfürsten, noch befindet er sich auf See, doch bald kehrt er zurück von einer Handelsmission in Spanien. Sein einziger Sohn Patrick beobachtet die abendliche Tafel im Hause Lynch.

Patrick Lynch , der Junge mit dem zarten gelben Haar, legte sich einen neuen Schenkel zwischen die Zähne, sog und schlotzte das Fleisch und genoss es. Und sah, dass Alexander Kirwan der Priester, wenn er sich zu Mutter Mary hinüberbeugte, zur fast blinden Lady Lynch, dass er dann mit einem Finger, als müsse er sich aufstützen, auf Julia Blakes Schenkel drückte. Pat sah sich das an (...) betrachtete das Schwitzwasser auf Priester Kirwans Kopf, ließ sich das seidenweiche Fleisch im Mund zergehen und zum Gaumen rutschen und hörte am Geheul und Gefiepe hinter sich, dass auch die Köter Geschmack fanden an der Mahlzeit.
Schaufelte sich einen neuen Haufen Dampfendes aus dem Kessel und sagte sich, dass es höchste Zeit wurde, dass der Vater heimkehrte aus Spanien, weil seine Mutter nun doch zu blind geworden war, um noch erfolgreich die Abendtafel der Lynchs überwachen zu können. Früher waren Übergriffe von Geistlichen und Sippenhäuptlingen und anderen Gevattern von Mutter Mary mit Knurrlauten gestoppt worden und nach kurzem Lächeln hatte Lady Lynch dann ihre Unterhaltung fortgesetzt. Inzwischen lächelte sie nur noch und das ermunterte viele, ach, die Mutter bemerkte weder Alexander Kirwans Finger auf Julias schönen Beinen noch das Treiben am unteren Ende des Tisches.


Der Name des Hauses Lynch stand zu seiner Zeit für opulente Gesellschaften, für ausschweifende fleischliche Vergnügungen. Der Name Lynch stand auch für Gerechtigkeit, denn es war die feste Überzeugung des Hausvorstands, des Vaters und Bürgermeisters Lynch, dass das Glück im Irdischen zu suchen sei, dass Handel Wohlstand erzeuge, und Wohlstand Zufriedenheit. Als Oberster Richter der Stadt Galway garantierte er neben dem Freien Handel auch die Freiheit der Religionsausübung, und prägte so noch vor der Erfindung des Wortes das Prinzip eines wirtschaftlichen und bürgerlichen Liberalismus. Insbesondere setzte Lynch, der Protestant, der Ausgrenzung der keltischen, katholischen Bauern und Fischer ein Ende. Pat Lynch äußert sich bewundernd über Vater:

"Nichts anderes will mein Vater", stieß Pat hervor" (...) "Galway zu einer Neuen Welt machen. Hat er mir gesagt. Mit gerechten Gesetzen. Für alle, auch für Leute ohne Grundbesitz, auch für Leute, die gälisch reden." (...) Pat schaute sich um. "Mein Vater macht im neuen Galway-Gesetz keine Ausnahmen. Hat Gälisch dem Englischen gleichgesetzt. Wer will, kann sogar Latein lernen und reden."

Wie wird aus so einem weisen und gerechten Vater einer, der seinen gehorsamen Sohn mit eigenen Händen exekutiert? Und wie einer, dessen Name für eine besonders grausame Form der Selbstjustiz, nämlich das Lynchen, in die Geschichte eingehen wird?
Man kann eine solche Fragestellung nach verschiedenen Denksystemen untersuchen. Man kann den Weg des frühen 20. Jahrhunderts wählen, in der Folge von Psychoanalyse und Existenzialismus den Ausnahmecharakter einer Handlung betonen. Lynch wäre dann ein Wahnsinniger oder ein Rasender, ein großer Tobender von Shakespeareschem Format.
Oder man kann, und dies ist der Weg, den Jürgen Lodemann gewählt hat, die Regelhaftigkeit einer Handlung beschreiben. John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch handelt nach jenen Gesetzen, die er selbst formuliert hat, und denen er sich nicht entziehen kann, weil sie für alle gelten sollen. Hier betritt man den Boden der schicksalhaften Zwangsläufigkeit, den Grund der antiken Tragödie. John Lynch ist der von seiner eigenen Ratio durchdrungene Herrscher, er überwindet sich als Individuum. Bei einem Stimmenpatt von drei zu drei vor Gericht ist es sein eigenes Votum, welches den Tod des Sohnes besiegeln wird:

(...) nun erhob sich also der Mann, der zitternde Vater unter dem schwarzen Tuch, der stand nun da, hatte sein Gesicht noch immer in dem schwarzen Tuch verborgen, legte die Hand auf sein Herz und redete mit der geborstenen Stimme. "Der das Verhängnis über unsere Stadt brachte, egal ob aus nichtigem Grund oder aus wichtigem, egal ob aus dampfendem Blut oder aus kaltem, egal ob er aus adeligem Blut ist oder aus gälischem Blut oder gar aus dem meiner eigenen altenglischen Herkunft – dieser Täter übernahm für seine Tat die Verantwortung (...) Lynch stockte, hatte zu schlucken, hatte seine Stimme immer wieder neu zu suchen. "Es – es war in der Geschichte der Stadt Galway – die fürchterlichste aller Untaten. Mein Urteil – ohne Ansehen der Person – allein auf der Basis eines segensreichen Gesetzes – im Namen von Galways Freiheit und Glück – ich kann nicht anders – Tod."

Kein Zweifel, hinter diesem Roman tickt die Mechanik der antiken Königstragödie. An fünf aufeinander folgenden Tagen spult sich die Tragödie ab, und noch kurz vor der Tat feiert die Stadt die größte Orgie aller Zeiten. Die folgende Peripetie gleich zweier sinnloser Tode reißt alles mit in den Abgrund.
Was war geschehen? Jürgen Lodemann greift auf Archive und alte Chroniken zurück, er verfolgt minutiös jede Spur und rekonstruiert mit Akribie, ohne allerdings das Zepter des Erzählers und damit die Hoheit der Deutung aus der Hand zu geben.
Jede Quelle, die er gesichtet hat, ist in der Erzählstimme aufgegangen. Sein Erzähler erwähnt auch, dass er der erste sei, der sich des Themas widme, und dass sich im Land der Dichter und Barden noch keiner an den Stoff heran gewagt habe. Diese Behauptung stimmt übrigens noch heute, mehr als drei Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung des Romans. So groß ist der Schrecken, den die Tat des Bürgermeisters, Vaters und Richters John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch in Galway ausgelöst hat, dass noch heute manches Gerücht darüber kursiert, etwa, er habe seinen Sohn am Dachgiebel seines Hauses aufgehangen, einer großen grauen Trutzburg, welche die Altstadt von Galway überschattet. Für die Zweideutigkeit einer Handlung, die gerecht sein will und doch alles zugrunde richtet, hat Jürgen Lodemann ein steinernes Bildnis gefunden, eine Skulptur an einer Fassade.

Die Skulptur schien ein Wesen, von dem nicht klar war, ob es Tier war oder Mensch, das war eine Gestalt, die ein kleines Wesen in ihren Armen hielt, als hielte ein Großes ein Kleines oder ein Erwachsener ein Baby – doch ob es dies Kleinere nun küssen und hüten wollte oder aber fressen und vernichten, das blieb unklar. Denn die Lippen des Größeren hatten sich leicht geöffnet und zeigten die Zähne. Was da über der Tür zum Lynch-Haus zu sehen war, blieb überaus zweideutig, ganz und gar rätselhaft. Aufs Küssen deutete die Umarmung, aufs Fressen die gebleckten Zähne.

Am Ende des ersten Abends, nachdem die Tafelrunde sich ins benachbarte Badehaus begeben hat, um ihren Lüsten weiter zu frönen, besucht der junge Patrick Lynch seine heimliche Verlobte Agnes Joyes. Sie ist die Tochter eines benachbarten Clans, und nur der abwesende Vater weiß von der heimlichen Verlobung der jungen Leute. Mit großem Pomp soll diese nach der Rückkehr des Vaters aus Spanien bekannt gegeben werden. So verbünden sich die zwei mächtigsten und bis dahin verfeindeten Häuser der Stadt. Alle Anklänge an Shakespeares Romeo und Julia sind berechnet, inklusive einer nächtlichen Mauerszene, die gleich zwei Liebespaare zeigt, den Knecht und die Magd, die im Schatten eines Obstbaums kopulieren, und den jungen Freier Patrick Lynch auf dem Weg zu seiner Agnes:

Bevor ein Steinchen ins Rollen geriet und schlafende Hunde wach wurden, kam die Gier des Toby Keats an ihr Ziel, da durchzitterte auch den Mondhintern ein wonniges Beben, ein Anblick, der in Pat Lynch noch lange nachwirkte, fast wie ein Schrecken, denn die Antwort der Helen schien zu melden, das neue große Glück von Galway sei nun so allgemein geworden, dass es bis hinunter zu den Armen durchgeschlagen war, dort unten sogar zu den Frauen, ja, dass die Paradieslust nun alle ergriffen hatte, welch bewegende Signale.

Die Königstragödie besitzt auch die derbe Seite eines Lustspiels. Der Roman, von dem man von Anfang an weiß, dass er auf ein tragisches und unausweichliches Ende zusteuert, bietet unterwegs jede Menge Genuss, den des Leibes für seine Figuren, den der höchst farbenprächtigen, frivolen Schilderung für den Leser. Viel weißes, weibliches und dralles Fleisch wird entblößt, gezielt durch Kerzenlicht illuminiert oder spärlich mit Spitzen verhüllt, so dass man mitunter glaubt, durch ein Gemälde von Peter Paul Rubens zu spazieren. Jürgen Lodemann teilt manche Vorliebe mit den Künstlern des 16. Jahrhunderts. So setzt er auf die Kraft der Symbole, die das Schicksal all denen verkünden, welche die Zeichen der Natur zu deuten wissen. Die ersehnte Ankunft der väterlichen Flotte wird durch eine dramatische Windstille verzögert. Eine solche Flaute gab es nie an der wilden Atlantikküste, und der Sohn Patrick Lynch muss seinen Vater rudernd an Land holen. Jetzt erfährt er, dass der Vater einen Gast aus Spanien mitgebracht hat, es ist Juan Gomez, der einzige Sohn seines Geschäftspartners, ein junger Mann, der Patrick Lynch an Kraft ebenbürtig ist, doch dessen Geist und Manieren am spanischen Hof ungleich geformter wurden. Hier eine erste Begegnung der künftigen Rivalen:

Da sah man sie nun für einige Augenblicke nebeneinander gehen, die beiden jungen Männer, die Gleichaltrigen, denen ihre Väter bestimmt hatten, Freunde zu sein und späterhin gute Handelspartner, möglichst lebenslang. Die schienen einander tatsächlich ähnlich, beide Achtzehnjährigen, schlank, gleich groß, trugen auch beide den losen, den gegürteten Leinenkittel der jungen Leute, der schon bei den Hüften endete, darunter die ledernen engen Beinkleider und an den Füßen nicht etwa Holzschuhe, nein, die Kronprinzen gingen nicht wie die Claddagh-Iren, nicht plump, klapperig und schlotterig, sondern die gingen, als würden sie ein wenig federn und wippen wie zweijährige Hengste, in Spannung und Kraft.

Der junge Gast wird wie ein König empfangen, er bekommt kostbare Geschenke, den kirchlichen Segen und auch ein keltisches Opferlamm wird für ihn geschlachtet, nicht ohne dass der tolerante, aufgeklärte und gütige Vater Lynch zu verstehen gibt, dass er nicht an den ganzen Hokuspokus glaubt, dass ihm aber daran liegt, alle Bürger Galways zufrieden zu stellen. Später am Abend macht die Familie Lynch mit ihrem Ehrengast der Familie Joyes ihre Aufwartung, die Verlobung der Agnes mit Patrick wird bekannt gegeben, und Juan Gomez lässt zum ersten Mal seine Verführungskünste aufblitzen. Vater Lynch überreicht der schönen Agnes Joyes ein Geschmeide, welches wertvoller sein soll, als das Haus der Familie Lynch. Nun ist es an den Gästen, den Schmuck und seine Besitzerin zu preisen.

(...) Don Juan, der dann von den blitzenden Steinen in seinen Händen zu Agnes aufblickte, meinte, sie passten auf jeden Fall.
"Passen, wozu?" fragte Agnes.
"Zu dir".
Ob die Hellhäutige unter ihrem dunklen Haar rot wurde, war in der dämmrigen Halle nicht auszumachen, auch Elisabeth betrachtete und bewunderte das Präsent ausführlich und fragte, ob dies Geschenk zu Spanien passe, ob ganz Andalusien so üppig sei wie dieser Schmuck und sie bat Juan Gomez, von seinen Eltern zu erzählen und von seinen Geschwistern und wie sie wohnten und lebten in Malaga. Juan lächelte, er habe keine Geschwister, sei der einzige Sohn bei den Gomez wie Pat bei den Lynchs (...) Während er redete, lehnte Agnes ihren Kopf ganz kurz an Pats Schulter und betrachtete den jungen Fremden (...) und hörte zu, wie der redete, wie gern, wie klangreich, wie fröhlich.


Spanisch, Englisch und Latein beherrscht dieser Juan Gomez. Er kennt die neuesten höfischen Tänze und kann die Laute spielen; er benutzt Messer und Gabel dort, wo die Iren noch mit Händen essen. Noch nie hat ein solch faszinierender Mensch Galways Boden betreten, und nicht nur Agnes ist geblendet. Am Abend des dritten Tages wird in der Lynchburg ein Fest gegeben, wie es die Hafenstadt noch nie gesehen hat. Es gilt, die glückliche Heimkehr dreier Schiffe zu feiern, die Ankunft des noblen Gastes, die Verlobung, das Ende einer Feindschaft zwischen beiden Häusern, die goldene Zukunft zweier Handelsstädte, Wohlstand, Glück und Frieden für Galway. Kurz, das Maß des Glücks ist übervoll, die Fallhöhe erreicht. Agnes und Juan suchen und finden sich auf dem Fest, welches wie alle Feste der Lynchs nach einem überwältigenden Mahl im Badehaus endet. Hier treffen sich die beiden jungen Männer Juan und Pat zum vorletzten Mal. Noch sind sie Freunde:

Im Gelächter und im Nebel standen sie sich plötzlich gegenüber, Pat und Juan. Der junge Lynch wusste nicht, warum er plötzlich die Stimme seiner Mutter zu hören meinte, die Stimme, die gesagt hatte, alle Männer auf der irischen Insel seien verflucht zu immerwährendem Wetten und Streiten. "Geht's dir gut?" fragte Pat den Gast.
"Wie im Lustschloss des König Artus", antwortete Juan.
"Sei vorsichtig, dies ist keltischer Tumult, der ist unberechenbar."
"Spanischer ebenso."


Hier aber irrt der kluge Gast. Pat Lynch, der weniger wendige Jüngling, beweist, dass er den sicheren Instinkt besitzt. Fein und präzise sind hier die psychologischen Gegensätze ausgelotet. Und ebenso subtil begründet sich die Tragödie. Don Juan Gomez verführt die Agnes Joyes, doch er bricht dabei weder Recht noch Gesetz. Der zitierte keltische Tumult will ungebremstes Vergnügen, ausdrücklich auch für die Frauen. Die dürfen die letzte Nacht vor der Hochzeit mit einem anderen verbringen als mit dem künftigen Ehemann. Und so wird das Gemeng der Sitten und Kulturen, die frühe Toleranz des Aufklärers John Fitzstephen Marcus Tullius Lynch ihn zu Fall bringen. Er hat alles bedacht, nur nicht die menschlichen Leidenschaften.

Die sich anbahnende Tragödie ist also vielschichtig und vieldeutig, und der Autor dirigiert sie mit sicherem Griff bis zur letzten Seite. Es ist hier zu bedenken, dass der Roman zum ersten Mal 1976 erschien, und dass Jürgen Lodemann einer Generation angehört, die sich besonders für die gesellschaftliche Bedingtheit des menschlichen Handelns interessiert. Insofern ist er bestrebt, dem Lynchmord des Sohnes durch den Vater eine Bedeutung zuzuweisen, die weit über den Einzelfall hinausgeht. John Lynch handelt nach seinen eigenen Gesetzen als homo politicus, und scheitert dabei grandios als Mensch.
Am vierten Tag ermordet Pat Lynch den noblen Gast im Affekt der Eifersucht, und der Vater, der höchste Richter, spricht sein Urteil nach Galways Gesetz über den Sohn. Mord wird mit dem Tod am Strang gesühnt.
Als der aufgebrachte Mob sich am fünften Tag gegen den Henker wendet, greift der Vater selbst ein ins Geschehen:

Da zog ein Schatten über den Platz. Und John Fitzstephen Markus Tullius Lynch hob die Arme. Und er umarmte seinen Sohn. Küsste seinen Sohn auf den Mund. Und dann, aus der Umarmung heraus, ergriff er die baumelnde Seilschlinge und legte sie Pat um den Hals.

Die Tat des John Lynch, so argumentiert der Verfasser in einem Nachbericht, habe den Untergang der blühenden Stadt Galway eingeleitet. Der Handel mit Spanien sei versiegt, der englische Befehlshaber Cromwell sei angerückt, die großen Bürgerhäuser verfallen. Große Historie manifestiert sich also in einer einzigen Tat, das ist der Stoff, aus dem Königsdramen gemacht sind. Und sollte der wahre Richter Lynch ein armseliger Wicht gewesen sein: Von hier an ist er so bedeutend, wie Jürgen Lodemann ihn gemacht hat.

Jürgen Lodemann, Paradies irisch. Roman, Klöpfer & Meyer. 400 S. gebunden, 24,00 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk