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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGenderstudies in Zeiten der Arabellion12.09.2013

Genderstudies in Zeiten der Arabellion

Westlicher versus islamischer Feminismus

Der arabische Frühling hat vielen Frauen neues Selbstbewusstsein gegeben. Der westliche Feminismus jedoch stößt bei Vielen auf Ablehnung. Auch der islamische Feminismus hat seine Kritiker. Ärmere Schichten halten Feminismus gar für eine dekadente westliche Erfindung.

Von Ingeborg Breuer

Protestierende Frauen in Ägypten (picture alliance / dpa / Mohamed Omar)
Protestierende Frauen in Ägypten (picture alliance / dpa / Mohamed Omar)

"Iran ist eindeutig ein Land, in dem Gender-Apartheid herrscht. Also Frauen sind Bürger zweiter Klasse. Die Tochter erbt nur halb so viel wie der Sohn, dann können Frauen sich nicht scheiden lassen, es gibt die Polygamie, das Zeugnis einer Frau vor Gericht zählt nur halb so viel wie das eines Mannes. Frauen können bestimmte Berufe nicht ergreifen, weil man ihnen das nicht zutraut."

Katajun Amirpur, Professorin für islamische Studien und Islamische Theologie in Hamburg.

"Ich hab jetzt gerade ein Beispiel gelesen, eine Pressenachricht aus Indonesien. Gewollt von der Bevölkerung wird eine islamische Regulation nach der anderen erlassen. Und jetzt hat sich ein Provinzgouverneur aus dem Fenster gelehnt und hat gesagt, Frauen sollten nicht mehr als Sekretärinnen arbeiten können, weil die Männer, ihre Vorgesetzten, dazu neigen, mit ihnen Verhältnisse anzufangen und die Ehefrauen zu vernachlässigen."

Susanne Schröter, Professorin für Ethnologie an der Universität Frankfurt.

" Das Königshaus Al Saud hat sozusagen die Geschlechtertrennung zum Prinzip der Politik erhoben. Und dementsprechend gibt es selbstverständlich gesetzliche Einschränkungen für Frauen, was Berufs- und Studienausbildung von Frauen oder Reisen ins Ausland angeht. Aber die hauptsächliche Diskriminierung besteht aufgrund der politischen Ideologie, die die Rolle der Frau in Haus und Ehe predigt."

Sebastian Sons, wissenschaftlicher Abteilungsleiter des Deutschen Orientinstituts.

In muslimischen Ländern werden Frauen unterdrückt und ihnen sind viele Rechte verwehrt. So das westliche Urteil. Wie überrascht war man da, als Frauen in großer Zahl an den revolutionären Umbrüchen des arabischen Frühlings beteiligt waren. Verschleiert oder unverschleiert demonstrierten sie mit, reckten die Fäuste in die Luft, trugen Transparente vor sich, auf denen sie zum Sturz der Diktatoren aufforderten. Entstand da ein neues weibliches Selbstbewusstsein? Gerieten mit den Diktaturen auch die herrschenden Geschlechterordnungen ins Wanken? Mittlerweile, gut zwei Jahre später, ist Ernüchterung eingetreten. Entwürfe zu einer neuen tunesischen Verfassung sehen die Frau nicht als eigenständige Person, sondern als Ergänzung des Mannes vor. In Ägypten haben seit dem Umbruch sexuelle Übergriffe auf Frauen zugenommen, protestierende Frauen wurden zudem durch sogenannte "Jungfrauentests" eingeschüchtert. Auf den Sturz autoritärer Regimes - so war schon die frühe Erfahrung im Iran - folgt das Erstarken islamistischer Bewegungen mit negativen Auswirkungen für die Frauen. Susanne Schröter, Herausgeberin des Buchs "Geschlechtergerechtigkeit durch Demokratisierung?"

"Das ist genau das Problem, das hat man zuerst im Iran gesehen und später in der demokratischen Revolution in Indonesien, das sieht man jetzt in Nordafrika. Frauen sind ganz stark beteiligt an Umstürzen, an Revolutionen. Und nach gelungenem Regimewechsel stellt man fest, dass die sogenannten säkularen Kräfte zunehmend an Bedeutung verlieren und die religiösen Kräfte das Feld bestimmen."

Fakt ist aber, dass Frauen in vielen islamischen Ländern heute besser gebildet sind als noch vor einigen Jahren. Und Frauen, die studiert haben, zum Teil in akademischen Berufen arbeiten, wollen sich mit ihren Ansichten und Belangen Gehör verschaffen. Dank der neuen Kommunikationsmöglichkeiten bei Facebook, Twitter und Co. gelingt das sogar in Ländern wie Saudi Arabien, wo Frauen in der Öffentlichkeit buchstäblich hinter Schleiern verschwinden. Sebastian Sons:

"Es gibt solche Strömungen, die sagen, wir orientieren uns an einer freiheitlichen, pluralistischen Gesellschaft und wir begehren dagegen auf. Facebook-Initiativen, Twitterblogs sind voll von Aktivistinnen, die versuchen, dieses patriarchale System in Saudi-Arabien infrage zu stellen."

Mittlerweile sind in Saudi-Arabien 55 Prozent der Universitätsabsolventen und 58 Prozent der Studierenden weiblich, vorwiegend in Studiengängen wie Medizin oder Lehramt. In Riad befindet sich die größte Frauenuniversität der Welt. Und im Iran, so die Deutsch-Iranerin Katajun Amirpur, hat die Geschlechtertrennung den Frauen in puncto Bildung sogar Vorteile gebracht.

"Weil vor 79 viele konservative Väter ihre Töchter daran gehindert haben zu studieren, weil man gesagt hat, da dürft ihr nicht hingehen, da kommt ihr mit Männern in Berührung. Durch die Einführung des Kopftuches und durch die Separierung der Geschlechter an den Universitäten, das hat dann dazu geführt, dass Bildung sehr viel breiter gestreut wurde und mehr Leute die Möglichkeit haben an Bildung zu kommen."

Worum aber wird gerungen? "Frauen = Männer" war einer der häufigsten Slogans, den man nach dem umstrittenen Wahlausgang 2009 bei den Demonstrationen im Iran sehen konnte. "Women2drive" heißt eine saudische Facebook-Seite, auf der sich Frauen für die Aufhebung des Fahrverbots einsetzen. In Kuwait kämpften Aktivistinnen um das Frauenwahlrecht, das sie 2005 bekamen. Frauen kämpfen um mehr Rechte, um politische Partizipation und berufliche Chancengleichheit, manche auch für eine Trennung von Staat und Kirche. Allerdings war der Feminismus ja gerade in Ländern, in denen säkulare, vom Westen gestützte Diktaturen herrschten, Teil der autoritären Staatspolitik. Insofern sind westliche Emanzipationsideale für viele Frauen in islamischen Ländern auch diskreditiert - als Bestandteil einer ihnen aufoktroyierten Herrschaft.

"Also der Feminismus war in vielen Teilen der Welt ein kolonialistisches Projekt: Außerdem wird es mit Atheismus gleich gesetzt, weil es immer heißt, die Feministinnen in der westlichen Welt, das sind alles Gottlose, und weil es an sich ein westliches Konzept ist und westliche Konzepte sind per se schlecht."

Eine Alternative zu dem als ‚gottlos‘ angesehenen Feminismus des Westens stellt deshalb der sogenannte "islamische Feminismus" dar. Getragen wird er von Musliminnen, die die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus ihrer Religion heraus begründen wollen. Als es in Malaysia Ende der 80er-Jahre zu einer konservativ religiösen Umwälzung der Gesellschaft kam, mit der klaren Aufforderung an die Frauen, sich ihren Männern unterzuordnen, begann eine kleine Gruppe intellektueller Frauen selbst den Koran zu studieren. Anführerin war die afroamerikanische, zum Islam konvertierte Theologin Amina Wadud. 1990 gab sich die Gruppe den Namen "Sisters of Islam". Sie schuf sich Feinde unter der konservativen islamischen Geistlichkeit, hatte aber ebenso, wie Katajun Amirpur meint, große Erfolge.

"Die haben zig Gesetze gekippt. Und die sind hingegangen und haben mit dem Koran argumentiert und es geschafft, dass die Gesetze gekippt werden. Und eine andere Graswurzelbewegung, die sich in Bewegung gesetzt hat gegen die weibliche Genitalverstümmelung, das war auch sie, indem sie aufklärte und sagte: "Leute das steht nicht im Koran, es ist totaler Blödsinn"."

Der islamische Feminismus zielt auf die rechtliche Gleichheit von Männern und Frauen. Diese Gleichheit sei bereits im Koran verwurzelt, der neu interpretiert werden müsse. Denn, das Problem des Koran sei, so die gebürtige Pakistanerin Asma Barlas, eine einflussreiche Vordenkerin des islamischen Feminismus, dass der Koran 1400 Jahre ausschließlich von Männern interpretiert worden sei. Es gelte also, ihn weiblich zu deuten, "liberal und aufklärerisch". Dazu gehöre dann allerdings eine Einbettung in seine historischen Kontexte. Schon Mohammed habe die Stellung der Frauen gestärkt, doch seien diese damals so schwach und abhängig gewesen, dass sie des besonderen Schutzes der Männer bedurften – was zugleich den männlichen Dominanzanspruch legitimierte. Heute aber seien die Frauen nicht mehr schwach, sodass die Führerschaft der Männer nicht länger zu rechtfertigen sei, so der Tenor der "Sisters of Islam". Auch Katajun Amirpur, die in diesem Jahr das Buch "Den Islam neu denken" veröffentlichte, will ihre Religion modernisieren.

"Gerade das macht die Göttlichkeit dieses Buches aus, dass man es anders interpretieren kann und es an die jeweiligen Zeiten und Umstände anpassen kann. Und natürlich sind die Umstände heute anders als im siebten Jahrhundert."

Susanne Schröter, die Geschlechterordnungen in islamischen Ländern erforscht, sieht das skeptischer. Sie hält den islamischen Feminismus für eine Minderheitenbewegung: gern gesehen und unterstützt von Organisationen des Westens, doch in den eigenen Ländern verfolgt oder schlichtweg ignoriert.

"All diese Gelehrten sind in westlichen Ländern und fast alle gelten als Häretiker. Weil nach konservativer, herrschender Lehrmeinung in den meisten islamischen Ländern der Koran nicht kontextualisiert werden darf. Jedes Wort ist das Wort Gottes und ist unveränderbar. Und das ist das Problem. Dann kommt man nicht darum herum, sich mit den Passagen auseinanderzusetzen, in denen von Gleichheit zwischen Männern und Frauen nicht die Rede ist. In denen Männer autorisiert werden, ihre Frauen zu züchtigen, wenn sie nicht gehorchen oder in denen die männlichen Erben deutlich bevorzugt werden."

Die Frage ist darüber hinaus, ob die - ob säkular oder religiös begründeten - Gleichheitsforderungen und Emanzipationsmodelle in islamischen Ländern überhaupt mehrheitsfähig sind. Sie konkurrieren nämlich mit islamistischen Geschlechtermodellen, die auf "Gleichwertigkeit" statt Gleichheit abzielen und die Rolle von Frauen vor allem im Haushalt sehen. Dass nicht nur Männer solchen Vorstellungen anhängen, erläutert Orientexperte Sebastian Sons am Beispiel Saudi-Arabien.

"Dass Frauen dafür da sind, im Haushalt die führende Rolle einzunehmen, die Kinder zu erziehen, eine gute Ehefrau zu sein - das ist das klassische Bild der Frau in Saudi-Arabien, was auch weitgehend akzeptiert ist. Allerdings heißt das auch, dass Frauen in dem Bereich über eine große Autonomie verfügen, eine große Unabhängigkeit. D.h., es gibt auch Frauen, die sagen, dass die Geschlechtertrennung eigentlich eine nachhaltige Emanzipation ist."

Und so bedeutet eine stärkere Partizipation von Frauen an öffentlichen Diskursen nicht automatisch das Vordringen liberaler, moderner Geschlechtermodelle. Vielmehr sind zwei Strömungen zu beobachten. Ebenso wie sich eine Frau in Saudi-Arabien beim Autofahren filmte und das Video bei Facebook postete - sie wurde übrigens zu 15 Peitschenhieben verurteilt und später begnadigt - gibt es auch Netzinitiativen gegen die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen. Zum Beispiel mit dem Titel "I will drive my house and not the housemaids" - zu Deutsch etwa: Ich will meinen Haushalt führen und nicht die Hausmädchen in der Gegend herumfahren.

" Also der modernen Frauenbewegung, die sich im Internet äußern, stehen gegenüber Frauen, die einem klassischen saudischen Geschlechterbild anhängen, die sich ebenfalls im Internet äußern, wo es zu Diskursen, zu Anfeindungen kommt. Und das hat es vorher nicht gegeben."

Es sind vor allem die unteren, ärmeren Schichten, die Frauenemanzipation für eine dekadente westliche Erfindung halten. Doch zunehmend nimmt auch bei den jüngeren gebildeteren Frauen die Akzeptanz religiöser Lebensmodelle zu. Da verschaffen sich Akteurinnen des islamistischen Spektrums Gehör, die die Überlegenheit des Mannes als gottgegeben hinnehmen, für die Etablierung der Scharia sind und strenge Kleiderordnungen propagieren. Tunesische Studentinnen forderten im Frühling 2012 Geschlechtertrennung in den Hörsälen und verlangten, ihre Prüfungen mit dem Gesichtsschleier ablegen zu dürfen. Und zehn Monate, nachdem vor allem Akademikerinnen in Malaysia einen "Polygamy Club" zur Förderung der Polygynie - also des Rechts der Männer, mehrere Frauen zu heiraten - gegründet hatten, etablierte sich in Indonesien ein "Club Gehorsamer Ehefrauen". Denn, so wie der Mann gehorsam gegen Gott sein müsse und gottgegebene Regeln - zum Beispiel der Polygynie - nicht brechen dürfe, sei die Frau zum Gehorsam gegenüber ihrem Ehemann verpflichtet.

"Ein großer Diskurs, selbst bei gebildeten Musliminnen ist die weibliche Emotionalität, die eine Frau daran hindert, Entscheidungsfunktionen zu übernehmen, weil - eine Frau lässt sich von ihrem Herzen leiten. Möchte man von so einem Wesen regiert werden? Nein, das kann kein Mensch verantworten."

So, wie der Ausgang der Arabellion nach wie vor unklar ist - ob sich zivilgesellschaftlich demokratische oder, wie es zurzeit aussieht, fundamentalistisch-autoritäre Kräfte durchsetzen werden - so unklar ist wohl auch, in welche Richtung sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen entwickeln wird. Klar scheint jedenfalls, dass unsere - westlichen - Vorstellungen und Hoffnungen von Geschlechtergerechtigkeit nicht eins zu eins auf die islamische Welt zu übertragen sind.

" Das ist die schmerzliche Erfahrung, zu verstehen, dass das, was wir unter Gerechtigkeit, unter einem guten Leben, unter einer guten Geschlechterordnung verstehen, dass das nicht von allen Menschen geteilt wird. Die Ideen westlicher Emanzipation, die berufstätige Frau, die Frau, die in Augenhöhe mit dem Mann kommuniziert, die Teilung von Hausarbeit und all diese schönen Dinge, die verstehen viele muslimische Frauen außerhalb Europas überhaupt nicht. Die haben ein konservatives Weltbild, in dem die Frau in erster Linie Hausfrau und Mutter und Ehefrau ist und erst wenn sie das alles erfüllt hat, dann kann eine Frau auch berufstätig sein."

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