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StartseiteSprechstundeGene treiben in die Sucht06.06.2006

Gene treiben in die Sucht

Die Ursache für Alkoholismus liegt auch im Erbgut

Wer etwas gegen den Alkohol-Misbrauch tun will, muss die Ursachen kennen. Deshalb beschäftigen sich auch Genetiker mit der Alkoholsucht. Beim diesjährigen Treffen der Human-Genom-Organisation HUGO in Helsinki war Alkoholismus eines der Hauptthemen. Vielleicht auch deshalb, weil das Problem in Finnland und in anderen nordeuropäischen Ländern besonders groß ist.

Von Michael Lange

Welchen Einfluss haben die Gene? (AP)
Welchen Einfluss haben die Gene? (AP)

Kinder von Alkoholikern werden besonders oft zur Adoption freigegeben. Manchmal schon kurz nach der Geburt. Obwohl die Jugendämter darauf achten, dass die Kinder nicht in ein alkohol-gefährdetes Umfeld kommen, ist die Alkoholiker-Quote der Adoptierten im Jugendalter oder im jungen Erwachsenenalter drei- bis vier Mal so hoch wie im Durchschnitt.

Die Erklärung der Wissenschaftler ist eindeutig: Die Kinder haben gefährdende Gene von ihren biologischen Eltern erhalten. Sie sind deshalb anfälliger als andere für die Sucht. Die Biologie ist manchmal stärker als der freie Wille – so erklärt es die Psychologin und Genetikerin Carroll Prescott von der Universität von Kalifornien in San Diego.

"Natürlich kann jeder zunächst selbst entscheiden, ob und wann er Alkohol trinkt. Aber es gibt von Anfang an biologische Einflüsse. Die Biologie entscheidet, wie viel der einzelne vertragen kann, was der Alkohol in seinem Körper anrichtet. Bei manchen Menschen aktiviert Alkohol das Belohnungssystem im Gehirn. Sie genießen das, während das gleiche Erlebnis andere eher abschreckt. "

Welche Gene verantwortlich sind für die Alkoholsucht, das haben Wissenschaftler bereits mehrfach im Tierversuch untersucht, meist an Ratten. Diese neigen wie wir Menschen zur Alkoholsucht.
Die Ergebnisse sind aber nicht direkt auf den Menschen übertragbar. Carroll Prescott hat sich deshalb mit Kollegen aus Dublin und Belfast zusammengetan, um direkt im Erbgut besonders betroffener Familien nach den Genen zu suchen.

"Wir haben eine Studie mit 591 Familien durchgeführt. Wir haben ihr Erbgut nach Signalen durchsucht, die gemeinsam mit der Alkoholsucht vererbt wurden. Das ist eine ganz klassische Methode, zum Auffinden von Genen. Sie ist immer dann erfolgreich, wenn man viele miteinander verwandte Versuchspersonen zur Verfügung hat. Und tatsächlich fanden wir eine verdächtige Region auf Chromosom vier. Kollegen konnten das in drei anderen Stichproben bestätigen. "

Mit dem Alkohol-Stoffwechsel haben die dort liegenden Gene anscheinend nichts zu tun. Sie sind eher allgemeine Suchtgene, so der Vermutung der Wissenschaftler. Die Gene führen dazu, dass die Betroffenen Stress-Situationen mit Suchtmitteln bekämpfen.
Es verwundert daher nicht, das die gleichen Stellen im Erbgut, die für Alkoholismus verantwortlich gemacht werden, auch bei Rauchern in die Abhängigkeit führen.

"Wenn man sich diese Gene anschaut, ist es offensichtlich das es Überlappungen gibt. Es gibt anscheinend Erbanlagen, die sowohl Abhängigkeit von Alkohol fördern, als auch die Nikotin-Abhängigkeit. "

Wichtig scheint vor allem die Rolle dieser Erbanlagen beim Entzug zu sein. Die Sucht-Gene erschweren das Aufhören und führen immer wieder zu Rückfällen.

Die Kenntnis dieser Erbanlagen könnte helfen, neue Medikamente zu entwickeln. Bei einem Entzug könnten sie gezielt die störenden Gene zum Schweigen bringen, hofft Carrol Prescott.

"Sobald wir die verschiedenen Vorgänge im Erbgut und im Gehirn kennen, die das Trinken zur Sucht machen, können wir nach Wirkstoffen suchen, die in das System eingreifen. Damit ließe sich der Ausstieg besser als heute unterstützen. "

Dafür, dass Nordeuropäer eher zum Alkoholismus neigen als Südeuropäer, haben Genetiker bislang übrigens keine Erklärung. Vielleicht ist hier doch das schlechte Wetter, der lange, dunkele Winter und die unterschiedliche Trinkkultur verantwortlich. Das Trinken bis zum Rausch hat im Norden Tradition, während man im Süden das einzelne Glas Wein oder Bier zur Mahlzeit bevorzugt.

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