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StartseiteForschung aktuellIst die klassische Einteilung in Arten noch haltbar?29.05.2017

GenforschungIst die klassische Einteilung in Arten noch haltbar?

Nach der gängigen Lehrmeinung vermischen sich Bärenarten nicht, also zum Beispiel Grizzly- und Polarbär. Doch langsam kommen Forschern Zweifel, vor allem Genetikern, denn: Eine Genomstudie im Fachblatt Scientific Reports enthüllt ungeahnte Vermischungen, die das biologische Artkonzept infrage stellen.

Von Michael Stang

Die Braunbärin "Luna" ist am 06.04.2016 in Neuschönau im Landkreis Freyung-Grafenau (Bayern) mit ihrem Nachwuchs zu sehen. (picture-alliance/ dpa/ Frank Bietau)
Braunbären als "Zwischenwirte"? (picture-alliance/ dpa/ Frank Bietau)
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Stammbäume sind in der Biologie in der Regel ein brauchbares Werkzeug, um Verwandtschaftsverhältnisse anschaulich darzustellen. Für Bären gab es bisher keine solche eindeutige Darstellung, weil sich anatomische und genetische Erkenntnisse bezüglich der Einteilung einzelner Arten widersprechen.

Axel Janke vom Senckenberg Forschungszentrum in Frankfurt wollte diesen Widerspruch auflösen und herausfinden, was eine Bärenart genetisch ausmacht und wie es um die Verwandtschaft dieser Tiere bestellt ist.

"Wir haben die Genome von allen Bärenarten sequenziert. Vom Eisbären und Braunbären gab es schon Genome. Und wir haben eben über Zooproben dann die Genome vom Kragenbären sequenziert, das ist ein asiatischer Schwarzbär, dann gibt es im asiatischen Bereich noch den Lippenbär und den Malaienbären. Den amerikanischen Schwarzbären haben wir sequenziert und den südamerikanischen Brillenbären." 

Genfluss zwischen Bärenarten entdeckt

Bei der Analyse der einzelnen Genome wurde der Wissenschaftler stutzig. Die Bären waren genetisch betrachtet weniger eigenständig als erwartet. Eine klare Abgrenzung zwischen den einzelnen Arten war nicht möglich: "Was wir gefunden haben ist, dass es sogenannten Genfluss zwischen den Bären gibt. Obwohl die verschiedene Arten sind, können die miteinander hybridisieren und Nachkommen bekommen." 

Die Bärenspezies sind genetisch weniger getrennt als erwartet. Ist die Vermischung von Arten - zumindest bei Bären - also doch kein seltenes Phänomen? "Was dann aber interessant war ist, dass wir einen Genfluss gefunden haben zwischen dem Eisbären und dem Malaienbären. Und der Eisbär lebt ja nun im Norden in der Arktis in einem recht begrenzten Gebiet und der Malaienbär in tropischen Gebieten. Und jetzt ist die Frage: Wie kann es Genfluss zwischen diesen zwei Arten geben, die geographisch so stark voneinander getrennt sind?" 

Dazu gibt es nur eine Antwort, so Axel Janke. Es muss einen Zwischenwirt geben, also einen Bären, der sich mit den anderen Arten verpaart und fruchtbaren Nachwuchs zeugen kann. Diese Mischlingsbären geben dann Erbgutsequenzen über große geographische Distanzen weiter.  "Und da kommt eigentlich nur der Braunbär infrage." 

Der Braunbär als Global Player

Der Braunbär kann vermutlich mit allen Bärenarten fruchtbaren Nachwuchs zeugen. Er ist also eine Art promiskuitiver Global Player, der seine Gene in alle Richtungen weltweit verbreitet hat. Dadurch haben es typische genetische Eisbärenmerkmale irgendwann in das Erbgut anderer Arten geschafft, bis in die Tropen.

Erstaunlich sei bei diesen Tieren auch, so Axel Jahnke, dass es sich nicht um eine genetische Sackgasse wie beim Maultier handelt, sondern die Mischlingsbären - der Nachwuchs von Eis-und Braunbär etwa - fruchtbar sind und sich ebenfalls fortpflanzen können. Damit könnte sich das biologische Artkonzept, das strikt die Spezies voneinander trennt, zumindest bei Bären überlebt haben. 

"Also, es gibt Dogmatiker natürlich, die sagen: Nein, die Art ist eben nur das, was reproduktiv voneinander getrennt ist. Das können wir im Zeitalter der Genomik, glaube ich, vergessen. Und nun ist die Frage: Was trennt die Arten dann noch?"  

Klassische Arteneinteilung noch stimmig?

Wenn sich alle Bären vermischen können, stellt sich die Frage, ob damit die klassische Einteilung der Arten noch haltbar ist. Unklar ist noch, warum es nicht zu einer vollständigen Vermischung kommt. Im vergangenen Jahr hatte Jankes Arbeitsgruppe bei Giraffen festgestellt, dass es vier Arten gibt, die sich aber nicht groß durchmischen, im Gegensatz zu den Bären.

Damit wird deutlich, dass das Konzept zur Beschreibung der Arten ein Werkzeug für Wissenschaftler ist, an das sich die Natur aber nicht zwangsläufig hält. Und die Erkenntnisse werfen die Frage auf, ob und welcher Artenschutz - im Sinne einer Trennung von Tierpopulationen - eigentlich sinnvoll ist.

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