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Genies unter Affen

Leipziger Primatenforscher untersuchen die Tierintelligenz

Von Martin Hubert

Einzelne Menschenaffen, hier ein Gorilla, können ausgesprochen intelligent sein.
Einzelne Menschenaffen, hier ein Gorilla, können ausgesprochen intelligent sein. (AP)

Kognitionsforschung. - Dass Tiere erstaunliche geistige Fähigkeiten besitzen, ist seit längerem bekannt. Vor allem Menschenaffen und Vögel könne Mengen abschätzen, komplizierte Werkzeuge bauen und zeigen sogar Ansätze kausalen Denkens. Allerdings wissen die Wissenschaftler bis heute nicht, wie gleichmäßig die Intelligenz unter den Tieren verteilt ist. Gibt es vielleicht sogar regelrechte Genies unter den Tieren, die in vielen Disziplinen zu Hochleistungen fähig sind? Ein Leipziger Forscherteam ist dem jetzt nachgegangen.

Vor einigen Jahren erlebten Forscher bei Sprachexperimenten mit Menschenaffen eine Überraschung. Als einer der Wissenschaftler vorschlug, das Licht anzumachen, sprang der junge Bonobo Kanzi zum Lichtschalter und knipste ihn an. Kanzi aber war gar nicht speziell trainiert worden. Weitere Tests belegten: der Affe hatte offenbar ganz nebenbei Anteile der menschlichen Sprache erlernt. Auch andere Beispiele zeigen, dass manche Menschenaffen Dinge viel besser beherrschen als ihre Artgenossen. Gibt es also regelrechte Genies unter diesen Tieren? Und sind sie vielleicht nicht nur auf einem bestimmten Gebiet wie der Sprache hochintelligent, sondern auch im Denken, der räumlichen Orientierung oder im Erinnern? Ein solches Intelligenzniveau, das sich einheitlich über verschiedenste Fähigkeiten hinweg erstreckt, bezeichnen Psychologen beim Menschen als "generelle Intelligenz". Sie wird in Intelligenztests regelmäßig gemessen. Ein Team um Josep Call vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat das nun erstmals auch bei Menschenaffen versucht:


"Wir haben eine ganze Reihe kognitiver Tests durchgeführt, um die geistigen Fähigkeiten von Menschenaffen zu untersuchen: Wie gut nutzen die Tiere zum Beispiel Werkzeuge? Wie gut können sie Quantitäten voneinander unterscheiden oder Schlüsse ziehen?"


23 Menschenaffen nahmen in Leipzig an den Tests teil: Schimpansen, Bonobos, Gorillas und Orang-Utans. Ihre Schlussfähigkeit wurde zum Beispiel in folgendem Experiment geprüft: die Tiere sahen zunächst, wie der Versuchsleiter in einen Container eine Banane und in einen anderen eine Traube legte. Dann beobachteten sie, wie er die Banane wegtrug, konnten dabei aber die Container nicht mehr sehen. Waren sie in der Lage, den Container zu bestimmen, in dem dann noch Futter liegen musste? Die Lernfähigkeit untersuchten die Forscher mit Experimenten, in denen die Tiere lernten, Farben, Formen oder die Größe von Objekten voneinander zu unterscheiden. Andere Tests bezogen sich zum Beispiel auf ihr Vermögen, sich räumlich zu orientieren. Die Ergebnisse der Leipziger Studie wurden zusätzlich mit ähnlichen Teste an 106 Schimpansen in einer afrikanischen Freiluftstation verglichen. Die Forscher berechneten zunächst, inwieweit jedes Einzeltier über alle Aufgaben hinweg ein gleich hohes Intelligenzniveau besaß. Call:

"Wir fanden keine generelle Intelligenz. Die Leistungen lagen bei den Einzeltieren nicht über alle gestellten Aufgaben hinweg auf gleichem Niveau. Wir fanden nur einzelne Bündel von Aufgaben, innerhalb derer das Leistungsniveau gleich hoch lag. Das traf besonders für alle Lernaufgaben zu und für alle Tests, in denen die Tiere Schlüsse ziehen mussten."

Ganz gleich also, ob es sich um Farben lernen, Formen lernen, um akustische oder um visuelle Denkaufgaben handelte – bei allen Aufgaben, die in irgendeiner Weise mit dem Lernen und mit dem Schließen zu tun hatten, wiesen die einzelne Tiere ein einheitliches Leistungsniveau auf. Wenn es aber darum ging, Werkzeuge zu gebrauchen oder Mengen einzuschätzen, war das Intelligenzniveau völlig unterschiedlich. Im nächsten Schritt berechneten die Forscher, ob sich einige Affen in den Leistungsspitzen von den anderen Tieren abhoben. Das Ergebnis fiel zwiespältig aus. Kein Tier hob sich in seinen Leistungen so gewaltig von allen anderen ab, dass man es als Genie bezeichnen konnte. Trotzdem waren nicht alle gleich.

"Wenn man sich die verschiedenen Aufgaben anschaut, findet man doch einige Individuen die konstant über verschiedene Aufgaben hinweg höhere Werte erzielen, während andere das nicht schaffen. Wir müssen also sagen, dass es klare individuelle Unterschiede gibt."


Die Leipziger Studie ist ein erster Anfang, um individuelle Intelligenzunterschiede bei Menschenaffen zu erforschen. Der Forschungsansatz könnte künftig näher beleuchten, inwieweit bestimmte Fähigkeiten den Menschenaffen insgesamt oder vielleicht doch nur bestimmten Einzeltieren zuzuschreiben sind. Außerdem wirft er die Frage auf, wodurch Intelligenzleistungen bei Menschenaffen bedingt sind. Sind die individuellen Unterschiede allein darauf zurückführen, dass bestimmte Kompetenzen unterschiedlich stark im Gehirn der Affen verankert sind? Oder kommt es auch darauf an, wie stark die Tiere persönlich motiviert sind, bei bestimmte Aufgaben ihre kognitiven Kompetenzen abzurufen? Josep Call jedenfalls meint, dass die Affenforscher solche Aspekte bisher viel zu wenig berücksichtigt hätten. Er plädiert daher dafür, die geistigen Fähigkeiten der Tiere künftig unter einer erweiterten Perspektive zu studieren.

"Die Persönlichkeit, die Motivation und die Kognition. Diese drei Größen müssen künftig gemeinsam betrachtet werden."

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