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StartseiteUmwelt und VerbraucherGenossenschaft gegen Investor16.06.2011

Genossenschaft gegen Investor

Kunden- und Mitarbeiterproteste beim Verkauf des Ökomodenherstellers Hessnatur

Seit 35 Jahren kann man in Butzbach, nördlich von Frankfurt am Main Ökotextilien bestellen, fair produziert und geeignet für Allergiker. Um die Jahrtausendwende wurde das Familienunternehmen an Neckermann verkauft, und später geriet es in den Strudel der Arcandor-KarstadtQuelle-Pleite. Nun soll Hessnatur erneut verkauft werden, um Geld in den KarstadtQuelle-Pensionsfonds zu spülen. Zurzeit gehört der Ökoversand zur Primondo-Gruppe, und die fasst als Käufer offenbar Finanzinvestoren ins Auge. Kunden und Mitarbeiter von Hessnatur wehren sich dagegen.

Von Anke Petermann

Weiche Mode, harte Verhandlungen (Stock.XCHNG / J. Andersen)
Weiche Mode, harte Verhandlungen (Stock.XCHNG / J. Andersen)

Seit 15 Jahren arbeitet Christine Müller bei Hessnatur, seit Jüngstem ist sie Mitglied der Genossenschaft, die den größten europäischen Ökomode-Versand übernehmen will. Im Bekanntenkreis verteilt sie Flugblätter mit der Aufschrift "Hessnatur retten" und dem Appell "Zeichnen Sie Genossenschaftsanteile". Viele seien begeistert von der Idee, dass eine Genossenschaft 300 Arbeitsplätze retten und fairen Handel erhalten könne. Zum Interview im Café auf dem Butzbacher Fachwerk-Marktplatz radelt Christine Müller nach der Arbeit in sportlich-lässiger Kleidung.

"Das ist eine Leinenhose, Hanfschuhe, ein Seidentop und darüber ein Seiden-Langarm-Shirt."

Alles von Hessnatur, zu fairen Löhnen genäht, garantiert ohne Chlorbleichmittel und chemische Ausrüstung hergestellt, verträglich auch für empfindlichste Haut. Das gute Gewissen verkauft Hessnatur als Nebenprodukt. Keinesfalls zu unterschätzen. Als Anfang des Jahres verlautete, der Finanzinvestor Carlyle mit seinen Rüstungsbeteiligungen wolle das Ökounternehmen erwerben, da sammelte Attac im Handumdrehen Tausende von Unterschriften: Kunden, die für diesen Fall den Kaufboykott androhten. Außerdem initiierte die globalisierungskritische Organisation die Genossenschaftsgründung. Mit der Hessnatur Genossenschaft trat David gegen Goliath Carlyle an. Der hat mittlerweile das Interesse verloren. Die Genossenschaft aber legte eine Turbo Entwicklung hin - vom Hirngespinst zum solventen Bieter. Anteile ab 250 Euro können die Genossen erwerben, so soll mittlerweile ein Millionenbetrag zusammengekommen sein. Genaue Zahlen verrät Walter Strasheim-Weitz nicht. Sein Ziel umreißt der Betriebsratschef und Genossenschafts-Vorstand so.

"Ich würde gerne das, was mehrere Tausend Genossen auch möchten, nämlich dass das Unternehmen Hessnatur, so schnell es geht, zu einer Hessnatur Genossenschaft wird, bzw. von ihr gekauft wird. Es ist tatsächlich etwas, was auf Hessnatur passt wie die Faust aufs Auge,"

Zur ideellen Klammer nämlich, die Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten des Ökoversand-Pioniers umfasse, in Stichworten:

"Sozial, fair, ökologisch Kleidung herzustellen und zu vertreiben. Das ist ein Muss. Ohne das geht es nicht. Ohne das wird auch kein Kunde auf die Idee kommen, weiterhin Hessnatur-Kleidung zu kaufen, und das ist eine ideelle Klammer, die verbindet alle Beteiligten."

Der Genossenschaftsvorstand hat im Verkaufsprozess eine Vertraulichkeitserklärung unterschrieben und darf deshalb keine Interna verraten. Dem Vernehmen nach beträgt der Kaufpreis für Hessnatur bis 30 Millionen Euro, der Verkauf soll zügiger als geplant schon bis Ende des Monats über die Bühne gehen. Unter den potenziellen Bietern sollen, so argwöhnt Attac, Strohfirmen sein, die Hessnatur letztlich doch in die Hände des Finanzinvestors Carlyle spielen wollen. Die Genossenschafter betonen aller Unkenrufe zum Trotz: Die Finanzierung steht - angeblich mit unerwartet starker Unterstützung von Banken und Genossenschaftsverband. Wir werden behandelt wie jeder andere potenzielle Käufer auch, so Walter Strasheim-Weitz:

"Und wenn wir auf die Idee kämen, nur zehn Prozent der entsprechenden Summer der andern zu bieten, dann wären wir draußen - also so eine Dummheit würden wir im Rahmen eines Bieterverfahrens nie begehen."

In der heißen Phase macht die globalisierungskritische Organisation Attac noch einmal öffentlichen Druck - an Tausenden von Genossenschaftern führe beim Verkauf von Hessnatur kein Weg mehr vorbei, ganz einfach weil die ökologisch und sozial denkende Kundschaft das verlange.

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