Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteDeutschland heuteAbgehängt von der medizinischen Versorgung12.09.2017

Genthin in Sachsen-AnhaltAbgehängt von der medizinischen Versorgung

Der Dominoeffekt scheint in Genthin nicht mehr aufzuhalten zu sein: Immer mehr lokale Institutionen wie Schulen und Postämter schließen, in wenigen Monaten auch das Krankenhaus. Die Stadt ist nicht attraktiv für junge Menschen. Das Durchschnittsalter liegt bei 50 Jahren, Tendenz steigend.

Von Christoph Richter

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Immer mehr Dienstleister verlassen Genthin. Anfang 2018 wird auch das Krankenhaus geschlossen (imago stock&people)
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Noch herrscht Betrieb im 35-Betten Krankenhaus in Genthin, einer 15.000 Einwohner-Stadt an der Bahnstrecke Berlin-Magdeburg.

Nächstes Jahr würde das rot-geklinkerte Krankenhaus, das sich in einer parkähnlichen Anlage befindet, den 150. Jahrestag der Gründung feiern. Doch dazu kommt es nicht mehr, denn die Johanniter schließen das Haus, das als Diabetes-Klinik anerkannt ist und moderne Diagnostik-Apparate wie einen Computertomografen besitzt.

"Gucken Sie sich an, wie weit die Patienten dann fahren müssen. Vor allen Dingen die alten Leute. Ich meine, die Renten sind ja auch nicht so berauschend, wenn man sich dann eine Taxe nehmen muss."

Um etwa ins nächste Krankenhaus im 40 Kilometer entfernten Stendal zu kommen. Andere werden 28 Kilometer fahren müssen, ins Krankenhaus nach Brandenburg an der Havel. (*) Es werde so mancher auf der Strecke bleiben, sagen die Angestellten. Aber auch Genthin wird hinten runterfallen. Es sei doch nur eine Frage der Zeit: Erst das Krankenhaus, dann das Gymnasium, die Schwimmhalle und Sparkasse, sagen die Leute hinter vorgehaltener Hand. Die Stadt stirbt, heißt es.

Mit dem Fahrrad ins Krankenhaus

"Natürlich. Das geht Stück für Stück." - "Unmöglich. Was haben wir denn noch in Genthin? Eine tote Stadt."

Zwei Damen am Marktplatz stöhnen, werden sarkastisch. Denn wer künftig die 40 Kilometer nach Stendal ins Krankenhaus fahren wolle, müsse einen höchst beschwerlichen Weg von eineinhalb bis zwei Stunden auf sich nehmen.

"Diese Kleinbahn, die früher nach Stendal fuhr, ist weg. Dafür haben wir jetzt einen Fahrradweg."

Fahrradweg statt Bahn, es klingt unglaublich. Klar, ab und zu fährt ein Bus, sagen sie noch. Das Aus des Krankenhauses ist das Gesprächsthema in Genthin, 60 Kilometer nordöstlich von Magdeburg.

Eine Million Verluste

Schnell kommen die Menschen auf die AfD zu sprechen. Man solle sich nicht wundern, wenn man aus Protest die Rechtspopulisten wählen würde. Was die machen wollen, weiß zwar keiner, die Menschen hoffen aber, so Gehör zu finden.

Seitens der Johanniter heißt es lediglich, das Krankenhaus sei zu teuer. Man würde eine Million Euro Verluste machen, weshalb man die Notbremse zieht. Eigentlich wollten die Johanniter das Krankenhaus Genthin erst Ende 2019 schließen, doch jetzt passiert es bereits Anfang kommenden Jahres:

"Ja, natürlich, da bricht im Stadtviertel was weg. Sei es der kleine Imbiss um die Ecke, sei es die Tasse Kaffee, die beim Bäcker getrunken wird. Das ist Kaufkraft, die man aber braucht, wenn man etwas wirtschaftlich betreiben will."

Sagt Thomas Barz. Er ist der Bürgermeister. Nennt sich selbst Krisenverwalter:

"Der Dominoeffekt ist nicht zu unterschätzen. Wir müssen einfach dazu übergehen, zu verstehen, dass der ländliche Raum lebenswert ist."

Krankenhäuser identitätsstiftend für die Attraktivität 

Barz spricht von profaner Gewinnmaximierung, die die Johanniter - der Krankenhaus-Betreiber - lediglich im Auge hätten. Ethische Gesichtspunkte kämen schlicht zu kurz. Die Enttäuschung bei Kommunalpolitiker Barz sitzt tief:

"Wär es mein Krankenhaus, bin ich überzeugt, dass man da mit aller Kraft finanziell versucht es zu halten."

Nach Ansicht von Regionalexperten sind Krankenhäuser, aber auch Grundschulen oder Tante Emma Läden höchst bedeutend zur Bevölkerungsstabilisierung. Identitätsstiftend für die Attraktivität von Kleinstädten und Dörfern, für junge Familien immens wichtig. Im Gegensatz kann das für Kommunen - die diese Einrichtungen nicht mehr besitzen - ein entscheidender Grund für den Niedergang sein.

Stadt wurde symbolisch begraben

"Für die entlegenen Regionen besteht dann die Gefahr, dass sich dann eine Abwärtsspirale auftut," sagen Sozialgeografen, wie Manuel Slupina vom Berlin-Institut. Ein Think-Tank, der sich mit Fragen regionaler und demografischer Veränderung beschäftigt.

"Also, dass mit dem Weggehen der Menschen, mit den schrumpfenden Einwohnerzahlen immer mehr Versorgungseinrichtungen schließen. Dass die Attraktivität damit weiter abnimmt. Und die kaum noch Möglichkeiten haben, neue Zuzügler zu gewinnen."

Bürgermeister Barz nickt. Der Experte spricht ihm aus der Seele:

"Vielleicht wäre es sogar so gewesen, wenn die Stadt Genthin in einer vernünftigen finanziellen Situation gewesen wäre. Klammer auf, was nicht im Ansatz der Fall ist, Klammer zu."


(*) In dem Beitrag ist ein inhaltlicher Fehler korrigiert worden: Die Entfernung von Genthin nach Brandenburg an der Havel beträgt 28 Kilometer. 

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