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StartseiteKalenderblattGentleman mit Aura der Einsamkeit17.12.2010

Gentleman mit Aura der Einsamkeit

Schauspieler Armin Müller-Stahl wird heute 80

Zu seinem 80. Geburtstag hat sich Armin Müller-Stahl 80 seine erste Gesangs-CD geschenkt - mit Liedern, die um die 45 Jahre alt sind. Sie sind noch entstanden, als er in der DDR lebte - manche von ihnen waren durchaus politisch gemeint, andere handelten ganz unverfänglich von der Liebe.

Von Ruth Fühner

Der Schauspieler Armin Müller-Stahl singt, spielt Geige und malt. (AP Archiv)
Der Schauspieler Armin Müller-Stahl singt, spielt Geige und malt. (AP Archiv)

Ja, singen kann er auch. Außerdem hat er mal konzertreif Geige gespielt, seine Bilder werden in Ausstellungen gezeigt, und eine Reihe von Romanen und Erzählungen geht auch auf sein Konto. Aber vor allem ist Armin Müller-Stahl ein Leinwandstar, einer der wenigen Deutschen, die es bis nach Hollywood geschafft haben.

"Neulich ist mir aufgefallen, das erste Mal, in einem Flugzeug sitze ich, und da gab's die deutschen Stewardessen und einen amerikanischen, und da wollte der Amerikaner das Autogramm haben und nicht die Deutschen - da dachte ich: aha, es switcht."

Geboren wurde Armin Müller-Stahl am 17. Dezember 1930 in Tilsit, seine Karriere begann in der DDR. Dort war er mit seinen glitzernden, "stahl"-blauen Augen unumstrittener Publikumsliebling, abonniert auf die Rolle des jugendlichen Helden. Eine Art Ost-James-Bond, der politisch allerdings zunehmend auf Distanz ging und schließlich den Aufruf gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns unterschrieb. Von da an wurde er boykottiert - und siedelte 1980 in die Bundesrepublik über.

"Ich wollte fliegen -das war's weg!"

Im Westen ging der "Höhenflug" des Armin Müller-Stahl bruchlos weiter. Vor allem die Autorenfilmer reizten ihn, er drehte mit Volker Schlöndorff und Alexander Kluge - und in Rainer Werner Fassbinders "Lola" spielte er einen naiven Baudezernenten, der gegen eine korrupte Stadtverwaltung antritt und mit seinem Herzen auch seine Würde verliert:

"Sie werden sich lächerlich machen!"
"Ich mich? Die Spielregeln werde ich lächerlich machen, das ganze verlogene System"

Auch Fernsehangebote gab es nicht zu knapp - den Dr. Brinkmann in der "Schwarzwaldklinik" sollte er spielen oder den Kriminalkommissar in der Serie "Der Alte". Müller Stahl lehnte ab:

"Ich bin ja schon mein Leben lang ich selbst - da will ich nicht noch in meinem Beruf unentwegt ein und dieselbe Figur sein. Also ich will schon ein bisschen Wechsel."

Deshalb dann auch, Ende der 80er-Jahre, der Schritt nach Amerika. Damals war Müller-Stahl knapp 60 und musste bei den Dreharbeiten zu Barry Levinsons "Avalon" nochmal ganz von vorne anfangen.

"Das war kein Pappenstiel, das Herz hat schon geschlagen. Und dann spielte ich plötzlich den Chef einer jüdischen Familie, fast ohne Englisch, als Deutscher, Nichtjude, stand ich vor den ganzen jüdischen Kollegen dort, die mich sehr kritisch erstmal betrachteten, und ich weiß, dass der Lou Jacoby zum Beispiel - die ersten Tage, wenn wir durch die Türe gingen, dann machte er die Tür auf und ging immer ganz dicht vor mir als Erster durch. Und dann spielten wir eine Szene, die sehr professionell war, und das muss ihn so überzeugt haben, da ging er zur Türe, machte sie auf und sagt: you're first."

Auch in der Folge fielen ihm vor allem Rollen zu, die mit dem alten Europa verknüpft waren. In einem seiner wichtigsten Filme, "Music Box" von Costa Gavras, spielt Müller-Stahl einen ungarischen Einwanderer, dem vorgeworfen wird, während des Krieges Juden ermordet zu haben:

"Ich bin es nicht. Ich habe es nicht getan, nein, ich bin es nicht. Ich habe ihm das nicht angetan, ich bin keine Bestie. Ich bin dein Vater. Ich bin es nicht. Ich bin es nicht."
"Komm, wir sind ja bei dir."
"Ich bin es nicht."

Ob er Faschisten spielte oder Opfer des Nationalsozialismus, Vergewaltiger oder Majestäten, den Konsul Buddenbrook im Kino oder Thomas Mann persönlich in Heinrich Breloers legendärer Fernsehserie - es waren meist ernste, schwergewichtigen Rollen, denen Müller-Stahl mit seiner Gentlemanstatur Gestalt verlieh, und immer umgab ihn dabei die melancholische Aura der Einsamkeit. Dabei kann er - davon zeugen die verschmitzten Fältchen um die Augen - auch ganz anders. Rollen wie den ostdeutschen Taxifahrer in New York, diesen radebrechenden Ex-Clown in Jim Jarmuschs Episoden-Film "Night on Earth", solche Rollen hätte er sich häufiger gewünscht:

""Die Rollen, die kann ich auch am besten spielen, die Tragikomiker - viel zu wenig gespielt."

Inzwischen hat der zweimal für den Oscar Nominierte in den USA viele Filme gedreht, die hierzulande nie ins Kino kamen. Dafür wird er in Deutschland immer mehr auch als Schriftsteller und Maler wahrgenommen. Filme machen will er - falls ihn die Rolle reizt - bis an sein Lebensende. Was ihn antreibt?

"Ich glaube, es ist der Wunsch bei mir, in der Literatur, in der Malerei, in allen Künsten, dem Geheimnis auf der Spur zu sein. Und der Wunsch ist immer, auch ein bisschen über den Tellerrand des Lebens hinauszuschauen, also: grenzüberschreitend zu sein."

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