Freitag, 24.11.2017
StartseiteBüchermarktEin melancholischer Clown in finsteren Zeiten25.03.2014

George TaboriEin melancholischer Clown in finsteren Zeiten

Ungarischer Jude, englischer Staatsbürger, Regisseur in Wien, Berlin und anderswo: George Tabori war ein Reisender durch das katastrophische 20. Jahrhundert. 2007 starb der große Theatermann mit 93 Jahren. Nun sind seine Jugenderinnerungen "Autodafé/Exodus" neu aufgelegt worden.

Von Roland H. Wiegenstein

George Tabori am 15. Juni 2004 in Wien.  (picture-alliance/ dpa / Roland Schlager)
Der Theatermacher George Tabori erzählt in "Autodafé/Exodus" aus seiner Jugend. (picture-alliance/ dpa / Roland Schlager)
Weiterführende Information

George Tabori zum 100. Geburtstag: Erste Nacht letzte Nacht (Deutschlandfunk, Hörspiel, 19.04.2014)

Autodafé: Erinnerungen (Deutschlandfunk, Büchermarkt, 22.03.2002)

So hat George Tabori auf der Bühne gesessen, ganz an der Seite im Halbschatten auf einem großen Ohrensessel, den Gehstock zwischen den Beinen – und sah zu, was seine Schauspieler unter den Scheinwerfern trieben, aufmerksam unter halb geschlossen Lidern; so habe ich ihn – Mitte des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts - gesehen, als er Lessings Jugendstück "Die Juden" inszenierte, was sich kaum jemand vor ihm getraut hatte, weil es schon des uralten, ach so weltlichen Rabbi Tabori bedurfte, um die uneingelöste rationale Humanität des Dichters ins Bühnenlicht zu ziehen.

Bei der Trauerfeier des im Juli 2007 im Alter von 93 Jahren Verstorbenen, des ungarischen Juden, englischen Staatsbürgers, Regisseurs in Wien, Berlin und anderwärts, stand der Sessel wieder da: Nun leer, nur sein Schal und sein Stock zeugten noch davon, dass er da gewesen war, auf der Bühne des Berliner Ensembles, dem letzten Ort seiner ahasverischen Reise durch die Verfolgungen des Jahrhunderts der Katastrophen: "Ein Fremdling in einer Welt, die ich nicht gemacht hatte."

So steht es in "Autodafé", den Erinnerungen, die 2002 veröffentlicht wurden, fragmentarischen Episoden aus seiner Jugend, als eines in einem Lachanfall seiner Mutter zur Welt gekommenen Babies, das beinah an seiner Nabelschnur erstickt wäre, eines Gymnasiasten aus guter Familie, eines jungen Kellners in Berlin, eines, der, zurückgekehrt nach Budapest, zu schreiben begann:

"Als der Reichstag brannte, war es Zeit zu verschwinden. Die Kretschmars halfen mir packen und brachten mich zum Bahnhof. Kurz vor der Ankunft stand ich im Gang und sog den Geruch dessen ein, was man Vaterland nennt. Der Zug bremste plötzlich, und ich wurde durch den Gang geschleudert. Ein Hosenbein war gerissen, das Bein blutete. "Was ist passiert?", rief meine Mutter. Ich humpelte zwischen ihnen dorthin, was man Zuhause nennt. Doch sie rochen fremd. "Es ist Tomatensuppe für dich da", sagte meine Mutter. "Dann nimmst du ein Bad". Jetzt weiß ich, das war der Anfang einer langen Reise durch die Nacht."

"Sechzig Jahre später besuchte ich Auschwitz, suchte nach einem Zeichen, das er mir zurückgelassen hatte. Ohne viel Hoffnung. Die Toten waren in Rauch aufgegangen, das Leid der Lebenden kümmert sie nicht, vor langer Zeit war er heruntergeschwebt, wurde zu Staub, mischte sich mit anderem Staub, und ich suchte ihn, außerdem ist es seine Geschichte, nicht meine. ( ... ) Ich hob einen Stein auf, wo ist er, ich hielt den Stein in der Hand, versuchte, seine Gegenwart zu spüren, um sonst, ich steckte ihn in die Tasche, ein Souvenir, ( ... ) Mahnmale sind für die Lebenden. Die Toten kümmern sie nicht, er schwebte hinab in die Grasbüschel zwischen den Eisenbahnschienen, auf denen ich ohne Erleichterung zurück zum Hotel ging. Der polnische Portier wünschte mir höflich eine angenehme Nacht."

In dieser Nacht erst kamen die, die in Rauch aufgegangen sind, zu ihm: im Traum. Auf dem Rückflug erbrach er sich, "schreiend wie ein verwundeter Esel". Er hatte mit eigenen Augen gesehen, was er selbst einmal als den "kürzesten Witz" bezeichnet hat: AUSCH-WITZ.

Danach war diese Lebensgeschichte, die er störrisch und leichtsinnig begonnen hatte, war er doch immer davongekommen, nicht mehr fortzusetzen, mochten ihn auch seine Freunde darum bitten. Nur seiner langjährigen Freundin, der Verlegerin und Agentin Maria Sommer, ist es noch gelungen, dem über neunzigjährigen Kranken einiges abzuluchsen, Situationen, Geschichten, Fortgänge, nichts Systematisches (das war freilich "Autodafé" schon nicht gewesen). Als "Exodus" hat Maria Sommer diese Texte nun veröffentlicht. Diese Fluchten hat er nicht mehr selbst aufgeschrieben, sie wurden ihm abgehört, auf Deutsch, der Sprache seiner Umgebung, seiner Arbeit. Geschrieben hatte Tabori immer Englisch, in seiner Kindheit hatte er Ungarisch und Deutsch gesprochen. Das erste hatte der alte Mann fast vergessen, das Zweite sprach er wie eine gelernte (auf der Straße, aus Büchern gelernte) Fremdsprache. Was ihn nicht daran hinderte, auf der Bühne pfleglich damit umzugehen.

"Exodus" also. In London erlebte er den Kriegsausbruch bei seinem Bruder Paul. Komische Genrebilder vom Besuch beim englischen Hochadel, die Furcht vor einem Gasangriff. Tabori beschließt, nach Ungarn zurückzugehen, der Liebe zu einer Klara T. wegen. Klara war Schauspielerin. Ihretwegen duellierte er sich, bekam einen Säbelhieb ab, lief seinem Gegner bis ins Damenklo nach:

"und sah mich im Spiegel. Die Absurdität des Moments war überwältigend. Ich warf meinen Säbel weg, beugte mich zu ihm hinunter, zog ihn hoch, er lachte, ich lachte, ich umarmte ihn, er mich, es war ein schlechter Witz, nicht wahr, ich fühle noch heute, siebzig Jahre später, seinen Arm an meinem. Zwei Jahre danach war er schon in Buchenwald, und nicht lange, da spuckte er seine entzündete Lunge mit seinem begabten Leben aus und starb an meiner Stelle."

Es sind solche Begebenheiten, die er noch einmal erzählen wollte, komische, satirische: Witze eben, auch blutige. Die der Vater gewusst hat, der Ungarn nicht  rechtzeitig verlassen konnte:

"Die Juden sind die ewige Minderheit, es ist einfach, uns zu hassen. ( ... ) Eines Tages, bald, ich sage sehr bald, werden wir alle verrecken, die jüdische Kehle ist schnell durchgeschnitten. Darum habe ich mit meinem Freund Pethö, dem Redakteur des 'Magyar Nemzet' gesprochen und da könntest du Auslandskorrespondent in Sofia werden. ( ... ) Ich habe mich nie bedankt für den lebensrettenden Vorschlag. Söhne sind Schurken."

So lebte Tabori 1940 in der Windstille Bulgariens, floh weiter nach Istanbul, nach Jerusalem, immer im letzten Moment:

"Die Zeit verging, es war trotz des Krieges sehr angenehm, wir sind ins Schwimmbad gegangen. Ich habe schon oft eingestanden, dass meine Kriegsjahre in Sofia, später in Istanbul, dann in Jerusalem die schönsten und aufregendsten meiner Jugend waren. Und dabei war Krieg und was mit meinen Eltern passierte und meinen Verwandten, das ist eine andere Geschichte -, aber dieser Widerspruch, den ich erst später wahrgenommen habe, hat mein Leben bestimmt."

Aus diesen Jahren hat er groteske und manchmal gefährliche Situationen noch in seine alte Erinnerung gelassen, seine Beziehungen zu Geheimdiensten, seine nutzlose Arbeit für die BBC, als er bei den Engländern in Jerusalem zum First Lieutenant George Turner wurde, seinen ersten Roman schrieb und seine erste Frau heiratete. Insgesamt sind es dann vier Ehefrauen geworden. Für ein so langes Leben nicht viele, pflegte er zu sagen.

Von Jerusalem weiter nach Kairo. Von dort weiter nach England, für 20 Jahre nach Amerika und zurück nach Europa, nach Wien und Berlin.

Aber das steht nicht mehr in "Exodus", der ist Fragment geblieben, reicht nur bis Jerusalem. Am Ende war er fast angekommen, nach dreißig eigenen Stücken, noch mehr Inszenierungen. Der weise, komische, witzige George Tabori.

George Tabori: "Autodafé/Exodus"Wagenbach Verlag, Berlin 2014 , 156 Seiten, 19,90 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk