Donnerstag, 22.02.2018
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteBüchermarktTräumen, um zu schreiben12.07.2017

Georges Perec: "Die dunkle Kammer"Träumen, um zu schreiben

Georges Perec war einer der großen französischen Nachkriegsautoren - in Deutschland wurde er bislang vernachlässigt. Jetzt erscheint sein Buch "Die dunkle Kammer" erstmals auf Deutsch. Ein Gespräch mit Übersetzer Jürgen Ritte über die Träume des Schriftstellers, die er darin notiert hat.

Jürgen Ritte im Gespräch mit Dina Netz

Der französische Schriftsteller Georges Perec (1936-1982) (AFP)
Auf der Suche nach dem verlorenen Ich: Der französische Schriftsteller Georges Perec (1936-1982) (AFP)
Mehr zum Thema

Georges Perec: "Geboren 1936" Schriftsteller und Sonderling

Eugen Helmlé und Georges Perec Ein Briefwechsel als literaturgeschichtliches Ereignis

Georges Perec Von der Kunst des Aufzählens

Dina Netz: Georges Perec war einer der vielseitigsten und quirligsten Köpfe der französischen Nachkriegsliteratur, Mitglied in der Gruppe "Oulipo" um Raymond Queneau, die sich nichts Geringeres als die Erneuerung der Sprache vorgenommen hatte, und zwar irritierenderweise, indem man ihr Zwänge auferlegte. Perec hat einen der "Oulipo"-konstituierenden Romane geschrieben, "La Disparition", auf Deutsch "Anton Voyls Fortgang", in dem der Buchstabe "e" nicht auftauchen durfte. In seinem Hauptwerk "Das Leben Gebrauchsanweisung" von 1978 beschrieb er einer Schach-Regel folgend die Geschichten von Bewohnern eines Hauses.

1982 starb Georges Perec, und erst jetzt ist ein Text von ihm erstmals auf Deutsch zu lesen. In "Die dunkle Kammer" von 1973 hat er 124 eigene Träume notiert. Jürgen Ritte hat das Buch übersetzt und mit einem Nachwort versehen. Herr Ritte, warum hat sich so ein ehrgeiziger, sich selbst strenge Regeln auferlegender Autor wie Georges Perec nun hingesetzt und ausgerechnet so etwas Weltabgewandtes und Unkontrollierbares wie seine Träume aufgeschrieben? 

Jürgen Ritte: Das ist die unangenehme Frage für alle Perecologen und Perec-Kenner, denn da tut er etwas, was eigentlich verboten war. Raymond Queneau, den Sie eben erwähnt haben, hat ja gesagt, "Oulipo", das ist der Antizufall, das hat nichts mit Traumdiktaten zu tun, das ist das kontrollierte Schreiben unter Regeln. Und dann also ausgerechnet Traumprotokolle zu publizieren, das wirkt fast schon wie ein Sakrileg, und deswegen haben nicht viele Wissenschaftler und Doktoranden über dieses Buch geschrieben, obwohl über Perec schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben sind, und deswegen sind immer alle etwas unangenehm berührt, weil man sagt: Was soll das?

Ein Leben nach Listen

Wenn man sich das genauer anschaut, sieht man, dass das ein Aspekt ist von einem größeren Unternehmen Perecs, der ja bekannt dafür war, dass er Listen aufstellte und sein ganzes Leben nach Listen geradezu organisierte. Er hatte ein Projekt, an dem er zwölf Pariser Orte, die für ihn biografisch wichtig waren, in regelmäßigen Abständen aufsuchte und dann beschrieb, was dort passierte, und im zweiten Durchgang beschrieb, woran ihn diese Orte erinnerten. Er hat Listen gemacht über das, was er innerhalb eines Jahres alles gegessen hat. Er hat Listen gemacht über das, was man mit seinem Namenskürzel alles treiben kann. Er hat Ratschläge gegeben, wie man seine Bibliothek idealerweise ordnet, indem man niemals über 364 Bücher hinausgeht und so weiter und so fort.

Also, es ist zum Teil humoristisch, es ist zum Teil aber auch sehr ernst oder etwas ernster wie beispielsweise in "Ich erinnere mich", was auch nicht auf Deutsch vorliegt, weil es doch sehr französisch ist. Das sind 480 Notate, die sagen, "ich erinnere mich an …", kollektive Gedächtnisfetzen, die die französische Alltagswirklichkeit betreffen für Leute, die in den 30er-, 40er, 50er-, vielleicht noch in den 60er-Jahren geboren sind.

Das Puzzle der Persönlichkeit

So ist also auch dieses Traumbuch Teil dieses großen Projekts, aufzulisten, zu erfassen, niederzuschreiben, was das Puzzle der eigenen Persönlichkeit ausmacht. Was sind wir, was bin ich, woraus bin ich gemacht? Ich bin die Verknotung von vielem, von Einflüssen, aber eben auch von dem, was ich träume.

Netz: Es gibt ja auch ein Register – davon war Perec geradezu besessen –, also bricht das Buch doch nicht so ganz raus aus seinem Werk. Was sind das jetzt für Träume? Er träumt Trauriges, Bedrohliches, man spürt eine große unerfüllte Sehnsucht nach Nähe. So richtig schöne Träume sind eigentlich selten. Was für ein Bild vom Innenleben Georges Perecs bekommen wir denn durch dieses Buch?

Ein gemarterter Mensch

Ritte: Das Innenleben Perecs zeigt sich in diesen Träumen doch eher als ein zerrissenes, und nun entstehen diese Träume und entsteht dieses Buch tatsächlich in einer Art Übergangsphase, wie es seine Biografen immer festhalten – Beziehungskrisen und so weiter –, aber Perec ist eben auch – und das verbirgt sich hinter dieser sehr witzigen und sehr quirligen Gestalt, die er ja war im französischen Literaturbetrieb –, er ist eben auch eine sehr gemarterte Persönlichkeit gewesen. Man darf nie vergessen, dass er seinen Vater im Alter von vier Jahren verloren hat auf den Schlachtfeldern, und seine Mutter ist deportiert worden, da war er sechs. Er ist also als Vollwaise großgeworden, und das zu verarbeiten, dabei spielte beispielsweise auch sein Erinnerungsbuch eine Rolle.

Er hat sich eine kollektive Erinnerung sozusagen erschrieben, weil die individuelle, die Familienerinnerung einfach wegfällt, und das ist für ihn wirklich ein großes Problem gewesen. Und diese Träume behandeln eben auch solche Ängste. Sie kommen immer wieder vor, die Grundierung Auschwitz ist in vielen Träumen ganz vordergründig, anderes spielt mehr in der Gegenwart. Dann sind es Trennungsängste, die auftauchen.

Die Rolle der Träume

Aber es kommen auch ganz kuriose Szenen vor. Man sieht, dass er aus diesen Szenen später Texte machen wird. Das ist auch ganz interessant, er träumt sozusagen produktiv. Es sind Träume, die sich mit dem Werk vermischen. Jetzt ist bei Perec natürlich alles immer etwas listig miteinander, ineinander verwoben. Er schreibt ja selbst in diesem kurzen Vorwort, er habe diese Träume viel zu oft geträumt und er habe sie viel zu sehr geschrieben und verschriftlicht und habe am Ende eigentlich nur noch geträumt, um zu schreiben. Das heißt, ist dieser Traum wirklich noch Traum oder ist es ein Traum, der schon wieder so durch die Schrift zu einem Text gemacht worden ist, dass man den Traum nicht mehr wiedererkennt, also dass man tatsächlich schon den Weg zum Werk im Traum erkennt?

Das hört sich jetzt etwas kompliziert an, aber wenn man diese Texte liest und Perec ein wenig kennt, dann wird man immer wieder an Stellen kommen - ah, Donnerwetter, das ist ja genauso wie in diesem Buch, das ist ja genauso wie in jenem Buch. Vieles, was er später verarbeiten wird, hat in Träumen seinen Ursprung.

Perecs Leitsatz: "Man rettet sich manchmal, indem man spielt"

Netz: Nennen Sie uns ein Beispiel, Herr Ritte. Ich glaube, Sie haben "Die Denunziation", eins von diesen Traumnotaten, ausgewählt. Warum dieses?

Ritte: Weil es eben diese Grundierung wiedergibt. "Die Denunziation" verweist zurück in den Kontext der Besatzung Paris durch die Deutschen. Es geht darum, dass er und sein Vater denunziert worden sind, und nun fliehen sie durch Paris und versuchen, in irgendeiner Weise vielleicht doch noch auszubrechen aus der Kolonne derer, die abtransportiert werden, die durch Paris geführt werden, und damit endet dieses Traumbuch. Das ist der 124. Traum, und damit schließt sich ein Kreis, denn der erste Traum war auch schon ein Auschwitztraum, ein Traum im Traum, ganz kompliziert gemacht, aber der den ganz entscheidenden Satz am Ende enthält, wo er sagt: "Ich erinnere mich an ein Lager, und da gibt es ein Orchester, und das spielt, und die sagen dann, man rettet sich manchmal, indem man spielt." Und dieser Satz – man rettet sich manchmal, indem man spielt –, das ist der Satz, der eigentlich über dem ganzen Werk von Perec stehen könnte. Hier steht er über dem Traumbuch, das eben mit einem solchen Traum beginnt und auch mit einem solchen Traum endet. Diese Rahmung ist nicht zufällig.

Netz: Dann hören wir dieses kleine Traumnotat.

Die Denunziation. 1941. Der Stoffhändler hatte noch eine Schuldforderung an meinen Vater und beschloss ihn, und gleichzeitig mit meinem Vater auch seinen eigenen Sohn oder nur einen einfachen Angestellten, der sich als Austräger von Untergrundzeitungen entpuppt hatte, bei der SS zu denunzieren. Es ist alles viel verworrener als das, aber das ist es. Die SS kommt und verhaftet uns. Sie tragen schwarze Uniformen und sehr eng anliegende, kugelförmige, maskenartige Helme. Sie schicken sich an, auch den Chef zu verhaften, aber dieser hebt meinen Kopf und zeigt auf mich, indem er auf die kleine Narbe deutet, die ich unter dem Kinn habe. Ich weiß, was uns erwartet. Ich habe keinerlei Hoffnung. Je schneller es zu Ende ist, desto besser, es sei denn, ein Wunder … Eines Tages Überleben lernen? Am Ende einer langen Schiffsreise erreichen wir das Lager. Unserer Kerkermeister, Folterknechte mit degenerierten Visagen, fahle Fressen, rotgesichtige, grausame Typen, Idioten, alle mit lächerlichen Titeln ausstaffiert, Leiter der Desinfektionsabteilung für … für Würmer? Attaché des Konservators, der … der Konservenfertigung? Bald rahmen Blumenranken, Zierleisten, Vignetten ihre Fressen. Das Ganze wird zu einem Album, in dem ich blättere. Ein Erinnerungsalbum, hübsch wir ein Programmheft im Theater, hinten mit einer Seite Reklame. (Zitat)

Netz: "Die Denunziation" aus der "Dunklen Kammer" von Georges Perec. Herr Ritte, welchen Platz nimmt denn diese "Dunkle Kammer" jetzt in Perecs Werk ein? Sie haben schon gesagt, er war so in einer Umbruchphase, in einer Übergangsphase, er war schon bekannt, aber noch nicht so berühmt wie nach seinem Durchbruch mit "Das Leben Gebrauchsanweisung" Ende der 70er. Also welchen Platz nimmt jetzt dieses kleine Buch ein?

Rekonstruktionsversuche der eigenen Persönlichkeit

Ritte: Ich würde es in der Tat als Übergangsbuch bezeichnen, als Übergangsbuch in der Biografie Perecs. Er ist zuvor noch der Autor der eher "soziologische Romane" – in Anführungsstrichen – schreibt, also "Die Dinge", oder "Ein Mann, der schläft", und danach geht er über zu "La Disparition". Das wird geschrieben zur Zeit dieses Traumbuchs 1968, erscheint dann 1969, und das ist das Eintrittsbillett in "Oulipo". Das ist es zum einen.

Zum anderen tut er etwas, was er sich im Grunde genommen anderswo verboten hat: über sich reden. Er hat nur über sich geredet in Form von Listen. Das heißt, er hat sich selbst nur verstanden als etwas Zusammengesetztes, etwas Zusammengepuzzeltes. Das Puzzle ist eine ganz entscheidende Metapher für sein Werk, und dazu gehören dann eben auch die Träume, nicht nur die Erinnerungen, nicht nur die kollektiven Erinnerungen, nicht nur die wenigen privaten Erinnerungen. Sein privates Erinnerungsbuch "W ou le souvenir d'enfance", "W oder die Kindheitserinnerung", beginnt ja mit dem symptomatischen Satz "Ich habe keine Kindheitserinnerung". Das sind alles also Rekonstruktionsversuche einer eigenen Persönlichkeit, dessen, was Persönlichkeit ausmachen könnte. Insofern ist es ein wichtiges Buch.

In der Welt gefeiert, in Deutschland vernachlässigt

Netz: Wie kann es denn überhaupt sein, dass heute, 35 Jahre nach dem Tod des Autors, ein Text von Perec zum ersten Mal auf Deutsch vorliegt?

Ritte: Das liegt daran, dass die deutsche Kritik Perec nun nicht gerade mit offenen Armen empfangen hat, was eines der Kuriosa der deutschen Literaturkritik ist. Sie können von Bulgarien bis Tokyo, von Buenos Aires bis Lappland fahren – überall finden Kongresse zu Perec statt und überall ist er bestens übersetzt in großen Verlagen. Das ist in Deutschland immer ein Problem gewesen. Offenbar haben die deutschen Literaturkritiker und vielleicht auch die deutschen Leser ein Problem mit einem Autor, der so sensible Themen wie die eben angesprochenen, auf eine Art und Weise behandelt, die rhetorisch ist und meint, dass das die einzige Art und Weise ist, diesen Themen nahe zu kommen.

Und nun kommt dieses Problem hinzu, dass die Perequianer selbst, oder alle die, die Perec hochhalten, mit diesem Buch immer sehr wenig anfangen konnten, weil es eben eines ist, das nicht nach "Oulipo"-Regeln geschrieben ist und weil es dazu noch eines ist, das sich in Bereiche vorwagt, die von "Oulipo" eigentlich immer ausgeschlossen worden sind, eben der Traum, die Nachtseite, das Nichtkontrollierte durch das Bewusstsein, durch das mathematische Kalkül und so weiter. Das hat es diesem Buch doppelt schwer gemacht, übersetzt zu werden. Auch eine amerikanische Übersetzung - und in Amerika ist Perec immer präsent gewesen, von Anfang an, in England auch, wie im ganzen angelsächsischen Sprachraum -, eine amerikanische Übersetzung ist auch erst vor zwei Jahren erschienen. Daran kann man sehen, wie problematisch dieses Buch offenbar war, aber man sieht daran auch, wie besonders dieses Buch ist und weswegen man ihm viele Leser wünschen kann.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Georges Perec: "Die dunkle Kammer – 124 Träume"
Roman. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Jürgen Ritte. Diaphanes Verlag, 256 Seiten. 24 Euro.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk