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StartseiteInterview"Gerade auch bei uns gab es eine Kultur des Wegschauens"01.04.2010

"Gerade auch bei uns gab es eine Kultur des Wegschauens"

Generalsekretär der Bischofskonferenz verteidigt Bischof Walter Mixa

Im Zuge der Missbrauchsdebatte sind nun auch Vorwürfe gegen den Augsburger Bischhof Walter Mixa erhoben worden: In den 70er- und 80er-Jahren, so berichtete die Süddeutsche Zeitung, sollen mehrere Personen von ihm misshandelt worden sein. Der ließ das bereits dementieren. Hans Langendörfer, Generalsekretär der Deutschen Bischhofskonferenz, sagt, er glaube Mixa.

Hans Langendörfer im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Mehrere Personen belasten nun auch den Augsburger Bischof Walter Mixa.   (AP)
Mehrere Personen belasten nun auch den Augsburger Bischof Walter Mixa. (AP)

Dirk-Oliver Heckmann: Seit Wochen kommt die katholische Kirche nicht aus den Schlagzeilen. Wöchentlich, fast täglich erreichen uns neue Nachrichten von Fällen sexuellen Missbrauchs, oder körperlicher Züchtigung von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche. Erstmals werden nun auch Vorwürfe gegen einen amtierenden Bischof erhoben. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete gestern, es lägen ihr die eidesstattlichen Versicherungen mehrerer Personen vor, die behaupten, in den 70er- und 80er-Jahren vom Augsburger Bischof Walter Mixa, damals Stadtpfarrer, brutal misshandelt worden zu sein. Das Bistum behält sich rechtliche Schritte vor und bezeichnete die Vorwürfe als absurd, unwahr und offenbar in der Absicht erfunden, Mixa persönlich zu diffamieren. Am Telefon begrüße ich Pater Hans Langendörfer, er ist der Generalsekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Guten Morgen, Pater Langendörfer.

Hans Langendörfer: Schönen guten Morgen, Herr Heckmann.

Heckmann: Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann, der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, schreibt in der heutigen Ausgabe der "FAZ", er sehe die Katholische Kirche in einer tiefen Krise. Hat er Recht, oder übertreibt er?

Langendörfer: Ich glaube, es ist so. Der eigentliche Skandal, mit dem wir ja im Moment leben, ist: sehen Sie, wir haben heute Gründonnerstag. Das ist der Tag in den Kirchen, wo man an das Abendmahl denkt und wo man an die Fußwaschung Jesu für seine Jünger am letzten Tag seines Lebens denkt. Wir sind eine Kirche, von der im Moment der Eindruck ausgeht, dass sie tausendfach Menschen nicht gedient hat, sondern dass sie Menschen misshandelt hat, dass sie Menschen verletzt hat, dass sie jungen Leuten, Kindern ihre Zukunftschancen verbaut hat, und diese fürchterliche Differenz zwischen dem, was wir uns vorgenommen haben zu sein, und dem, was wahrgenommen wird, was wir sind und was wir in so vielen Fällen auch wirklich gewesen sind, ich glaube, das ist das ungemein Dramatische an der gegenwärtigen Situation.

Heckmann: Lehmann nannte es tragisch, dass eine lückenlose Aufklärung allzu oft unterblieben sei, obwohl die Lehre der Kirche ja nie einen Zweifel daran gelassen habe, dass sexueller Missbrauch verwerflich sei, und als Gründe nannte er Kumpanei, den Versuch, die Kirche von Makel zu bewahren, und die Einstellung, sich mehr um die Täter als um die Opfer zu kümmern. Wie kann eine solche Einstellung herrschen in einer Kirche, die sich Liebe, Mitgefühl, Solidarität auf die Fahnen geschrieben hat?

Langendörfer: Das ist ja ein Teil dessen, was wir aufarbeiten müssen und wo wir vor einer großen, großen Frage und auch Verunsicherung stehen. Man kann natürlich immer verteidigend das eine oder andere sagen über die falsche Einstellung, die allgemein da gewesen ist vor noch 10, 20, 30 Jahren über den sexuellen Missbrauch, aber das ist ja sinnlos, auf solche Verteidigungslinien dann zu kommen. Wir müssen uns fragen, warum wir nicht behutsamer umgegangen sind mit Menschen und warum es eben auch in kirchlichen Kreisen eine Kultur des Wegschauens gegeben hat. Das im einzelnen jetzt nachzuzeichnen, das haben wir uns vorgenommen und da sind ja auch gute Fortschritte gemacht worden. Das sollte man auch nicht gering schätzen. Aber es ist so: Auch in der Kirche, gerade auch bei uns, gab es eine Kultur des Wegschauens, der besonderen Betonung der Kirche, des Zusammenstehens des Klerus, der Priester und so weiter, und das ist ein Behinderungsfaktor gewesen, von dem wir hoffen, dass wir jetzt durch unsere Leitlinien, durch ein geregeltes Verfahren, durch ein genaues Hinschauen dieses abbauen können und überwunden haben, und ich glaube, wir sind da doch in den letzten Wochen gezwungen, aber doch entschieden Schritte weitergekommen.

Heckmann: Der Missbrauchsbeauftragte der Katholischen Kirche, Ackermann, der hat einmal vor einigen Tagen gesagt, dass in einer ganzen Reihe von Fällen vertuscht worden sei. Müssen nicht diejenigen, die dafür verantwortlich sind, genauso zur Rechenschaft gezogen werden wie die eigentlichen Täter?

Langendörfer: Es gibt natürlich – und das zeigt sich ja in den vielen Orden, die jetzt ihre Aufklärungsarbeit machen, und in den Bistümern, die ihre Aufklärungsarbeit machen – eine ganze Reihe von Fällen, wo man nicht mit der Konsequenz vorangegangen ist, wie wir das heute von uns erwarten würden, und wo, wie das eben auch in der Kirche üblich gewesen ist, durch eine Versetzung eines Priesters nach einer Therapie dann ein neuer Anfang war, der eigentlich unvertretbar war. Und wir haben heute Kenntnisse über die Reichweite von Therapien die Möglichkeit, die wir früher nicht gehabt haben. Da hatte man eine große Gläubigkeit in einen Therapiezyklus für einen Priester oder einen anderen Geistlichen. Da sind wir weitergekommen und da haben wir realistischere Einschätzungen als heute, und die damals Verantwortlichen haben aus ihrem Erkenntnisstand gehandelt. Das war nicht richtig und viele von ihnen sagen auch, das war nicht richtig.

Heckmann: Also ohne bösen Willen haben diese Personen Ihrer Ansicht nach gehandelt?

Langendörfer: Das denke ich so. Ich kann mir nicht vorstellen, dass verantwortliche Provinzielle in den Orden um des Bösen willen oder um Menschen nicht ernst zu nehmen, nämlich die betroffenen Opfer, deren Leben zerstört gewesen ist, nicht Konsequenzen gezogen haben, sondern sie wussten es nicht besser, sie haben falsch gehandelt und das muss man auch klar aussprechen. Es waren Fehler!

Heckmann: Pater Langendörfer, erstmals werden auch Vorwürfe gegen einen amtierenden Bischof, nämlich gegen Bischof Walter Mixa erhoben, der diese Vorwürfe allerdings dementieren ließ. Haben Sie ihn eigentlich mal gefragt, ob da nicht vielleicht doch etwas dran ist?

Langendörfer: Die Vorwürfe, die im Moment erhoben werden, stammen aus der "Süddeutschen Zeitung" von gestern. Ich glaube erst mal, dass hier Behauptung gegen Behauptung steht. Ich denke, dass das Bistum von Bischof Mixa (Augsburg) gestern die richtigen Schritte gemacht hat, dass es zu einem klärenden Prozess kommt, dass über die Dinge weiter gesprochen wird. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt steht eine Behauptung vieler Menschen, mehrerer Menschen in der "Süddeutschen Zeitung" gegen die Entlastung, die das Bistum Augsburg seinem Bischof gibt. Ich glaube ihm.

Heckmann: Selbst Papst Benedikt XVI. wird in zwei Fällen mit Vorwürfen konfrontiert: einmal der Fall Murphy in den USA, einmal der Fall des pädophilen Priesters aus Essen, der nach München versetzt worden ist und dort sein Werk fortsetzte, wenn man es mal so formulieren darf. Was bedeuten diese Vorwürfe für die Autorität des Papstes?

Langendörfer: Es ist ja doch schon in den letzten zwei Wochen in beiden Fällen sehr viel noch mal Aufklärungsarbeit geleistet worden und es steht, glaube ich, jetzt auch außer Zweifel, außer bei denen, die vielleicht dann doch besonders wenig der Kirche glauben wollen, dass der Papst selber mit den Dingen nichts zu tun gehabt hat, sondern dass da andere in seinem Bistum die Verantwortung getragen haben. Der Papst selber ist, glaube ich, gerade auch nach dem Brief, den er an die irischen Katholiken geschrieben hat, noch einmal ganz deutlich derjenige, der unzweideutige Signale gibt, Missbrauch ist ein schlimmes Verbrechen, das muss gegeißelt werden, die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden, und zwar auch vor den staatlichen Behörden, sie sind immer auch Bürger in einem Rechtsstaat, der dieses ahnden muss und soll, und sie sind auch vor Gott – das hat der Papst ja in seinem Brief an die Iren gesagt und damit kommen wir wieder zu den Kartagen – in der Verantwortung und müssen sich vor ihm, dem sie sich ja in einem besonderen Dienst verschrieben haben, auch dann verantworten.

Heckmann: Über die Lage der Katholischen Kirche vor dem Hintergrund der Missbrauchsdebatte haben wir gesprochen mit Pater Hans Langendörfer. Er ist der Generalsekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Pater Langendörfer, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Langendörfer: Gerne! Auf Wiederhören.

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