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StartseiteEuropa heuteGereizte Stimmung29.12.2005

Gereizte Stimmung

Karikaturen des Propheten Mohammed bringen Dänemark in Bedrängnis

Die Diskussion um die Integration von Ausländern in Dänemark ist in den vergangenen Jahren immer schärfer geworden. Öl ins Feuer gegossen hat die Zeitung Jyllands-Posten aus Århus, die vor gut drei Monaten zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed veröffentlichte. Was die Zeitung als Ausdruck von Meinungs- und Pressefreiheit ansieht, betrachten Muslime als einen gezielten Affront. Marc-Christoph Wagner berichtet.

Anders Fogh Rasmussen: Protestbrief von elf Botschaftern  (AP)
Anders Fogh Rasmussen: Protestbrief von elf Botschaftern (AP)

Dänemarks internationale Zeitung – so lautet der Untertitel Jyllands-Postens, und genau diesem Anspruch will Feuilleton-Chef Flemming Rose gerecht werden. Denn die Auseinandersetzung mit dem Islam ist für Rose das zentrale Thema unserer Zeit. In seinen Grundzügen sei dieser vergleichbar mit anderen totalitären Ideologien wie etwa dem Kommunismus oder dem Nationalsozialismus.

"Wir haben diese Zeichnungen publiziert, weil wir uns ernsthafte Sorgen um die Meinungsfreiheit im Lande machen. Wenn Menschen sich nicht länger trauen, sich öffentlich zu äußern, ist eine Grenze überschritten – dann sind wir wieder bei Salman Rushdie und dergleichen."

Roses Unmut wurde erregt als ein dänischer Verlag versuchte, ein Buch über den Islam zu veröffentlichen, jedoch Schwierigkeiten hatte, einen Illustrator zu finden – angeblich aus Angst vor Übergriffen radikaler Moslems. Rose sah die Presse- und Meinungsfreiheit im Lande gefährdet. Und um genau diese grundlegenden demokratischen Werte zu unterstreichen, veröffentlichte er die zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed, die diesen unter anderem als Terroristen zeigen. Viele Moslems werteten den Schritt aufgrund des islamischen Bildverbotes als gezielte Provokation. Elf Botschafter von Staaten mit überwiegend moslemischer Bevölkerung – darunter die Türkei – schrieben einen Brief an den dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen und baten ihn, ein Machtwort zu sprechen. Eine der Unterzeichner war die ägyptische Botschafterin Mona Omar Attia:

"Was Jyllands-Posten hier gedruckt hat, geht über die Grenze des Akzeptablen hinaus. Es hat nichts mit Meinungsfreiheit zu tun. Es ist mir nicht erlaubt, meinen Nachbarn zu beleidigen. Meine Freiheit hört da auf, wo die meines Nachbarn anfängt. Wir appellieren, den anderen zu respektieren. Es ist mein Menschenrecht als Moslem, respektiert zu werden, ebenso wie ich Sie, Ihre Religion und Ihre Gesetze, respektiere."

Rasmussen selbst aber reagierte gereizt. In Dänemark schreibe die Regierung den Medien nicht vor, was diese veröffentlichen dürften oder nicht. Wer sich verletzt fühle, habe die Möglichkeit, vor den Gerichten des Landes zu klagen. Wenn gerade die Türkei dies nicht verstehe, müsse man ihren derzeitigen Status als EU-Bewerber noch einmal überdenken.

"Ein Dialog zwischen den Kulturen und Religionen ist begrüßenswert und notwendig – ein Dialog, der auf gegenseitigem Verständnis und Respekt basiert. In Dänemark aber kann sich ein jeder äußern wie er möchte, solange er sich an die geltenden Gesetze hält. Die Regierung jedenfalls kann nicht für das verantwortlich gemacht werden, was eine Zeitung, ein Fernsehsender oder sonst ein Medium publiziert. Wer dies nicht begreift, hat den Kern der Demokratie nicht begriffen. Und hier können wir keine Kompromisse eingehen."

Doch es gibt auch Stimmen, die sich um die wachsende Islamphobie in Dänemark sorgen und Rasmussen dafür kritisieren, daß er Gespräche mit den muslimischen Botschaftern ablehnt. Dänemarks langjähriger Außenminister Uffe Ellemann-Jensen bescheinigte allen Verantwortlichen ein pubertäres Verhalten. 22 ehemalige dänische Botschafter veröffentlichten in der Tageszeitung Politiken eine gemeinsame Erklärung, in der sie Rasmussen vor dem internationalen Ansehensverlust Dänemarks warnten. Noch weiter geht der Schriftsteller Erwin Neutzsky-Wulff. Dänemark befinde sich auf einer schiefen Bahn. Manche Äußerung in der öffentlichen Debatte, so Neutzsky-Wulff, erinnere ihn an die Propaganda der Nazis:

"In Dänemark gibt es heute eine Menge Parallelen zur deutschen Kultur in den dreißiger Jahren – auch die wurde damals ausschließlich als eine Antikultur definiert. Eine Antikultur zur uralten jüdischen Kultur, die ja aus der gleichen Region kam wie der Islam."

Ein Ende des Karikaturen-Streits jedenfalls ist nicht in Sicht. Dieser Tage hat eine Unterorganisation der Islamischen Konferenz ihre 51 Mitgliedstaaten aufgerufen, Dänemark zu boykottieren.

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