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StartseiteBüchermarktGernhardt und seine Toskana09.10.2011

Gernhardt und seine Toskana

Das Buch der Woche: "Toscana mia" von Robert Gernhardt

Der Sammelband "Toscana mia" wurde von Robert Gernhardt noch selbst vor seinem Tod geplant. Die Texte und Bilder aus seinen italienischen Notizbüchern zeigen seinen persönlichen Blick auf die Toskana, ihre Natur, ihre Menschen und natürlich auch auf die deutsche Toskana-Fraktion.

Von Burkhard Müller-Ullrich

"Toscana mia": Gernhardts Blick auf die Toskana  (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)
"Toscana mia": Gernhardts Blick auf die Toskana (Stock.XCHNG / Marcello Gambetti)

In der gemütlichen Bundesrepublik der 1970er-Jahre bekam das linke Geistesleben, das sich sonst in allen möglichen Formen politischen Protestes äußerte, einen hedonistischen Zug. Man suchte die ländliche Idylle. Man entdeckte gutes Essen. Man lernte hochwertige Weine kennen. Und man fuhr in die Toskana, wo sich das alles noch mit jenen visuellen Reizen verband, die jeden deutschen Italienreisenden seit der Goethezeit in einen Zustand glückseliger Entrücktheit versetzen.

So kam es, dass junge Leute in Frankfurt, München oder Düsseldorf alsbald in ihren Kreisen über Zypressen und Olivenöl fachsimpelten und Begriffe wie Gargonza oder Badia a Coltibuono fallen ließen. So kam es auch, dass viele davon träumten, sich in dieser wunderbaren Gegend zumindest teilzeitlich ansässig zu machen. Und da es dort eine Menge alte Häuser, Scheunen und Gehöfte zu sehr moderaten Preisen zu kaufen gab, machten viele den Traum wahr – von Klaus Wagenbach über Peter Glotz bis zu Konstantin Wecker, vom Grundschullehrer bis zum Kulturredakteur und vom Rechtsanwalt bis zum Kunstmaler und Dichter.

Zu den Letztgenannten gehörte Robert Gernhardt. 1972, im Alter von 35 Jahren, brach er zusammen mit einigen Freunden aus dem Frankfurter Nordend nach Montevarchi, südlich von Florenz, auf und erwarb dort, im Chianti-Gebiet, ein etwas verfallenes Bauernhaus, das Ospedale di Montaio, das nach und nach renoviert wurde. Es war für ihn allerdings mehr als nur ein Ferien-und-Freizeit-Ort, denn er setzte sich mit der italienischen Lebensform viel intensiver auseinander, als es gewöhnliche Touristen tun. Er schrieb und malte während seiner sommerlichen Aufenthalte, und die Gegend hat in seinem Werk eine breite Spur hinterlassen: sie reicht von dem Theaterstück "Die Toscana-Therapie" über den Roman "Ich Ich Ich" bis hin zu diversen essayistischen Texten und einer Fülle von Zeichnungen und Bildergeschichten.

Natürlich führte Robert Gernhardt in Montaio auch seine Skizzen- und Notizhefte weiter, die nach der Papiermarke genannten "Brunnen-Hefte", von denen sich in seinem Nachlass nicht weniger als 675 Stück fanden. Aus diesem im Deutschen Literaturarchiv zu Marbach verwahrten Nachlass ist das vorliegende Buch entstanden. Es handelt sich um eine Auswahl von Gedichten, Notaten und Zeichnungen aus mehr als 40.000 Heftseiten, deren schiere Fülle die Herausgeberin Kristina Maidt-Zinke vor besondere Probleme hinsichtlich Auswahl und Anordnung stellte.

Als Auswahlkriterium diente der Toskana-Bezug und als Ordnungsprinzip die Chronologie. Die Toskana als Thema obenan zu stellen, leuchtet ein; Gernhardt selbst hatte den Buchtitel "Toscana mia" für eine solche Sammlung als Möglichkeit erwogen und als Wunsch hinterlassen. Die chronologische Reihung jedoch ergibt nicht unbedingt eine, wie die Herausgeberin frohlockt, "höchst abwechslungsreiche, in sich rhythmisierte Textgestalt", sondern zunächst mal einen faden Anfang. Denn wenn man davon ausgeht, dass auch ein Autor wie Robert Gernhardt mit der Zeit immer besser geworden ist, ergibt sich im Umkehrschluss, dass die schwächeren Sachen vorne stehen.

Ich sitze hier am Chianti-Rand,
die Zigarett ist abgebrannt,
der Rotwein ist längst alle.
Ich hau mich in die
Falle doch nicht sofort auf den naheliegendsten Reim herein, lieber Leser.


Und das ist noch eines der besseren Beispiele im Stil jener Epoche. Damals gehörte Robert Gernhardt zusammen mit Peter Knorr und Bernd Eilert zum festen Autorenstamm der Unterhaltungsabteilung des Hessischen Rundfunks. Für das freitägliche Satiremagazin "Funk für Fans" lieferten sie Sketche, deren forcierte Witzigkeit meistens auf sprachlichen Mehrdeutigkeiten und Missverständnissen beruhte, auf inadäquaten Ausdrucksweisen, auf dem Zusammenprall von elaboriertem Code und primitiven Gedanken:

Schnell ist die schönste Aussicht hin,
hast du bloß Sauerei'n im Sinn.


Neben der freien Mitarbeit bei Radio und Fernsehen entwickelte sich für Gernhardt, Eilert und Knorr – die sogenannte GEK-Gruppe – vor allem die Textlieferung für den Bühnenkomiker Otto Waalkes zum lukrativen Geschäft. Das 1980 herausgebrachte "Buch Otto" erzielte inklusive der Taschenausgabe eine Millionenauflage. Im Jahr zuvor hatte Gernhardt zusammen mit den früheren "pardon"-Kollegen Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter die monatlich erscheinende Satirezeitschrift "Titanic" gegründet.

Und mit diesem Jahr 1979 setzt auch die vorliegende Auswahl von Nachlasstexten ein.

Bin ich draußen unterwegs,
fällt mir die Landschaft auf den Keks.
Sitz ich dann bei mir zuhaus,
hängt mir das Haus zum Halse raus.


Das Haus war natürlich, wie es sich gehört, auch eine Belastung für den von einem Freund sogenannten "Großgrundbedichter" Robert Gernhardt. Die Instandsetzung, der Umbau, der laufende Betrieb finden sich über die Jahre hin mit typischem Eigentümerhumor protokolliert. Da gibt es die üblichen Klagen über arrogante und nichtsnutzige Handwerker, auf die man erst lange warten muss, die sich dann als Stümper offenbaren, und denen in die Parade zu fahren man sich schließlich mangels Sachautorität und Sprachkenntnissen doch nicht getraut, was besonders in einer Paarbeziehung für spannungsreiche und drollige Über-Eck-Kommunikation sorgt: "Hast du ihm gesagt, dass der Fensterriegel falsch eingebaut ist? Warum hast du ihm das nicht gesagt?"

Der Hausbesitz als solcher gibt aber auch Anlass zu grundsätzlichen Überlegungen:

"Hauseigentümer", "Wohnungseigner", "Ferienhausbesitzer", gar "Bauherren" – sie alle hatten jenen Rubikon überschritten, der in den 60ern, 70ern die Ausgebeuteten von den Ausbeutern schied, wobei die Ausbeutung bereits damit begann, dass jemand eine wie immer geartete Miete verlangte.

Doch nicht nur das Habenwollen, das schiere Haben bereits beinhaltete Schuld, und der, der hatte, sollte sein Haben zumindest diskret handhaben, es nicht ausstellen, sondern kaschieren, was ebenfalls zur Folge hatte, daß die Dünnhäutigen sich nichts trauten und daß die Dickhäutigen sich immer ungenierter in Szene setzen konnten.

In den 60ern hatte der von Adorno/Sartre und Co. genähte Zeitgeist alle bürgerlich besetzten Daseinsformen – Kleiden, Wohnen, Bauen – derart in Frage gestellt, dass eine – meine – Generation auf all diese Zumutungen dünnhäutig reagierte. Dann wird sich eben nur quasi uniform gekleidet – Jeans, Parka –, dann wird eben nur banal gewohnt – in Trödel und Sperrmüll –, dann wird eben nicht gebaut – und wenn, dann unter Verzicht auf jede Vision und jeden Profit, zwei Gesichtspunkte, die immer wieder vor den Karren der Architektur gespannt worden sind.

Dieser Eintrag stammt aus dem Jahr 1995. Man hätte gern einmal von Gernhardt einen politischen Essay gelesen, in dem er sich mit den salonsozialistischen Vorstellungen seines früheren Milieus auf so luzide Weise auseinandersetzt. An kritischen und selbstkritischen Gedanken mangelte es nicht, wie die Brunnen-Hefte zeigen. Doch derlei Betrachtungen sind selten und werden von Aufzeichnungen über Naturbegebenheiten, ästhetischen Erfahrungen, völkerpsychologischen Reflexionen und Anwandlungen von Selbstgefälligkeit weit überwogen. Sowie von reinem Schabernack.

Gliedert sich die Landschaft wieder
in das Licht und in die Schatten?

Wieder gliedert sich die Landschaft
in die Schicht und in die Latten.

Sie haben mich wohl nicht recht verstanden?
Ich hebe nochmals an.

Gliedert sich die Landschaft wieder
in das Licht und in die Schatten?

Wieder gliedert sich die Landschaft
in die Schlacht und in das Itten.

Erneut fühle ich mich mißverstanden.
nochmals:

Gliedert sich die Landschaft wieder
in das Licht und in die Schatten?

Wieder gliedert sich die Landschaft
in die Acht und in den Schlitten.


Ein guter Chianti bringt es auf dreizehneinhalb Volumenprozent. Ein paar davon gluckern durch so manches Notat und verleihen ihm seinen schamlosen Charme.

Wir sind die Schwalben
vom Ospedale.
Wir tun nicht schreibe,
wir tun nicht male.
Wir tun nur unser
Liedche singe,
um anderen Schwalben
Freude zu bringe.
Dafür gebührt uns
dann auch der Preis.
Schluss mit dem Scheiß,
her mit dem Preis!


Was für ein großer Tierliebhaber und -beobachter Gernhardt war, erschließt sich bei der Lektüre zahlloser Notate über seine Begegnungen mit der Fauna. Die Geschichte eines gefundenen Hundes wird erzählt, die Psychen der zum Haus gehörenden Katzen werden analysiert und das Auftauchen von Eidechsen, Siebenschläfern, Vipern, Fledermäusen, Reihern und Kiefern-Prozessionsspinnern wird protokolliert.

Heute Abend kamen: ein Nashornkäfer, eine Gottesanbeterin.

schreibt er im Sommer 1985. Zehn Jahre später heißt es:

So viele Raubvögel wie noch nie, Bussard, Weihe, Falke. Silberreiher im Schwarm längs des Arno. Schwanzmeisen in den Pinien. Bienenfresser in der Maremma.

Und noch im Herbst 2003 verzeichnet das zoologische Tagebuch mit ungeschmälerter Entdecker-Ekstase:

Doll! Nach 30 Jahren Toskana materialisiert sich erstmals, wovon immer die Rede war und ist: cinghiali. Oft hatten wir nach Regengüssen ihre Spuren gesehen, jetzt weiß ich, dass es sie gibt. Mit diesen meinen Augen habe ich die Rotte sich drängeln sehen, und in diesem meinen Herzen das gleiche Gefühl der Erleichterung und Befriedigung verspürt: es gibt sie noch, die Nebenwelten, die Heimlichen, die Nächtlichen, nicht als Einzelgänger, sondern im Verbund. Sehr tröstlich, jedenfalls für mich – der toskanische Bauer sieht das ganz anders, er stellt dem Wildschwein nach, heimlich oder mit Erlaubnis; letztes Jahr, so erzählt Eugenio, seien bei M. mit amtlicher Zulassung um die zehn Wildschweine erlegt worden.

Die Wildsäue können bloß froh sein, dass sie eine relativ leise Lebensweise pflegen, denn sonst würde Gernhardt sie weniger mögen. Er ist nämlich sehr lärmempfindlich. Ochsenfrösche und Zikaden, auch bellende Hunde auf anderen Grundstücken sind seine Freunde nicht.

Porzellan der Stille: Schon ein Mückensummen oder Fliegenbrummen verursacht einen Riß in der dünnen Schale, die den umgibt, der die Ruhe gefunden zu haben glaubt und nun fürchten muß, sie zu verlieren.

AUTOR:
Wie aber, wenn der Krach nicht aus Tierkehlen oder ähnlich natürlichen Quellen kommt, sondern von menschenbedienten Maschinen?

Der Krach auf dem Lande: die Pumpen, die Kleingeräte, die Sägen, die Traktoren, die Laster, die Geländezweiräder – all das tönt laut und dringt, da der Grundlärm der Stadt fehlt, weit und schmerzhaft direkt ins Ohr dessen, der aufs Land gegangen ist, um Frieden zu finden.

Robert Gernhardt, der an den Kunstakademien von Stuttgart und Berlin zum Maler ausgebildet worden war, gehörte nicht nur zu den Augen-, sondern auch den Ohrenmenschen. Seine Hefteinträge handeln ebenso häufig von Klängen und Geräuschen wie von visuellen Eindrücken. Sogar ein ausbleibendes Geräusch ist ihm einige Zeilen wert.

Der lautlose Vorgang des Öl-Umfüllens: etwa eine Viertelstunde saß ich neben dem Stahlgefäß und sah zu, wie ein dünner Ölstrahl sehr langsam die 10-Liter-Flasche füllte. Ich hörte die ganze Zeit über nicht auf, mich der Lautlosigkeit des Vorgangs zu vergewissern und zu freuen. Normalerweise klickert es doch bei einem solchen Vorgang, oder es zischt oder es tröpfelt. Nichts davon beim Olivenöl – vermutlich geht es beim Honigumfüllen ebenso geräuschlos zu. Und wieder einmal konnte ich meinen Respekt vor Beuys nicht leugnen, der diese beiden besonderen Säfte für Objekte und Geräte genutzt hatte (Olive Stone, Honigpumpe) – er hatte schon einen guten Riecher für jene Materialien, die den Menschen des Plastikzeitalters anrühren bzw. nachdenklich werden lassen.

Der Mensch des Plastikzeitalters ist natürlich auch der Mensch des Motorenzeitalters, sozusagen Gernhardts Todfeind, denn wenn es schon schlimm ist, dass landwirtschaftliche Verrichtungen mit viel Lärmerzeugung einhergehen, wenn es ihn schon ärgert, dass der Nachbar einen Brunnen bohren lässt, was mit tagelangem Dauerkrach verbunden ist (wobei sich allerdings die Sinnhaftigkeit der Unternehmung im nächsten trockenen Sommer zeigt), wenn also selbst solche Erhaltungsmaßnahmen als akustische Qual empfunden werden, dann führt die freizeitsportmäßige Beschallung der Landschaft, der reine Lust-Lärm geradewegs zu dichterischer Wut.

Wohin fliehen, wenn ein Ultraleichtflieger über deinem Haupte kreist und kreist und kreist, mit jeder Wendung dem ungedämmten Motor ein noch schauerlicheres Geheul entlockend? Wie sich bedecken vor dem Aufjaulen der Moto-Cross-Maschinen, auf denen zwei Irregeleitete den immer gleichen Hügel immer und immer wieder bezwingen? Jetzt drei Wünsche frei haben, denkt der Gequälte. Jetzt mit Gedanken töten können.

Wer Italien kennt, erkennt es hier wieder. Es ist ein lautes Land, lauter jedenfalls als Schweden oder Tibet. Vom Gebrauch der Autohupe als Existenzbeweis über das Telefonino als Möglichkeit zur Perpetuierung des Sprechakts bis hin zur Magie des Motors als mentale Grundausstattung, haben die Italiener andere Ticks und Sitten als die Ruhesucher aus dem Norden, die in Scharen Bruchsteinhäuser kauften und vor dem Verfall bewahrten und sich im übrigen gegenseitig unangenehm finden.

Was macht den Anblick der Landsleute in, beispielsweise, Gaiole so unangenehm? Was ruft dieses Gefühl der Irritation, des Abscheus, der Scham hervor? Vermutlich das Wissen um die Verwandtschaft. Das alles sind Toscana-Liebhaber wie ich. Also drängt sich die Frage auf, ob an der Geliebten etwas nicht stimmt. So, wie ich mich als Liebhaber einer Frau angesichts seltsamer Konkurrenten ja auch fragen würde: Was ist los mit der Frau? Wieso vermag die derart unterschiedliche (unterschiedlich würdige) Männer zu fesseln? Und: wenn das meine Mitbewerber sind – wer bin dann ich?

Solche Gedanken sind vielen Deutschen, die sich auf ihre Auslandsaffinität etwas zugute halten, durchaus vertraut. Und wahrhaftig, unter allen möglichen Ländern, ist Italien für die Deutschen das verlockendste. Es ist südliches Licht plus garantiertes Sommerwetter plus antike Kultur plus lateinische Lebensart. Sich nach Italien zu wenden, ist ein liturgischer Akt, eine Tradition, die auf unsere Geistesgrößen des 18. Jahrhunderts zurückgeht. Es ist auch eine gerade noch, wenngleich mit unterschiedlichem Erfolg, zu meisternde Anpassungsherausforderung, der sich die Deutschen mit Ernst und Eifer stellen, denn sie ziehen ja unter anderem deshalb nach Italien, damit sie sich nicht mehr ganz als Deutsche fühlen müssen.

Robert Gernhardt war auf diesem Weg weit fortgeschritten. Er sprach passabel italienisch. Er war sozial integriert. Er kannte sich bei den lokalen Gebräuchen aus. Und er war genügend stolz auf all das, um sein Fortgeschrittensein mit demjenigen anderer Italienbesucher voll freudiger Häme zu vergleichen. Doch so gut er bei derlei Vergleichen natürlich abschnitt, in dem Distinktionsdrang selbst, der diesem Sich-Vergleichen zugrunde lag, war er seinen Spottfiguren, den gleichermaßen kenntnislosen wie dünkelhaften deutschen Toskanafahrern, auch ein bisschen ähnlich. Er schreibt einmal vom Glücksgefühl, das ihn nach einem guten Essen in einer schäbig aussehenden Gaststätte überkam, weil er sich vorstellte:

Hier wäre der deutsche Studienrat schaudernd vorbeigefahren, um in irgend einem pittoresken borgo im Chianti das vermeintlich authentische Italien zu finden, während das Herz dieses seltsamen Landes doch genau hier schlug, wo der Lack ab war, Esskultur und Herzensbildung aber ungebrochen hochgehalten wurden.

So steckt in dem Possessivpronomen des Buchtitels "Toscana mia" auch ein triumphierender Gestus exklusiver Etabliertheit: Es ist meine Toskana, nicht eure, und mit dem deutschen Studienrat will ich sie schon gar nicht teilen.

Natürlich war Robert Gernhardt klug und sensibel genug, um solche unterschwelligen Gefühle in sich aufzudecken und auf seine typische selbstironische Weise zu thematisieren.

Und genau das ist es, was die Lektüre dieses Notizenwerks interessant und seinen Autor sympathisch macht: die Auseinandersetzung mit der Fremde und der eigenen Freude an der Fremde.

Ich hatte diesen Prozeß, denn das war es ja, immer wieder gegen mich angestrengt: Sag mal, sitzt du einer Chimäre auf? Einer dir von Vermittlern schöngemalten Südfratze, die ihr wahres Gesicht spätestens dann enthüllt, wenn die sengende Sonne das Grün der Gräser gelb und die Krume der Erde zu Staub werden läßt? Wenn das Blattwerk der Bäume nicht mehr rauscht, sondern raschelt, und wenn selbst die Nächte keine Kühlung mehr bieten? Ist das immer noch der Süden, den du freiwillig erwählst und zu deinem Süden erklärst? Und jedes Mal endet der Prozeß damit, dass ich erkläre: Ja, das ist mein lieber Süden, an dem ich Wohlgefallen finde, nicht zuletzt deswegen, nein: deswegen, weil er in all den 30 Jahren, die ich Monate im Süden verbringe, nicht zur Norm geworden ist.

So ist der eigentliche Gegenstand des Buchs mal wieder der Verfasser selbst. Schön und gut sind die Naturbeobachtungen, nicht gerade neu die Sprach-Scherze, nur mäßig interessant die Aufzeichnungen der Baufortschritte an der Capanna, und Einblicke ins Privat- und Liebesleben gibt es keine – wobei die Namen aller erwähnten Personen ohnehin zu Initialen verkürzt sind. Nicht mal als Reiseführer lässt sich diese Notizensammlung gebrauchen. Nein, ihre hauptsächliche Stärke liegt in der Selbstreflexion des Dichters, für die das toskanische Dasein die Kulisse bietet und bei der die andrängende Eitelkeit sich immer wieder in Humor auflöst.

Ich ließ dieses Heft in einem Café in Montevarchi liegen. Telefonierte einen Abend hinter ihm her, ohne Erfolg. Glaubte, das Café – angeblich eine Pizzeria – gefunden zu haben, alles stimmte, der kleine Platz, die Adresse, nur daß es neben dieser Pizzeria eben noch ein Café gab. Ging heute Morgen ohne viel Hoffnung vorbei, da, beim Betreten des Cafés lachte das Heft mich an, es lag gut sichtbar auf dem Tresen, mit eingelegtem Kugelschreiber. Freude und die Gewißheit, dass ich in Zukunft noch besser aufpassen muss. Kaum verlegt oder verloren, nimmt der Inhalt des jeweiligen Heftes unerwartete Züge an: So etwas Gutes, so etwas Konzises, so etwas dem Augenblick Abgeluchstes habe ich noch nie zu Papier gebracht, werde ich nie wieder schreiben. Fünf Tage umsonst gelebt, bzw. eine Woche. Tja – und nun ist das Heft wieder da, und ich muss feststellen, dass sein Inhalt soo einzigartig ja nun auch wieder nicht ist, aber dennoch: nicht wiederholbar, das alles, also doch einmalig.

Robert Gernhardt: Toscana mia. Herausgegeben von Kristina Maidt-Zinke. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, 358 Seiten, 22,95 Euro.

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