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StartseiteForschung aktuellGeschäft mit der Hoffnung01.11.2007

Geschäft mit der Hoffnung

Privatkliniken bieten Stammzelltherapien an

Medizin. - Die katholische Kirchenzeitung sprach vom "Wunder von Köln" und auch die Apothekenzeitung titelte "Oft zu spät, aber nie zu früh". All diese Artikel beziehen sich auf eine Kölner Privatklinik - das sogenannte X-Cell-Center. Die Ärzte dort bieten gegen die Zahlung von einigen tausend Euro eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen aus dem Knochenmark an.

Von Kristin Raabe

Große Versprechen machen manche Privatkliniken ihren Patienten. (Stock.XCHNG / N. S. Junior)
Große Versprechen machen manche Privatkliniken ihren Patienten. (Stock.XCHNG / N. S. Junior)

Diabetes, Schlaganfall, Multiple Sklerose oder Querschnittslähmung – bei all diesen Erkrankungen verspricht die Broschüre des X-Cell-Centers Besserungsmöglichkeiten. Denn: Egal welche Art von Körperzellen auch zerstört sein mag, nach Meinung der Ärzte des X-Cell-Centers können Stammzellen aus dem Knochenmark sie ersetzen.

"Es ist die Besonderheit der Stammzellen, dass sie in der Lage sind, sich in alle möglichen Körperzellen zu entwickeln, so dass man eben die unterschiedlichsten Krankheiten damit behandeln kann."

Angy Etou ist Neurochirurgin und keine Expertin für Stammzellen. Auch kein anderer Arzt des X-Cell-Centers und kein Mitglied des wissenschaftlichen Beirates hat wissenschaftliche Veröffentlichungen im Bereich der Stammzelltherapie vorzuweisen. Ganz im Gegensatz zu Axel Zander, der schon seit Jahren am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf an Stammzellen aus dem Knochenmark forscht. Er weiß, was diese Zellen können oder nicht können.

"Die Zellen können unter entsprechender Stimulation sich im Labor in Zellen mit Charakteristika verwandeln, die Herzzellen ähnlich sind, die Nierenzellen ähnlich sind, die Hirnzellen ähnlich sind. Im Labor! Aber die meisten Studien haben dann ergeben, wenn das im Tierexperiment durchgeführt wurde, dass wenn diese Zellen dort nicht nachgewiesen werden konnten, dass diese Zellen nicht im Hirn waren, nicht neues Hirn aufgebaut haben und nicht in der Niere waren und wahrscheinlich auch nicht im Herzen waren."

Das X-Cell-Center erweckt gerne den Anschein, als bilde es eine Front mit den seriösen Stammzellforschern. Auf seiner Website veröffentlich es Erfolgsmeldungen dieser Forscher. Auch ein Artikel von Axel Zander ist dort zu finden. Er und andere Ärzte befürchten, dass kommerzielle Kliniken wie das X-Cell-Center, dem Forschungsgebiet eher schaden als nutzen. Rogier Hintzen ist Neurologe am Erasmus Centrum für Medizin in Rotterdam:

"Wir alle hoffen, dass in zehn, zwanzig Jahren die Stammzellforschung soweit ist, dass wir tatsächlich Defizite im zentralen Nervensystem oder im Herzen oder anderen Organen reparieren können. Und wenn es jetzt bei diesen kommerziellen Anbietern von Stammzellbehandlungen zu Komplikationen kommt, dann denkt jeder schlecht über Stammzelltherapien, auch über die fundierte Forschung, die in akademischen Institutionen betrieben wird.”"

Tatsächlich birgt eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen ein schwer einschätzbares Risiko. Das verneint das X-Cell-Center gegenüber dem Deutschlandfunk allerdings: Die Transplantation körpereigener adulter Stammzellen stelle für die Patienten eine Chance und kein Risiko dar. Axel Zander leitet in Hamburg-Eppendorf das Zentrum für Blutstammzelltransplantationen und kennt mögliche Nebenwirkungen aus Tierexperimenten. Zander:

""Es kann immer noch Nebenwirkungen geben, auch der adulten Stammzelle, die auch schon beschrieben sind, wir wissen nur nicht, wie häufig die sind. Dass diese Zellen eben doch mal landen können und sich eben anders in den Körper einordnen, als man das wünscht, dass zum Beispiel im Herzen Knochen gebildet werden kann, das ist ein sehr schädigender Effekt, der zum Beispiel in Tierexperimenten nachgewiesen wurde. Und solche Sachen können theoretisch auftreten und dafür bedarf es eben Langzeit angelegter Studien, um eben auch die Nebenwirkungen vernünftig einschätzen zu können."

Hinter dem Kölner X-Cell-Center steckt die niederländische Firma "Cells4Health". In den Niederlanden haben Rogier Hintzen und einige andere Ärzte die Gesundheitsaufsicht auf die Aktivitäten von Firmen wie "Cell4Health" hingewiesen. Nach eingehender Prüfung, wurde schließlich ein Gesetz erlassen, das privaten Kliniken und Firmen in den Niederlanden die Anwendung von Stammzelltherapien verbietet. Was diese allerdings nicht hindert, weiterhin Patienten aus aller Welt zu rekrutieren. Hintzen:

"”Mir ist in den letzten Jahren aufgefallen, dass kommerzielle Stammzellkliniken über alle Grenzen hinweg operieren. Sie verstecken sich in einem Land, während sie in einem anderen aktiv sind. Alle verschiedenen Schritte wie das Anwerben der Patienten, die Aufbereitung und die Injektion der Zellen finden manchmal in verschiedenen Ländern statt. Selbst wenn die Deutschen nun aktiv gegen diese Klinik vorgehen, wird das letztlich nichts nützen. Die werden sich einfach im nächsten Land verstecken und dann von dort aus auf deutsche Patienten zugehen.""

Ausgerechnet die Europäische Gesetzeslage ermöglicht Firmen wie "Cells4Health" mit ihrem X-Cell-Center Stammzellbehandlungen. Die Therapien in der Kölner Klinik können ohne offizielle Überprüfung als Heilversuche durchgeführt werden. Denn für den Bereich der Gewebezüchtung oder Tissue-Engineering gibt es Sonderregelungen. Claus Cichutek vom Paul Ehrlich Institut, dem Bundesamt für Sera und Impfstoffe:

"Der Gesetzgeber hat hier bewusst im Bereich des Tissue Engineering übergangsweise eine Ausnahme von der Zulassungspflicht geschaffen. Wir haben jetzt gerade über das Europäische Parlament und den Rat eine Gesetzgebung, die eine Übergangszeit von weiteren fünf Jahren definiert, nach der dann auch solche Arzneimittel tatsächlich zugelassen werden müssen."

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