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Seit 05:30 Uhr Nachrichten
StartseiteForschung aktuellGeschärftes Bewusstsein gewünscht16.10.2009

Geschärftes Bewusstsein gewünscht

Ombudsleute bilanzieren zehn Jahre Wacht über die Wissenschaft

Ethik. - Ombudsleute, das sind unabhängige Instanzen, an die sich an Hochschulen oder Forschungsinstitutionen Mitarbeiter wenden können, wenn ihnen etwas im Betrieb Probleme bereitet. Vor zehn Jahren wurde diese Instanz im deutschen Forschungswesen eingeführt. Auf einer Tagung in Hamburg zog man jetzt Bilanz.

Von Frank Grotelüschen

Fälschungen, wie die des Südkoreaners Hwang Woo-Suk, sollen durch Ombudsleute früher erkannt werden. (AP)
Fälschungen, wie die des Südkoreaners Hwang Woo-Suk, sollen durch Ombudsleute früher erkannt werden. (AP)

Die junge Doktorandin hat einen schlimmen Verdacht. Ist ihr Chef ein Betrüger? Hat er wissenschaftliche Messdaten gefälscht, um das Ergebnis zu schönen? In den folgenden Wochen erhärtet sich der Verdacht. Nur: Was soll die Doktorandin tun? Zum Institutsleiter gehen und riskieren, als Nestbeschmutzerin beschimpft zu werden und womöglich den Job zu verlieren? Eine Vorstellung, die die Doktorandin natürlich abschreckt. Doch mittlerweile gibt es eine Alternative: Bei Verdacht auf Fälschungsbetrug kann man sich an den Ombudsman wenden, den es an vielen Forschungseinrichtungen und Hochschulen seit einigen Jahren gibt.

"Der Ombudsman arbeitet absolut vertraulich, ist ganz bewusst Ansprechpartner für solche Beobachtungen, und würde dann zusammen mit der Doktorandin schauen: Ist es wirklich ein Versuch der Fälschung? Ist das Datenmanipulation","

sagt die Hamburger Medizinprofessorin Ulrike Beisiegel, Sprecherin des Gremiums Ombudsman der Deutschen Forschungsgemeinschaft – dahinter verbirgt sich eine dreiköpfige Arbeitsgruppe, die die DFG vor zehn Jahren eingerichtet hat. Ombudsleute gehen nicht nur Fälschungsvorwürfen nach, sondern auch anderen Fällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens: Etwa wenn ein Forscher von anderen abgeschrieben hat oder falls ein Wissenschaftler in der Autorenliste einer Publikation zu Unrecht unterschlagen wurde. Mehr als 400 Mal wurde der Ombudsman der DFG seit seiner Gründung angerufen. Gut die Hälfte der Fälle kommen aus der Medizin und den Biowissenschaften. Meistens geht es um Probleme bei der Autorschaft in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, gefolgt von Fälschungsvorwürfen und Plagiats-Anschuldigungen. Zwar habe sich das Prinzip Ombudsman ganz gut bewährt, sagt Beisiegel. Dennoch: Es gibt Defizite, etwa beim Schutz der Whistle Blower. So nennt man Wissenschaftler, die wie unsere junge Doktorandin den Ombudsman auf Missstände in ihren Instituten aufmerksam machen und dadurch nicht selten ihre Karriere riskieren. Beisiegel:

""Eine ganz wichtige Aufgabe ist, dass wir diese Leute schützen müssen. Es darf nicht sein, dass jemand, der sich an uns wendet, dadurch Nachteile hat. Das gelingt nicht immer – leider. Und man muss sagen, es ist sicher ein Fakt, warum viele Wissenschaftler erst dann zu uns kommen, wenn sie ihr Doktorarbeit abgeschlossen haben und uns dann nachträglich berichten, was sie gesehen haben."

Aber: Vielen Forscher in Deutschland ist gar nicht bewusst, dass es an ihrer Einrichtung überhaupt einen Ombudsmann gibt, sagt Ulrike Beisiegel.

"Wir müssen sehr daran arbeiten, dass Ombudsleute sich ihren Fakultäten und Universitäten bekannt machen. Dass sie als Ansprechpartner präsent sind. Es ist noch viel zu tun. Aber wir sind ein Stück des Weges schon gegangen."

Ein weiteres Problem: Ombudsleute können zwar auf Missstände hinweisen. Sanktionen aussprechen aber können sie nicht, das können dann nur die jeweiligen Einrichtungen, die Unis etwa oder die DFG. Und hier hapert es dann manchmal.

"Wir würden uns als Ombudsleute wünschen, dass die Universitäten damit mehr arbeiten würden, dass sie Sanktionen ernster nehmen – ohne dass die gleich ganz hart sein müssen. Dass die Wissenschaftler auch merken: Wenn ich was falsch mache, dann kriege ich wirklich eins auf die Finger. Es muss fühlbar sein, wenn man Fehlverhalten gemacht hat."

Für die Zukunft wünscht sich Ulrike Beisiegel vor allem eines: Allen Studierenden in Deutschland sollte in einem zweistündigen Kurs vermittelt werden, was man im wissenschaftlichen Alltag darf und was nicht. Doktoranden sollten sogar, wie in den USA bereits heute üblich, einen zweiwöchigen Kurs belegen. Dadurch nämlich würde das Bewusstsein darüber, was gute wissenschaftliche Praxis ist, deutlich geschärft.

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