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StartseiteHintergrundGeschichte aktuell: Der Auftakt zum offenen Terror06.12.2009

Geschichte aktuell: Der Auftakt zum offenen Terror

Vor 75 Jahren: Nach dem Mord an Sergej Kirov

Unbarmherzig kämpfte die politische Führung in den 30er-Jahren um die Macht in der Sowjetunion. Im Mittelpunkt: Josef Stalin, der die Grundlage für seine jahrelange Herrschaft legte. Ein Kapital in der Geschichte der Sowjetunion, das noch heute umstritten ist.

Von Robert Baag

Josef Stalin (AP)
Josef Stalin (AP)

Leningrad. Zu Zeiten der Zaren: St. Petersburg, im Ersten Weltkrieg - Petrograd. Von den Bolschewiki ein weiteres Mal umbenannt zu Ehren Lenins, ihres Führers während des Oktober-Umsturzes 1917. Lenin ist tot, seit über zehn Jahren schon. Es ist Anfang Dezember 1934.

"Die wenigen Stunden des trüben Winterlichts waren schon vorbei. Es war ganz dunkel. Die Lampen der ehemaligen aristokratischen Mädchenschule, von der aus Lenin jene 'zehn Tage, die die Welt erschütterten', organisiert hatte, leuchteten über die Baumreihe, den Park der Schule und über die vereiste Newa nach Osten. Der Posten am Eingang prüfte Nikolaevs Pass. Er war in Ordnung. Dann ließ er ihn passieren. Im Gebäudeinneren waren die Kontrollposten unbesetzt. Nikolaev ging durch die reich geschmückten Korridore, bis er den Gang im dritten Stockwerk fand, in dem das Büro von Sergej Kirov lag. Geduldig wartete er vor der Tür."

Leonid Nikolaev, ein ehemaliger Angestellter der kommunistischen Partei in Leningrad, weiß, dass Sergej Kirov gleich auftauchen muss, der Erste Sekretär der Leningrader Parteiorganisation. Robert Conquest, Autor des Standardwerks "Der Große Terror - Sowjetunion 1934 bis 1938", hat diese Szene, gestützt auf Archivmaterial vom Ende der 80er Jahre, zu Michail Gorbatschovs "Glasnost'"-Zeiten, detailliert nachgezeichnet.

"Kirov war in Leningrad. (...) Er war um vier Uhr nachmittags eingetroffen. Er hatte mit engen Vertrauten, dem Zweiten Sekretär der Leningrader Partei, Michail Tschudov, und anderen gesprochen, wollte gerade - kurz nach halb fünf - in sein eigenes Büro gehen, da trat Nikolaev aus einer Ecke hervor und schoss ihm mit einem Nagan-Revolver in den Rücken. Kirov brach dann neben ihm zusammen."

"Kirov war das erste Opfer des 'Großen Terrors'!"

Der Moskauer Historiker und Kirov-Spezialist Jakov Rokitjanskij meint damit vor allem jene beiden sowjetischen Schreckensjahre 1937 und 1938, in denen jüngeren Schätzungen zufolge knapp zwei Millionen Menschen verhaftet und weit über 700.000 erschossen worden sind. Rokitjanskij vertritt damit im Kern weiter die traditionelle sowjetische Historikerschule seit der Ent-Stalinisierung Mitte der fünfziger Jahre unter Parteichef Nikita Chruschtschov, wonach mit dem gewaltsamen Tod Kirovs vor genau 75 Jahren die Option auf einen humaneren Sozialismus in der UdSSR abgewürgt worden sei. Dass Kirov nicht nur unschuldiges Opfer sondern im Verlauf seiner Parteikarriere auch Täter war, weiß die russische Öffentlichkeit bis heute kaum. Auch Kirov hatte nach 1917, während des Bürgerkriegs, Geiseln erschießen lassen. Das Los politischer Häftlinge und Arbeitssklaven, später beim Bau des Weißmeer-Ostsee-Kanals, für den er politisch mitverantwortlich war, hat ihn nicht weiter beschäftigt.

Arsenij Roginskij, Historiker und Vorsitzender der Moskauer Menschenrechtsorganisation "Memorial", hält die hartnäckige Legende vom "guten Kirov" für einen bewusst gestreuten Mythos kommunistischer Historiker und Ideologen - und schränkt noch weiter ein:

"Man sollte nicht denken, dass am 1. Dezember 1934 der Große Terror begonnen hätte und dass das so ein verhängnisvolles Datum gewesen sei. Dieser Tag war nur insofern fatal, als an ihm der Startschuss für die Säuberung der Partei und innerhalb der Elite fiel - aber das sind nicht die Massensäuberungen innerhalb der Bevölkerung. Das sind nicht die Jahre 1937/38..."

"Also, es ist natürlich so, dass der Kirov-Mord immer noch von herausragender Bedeutung für die Geschichte des Terrors unter Stalin ist..."

..., bejaht Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau, differenziert den Kirov-Mord indes im Sinne Arsenij Roginskijs:

"Dass er aber jetzt sozusagen das auslösende Moment für den 'Großen Terror' war, wird heute eigentlich nicht mehr so gesehen. Er verdeutlicht eine Kehrtwende, dass man sich also nicht nur den sogenannten äußeren Feinden zuwandte, sondern dass jetzt auch erstmals brutal in der Partei die Widersacher Stalins vernichtet wurden."

"Gurken sind grün, Tomaten sind rot,
Stalin auf einem Gang
den Kirov schoss tot..."

..., zitiert Arsenij Roginskij ironisch den Volksmund jener Zeit, der sich offenbar umgehend und scharfsinnig seinen eigenen Reim auf den Mord am Leningrader Parteichef gemacht hat. Nicht den Schützen Leonid Nikolaev halten die anonymen Versschmiede für den wahren Mörder - sondern Iosif Stalin, damals längst die uneingeschränkte "Nummer 1" in der Kommunistischen Partei und in der UdSSR insgesamt.

Die Annahme, dass Stalin von Hitlers sogenannter "Nacht der Langen Messer" im Juni 1934 inspiriert worden sein könnte, hält sich übrigens hartnäckig. Belegen aber lässt sich bislang nicht, dass der Massenmord des deutschen Diktators an den Spitzenleuten seiner Partei-Armee, der SA unter Ernst Röhm, Stalin direkt als Vorbild gedient haben könnte:

"Also ich denke, der Mord an Kirov war nicht Zufall. Denn Kirov galt durchaus als jemand, der Stalins Weisungen und Ansichten nicht ohne Widerspruch hinnahm. Er wird jetzt also nicht der Heilsbringer gewesen sein, der Gegenpart von Stalin. Er war einfach ein innerparteilicher Konkurrent, der überaus in den Augen Stalins einflussreich war... Und diesen zu beseitigen, konnte auf jeden Fall in den Augen Stalins kein Fehler sein."

Tatsächlich, so "Memorial"-Historiker Roginskij, gebe es noch nicht einmal Quellen, aus denen hervorgehen könnte, dass der Kirov-Mord von Stalin unmittel- oder mittelbar befohlen worden wäre. Das sei aber auch kein Gegenbeweis, denn bekanntlich habe Stalin keineswegs immer alles schriftlich fixiert.

Doch selbst wenn es Schriftliches dazu gegeben haben sollte, gibt Wasslij Christoforov zu bedenken, der Leiter des Archivs beim Inlandsgeheimdienst FSB, dem direkten Nachfolger des sowjetischen KGB beziehungsweise NKWD:

"Vor dieser Wahrheit hatten sie schon damals Angst"

, ist Christoforov sich sicher. So abgeschirmt wie Geheimcode-Schlüssel habe man derlei Dinge aufbewahrt. Strenge Disziplin sei damals die Regel gewesen: Wenn Dokumente etwa mit dem Vermerk "Nach dem Lesen vernichten!" getragen hätten, dann sei man auch so verfahren. - Vor allem habe man nach den Schriftstücken tragischerweise auch diejenigen liquidiert, die über deren Inhalt hätten Auskunft geben können, ergänzt der Historiker Andrej Sacharov:

"Das Jahr 1934 war eine Zeit, in der tatsächlich politisches 'Tauwetter' herrschte. Unter Stalin ging das vor sich, so merkwürdig das klingt. Alle hatten ausgesprochen genug von der Kollektivierung der Landwirtschaft, vom 'Holodomor' - dieser Hungersnot in weiten Teilen des Landes -, von den Repressionen gegen politisch Aktive, gegen originell denkende Intellektuelle... Der Wunsch wurde immer stärker, dass sich alles normalisieren soll. - Stalin musste das in sein Kalkül ziehen. Er war ein virtuoser Politiker. Er wusste, wann man nachgeben musste. Und: Er machte sich diese allgemeine Auffassung zu Eigen. So begann diese Epoche eines, sagen wir, 'politischen Tauwetters'."

Eine Ansicht, der jüngere Historiker wie Matthias Uhl eher skeptisch gegenüberstehen:

"Dieses unwahrscheinliche, forcierte Tempo der Industrialisierung, das die Leute auch in eine ungeheure Anspannung versetzte, ich glaube, das wird eher die Tatsache gewesen sein, dass die Opposition gesagt hat: 'Wir müssen jetzt mal einen Gang runterschalten und uns wieder um die Menschen kümmern...' - Und das wollte Stalin nicht hinnehmen. Er wollte das Land in eine sozialistische Industrienation zwingen und nahm dafür im Prinzip alle Kosten in Kauf, und ich denke, jetzt zu sagen, dass sich die Verhältnisse so geklärt hätten, dass die Opposition wieder Raum gewinnen konnte, wäre - glaube ich - eine falsche Ausgangsbeschreibung."

Allein der Begriff "Opposition" ruft bei dem sowjetkritischen Historiker Arsenij Roginskij Zweifel hervor, denn Stalin habe ein festes Ziel verfolgt - die eigene Macht abzusichern:

"Er musste natürlich eine Riesenmenge für ihn überflüssiger, potenziell feindlich gesinnter Leute wegsäubern. Und deren erste Kategorie waren die alten Kampfgefährten, Freunde von gestern, die natürlich auch Anspruch darauf erhoben, die Situation im Land zu begreifen, wenn auch vielleicht ein wenig in eine andere Richtung... Nein! Nicht 'ein wenig' - sondern nur ein ganz klein bisschen anders als er, so um die fünf bis zehn Prozent 'Abweichung'. - Aber jedenfalls war das keine richtige, aktive Opposition! Die Parteioberen waren längst absolut um Stalin herum konsolidiert."

Einige Monate zuvor allerdings, auf dem 17. Parteitag der Kommunisten, bei den Wahlen zum Zentralkomitee, muss Stalin erleben, dass sein Leningrader Politbüro-Gefährte Kirov nur ganze drei Gegenstimmen erhält - gegen ihn, gegen Stalin, stimmen dagegen knapp 300 Delegierte. Demütigung, Wut, sicherlich auch Angst - derlei Gefühle kann Stalin allerdings meisterhaft hinter einer betont gleichmütigen Miene verbergen. - Matthias Uhls Gedanken, dass Sergej Kirov sich letztlich nur zur falschen Zeit am falschen Ort aufgehalten haben könnte, kann Roginskij einiges abgewinnen, denn:

""Wenn es diesen Mord nicht gegeben hätte, wenn Stalin sich nicht diese Variante ausgedacht hätte, dann wäre ganz bestimmt jemand anders auf der Ebene dieses Parteikader-Kreises umgebracht worden. Denn dieser Mord war als Ausgangsbasis für die grandiosen Säuberungen vorgesehen, die dann zunächst in der Partei begonnen haben."

Auch hinsichtlich Leonid Nikolaevs, des mutmaßlichen Kirov-Mörders, scheint in der Historikergilde überwiegend Konsens zu sein, dass wohl er den Revolverabzug gedrückt hat - und nicht ein Leningrader NKWD-Agent, wie eine Minderheit weiterhin glaubt. - Drei mögliche Motive Nikolaevs stehen im Raum: Eifersucht auf Kirov, der gerüchteweise eine Affäre mit seiner Frau gehabt haben soll, Ärger und Frustration, weil er trotz Parteimitgliedschaft wegen mangelnder Leistungen aus seiner Arbeitstelle in der Leningrader Parteiverwaltung entlassen worden war oder weil er - drittens - Grigorij Sinovjev, Kirovs Vorgänger im Amt, weiterhin loyal ergeben gewesen sei. Sogar eine Mischung aus allen drei Gründen scheint in Frage zu kommen - auch wenn beim Stichwort "Sinovjev" plötzlich Funken zu stieben scheinen:

"Zuerst verfolgte man nach dem Mord die Idee, konterrevolutionäre ehemalige Weißgardisten stünden hinter dem Mord an Kirov. Doch schon Mitte Dezember hieß es: 'Ahaaa! Wir haben einen echten Schuldigen!' - Das muss man natürlich in Anführungszeichen sehen! - Wir haben Nikolaev, und der hat Verbindungen zur Sinovjev-Opposition!"

Das vermeintliche Knäuel beginnt sich flugs zu entwirren:

"Von der Sinovjev-Opposition aus ging's sofort weiter. Ganz schnell. In die Breite wie in die Tiefe: Verbindungen hinüber zur sogenannten Trotzkij-Opposition! Darauf packte man dann die sogenannte 'Rechte Opposition', die 'Bucharinisten'. - Und all das diente der These Stalins von der 'Verschärfung des Klassenkampfs während des Siegeszuges des Sozialismus'! - Natürlich spielte dabei die Absicht eine Rolle, die Gesellschaft, die Bevölkerung bei der Abwehr gegen den vermeintlichen 'Inneren Feind' zu festigen!"

Eine erschreckend effektive Strategie, wie die Praxis bald beweisen sollte. Schauprozesse folgen begleitet von bestelltem, bisweilen wohl auch echtem Volkszorn, befeuert von einer breit angelegten, aggressiven, psychoseähnlichen und vom Regime perfekt orchestrierten Propaganda-Offensive:

"Tod den Vaterlandsverrätern!"

"Ich spreche sicher im Namen des ganzen Proletariats unseres Landes, wenn ich sage, dass man dieses Reptiliengezücht erschießen muss!"

Noch am selben Tag, kurz nachdem Nikolaev auf Kirov geschossen hat, zieht Stalin einen fertig vorformulierten Ukas aus der Schublade und setzt ihn in Kraft. Für viele ist das übrigens der Beweis, dass Stalin den Mordplan gegen Kirov zumindest gekannt haben muss. - Dieses Papier wird bald den Namen "Charta des Terrors" tragen. Es dient als pseudo-juristische Arbeitsgrundlage für die berüchtigten "Dreier-Sonder-Tribunale" mit ihren Todes- und Lager-Urteilen vom Band. Der - verkürzte - Wortlaut:

"Erstens: Die Untersuchungsorgane werden angewiesen, die Fälle der wegen Vorbereitung oder Ausführung von Terrorakten Angeklagten beschleunigt zu erledigen.
Zweitens: Die Organe der Rechtsprechung werden angewiesen, die Vollstreckung der wegen Verbrechen dieser Kategorie ausgesprochenen Todesurteile nicht im Hinblick auf eine eventuelle Begnadigung aufzuschieben, da das Präsidium des Zentralen Exekutivkomitees der UdSSR die Entgegennahme von Eingaben dieser Art nicht für nötig erachtet.
Drittens: Die Organe des Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten - NKWD - werden angewiesen, die Todesurteile gegen Verbrecher der oben genannten Kategorie unmittelbar nach Urteilsverkündung zu vollstrecken."


Die Richter und Staatsanwälte, die dazu ausersehen sind, der bald anlaufenden Treibjagd nach außen hin einen rechtlichen Rahmen zu verleihen, stehen schon längst bereit. Wie sie die sogenannte "sozialistische Gesetzlichkeit" begreifen und anwenden wollen, haben sie schon in den Jahren zuvor unter Beweis gestellt. Denn Prozesse gegen angebliche "weiße Konterrevolutionäre" oder "bürgerliche Spezialisten-Schädlinge" hatte es natürlich auch schon vor 1934 in der Sowjetunion gegeben. - Doch gerade im Fall des mutmaßlichen Kirov-Mörders Leonid Nikolaev wird anhand später ausgewerteter Quellen deutlich, wie das stalinistische Rechtssystem zu einem fremdgesteuerten Unterdrückungsinstrument verkommen ist: Knapp vier Wochen nach dem Mord an Kirov - am 28. Dezember 1934, um 14 Uhr 40, wird der Prozess gegen Nikolaev unter dem Vorsitz von Militärrichter Wassilij Ulrich eröffnet. Ulrich ist für seine schematische Art, Todesurteile zu verhängen, längst bekannt und berüchtigt. Dennoch sucht er vor Verhandlungsbeginn Stalin auf, um zu erfahren, welche Strafe er gegen Nikolaev verhängen soll. Und noch nach Prozessbeginn, so ist zu lesen, ruft Ulrich den Diktator zweimal an, weil ihn ganz offensichtlich Nikolaevs stur wiederholte Aussage verwirrt, er - Nikolaev - habe den Mordanschlag auf Kirov ganz allein ausgeführt. Der konstruierte Tatvorwurf, wonach Nikolaev im Auftrag innerparteilicher Oppositioneller gehandelt habe, wäre damit zumindest ins Wanken geraten. Eigentlich, so heißt es, habe Ulrich Stalin empfohlen, deswegen den ganzen Fall noch weiter untersuchen zu lassen. So zumindest werden später Ulrichs Beisitzer und auch seine Ehefrau zitiert. - Da scheint Stalin der Kragen buchstäblich geplatzt zu sein und - laut Aussagen dieser Augen- und Ohrenzeugen - soll er Ulrich wütend befohlen haben, den Prozess so wie vorgesehen zu Ende zu führen. Vor allem aber sollten alle dieselbe Strafe erhalten: "Erschießen!" - Danach - so die Zeitgenossen übereinstimmend - habe Ulrich nie wieder Einwände gegen politische Prozessanweisungen erhoben: Am nächsten Morgen, am 29. Dezember 1934, um 6.40 Uhr morgens, keine 24 Stunden später, fiel das gewünschte Urteil. Kirovs Tod als Katalysator hin zur Herrschaft des offenen Terrors: Eine Warnung, eine Drohung - wenn auch zunächst nur an die eigene Partei-Kohorte:

"(...)Die mysteriösen Begleitumstände der Ermordung Kirovs genügten, um den Mitgliedern des Zentralkomitees und auch des Politbüros vor Augen zu führen, welche ernsthaften Konsequenzen Dissidenten zu erwarten hatten..."

..., bilanziert der britische Historiker Donald Rayfield in seiner 2004 erschienenen Monografie "Stalin und seine Henker". - Doch auch die wahllos erscheinenden Massenverhaftungen quer durch die Bevölkerung sind nicht mehr fern. - Poeten, so heißt es, verfügen über feine Sensoren, vermögen leise seismische Beben im gesellschaftlichen Umfeld ihrer Mitmenschen zu erspüren: Osip Mandelstam besitzt solch ein Talent. Schon Monate vor Kirovs Tod hat er das Wetterleuchten des heraufziehenden "Großen Terrors" ausgemacht, mit seinem "Stalin-Epigramm" hellsichtig wie scharfzüngig den obersten Drahtzieher des Schreckens karikiert - und damit zugleich sein eigenes Todesurteil verfasst. Auf dem Transport in ein Arbeitslager nahe des fernöstlichen Vladivostok stirbt der Häftling Mandelstam, keine 48 Jahre alt. Der rachsüchtige Adressat seines Epigramms ist irdischer Sieger geblieben:

"Wir Lebenden spüren den Boden nicht mehr,
Wir reden, dass uns auf zehn Schritt keiner hört,
Doch wo wir noch Sprechen vernehmen, -
Betrifft's den Gebirgler im Kreml.
Seine Finger sind fett und, wie Würmer, so fett,
Und Zentnergewichte wiegt's Wort, das er fällt,
Sein Schnauzbart lacht Fühler von Schaben,
Der Stiefelschaft glänzt so erhaben.
Schmalnackige Führerbrut geht bei ihm um,
Mit dienstbaren Halbmenschen spielt er herum,
Die pfeifen, miaun oder jammern.
Er allein schlägt den Takt mit dem Hammer.
befehle zertrampeln mit Hufeisenschlag:
In den Leib, in die Stirn, in die Augen, - ins Grab.
Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten -
Und breit schwillt die Brust des Osseten."

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