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Seit 06:00 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDas gefährlichste Jahr im Kalten Krieg29.05.2014

GeschichteDas gefährlichste Jahr im Kalten Krieg

1983 – das war das Jahr, in dem die Pershing-II-Raketen in Deutschland stationiert wurden, und es war das Jahr, das vermutlich das gefährlichste während des gesamten Kalten Krieges war. Stück für Stück können Historiker jetzt Dokumente einsehen, die verdeutlichen, wie nah die Großmächte damals am Rande eines Atomkrieges standen.

Von Andreas Beckmann

Eine Pershing-Rakete wird gefechtsbereit gemacht. (Undatierte Aufnahme). Pershing-Raketen können mit atomaren Gefechtsköpfen ausgerüstet werden. (dpa/Egon Steiner)
Eine Pershing-Rakete wird gefechtsbereit gemacht (undatierte Aufnahme) (dpa/Egon Steiner)
Weiterführende Information

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Sprengstoff der Archive (Deutschlandfunk, Studiozeit, 08.10.2009)

Die Doomsday Clock war ein Symbol des amerikanischen "Bulletins of the Atomic Scientists". Die Doomsday Clock sollte während des Kalten Krieges die Gefahr eines Atomkrieges symbolisieren. 1983 stand sie um drei Minuten vor Mitternacht.

Der Historiker Klaas Voß untersucht am Hamburger Institut für Sozialforschung, wie die Welt damals an den Rand eines Atomkriegs geriet.

Anfang 1983 hoffte eine weltweite Friedensbewegung noch, die Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa zu verhindern.

"Diese Pershing II-Raketen wurden von der Sowjet-Union als besonders gefährlich angesehen, weil die einen Schnellangriff gegen die sowjetische Führung ermöglicht hätten. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Enthauptungsschlag. Die Flugzeiten dieser Raketen wurden vom KGB auf vier bis sechs Minuten eingeschätzt. Das war technisch wahrscheinlich nicht der Fall, aber trotzdem glaubte die Sowjet-Union das.

Ein solch schneller Atom-Angriff hätte der Sowjet-Führung keine Zeit mehr gelassen, ihrerseits einen Gegenschlag einzuleiten. Deswegen fürchtete sie, jegliche Abschreckungsfähigkeit zu verlieren.

"Für sehr viele Akteure war es eine echte Furcht vor der Möglichkeit eines neues Krieges, als mit Juri Andropow und den damaligen militärischen Spitzen, Politikern und Militärs das Sagen hatten, für die der Sommer 1941, also der Überfall auf die Sowjet-Union, noch ein Datum war, das sie zutiefst in ihrer politischen Bewusstwerdung beeinflusst hatte. Man glaubte, es mit einer ähnlichen Konstellation zu tun zu haben."

Der Historiker Bernd Greiner hat in jahrelangen Recherchen zwar keinerlei Belege für einen amerikanischen Angriffsplan gefunden, aber Hinweise darauf, dass die Unsicherheit der Sowjets dem damaligen Präsidenten Reagan durchaus zupass kam.

"Er wollte vor der Weltöffentlichkeit vorführen, dass die USA ihr sog. Vietnam-Trauma überwunden haben, dass sie nicht mehr bereit sind, wie es in der Diktion der damaligen Zeit hieß, sich weiter herumschubsen zu lassen, und das implizierte die Bereitschaft, die eigene Macht so zu inszenieren, dass die andere Seite davon beeindruckt ist und es alle sehen, dass die andere Seite davon beeindruckt ist.

Ronald Reagan titulierte die Sowjet-Union als "Reich des Bösen". Von Afghanistan über Angola bis Nicaragua lieferte er jeder Guerilla-Bewegung Waffen, die gegen den Sozialismus kämpfte. Er überfiel den kleinen karibischen Inselstaat Grenada und begann auch gegenüber der Sowjet-Union eine Art psychologischer Kriegsführung.

Mehrmals Fehlalarme im sowjetischen Abwehrsystem

"Dazu gehörte unter anderem das Verfahren, Jagdbomber auf den sowjetischen Luftraum zufliegen zu lassen und im letzten Moment würden sie bei diesem Pseudoangriff abdrehen."

"Die Empörung in Amerika über den kaltblütigen Abschuss einer Passagiermaschine mit 269 Leuten an Bord ist groß."

"Als dann die koreanische Passagiermaschine abgeschossen wurde, war das eine indirekte Folge dieser hohen Anspannung."

Gut drei Wochen später, am 26. September löste das sowjetische Abwehrsystem erneut einen Fehlalarm aus, diesmal wegen eines vermeintlichen Raketenangriffs. Ein aufmerksamer Offizier verhinderte eine Katastrophe. Aber der Vorfall zeigt, wie groß die Panik in Moskau im Herbst 1983 war, als nicht nur die Stationierung der Pershing II unmittelbar bevorstand, sondern die NATO auch noch am 7. November, dem Jahrestag der Oktober-Revolution, ein bedeutendes Manöver begann.

"Able Archer war eine NATO-Kommandostabsübung, die den Übergang von einem konventionellen Krieg zu einem nuklearen Krieg üben sollte."

Wollte die NATO unter dem Deckmantel eines Manövers einen Atomkrieg beginnen? KGB- und Armee-Spitze in Moskau diskutierten ernsthaft diese Frage. Es kursierten Gerüchte, Regierungschef wie Helmut Kohl oder Margaret Thatcher würden an der Übung teilnehmen. Eine Fehlinformation, die immer noch in manchen historischen Darstellungen kolportiert wird. Der Stasi-Spion Rainer Rupp alias Topaz meldete aus dem NATO-Hauptquartier in Brüssel, es gebe keine aggressiven Pläne des Westens. Aber kamen seine Berichte rechtzeitig an höchster Stelle in Moskau an? Kein Historiker weiß bis heute genau, wie kurz die Sowjets davor waren, auf die vermeintliche Gefahr mit einem Präventivschlag zu antworten. Auch nicht Nate B. Jones, der für die Historikervereinigung "National Security Archive" in Washington die Freigabe Tausender Seiten US-Akten zu dem Manöver gerichtlich erwirkt hat. Aber Jones ist sich sicher, dass Meldungen über die Ängste der Sowjets die US-Regierung erreichten.

Scherzhafte Bombardement-Androhungen bei der Mikrofonprobe

"Reagans Sicherheitsberater McFarlane hat mir erzählt, dass er im Dezember 1983 auf einem Flug mit der Air Force One Reagan über Geheimdienstberichte informierte, wonach die Sowjets seit Able Archer ernsthaft mit einem amerikanischen Atomangriff rechneten. McFarlane sagte mir, diese Information habe Reagan sehr erschreckt."

Im Januar 1984 bot Reagan der Sowjet-Union Abrüstungsgespräche an. Doch seine Signale blieben widersprüchlich. So kündigte er ein halbes Jahr später während einer Mikrofonprobe scherzhaft ein Bombardement an.

"My fellow Americans. I'm pleased to tell you today that I've signed legislation that would outlaw Russia forever. We begin bombing in five minutes."

"Reagan hat häufig gewitzelt, immer wenn ich einen sowjetischen Führer um ein Treffen bitte, stirbt der vor Schreck. Aber wenn man die Eintragungen in seinem Tagebuch liest, hat er bis 1984 nie ernsthaft versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen."

Mit Leonid Breschnew, Juri Andropow und Konstantin Tschernenko saßen nacheinander gleich drei greise und todkranke Generalsekretäre im Kreml, die Reagan für einen verantwortungslosen Hasardeur hielten.

Weil es zwischen den mächtigsten Männern der Welt keine Kontakte gab, wuchs auf beiden Seiten das Misstrauen. Auch 1984 stand die Doomsday Clock weiterhin auf drei Minuten vor 12. Erst als 1985 Michail Gorbatschow an die Spitze der KPdSU trat, wandelte sich das weltpolitische Klima.

"Dann kam ein diplomatischer Prozess ins Rollen, es gab Gipfeltreffen, man hat kommuniziert. Etwas, was in den Jahren 81, 82 und 83 sträflich vernachlässigt worden war."

1987 einigten sich die Supermächte, sämtliche Mittelstrecken-Raketen zu verschrotten. Die Doomsday Clock wurde auf sechs Minuten vor 12 zurückgestellt.

"Auf der amerikanischen Seite gibt es einen 110-seitigen zusammenfassenden Geheimbericht über die Krise von 1983, der wahrscheinlich alle offenen Fragen beantworten würde. Aber bisher kämpfen wir vergeblich darum, dass die US-Regierung diesen Bericht freigibt."

Erst wenn dieser Bericht und vor allem die sowjetischen Akten zugänglich sind, können Historiker das möglicherweise gefährlichste Jahr des Kalten Krieges vollständig rekonstruieren.

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