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StartseiteInterview"Es ist einer der großen Mythen, dass man glaubt, alles schon zu wissen"08.05.2016

Geschichte der Konzentrationslager"Es ist einer der großen Mythen, dass man glaubt, alles schon zu wissen"

Die Geschichte der Konzentrationslager ist längst nicht zu Ende erzählt, findet der Historiker Nikolaus Wachsmann. Er hat neue Details recherchiert und etwa herausgefunden, dass die Nazis am Anfang noch nicht so recht wussten, wie diese Lager eigentlich aussehen sollten. Außerdem sei die Lage zwischen 1933 und 1945 durchaus unterschiedlich gewesen, nicht fortschreitend dem Abgrund entgegen, sagte Wachsmann im Deutschlandfunk.

Das rekonstruierte Metalltor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" in der KZ-Gedenkstätte Dachau in Dachau bei München (Bayern). (dpa/picture-alliance/Peter Kneffel)
Das rekonstruierte Metalltor mit der Aufschrift "Arbeit macht frei" in der KZ-Gedenkstätte Dachau in Dachau bei München (Bayern). (dpa/picture-alliance/Peter Kneffel)
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Heute vor 71 Jahren unterschrieben die Deutschen die erste Kapitulationserklärung. Der Zweite Weltkrieg war damit beendet. Schon vorher hatten die Allierten einzelne Konzentrationslager befreit, im April und Mai waren sie mit einer Informationskampagne an die Öffentlichkeit gegangen, um die Deutschen über die Konzentrationslager zu informieren.

Trotz jahrzehntelanger historischer Arbeit seien aber bis heute noch viele Details unbekannt gewesen, sagte Wachsmann im Deutschlandfunk. So seien die Lager ursprünglich mit KL abgekürzt worden, nicht mit KZ. Er habe seinem Buch deswegen bewusst den Titel "KL" gegeben, um klarzumachen, dass man nicht alles wisse. Er versuche auf Grundlage der neuen Forschung eine Gesamtbeschreibung – aus der Perspektive der Lagerinsassen, Wärter und Zuschauer.

"Möglichkeiten, den Terror zurückzufahren"

Wachsmann sagte, so sei es durchaus nicht so gewesen, dass sich die Lage in den Lagern durchgehend verschlimmert habe. In der Vorkriegszeit sei es sogar wahrscheinlicher gewesen, dass ein Inhaftierter das Lager wieder verlassen konnte, als dass er ermordet wurde. Im Krieg habe sich das gedreht. "Es gibt eine ganz dramatische Radikalisierung, aber es ist nicht so, dass das Lager immer fortschreitend auf einer Linie sich dem Abgrund zunähert", sagte Wachsmann. "Es gibt auch immer wieder Möglichkeiten der Täter, den Terror zurückzufahren."

Wachsmann beschrieb im DLF das Beispiel des KZ Dachau. Anfangs habe die SS noch nicht gewusst, wie genau sie das System der Konzentrationslager aufbauen wollte. 1933 habe das Lager ganz anders ausgesehen als bei seiner Befreiung im April 1945, und auch zum Kriegsbeginn habe es erneut Änderungen gegeben. Er wolle damit klarmachen, wie radikal und drastisch sich dieses System immer wieder geändert habe.

Nikolaus Wachsmann wurde 1971 in München geboren. Er studierte in London und Cambridge. 2001 erhielt er den Fraenkel-Preis der Wiener Library und 2005 den Gladstone-Preis der Royal Historical Society. Wachsmann lehrt Neuere europäische Geschichte am Birkbeck College der University of London.

Nikolaus Wachsmann: KL. Die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager, Siedler 2016

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