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StartseiteBüchermarktGeschichte der Stimme24.06.1998

Geschichte der Stimme

Die Geschichte der Stimme zu schreiben - eine schwierige Aufgabe. Im Zeitalter von Radio und Fernsehen sind die Stimmen von Politikern, Künstlern oder Wissenschaftlern in den Archiven dokumentiert. Aber niemand kann heute genau sagen, wie Cicero oder Karl der Große gesprochen hat. So bleibt Karl-Heinz Göttert nichts anderes übrig, als sich den schriftlichen Quellen zu widmen, aus denen man die Bedeutung der Stimme deuten kann.

Klaus Weinert

So fragte sich schon in der Antike der Leibarzt Kaiser Marc Aurels, Galenos, genannt Galen, wie die Stimme funktioniere. Durch anatomische Studien, besonders am Schwein, gelang es Galen, die beteiligten Organe an der Stimmbildung exakt zu beschreiben. Bis in die Neuzeit waren seine Erkenntnisse maßgebend. Dennoch gelang es ihm nicht, zu erklären, wie es zum Stimmlaut kam.

Die Analyse Galens darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese medizinische Betrachtung die Stimme nicht isolierte. Mensch und Stimme wurden in der Antike als eine Einheit betrachtet. Daher bedingte der Auftritt des Redners und seine Rede die Glaubwürdigkeit viel stärker als das heute der Fall ist. Als passend wurde ein Vortrag verstanden, wenn die Stimme das Gemeinte vermittelte, wenn die Stimme zur Stimmung wurde. Ganz ist diese Vorstellung gewiß auch heute nicht aus unserem Bewußtsein verschwunden.

Die Stimme besaß in der Mündlichkeit der antiken Welt einen hohen Stellenwert. Denn wichtige Informationen waren auf die Übertragung durch die menschliche Stimme angewiesen, sollte ein größeres Publikum erreicht werden. Daher kam der Stimmausbildung ein hoher Stellenwert zu, natürlich besonders für Schauspieler, die oft vor tausenden von Menschen auftreten mußten.

Karl-Heinz Göttert wendet sich den Orten zu, auf denen stimmliche Präsenz entscheidende Bedeutung hatte. So waren Soldaten selten eifrige Krieger, die gerne in die Schlacht zogen. Häufig waren es erst die Ansprachen der Heerführer, die die Soldaten um sich scharten. Man erinnerte an die Tapferkeit der Vorfahren und der Ankündigung des Heerführers, daß er bis zum Letzten kämpfen wolle, erst dann waren die Soldaten so befeuert, daß sie bereit waren, in den Kampf zu ziehen. Allein, die Stimme war im Getöse des Kampfes nicht hörbar. So beschreibt Göttert, wie man durch Fackelzeichen oder Blasinstrumente die Heere steuerte.

Dienten die Instrumente im Kampf der Orientierung, so ergänzten sie in Friedenszeiten die Stimme bei Triumphzügen oder Festen. Die Stimme wurde anscheinend nicht immer als ausreichend empfunden, die Feierlichkeit gebührend zu präsentieren. Vor allem die Trompete wurde zu einem hervorgehobenen Instrument, das repräsentative Aufgaben begleitete. Dieser Exkurs belegt, daß auch früher schon die Herrscher nach Möglichkeiten gesucht haben, die Stimme zu verstärken und zu ergänzen. Der Exkurs zeigt aber auch, daß es schwierig ist, eine Geschichte der Stimme zu erzählen, in der die Stimme ständig dominiert. So wurde ihre Stellung nicht nur durch Instrumente geschwächt. Wenn Mönche predigten oder fahrende Sänger Ereignisse aus fremden Regionen und Ländern besangen, dann war dazu die Stimme nötig, verlor aber durch den Auftritt des Sängers an Bedeutung.

Daß die Stimme nicht immer dominiert, auch dort nicht, wo sie doch eine wichtige Rolle spielt, das führt dazu, daß der Leser des Buches die Stimme immer wieder aus dem Auge verliert. Das hat natürlich auch damit zu tun, daß die Stimme immer mit Bedeutung und bestimmten historischen Ereignissen in Zusammenhang steht. Die Geschichte der Stimme ist daher auch immer eingebettet in die Geschichte der sozialen oder kulturellen Verhältnisse einer Epoche.

Deutlich wird dies auch, wenn Karl-Heinz Göttert beschreibt, welche Rolle die Stimme in der Französischen Revolution spielte. Um Menschen zu beeindrucken und unvorbereitete Situationen auszunutzen, war die Rede nach wie vor das beste Instrument. Doch zeigte sich bereits hier, daß auch die Parteiorganisation immer wichtiger wurde. Göttert belegt dies anhand der Auseinandersetzungen beim Prozeß gegen Ludwig XVI., Ende 1792. Die Girondisten wurden zwar wegen ihrer hervorragenden Redner gefeiert, konnten sich dennoch gegenüber den Jakobinern nicht durchsetzen, da die Jakobiner besser organisiert waren. Damit kommen andere als stimmliche Normen ins Blickfeld des Autors.

Wie schwierig die geschichtliche Darstellung der Stimme ist, zeigt sich auch bei der technischen Vermittlung der Information. So beschreibt Karl-Heinz Göttert, wie durch die Telegraphenlinien auch die Kriegsführung verändert wurde, indem die Aktivitäten des Feindes rascher vermittelt werden konnten als früher. Dadurch war es möglich geworden, durch schnellere Informationübertragung Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um Niederlagen abzuwenden. So verlegte Napoleon - nach der Schlacht von Wagram 1809 - seine Truppen an die Kanalküste, als ihm telegraphiert wurde, daß die englische Flotte sich formierte. Der Angriff Englands wurde gestoppt. Technische Errungenschaften werden in dieser Darstellung mit der Stimme so verquickt, daß kaum mehr zu entscheiden ist, ob es sich um eine Geschichte der Stimme oder um die Geschichte der Technik handelt.

Diese Schwierigkeit wird besonders deutlich im 20. Jahrhundert. Göttert schreibt, daß der Lautsprecher nun am Ende einer Entwicklung stehe, an der die Rede nur noch über den Laut vermittelt würde. Die Rede als körperliche Aktion des Redners gehört schon längst der Vergangenheit an, meint der Autor. Andererseits dominiert die optische Seite im Vergleich zur akustischen, da Gesten über das Fernsehen eben viel eindrucksvoller vermittelt werden könnten, schreibt Göttert. So scheint die nonverbale körperliche Kommunikation nicht ganz verschwunden zu sein, sondern sich nur den veränderten Bedingungen angepaßt zu haben. Aber wie ist dieses Verhältnis heute genau beschaffen? Welche Rolle spielt heute die Stimme, um Menschen zu überzeugen? Ersetzen nicht gerade Gesten im Fernsehen den körperlichen Einsatz des antiken Redners? Diese Fragen werden nicht beantwortet. Da Karl-Heinz Göttert die antike Rede der heutigen bevorzugt, muß die heutige, meist technisch übertragene Rede zwangsläufig minderen Charakter bekommen.

So sehr das Buch von Karl-Heinz Göttert durch Akribie und gründliche Quellenrecherche beeindruckt, so vermißt man die kritische Sicht im Zeitalter, wo Bits und Bytes die Rede mitbestimmen. Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, auf die Analyse auch elektronischer Quellen zu verzichten, will man eine Geschichte der Stimme des 20. Jahrhunderts schreiben. Auch sollte berücksichtigt werden, daß die Stimme und der Körperauftritt in der Popmusik eine neue Bedeutung erhalten haben. Insofern weist Karl-Heinz Götterts Buch Defizite auf. Trotzdem wird man ein gründlicheres zur Geschichte der Stimme derzeit nicht finden.

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