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StartseiteBüchermarktImmer die gleichen Probleme27.08.2015

Geschichte des GeldesImmer die gleichen Probleme

In seinem Buch "Mehr! - Philosophie des Geldes" geht Christoph Türcke der Geschichte von Geld und Schulden auf den Grund. Dabei führt er den Leser zurück in die frühen Opferkulte und macht deutlich, dass die Probleme mit dem Geld über Jahrhunderte die gleichen geblieben sind.

Von Hans Schönherr-Mann

Ein chinesischer Bankmitarbeiter zählt Renminbi-Yuan-Geldscheine (picture alliance / dpa / Xu Jingbai)
Ein chinesischer Bankmitarbeiter zählt Geldscheine. (picture alliance / dpa / Xu Jingbai)
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Im Jahr 1900 erscheint die 'Philosophie des Geldes' von Georg Simmel, einem der Begründer der Soziologie und Kulturtheorie, ein opulentes Werk, auch eine Antwort auf Marx, an die Christoph Türcke mit seinem neuen Buch anschließt und die er zugleich folgendermaßen kritisiert: "Das ist insgesamt ein großer Schwachpunkt, zu sagen ich analysiere den Wertungsprozess aber was ein Wert ist kann ich nicht sagen und von daher denke ich, war das Thema Philosophie des Geldes dann doch noch mal neu aufzurollen."

Christoph Türcke grenzt sich auch gegenüber David Graeber ab, einem der Vordenker der Occupy-Bewegung, dessen Buch mit einer ähnlichen Thematik seit 2011 fleißig diskutiert wird: "Das Buch heißt so schön: 'Schulden – die ersten 5000 Jahre'. Ich würde sagen, er schreibt über die letzten 5.000 Jahre und das ist ein entscheidender Unterschied."

Türckes Opus Magnum 'Mehr! Philosophie des Geldes' beginnt mit dessen Genealogie, was nämlich so viel bedeutet, dass er das Geld nicht aus sich selbst, nicht von der Münze oder ähnlichem ableitet, sondern von seinem Gegenteil, von etwas, das zunächst dem Geld gar nicht zu ähneln scheint, nämlich vom religiösen Opfer, das viel älter als 5.000 Jahre ist. Bisher führt man das Geld zumeist auf die Münze zurück, die gerne als Urform des Geldes betrachtet wird. Doch dem widerspricht Türcke:

"Die Münze ist bereits eine Spätform des Geldes. Was heißt denn Geld ursprünglich. Es kommt keineswegs vom Gold, wie viele Leute denken. Das Wort kommt vom angelsächsischen gilt und das heißt das Geschuldete, das zu Entrichtende, das zu Zahlende, und das sind zunächst keineswegs Privatschulden gewesen, sondern dasjenige was ein Kollektiv glaubte, einer höheren, sie beschützenden, aber ihr immer auch zürnenden Macht zu schulden, kurzum das Geschuldete war ein Opfer. Und das Wort Gilde hat ursprünglich keineswegs Handwerkszunft bedeutet, sondern so viel wie Opfergemeinschaft. Und geopfert wurden zunächst mal keine gelben runden hübschen Metallscheiben, sondern lebendige Wesen, kostbarste lebendige Wesen, solche, die man sich gleichsam vom Leibe und von der Seele und vom Herzen reißen musste. Das sind über lange Zeit die kostbarsten Großtiere gewesen, wovon menschliche Kollektive entscheidend gelebt haben. Und die haben selbst noch einmal eine Vorform gehabt, nämlich menschliche Stammesgenossen, kurzum solche hochkostbarsten Gaben sind die Primärform der Zahlung gewesen. Die Zahlung hat nicht irgendwann mit der Münzerfindung begonnen. Sondern, nach allem was wir wissen, seit es Opfer gibt, gibt es Zahlung. Opfer sind die Urzahlung. Und sie erfüllen auch insofern den Tatbestand des Geldes, als sie ja nicht irgendeine Privatwährung sind, sondern sie sind die Währung eines ganzen Kollektivs. Sie sind eine Kollektivdarbringung. Da müssen wir ansetzen, wenn wir verstehen wollen, was Geld ist. Das hat was mit Schuld und dem Versuch, sie zu begleichen, zu tun."

Alttestamentarische Geschichten analysiert

Christoph Türcke bezieht sich dabei auf die Altsteinzeit, über die es natürlich nicht viele empirische Quellen gibt. Aber das Menschenopfer belegt noch das Alte Testament, ist der Stammvater Abraham bereit, seinen Sohn Isaac seinem Gott zu opfern. Gemeinhin mussten sich am Menschenopfer alle Stammesgenossen beteiligen, damit alle schuldig wurden, ein Opfer, das natürlich nicht nur es selbst betraf, sondern alle, opferte man einen Stammesgenossen zumeist mit Bedauern, Schmerzen und letztlich einem schlechten Gewissen. Auch daran kann es liegen, dass die Quellen spärlich sind, wollte man sich nicht unbedingt lange an diese Opfer erinnern, sondern verdrängte sie. So treten denn auch noch in der Vorgeschichte und bis in die heutige religiöse Praxis hinein erst Tiere und dann diverse Dinge und Gegenstände, später Geld, an die Stelle des Menschenopfers. Mit dem Opfer will man den Gott gnädig stimmen, will man den Schutz des Gottes vor den Naturgewalten erhalten. Dem Schrecken, den man durch die Naturgewalten erlebt, setzt man den Schrecken entgegen, den man bei der Opferung des Stammesgenossen erleidet. Man will dem Schrecken durch Wiederholung begegnen, ihn durch Wiederholung abbauen, was seit den Anfängen bis heute zu einer Zwangshandlung wird. Sie bezeichnet Sigmund Freud als Wiederholungszwang, auf den Christoph Türcke zurückgreift:

"Wenn man dann der Logik des Opfers weiter nachspürt, kann man ganz gut begreifen, dass Opfer insgesamt eine Substitution gewesen sind, das heißt durch Wiederholung traumatischen Naturschreckens in Eigenregie versucht man, an die Stelle des Schrecklichen ein Äquivalent zu setzen, eines das dann aber weniger schreckt. Und das ist der Versuch, des Naturschreckens Herr zu werden. Das heißt, wir begreifen das Opfer nicht wirklich, wenn wir es nicht von der Figur des traumatischen Wiederholungszwangs her aufschlüsseln. Und wenn wir das tun, kommen wir der Sache näher und dann können wir diverse weitere Indizien in Betracht ziehen, die stark darauf hindeuten, dass am Anfang der Opfergeschichte tatsächlich das Menschenopfer gestanden hat."

Dabei geht es Türcke weniger um den Vergleich mit dem heutigen Arbeiter, der den Kapitalinteressen geopfert wird. Nicht dass er dem widersprechen würde. Damit möchte er aber vor allem nachweisen, dass sogar das System des Geldes eine religiöse Herkunft besitzt, die sich einerseits noch im Glauben an die durch Gold abgesicherte Währung manifestiert. Aber andererseits schwingt sie umso mehr noch dort mit, wo man diese heute hinter sich gelassen glaubt, wo man davon ausgeht, dass jetzt nur noch rationale Kalküle über die Geldpolitik von Zentralbanken und Regierungen entscheiden.

"Ich kann jetzt zeigen, dass die sogenannte freie Gelderschaffung, die die Zentralbanken vornehmen, indem sie definieren, so und so viel neues Geld wird jetzt erschaffen, schlicht und einfach ein priesterlicher Akt ist. Man könnte so sagen: Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht und die Zentralbank spricht, es werde Geld und es wird Geld. Die Vorstellung, endlich sind wir diesen sakralen Schutt los, seit wir das Edelmetall nicht mehr als Basisgeld haben, das ist ein großer Trugschluss. Und dann kann man sehen, wie sehr das moderne Geldsystem immer noch einer unerledigten archaischen Geschichte angehört. Darum geht es mir durchaus, nämlich um die Berührung der Extreme: Altsteinzeit und Hightech."

Für Türcke hat sich Marx getäuscht

Die ersten Münzen verdanken sich dem Interesse von antiken Tyrannen, ihre Söldner zu bezahlen. Dass die Händler und Bauern den Soldaten gegen kleine Metallscheiben Waren ausgeben, erfolgt nur durch den doppelten Druck angesichts der Macht der Tyrannen selbst als auch durch die Soldaten. Sie erzwingen den Eintausch auch durch die Drohung, dass sie sich im Falle der Verweigerung, die Münzen anzunehmen, die Waren mit Gewalt holen. Genauso setzt nach Türcke die berühmte liberale Forderung nach Laisser-faire voraus, dass die Fürsten ihren Kaufleuten überhaupt erst Freiräume schafften, innerhalb derer sie ihren Geschäften nachgehen können. Dass der Markt von einer unsichtbaren Hand hintergründig gelenkt würde, diese These von Adam Smith, dem Begründer des ökonomischen Liberalismus, ist für Christoph Türcke eine große Illusion.

"In Wirklichkeit kann natürlich von einem freien sich selbst Regulieren nicht einen Moment die Rede sein. Und deswegen haben in der Finanzkrise 2008 die Vertreter des freien Marktes plötzlich wieder nach dem Staat geschrien: Hilf uns Staat, bringe uns aus der Bredouille damit wir dann wieder so weitermachen können wie vorher. Und der Staat hat es getan. Die Utopie dabei ist mir wichtig. Es ist mir entscheidend wichtig, dass man merkt, die Marktliberalen sind nicht minder Utopisten als die Sozialisten, die auf einen Gesellschaftszustand hoffen, in dem sich das Geld erübrigt, weil jeder nach seinen Fähigkeiten schaffen kann und jedem nach seinen Bedürfnissen gegeben werden kann, weil genug für alle da ist."

Denn für Türcke hat sich auch Marx getäuscht, als er behauptete, alleine die Arbeitskraft würde wertschöpfen. 2012 kaufte Facebook die Firma Instagram für eine Milliarde Dollar, eine Firma mit zwölf Mitarbeitern, zwei Jahre später für 20 Milliarden Whatsapp mit circa 60 Mitarbeitern. Offensichtlich findet Wertschöpfung nicht alleine durch menschliche Arbeitskraft statt.

So kritisiert Türcke Marx' Arbeitswertlehre: "Marx hat da immer ein mittelalterliches Feudalmodell unterstellt. Er hat sich das so zurechtgelegt, der Leibeigene produziert wenn er den Acker bestellt, den halben Tag für sich und den halben anderen Tag für den Feudalherren und liefert ihm dann diese Hälfte als Tribut ab. Und das ist der Mehrwert. Und im Grunde ist es beim Arbeiter und beim Kapitalisten auch so, nur verschleiert.

"Mit dem Opfer versuchten Frühmenschen den Gott gnädig zu stimmen, ein überschaubarer Deal, auch wenn er wiederholt werden musste. Das Geld hat dagegen den Wiederholungszwang auf Dauer geschaltet und will immer Mehr. Wie käme man sonst auf die absurde Idee, vom ewigen Wachstum zu träumen?

Vielleicht sollten wir statt Adam Smith und Marx "Mehr" beziehungsweise Christoph Türcke lesen!

Christoph Türcke: "Mehr! Philosophie des Geldes"
480 S., gebunden, C.H. Beck, München 2015

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