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Geschichte des HolocaustsLehren für die Gegenwart

Der amerikanische Historiker Timothy Snyder, bekannt geworden mit seinem mehrfach ausgezeichneten Werk "Bloodlands", beschäftigt sich auch in seinem neuen Buch mit den Massenmorden in Europa während des Zweiten Weltkriegs. Standen in "Bloodlands" die Verbrechen Hitlers und Stalins im Mittelpunkt, so analysiert er in "Black Earth" ausschließlich die rassistische Vernichtungspolitik der Nazis.

Der Historiker Timothy Snyder (picture alliance / dpa)
Der Historiker Timothy Snyder (picture alliance / dpa)
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Wege und Umwege

Timothy Snyder beginnt seine Studie "Black Earth" mit einer für einen Historiker verblüffenden Einsicht:

"Die Geschichte des Holocaust ist nicht vorbei. Unsere Welt verändert sich gerade auf eine Weise, die Ängste wieder aufleben lässt, die zu Hitlers Zeit vertraut waren und auf die Hitler eine Antwort gab. Der Holocaust ist ein Präzedenzfall, der ewig währt, und seine Lektionen haben wir noch nicht gelernt."

Der darwinistische Kampf ums Überleben

Diese Lektionen will uns der an der amerikanischen Yale University lehrende Historiker erteilen, und er holt dazu weit aus. Ausführlich analysiert er in seiner anregenden Studie Hitlers rassistische Weltanschauung. Der darwinistische Kampf ums Überleben und die Überlegenheit der eigenen Rasse seien Triebfeder des nationalsozialistischen Eroberungskriegs im Osten gewesen. Snyder zeichnet minutiös die Voraussetzungen der Vernichtungspolitik nach: die Beseitigung staatlicher Strukturen, die Ermordung der einheimischen Eliten, der Anreiz zur Kollaboration.

"Wo die Deutschen konventionelle Staaten zerstörten oder sowjetische Institutionen vernichteten, die ihrerseits kurz zuvor konventionelle Staaten ausgelöscht hatten, schufen sie den Abgrund, in dem Rassismus und Politik gemeinsam auf das Nichts hinarbeiteten. In diesem schwarzen Loch wurden die Juden ermordet."

"Schwarze Löcher" schufen die Nazis vor allem in Polen und der Sowjetunion. Dort errichteten sie die Vernichtungslager, darunter Treblinka, Majdanek und Sobibor, und dort wurden, wie Timothy Snyder eindrücklich beschreibt, binnen drei Jahren Millionen Juden am Rande unzähliger Todesgruben erschossen. Doch anders als Snyder betont, fanden Massemorde nicht nur in Regionen statt, wo Staaten geschwächt waren. Das Euthanasie-Mordprogramm, die Blaupause für den Holocaust gewissermaßen, führte das NS-Regime mitten in Deutschland durch. Auch wurden Hunderttausende auf deutschem Territorium in den KZs umgebracht.

(Fraglich ist zudem, ob die hohe Zahl deportierter und ermordeter holländischer Juden auf brüchige staatliche Strukturen zurückzuführen ist, während relativ stabile politische Verhältnisse in Dänemark und Belgien die Rettung der meisten Juden ermöglicht hätten. Mindestens ebenso wichtig war, in welchem Umfang Juden registriert waren, ob die nationalsozialistischen Besatzer Zugriff auf die  Listen hatten und willfährige Helfer zur Verfügung standen.) Snyder aber rekurriert allein auf die Staatslosigkeit:

"Die Wahrscheinlichkeit, mit der Juden in den Tod geschickt wurden, hing eindeutig davon ab, ob die Institutionen staatlicher Souveränität weiterhin vorhanden waren und ob die Staatsbürgerschaft der Vorkriegszeit weiterhin galt. Diese Strukturen bildeten die Matrix, innerhalb derer individuelle Entscheidungen getroffen wurden, sie setzten denen Schranken, die Böses taten, und eröffneten denen Chancen, die Gutes tun wollten."

Dass fehlende oder zerfallende staatliche Strukturen – neudeutsch "failed states" – Gewaltverbrechen und Massenmorde erleichtern, ist keine neue Erkenntnis. Dazu genügt heute ein Blick nach Syrien oder in den Irak. Mit dieser Matrix allein lassen sich Verlauf und Umfang des Holocausts nicht erklären.

Gewaltverbrechen und Massenmorde

"Black Earth", der Titel von Timothy Snyders Buch, bezieht sich auf den fruchtbaren Boden in der Ukraine. Nur wenige andere Regionen auf der Welt verfügen über ähnlich nährstoffreiches Ackerland, noch dazu auf riesigen Flächen. In der "schwarzen Erde" sah Hitler, so Snyder, einen Ausweg aus einer ernährungs- und bevölkerungspolitischen Krise des Deutschen Reiches. Die Angst ums Überleben erforderte drastische Maßnahmen und entfachte den Eroberungs- und Vernichtungskrieg im Osten.

"Wenn sich am Horizont eine Apokalypse abzeichnet, scheint es sinnlos zu sein, auf wissenschaftliche Lösungen zu warten, dann muss natürlich gekämpft werden, dann kommt die Stunde der Blut- und Boden-Demagogen. Hitlers Weltsicht vermengte Biologie mit Begehrlichkeit. Der Begriff des ‚Lebensraums' verband Not mit Bedürfnis und Mord mit Komfort. Geplant war, den Planeten durch Massenmord und das Versprechen eines besseren Lebens für deutsche Familien wiederherzustellen. "

Was mit Blick auf den Nationalsozialismus diskussionswürdig erscheint, wird problematisch, wenn Snyder daraus Parallelen für die Gegenwart zieht. So wie damals der Kampf um "Lebensraum" in Staatszerstörung, kolonialen Rassismus und globalen Antisemitismus mündete, könnten heute in Zeiten des Klimawandels Lebensmittel- und Wasserknappheit zu einem rücksichtslosen globalen Wettlauf um Nahrung führen.

"Unser Planet verändert sich auf eine Weise, die Hitlers Auffassungen von Leben, Raum und Zeit plausibler machen könnten. Der in diesem Jahrhundert erwartete Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur um vier Grad Celsius würde das menschliche Leben in weiten Teilen der Erde dramatisch verändern. Möglicherweise wird die Erfahrung beispielloser Stürme oder gnadenloser Dürreperioden die Erwartungen erschüttern, die in die Sicherheit grundlegender Ressourcen gesetzt werden, sodass eine Hitlersche Politik wieder mehr Anklang finden könnte.)"

Demagogisches Geschick

Gesellschaftlicher Druck und demagogisches Geschick, könnten sich, so glaubt Snyder, wie im Nationalsozialismus zu einer explosiven Mischung verbinden, mit Juden, Muslimen oder Homosexuellen als Sündenböcken. Das Russland Putins oder die Chinesische KP sieht der Autor als mögliche Wiedergänger des NS-Regimes.

"Kommt es in Zukunft zu Krisen, etwa zu extremen Dürreperioden in mehreren aufeinanderfolgenden Jahren, könnte die Führung in Peking in den 2030er Jahren zu dem gleichen Schluss kommen, zu dem die Führung in Berlin in den 1930er Jahren kam; dass die Globalisierung von der dauerhaften Kontrolle über einen ‚Lebensraum' begleitet sein muss, der die Nahrungsmittelversorgung sicherstellt."

Hier verlässt Timothy Snyder das Feld der historischen Betrachtung und vergleichenden Analyse. Suchte er zuvor noch einen originellen Zugang zum Verständnis des Holocausts, so begibt er sich gegen Ende des Buches ins Reich der Mutmaßungen und Spekulationen.

"Staaten sollten in die Wissenschaft investieren, damit in Ruhe über die Zukunft nachgedacht werden kann. Und: Den Holocaust zu verstehen, ist vielleicht unsere letzte Chance, um Menschheit und Menschlichkeit zu bewahren.

Dass es notwendig ist, über die Gestaltung unserer Zukunft nachzudenken, wird niemand bestreiten. Timothy Snyders ebenso einfache wie banale Empfehlungen im Schlusskapitel trüben jedoch leider die vorhergehenden gleichermaßen anregenden wie kontroversen Passagen seines Buches.

 

Timothy Snyder: "Black Earth. Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann"
Aus dem Amerikanischen von Ulla Höber, Karl Heinz Siber und Andreas Wirthensohn
C.H. Beck Verlag, München 2015,
512 Seiten, 29,95 Euro
ISBN 978-3-406-68414-2

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