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StartseiteHintergrundUmstrittenes Gedenken an die Eifel-Schlacht13.06.2017

Geschichte des Hürtgenwaldes Umstrittenes Gedenken an die Eifel-Schlacht

Im Winter 1944/45 fand in der Eifel eine der größten Weltkriegs-Schlachten auf deutschem Boden statt. Die US-Armee kämpfte im Hürtgenwald gegen die Wehrmacht und Zehntausende Soldaten verloren ihr Leben. In der kleinen Gemeinde wird bis heute der Schlacht gedacht – mit teils fragwürdigen Methoden.

Von Jürgen Salm

Die Kriegsgräberstätte in Hürtgenwald-Vossenack. Zu sehen sind Grabkreuze auf einer grünen Wiese (Deutschlandradio / Jürgen Salm)
Die Kriegsgräberstätte in Hürtgenwald-Vossenack (Deutschlandradio / Jürgen Salm)
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"Recht herzlich willkommen heute Morgen hier. Heutiger Anlass ist die Übergabe der Empfehlungen des Lenkungskreises an die Gemeinde Hürtgenwald und den Kreis Düren."

Axel Buch ist erleichtert. Anfang Juni nimmt der Hürtgenwalder Bürgermeister den lang erwarteten Abschlussbericht des "Moratoriums Hürtgenwald" entgegen. Ein Pilotprojekt, mit dem Wissenschaftler und Experten versucht haben, die festgefahrenen Fronten eines seit Jahren schwelenden, erinnerungspolitischen Streits aufzubrechen. Auf 300 Seiten haben sie nun ihre Empfehlungen niedergeschrieben, wie die Eifel-Gemeinde zukünftig mit dem Gedenken an den Zweiten Weltkrieg umgehen kann. Denn hinter den Kulissen brodelt es. Axel Buch:

"Der Hauptgrund ist wohl derjenige, dass hier einige private Interessengruppen oder Privatpersonen unterwegs sind und die Geschichte des Hürtgenwaldes aufbereiten für sich, angefangen von irgendwelchen Veteranengruppen über den Geschichtsverein, aber auch über den Hürtgenwaldmarsch, die Bundeswehr und die teilweise von außen, insbesondere von Fachhistorikern, in der Art der Darstellung kritisch gesehen werden."

Schwerste Kämpfe auf deutschem Boden

Seine Anziehungskraft auf Hobbyhistoriker und Veteranengruppen verdankt der Hürtgenwald den Geschehnissen des Kriegswinters 1944/45. In dem waldreichen Landstrich südöstlich von Aachen kam es zu den schwersten Kämpfen, die im Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden ausgetragen wurden. Zehntausende Soldaten der Wehrmacht und der US-Armee ließen hier ihr Leben, Dörfer und Landschaften wurden verwüstet. Und die Spuren des Kriegs sind heute noch überall sichtbar, in Form von Kriegsgräbern, Kreuzen und Gedenktafeln.

Doch der Hürtgenwald steht auch für eine fragwürdige Erinnerungspolitik. Geprägt wurde das Geschichtsverständnis bisher vor allem von einem im Hürtgenwald bestens vernetzten Veteranenverband. Der pflegt bis heute die Legende, die Wehrmacht hätte mit den Verbrechen der Nationalsozialisten nichts zu tun gehabt.

Die stellvertretende Leiterin des Kölner NS-Dokumentationszentrums, Karola Fings, dazu:

"Man kann feststellen, dass sich diese Form des Veteranengedenkens sehr intensiv und nachhaltig in die Region eingeschrieben hat durch das Agieren dieses Wehrmachtsverbandes der 116. Panzerdivision, also der so genannten Windhunde, seit 1966. Die haben sich dort immer getroffen zu mehreren tausend Personen und wurden bei diesen jährlichen Treffen flankiert und unterstützt von örtlichen Würdenträgern, vor allen Dingen von der Gemeinde, vom Kreis, aber auch von den Kirchen und von unterschiedlichen Einheiten der Bundeswehr."

Die Expertin sah Handlungsbedarf: "Da hat sich sozusagen ein Ritual etabliert über viele Jahrzehnte, was Teil einer überhaupt nicht mehr hinterfragten Tradition in der Region geworden ist."

Kritische Bestandsaufnahme des Gedenkens

Auf Anregung von Karola Fings vereinbarten Bürgermeister Axel Buch und der zuständige Landrat im Herbst 2015 eine kritische Bestandsaufnahme des Gedenkens im Hürtgenwald. Im Rahmen eines Moratoriums sollte den Akteuren vor Ort die Möglichkeit gegeben werden, eine Zeit lang innezuhalten, traditionelle Sichtweisen zu hinterfragen und neue Perspektiven auszuloten.

Begleitet wurde der Prozess von einem Lenkungskreis. Dem gehörten verschiedene Gruppen an wie der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz und das NS-Dokumentationszentrum Köln. Koordinator des Moratoriums war der Kölner Historiker und Publizist Frank Möller.

"Das Moratorium hatte mehrere Aspekte. Zum einen sich überhaupt erst einmal darüber zu versichern, was in der ehemaligen Kriegslandschaft Hürtgenwald nach dem Krieg an Erinnerungsobjekten entstanden ist und wie diese Erinnerungsobjekte zu bewerten sind. Dazu gehören Kriegsgräberstätten, dazu gehört eine Veteranen-Anlage einer Wehrmachtseinheit, dazu gehören zahlreiche Kreuze, Gedenksteine, das war das eine. Das zweite war zu fragen, welche Defizite bestehen, also welcher Bevölkerungsgruppen beispielsweise wird nicht gedacht. Wie sieht es aus mit Juden, die vertrieben worden sind, die enteignet worden sind, wie sieht es aus mit Zwangsarbeitern, wie sieht’s aus mit russischen Kriegsgefangenen."

Geschichte der Juden aufarbeiten

Tatsächlich gibt es einige Beispiele von privatem geschichtspolitischem Engagement. Manche Bürger beschäftigen sich seit Jahren mit dem Schicksal der russischen Kriegsgefangenen in der Eifel und versuchen, die Erinnerung an sie wachzuhalten. Viele von ihnen starben, weil sie zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Und es gibt einen pensionierten Lehrer, der schon vor vielen Jahren damit angefangen hat, die Geschichte der Juden in seiner Gemeinde aufzuarbeiten.

Im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen jedoch andere Aktivitäten. Sichtbarstes Zeichen für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ist ein vom örtlichen Geschichtsverein betriebenes Museum. Es heißt "Hürtgenwald 1944 und im Frieden". Zur Sammlung gehören vor allem Waffen, Panzermodelle und Uniformen. Die Besucherzahlen sind gut, die Gaststätten im Ort profitieren davon. Von professionellen Historikern wird das Museum jedoch heftig kritisiert. Frank Möller:

"Die Kritik am Museum ist 2010 in einer größeren Studie ausführlich formuliert worden. Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Geschichte, die dort dargestellt wird von 'der' sogenannten Schlacht im Hürtgenwald – es waren mehrere Gefechte –, dass die eines größeren Kontextes entkleidet worden ist. Dieses Kriegsgeschehen, wie es dazu gekommen ist, wird nicht erklärt. Es wird vielmehr auf die Faszinationskraft gesetzt, die die Ausstellung von Panzermodellen hat, und so weiter und so fort. In Kriegsmuseen ist aber die Notwendigkeit, dass man diese Faszinationskraft, die von diesen Kriegsobjekten ausgeht, dass man die gerade bricht und den Betrachter dieser Faszinationskraft nicht überlässt."

Militärhistorische Devotionalien als Ausgangspunkt

Ausgangspunkt des Museums war eine private Sammlung militärhistorischer Devotionalien, die Anfang der 1990er Jahre der Gemeinde übergeben wurde. Die Gemeinde hat die Sammlung dann dem Geschichtsmuseum überlassen. Der Geschichtsverein hält die Kritik am Museum für unberechtigt. Die Mitarbeiter seien ja gerade keine professionellen Historiker, für die Einrichtung müssten deshalb andere Maßstäbe gelten. Thomas Will, Mitglied des Hürtgenwalder Geschichtsvereins:

"Wir sind ja ehrenamtlich hier organisiert als Verein und ehrenamtliche Historiker nicht auf der professionellen Basis. Das wäre, wenn sie den FC Bayern mit einem Kreisligaverein vergleichen, da müssen wir uns da natürlich klar einordnen."

Blick in das Museum des Veteranenverbandes (Deutschlandradio / Jürgen Salm)Blick in das Museum des Veteranenverbandes (Deutschlandradio / Jürgen Salm)

Und was ist mit jener Abteilung im Museum, die der 116. Panzer-Division, auch Windhunde genannt, gewidmet ist? Gezeigt werden Fotos und Texte, die von einem ehemaligen Divisions-Mitglied zusammengestellt wurden. Hintergrundinformationen, etwa über die Beteiligung der Windhunde am Überfall auf die Sowjetunion, sucht man vergebens. Obwohl dieser Teil von Historikern und Besuchern immer wieder als Verherrlichung der Wehrmacht kritisiert wird, wollen die Ausstellungsmacher daran festhalten.

"Zum Thema Windhunde: Das wurde schon wesentlich reduziert. Auf historische Fakten, auf Details, die aus unserer Sicht eigentlich keinen Anstoß bieten. Der Ausschluss oder das Ausgrenzen der Tatsache, dass diese Division halt hier gekämpft hat, das kommt für uns an der Stelle sicherlich nicht infrage. Was diese Einheiten und sicherlich auch ein General, der diese Einheiten befehligt hat, in Russland getrieben hat, das wollen wir oder das wird hier in diesem Museum nicht das Thema."

Im Gemeinderat auf der Tagesordnung

Im Gemeinderat stand das Museum immer wieder auf der Tagesordnung. So hatte die SPD-Fraktion im Februar versucht, dem Museum die Mittel zu entziehen, sagt Andrea Volk. Sie ist Geschichtslehrerin und sitzt für die Sozialdemokraten im Rat.

"Wir wollten eine Kürzung der Zuschüsse für das Museum. Das Museum steht ja zunächst einmal auf gemeindlichem Boden, das ist das eine, da sind wir noch gar nicht rangegangen, und zum Zweiten bekommt das Museum einen jährlichen Betriebskostenzuschuss der Gemeinde. Und wir sind der Meinung: Öffentliche Gelder dürfen nicht mehr in dieses Museum fließen, weil sich das Museum eben jeglichem Diskurs verweigert, jeglicher Änderung verweigert."

Der Antrag wurde mit den Stimmen der CDU-Mehrheit abgelehnt. Auch Bürgermeister Axel Buch, ebenfalls CDU, war gegen die Kürzung der Mittel. Er sagt, bei der Dauerausstellung habe es schon einige Veränderungen gegeben.

"Der Streit besteht ja schon darin, ist viel oder wenig passiert. Es ist was passiert, das ist unbestritten, man kann mit Fug und Recht darüber diskutieren, ob man immer am richtigen Punkt angesetzt hat mit den Veränderungen, ob man nicht besser andere Dinge vorgezogen hätte. Aber letztendlich sind das Freizeithobbykünstler in Anführungszeichen, deren Motivation natürlich darin besteht, nicht irgendwelche Dinge zu machen, wo sie keinen Spaß dran haben, sondern eben, wo sie mehr Spaß dran haben."

Auch Windhund-Mahnmal umstritten

Umstritten ist aber nicht nur das Museum. Im Zentrum der Auseinandersetzungen steht auch ein Mahnmal, das der Veteranenverband der Windhunde-Division 1966 in Hürtgenwald errichtet hat. Es zeigt einen sterbenden Soldaten, der von einem anderen Soldaten gestützt wird. Auf der Inschrift heißt es: "Tote Soldaten sind nie allein, denn immer werden treue Kameraden bei ihnen sein."

"Das Windhund-Mahnmal wird immer wieder genutzt. Dort treffen sich immer wieder Menschen, die nicht mehr die eigene familiäre Verbindung dorthin haben. Ursprünglich war es ja tatsächlich gedacht als Ort, an dem sich die Angehörigen der 116. Panzerdivision dort treffen konnten, das ist überhaupt nicht mehr gegeben. Es gibt kaum noch Angehörige dieser Division. Es ist heute wirklich ein Treffpunkt für Rechtsextreme, und für Menschen, die unkritisch glauben, sie würden hier etwas vom Zweiten Weltkrieg sehen."

Das Denkmal des Veteranenverbandes von 1966. Zu sehen ist ein Steinkreuz auf Sockel mit Inschrift (Deutschlandradio / Jürgen Salm)Das Denkmal des Veteranenverbandes von 1966 (Deutschlandradio / Jürgen Salm)

Für Andrea Volk ist das Mahnmal eine Zumutung, mit der sie sich nicht abfinden will. So schrieb sie der örtlichen Zeitung einen Leserbrief, um auf die dunklen Seiten dieser Wehrmachtseinheit hinzuweisen. Das machte sie zur Zielscheibe von Beschimpfungen und Einschüchterungsversuchen.

"Ich habe einen sehr bösen Brief bekommen vom Vorsitzenden des Familienverbandes der Windhunde, der hat auch in einem Leserbrief sehr wüst mich beschimpft als selbsternannte Historikerin, die mit Dreck auf die Ehre der Soldaten wirft, in diesem Stil läuft das ab. Und ich habe auch in meinem Briefkasten schon mal einen Hundehaufen gefunden eingewickelt mit einem Windhund-Emblem. Ich sage nicht, das ist der Geschichtsverein, aber das ist ja das Fatale hier in der Region, dass sich hinter dem Geschichtsverein andere Leute sammeln. Bei dem jährlichen Heldengedenken ist zum Beispiel Ingo Haller aufgetreten, ehemaliger NPD-Kreisvorsitzender, der ist von der NPD ausgeschlossen worden wegen seiner nationalsozialistischen Tendenzen."

Unbekannte beschmierten Grabstein

Das Windhunde-Mahnmal befindet sich direkt neben einer Kriegsgräberstätte. Hier sind knapp 2.000 Tote begraben. Darunter ist auch das Grab von Walter Model, vor dem immer wieder Blumen und Kränze abgelegt werden. Aber die Stimmung ist aufgeheizt: Unbekannte haben den Grabstein vor kurzem mit Beton beschmiert.

"Dieses Grab von Walter Model, Wehrmachtsbefehlshaber und Hitlerverehrer und Antisemit, der sich in der Nähe von Duisburg Ende des Zweiten Weltkriegs erschossen hat, ist dahin verlegt worden und ist so etwas wie eine Pilgerstätte geworden."

Meint der Historiker Frank Möller. Warum konnte sich dieses unkritische Veteranengedenken so lange halten? Von der Generation der Kriegsteilnehmer ist kaum noch jemand am Leben. Der Veteranenverband der Windhunde-Division hat sich deshalb schon vor gut zehn Jahren aufgelöst. Vorher wurde jedoch ein Förderverein gegründet, um die Tradition der Windhunde auch für künftige Generationen lebendig zu halten. Erster Vorsitzender wurde der damalige und jetzige Bürgermeister Axel Buch. Ein Fehler, wie er heute meint.

"Ich würde es heute wahrscheinlich nicht mehr tun. Damals waren die Treffen der Windhunde oder des Familienverbandes der Windhunde noch relativ gut besucht, es waren noch sehr viele, sehr rüstige ehemalige Kriegsteilnehmer da. Ich bin damals auch noch relativ blauäugig drangegangen, weil ich das alles relativ unkritisch sah. Deshalb unkritisch, es gab keinerlei rechte Szene hier festzustellen, die dann sich irgendwie um die Windhunde oder um das Areal sich bewegt hat. Insofern würde ich es heute wahrscheinlich nicht mehr tun, den Vorsitz betreiben, ich würde wohl mir überlegen, wie ich da anders daran ginge, auch mit dem heutigen Wissen."

Hürtgenwaldmarsch der Reservistenverbände 

Den Förderverein der Windhunde-Division gibt es immer noch. Zum Netzwerk der lokalen Akteure gehören auch Reservistenverbände, die zusammen mit der Bundeswehr einmal im Jahr den so genannten Hürtgenwaldmarsch veranstalten. Reservisten aus ganz Deutschland reisen dann an, um noch einmal durch die im Zweiten Weltkrieg so blutig umkämpfte Region zu marschieren, und zwar uniformiert.

Aber auch an ganz normalen Wochenenden trifft man in den umliegenden Wäldern erwachsene Männer, die mit großer Hingabe Krieg spielen. Die entsprechenden Veranstaltungen nennen sich "Living History" oder "Reenactment". Gemeinderätin Andrea Volk:

"Reenactment ist ein großes Thema hier. Ich bin viel im Wald unterwegs, ich bin ein guter Spaziergänger und Wanderer, ich sehe jedes Jahr ganz viele Gruppen, die durch den Wald gehen, die hier Schützengräben besichtigen und Schlachten teilweise nachspielen, in Uniform, mit ähnlichen Jeeps wie damals, mit Waffen-Attrappen, habe ich jetzt gelernt, also mit allem Spielzeug, was dazugehört."

Das Gedenken an die "Schlacht im Hürtgenwald" bleibt umstritten. Was sind nun die Handlungsempfehlungen, die im Rahmen des Moratoriums erarbeitet wurden? Im Abschlussbericht heißt es, der Hürtgenwald sollte – stärker als bisher – als Chance begriffen werden für politische Bildungsformate und kulturhistorische Angebote. Weiter steht dort, es sollte "eine klare Positionierung gegen Verherrlichung und Verharmlosung von Nationalsozialismus und Wehrmacht" geben sowie gegen Militarismus, Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass. Diese Aufzählung mag verwundern, denn was hier gefordert wird, sollten eigentlich Selbstverständlichkeiten sein. Frank Möller, Koordinator des Moratoriums:

"Das muss extra formuliert werden, weil die Erinnerungslandschaft Hürtgenwald sehr stark überformt worden ist über Jahrzehnte von der Erinnerungspolitik der Veteranen der 116. Panzerdivision. Und in dieser Erinnerungspolitik spielt die Verharmlosung des Krieges, spielt die Glorifizierung der eigenen Taten, spielt das Ausblenden von Verbrechen der Wehrmacht eine sehr bedeutende Rolle, und deshalb ist es wichtig, dass man noch mal klar Stellung bezieht, auch gegen diese Romantisierung von Wehrmacht und Wehrmachtsutensilien."

Stand der historischen Forschung wird ignoriert

Manchmal könne man den Eindruck haben, im Hürtgenwald seien die Uhren irgendwann in den 60er Jahren stehen geblieben, sagt Frank Möller. Einige würden den Stand der historischen Forschung immer noch ignorieren.

"Diese Einflussnahme durch die 116. Panzer-Division, durch die Veteranen wirkt bis heute fort, und deshalb ist es so, dass heute das, was in der Bundesrepublik eigentlich in den 80er, 90er Jahren sich herausgebildet hat, dass man sich kritisch mit der Wehrmacht auseinandergesetzt hat, dass sich die Bundeswehr abgegrenzt hat von der Wehrmacht, dass das in Teilen des Hürtgenwaldes überhaupt nicht angekommen ist."

Die Liste der konkreten Vorschläge für eine zeitgemäße Erinnerungskultur ist umfangreich. So wird empfohlen, das Tragen von Wehrmachtsabzeichen in öffentlichen Einrichtungen oder das Abstellen von Militärfahrzeugen auf öffentlichem Grund zu untersagen – das ist in den vergangenen Jahren immer wieder vorgekommen. Weiter wird vorgeschlagen, die Ausstellung des Museums unter fachkundiger Anleitung zu überarbeiten. Das Urteil zum Ausstellungsteil über die Windhunde-Division ist eindeutig: Abbauen und einlagern. Und schließlich wird der Gemeinde nahegelegt, eine Anlaufstelle für Fragen zur historisch-politischen Bildungsarbeit zu schaffen.

Mit der Übergabe der Handlungsempfehlungen ist das Moratorium Hürtgenwald erst einmal abgeschlossen. Damit ist ein einmaliges aber auch umstrittenes Projekt zu Ende gegangen, das beispielhaft für das schwierige Gedenken an den Zweiten Weltkrieg steht. Was hat es gebracht? Frank Möller:

"Ob sich das Moratorium gelohnt hat, dass wird man erst in einigen Jahren feststellen können. Wir haben eine Bestandsaufnahme gemacht dessen, was an Erinnerungspolitik in der Region geschieht. Wir haben Defizite in der Erinnerungslandschaft aufzeigen können, wir haben sehr viel problematische Stellen aufzeigen können, die Frage ist jetzt, was daraus gemacht wird. Das ist letztendlich eine Frage, die sich an die Politik richtet, wie weit sie bereit ist, diesen Empfehlungen zu folgen."

Erfolgreiches Moratorium

Einer Forderung von Möller hat Bürgermeister Axel Buch vorläufig eine Absage erteilt: Umstrittene Erinnerungsobjekte, die der Geschichtsverein in einer Vitrine im Rathaus zeigt, sollen erst einmal nicht entfernt werden – zumindest nicht ohne Rücksprache mit dem Verein. Dennoch ist Buch mit dem Ergebnis des Moratoriums zufrieden.

"Ich werte das Ganze als riesen Erfolg. Wir haben jetzt etwas, mit dem wir arbeiten können, wo man auch bestimmte Maßnahmen ergreifen kann und vor allen Dingen nach der Diskussion auch entscheiden kann. Und diese Entscheidungen werden auch sehr kurzfristig herbeigeführt werden."

Die Gemeinderätin Andrea Volk zieht eine gemischte Bilanz

"Das Moratorium hat es ja zumindest geschafft, die Akteure noch mal zu versammeln. Das ist sehr schön. Um zu zeigen, es sind ganz viele Menschen eigentlich interessiert daran, hier etwas zu gestalten. Aber was nicht gelungen ist – leider – ist der Dialog zwischen den Akteuren. Das wurde sehr deutlich: Die Fronten sind nach wie vor sehr verhärtet."

Anmerkung der Redaktion: In der Sendefassung wurde Karola Fings fälschlicherweise als Karola Frings betitelt. Diesen Fehler haben wir in der Onlinefassung korrigiert.   

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