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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturTerror als Taktik des politischen Handelns09.01.2017

Geschichte des TerrorismusTerror als Taktik des politischen Handelns

Terrorismus ist kein aktuelles Phänomen, es gibt ihn seit mehr als 150 Jahren. Damals erfanden Felice Orsini und John Brown den Terrorismus als Taktik politischen Handelns. Die Historikerin Carola Dietze widmet den zwischen 1858 und 1866 gewaltsam agierenden Vorläufern heutiger Attentäter eine hochinteressante Studie.

Von Paul Stänner

Der Angriff des italienischen Revolutionären Felice Orsini (1819-1858) gegen Napoleon III. Paris, 14. Januar 1858. (imago stock&people)
Der Angriff des italienischen Revolutionären Felice Orsini (1819-1858) gegen Napoleon III. Paris, 14. Januar 1858. (imago stock&people)

Harpers Ferry, etwa eineinhalb Autostunden westlich von Washington, ist ein beliebter Touristenort. Eigentlich ist das ganze Städtchen ein Museum mit alten, innen und außen gut erhaltenen Häusern. Zentrales Gebäude von Harpers Ferry ist ein kleiner rechteckiger Schuppen aus dunkelroten Ziegelsteinen, die ehemalige Feuerwache. Am 16. Oktober 1859 überfiel John Brown dort mit seinen Mitstreitern das Waffenarsenal der Army in Harpers Ferry, weil er glaubte, so könne er einen Aufstand gegen die Sklaverei entfachen.

In der Feuerwache des Arsenals starben im Oktober 1859 John Browns Söhne im Feuergefecht mit Marineinfanteristen. John Brown selbst wurde hier verwundet und gefangen genommen. Die ehemalige Feuerwache von Harpers Ferry ist heute eine nationale Weihestätte.

John Brown war der Erfinder des amerikanischen Terrorismus, konstatiert Carola Dietze in ihrem Buch. Die Autorin stellt fünf Terroristen des 19. Jahrhunderts gleichsam prototypisch vor. Die Protagonisten sind: John Brown und Felice Orsini, der versuchte Napoleon III. zu ermorden. Auch dieser Anschlag misslang.

Dazu kommen noch drei Nachahmer aus Deutschland, den USA und Russland, die das Spektrum erweitern und gleichsam als Gegenprobe zur Theorie dienen.

Die Taktik des Terrorismus braucht moderne Technik

Carola Dietze, habilitierte Historikerin, Heisenberg-Stipendiatin und zurzeit am Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit in Braunschweig, erklärt den Terrorismus der Moderne.

"Die Taktik des Terrorismus wurde in den Teilen der Welt erfunden und erfolgreich weiterentwickelt, wo die Transport- und Kommunikationstechnologien besonders weit fortgeschritten und wo die politisch interessierte Öffentlichkeit besonders stark ausgeprägt waren: in Europa, Russland und den USA."

Nehmen wir Felice Orsini: Er versuchte am 14. Januar 1858, den französischen Kaiser Napoleon III. zu ermorden, weil er ihn als Hindernis ansah auf dem Weg zur italienischen Einigung. Das Attentat sollte nichts weniger als Revolutionen auslösen in Frankreich, Italien und womöglich auch im Rest Europas. Das Attentat schlug grausam fehl, nicht Napoleon wurde getötet, aber viele zufällige Passanten.

Dann aber begann etwas, was Dietze die "Dialektik in der Niederlage" nennt: Napoleon nutzte das Attentat, um eine Wende in der französischen Italienpolitik einzuleiten, um die gesamte europäische Ordnung, die beim Wiener Kongress 1815 beschlossen worden war, aufzulösen. Er erlaubte Orsini, ihm in einem Brief darzulegen, warum eine Änderung der französischen Italienpolitik für Frankreich von Vorteil sei. Und dann erlaubte der Kaiser, dass dieser Brief vor Gericht vorgelesen wurde.

"Das Gerichtsverfahren, das am 25. Februar 1858 begann, war ein Pariser und ein europäisches (Medien-)Ereignis. Rund 6000 Personen hatten um Eintrittskarten zum Gerichtssaal nachgesucht. […] Im Publikum saßen Zeitungskorrespondenten für eine Reihe bedeutender französischer und europäischer Zeitungen, viele bekannte Persönlichkeiten aus dem Umkreis des Kaiserpaares, […] sowie eine Reihe von Vertretern des diplomatischen Korps."

Faszinierende Geschichtenerzählerin

Orsini, der verhinderte Kaisermörder, wurde mit der Unterstützung seines Opfers ein Star. Und dank moderner Nachrichtentechnik erfuhr es auch ganz Europa. Ausgestattet mit der Wucht der öffentlichen Zustimmung konnte Napoleon III. eine Wende in seiner Italienpolitik vollziehen. Attentäter Orsini sah am Ende seine Ziele durchgesetzt, obwohl sein Anschlag völlig misslungen war. Orsini starb im März 1858 auf der Guillotine, wie das Gesetz es befahl, aber begleitet von 10.000 Sympathisanten.

Carola Dietze ist eine faszinierende Geschichtenerzählerin. Sie stellt die Protagonisten ins Zentrum ihrer Darstellung, reiht um sie die Nebenfiguren, auch sie beschrieben mit Lebensläufen und Hintergründen, und schildert die großen Zeitumstände ebenso wie die individuellen Motive. Das ist Historikerprosa vom Feinsten. Ihr Buch ist mit Fußnoten und Quellenangaben übersät und trotzdem ein echter Pageturner.

Dietze untersucht - gleichsam als Gegenprobe für ihre Theorie des Terrorismus - die Taten dreier weiterer Attentäter, die offenkundig in Nachahmung von Orsini und Brown gehandelt haben: John Wilkes Booth, der am 14. April 1865 den US-Präsidenten Abraham Lincoln erschoss, und Dimitrij Vladimirovič Karakozov, der am 4. April 1866 Zar Alexander II. zu erschießen versuchte.

Drei Elemente des Terrors bedeutsam

Der dritte ist Oskar Wilhelm Becker, der am 14. Juli 1861 den preußischen König und späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. ermorden wollte. Dietze schreibt:

"Es gibt jedoch drei Elemente, die für sie alle bedeutsam waren und die ihre Gewalthandlungen im Kern als terroristische Taten charakterisieren: des Zusammenwirken von sensationeller Tat, Propaganda und Opferbereitschaft. Die Bedeutung dieser Elemente und ihr Zusammenwirken hatten sie am Beispiel ihrer Vorbilder John Brown und Felice Orsini gelernt. In diesem Zusammenhang ist das von den Nachahmern entwickelte Genre des Bekennerschreibens zu sehen."

Eine neue und bis heute bekannte Komponente des Terrors war damit erfunden. Die Theoriebildung, die vermutlich Zweck dieses Buches ist, wird die nicht-akademischen Leser im Details nicht so sehr bewegen, hat auch ihre Schwächen, wenn etwa am Ende des Buches die Ermordung des Dichters Kotzebue durch den Studenten Sand aus dem Jahr 1819 angeführt wird. Die passt zwar fein in die Theorie, so dass man denken könnte, der Terrorismus wäre in Deutschland erfunden worden - nur leider wurde die Tat nicht international wahrgenommen. Und schon fällt dieses schöne Beispiel aus dem Theorieansatz.

Carola Dietzes Buch liest man mit großem Vergnügen und Erkenntnisgewinn. Man kann sich aus dem reichen Stoff, der hier spannend erzählt wird, ein eigenes, unakademisches, aber dennoch gültiges Verständnis vom Terrorismus, von seinen Ursachen, seinen (religiösen) Komponenten und seinen Erfolgsaussichten erlesen - denn über Bande gespielt waren zumindest Orsini und Brown erschreckend erfolgreich.

Carola Dietze: Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858 - 1866
Hamburger Edition

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