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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenVor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus02.01.2014

GeschichteVor 100 Jahren brach der Erste Weltkrieg aus

Die wissenschaftliche Debatte über den Ersten Weltkrieg ist auch 100 Jahre nach dem Kriegsausbruch nicht beendet. Forscher stellen die Schuldfrage am Ausbruch des Krieges neu, individuelle Schicksale treten mehr in den Fokus und die globale Sicht ersetzt den nationalen Blick.

Von Barbara Weber

Französische Infanterie auf dem Schlachtfeld von Verdun im 1. Weltkrieg (1914-1918). (picture alliance / AFP)
Französische Infanterie auf dem Schlachtfeld von Verdun im 1. Weltkrieg. (picture alliance / AFP)
Literatur

Beckett, Ian F.W.: The Making of The First World War, Yale University Press, New Haven an London, 2012

Bremm, Hans-Jürgen: Propaganda im Ersten Weltkrieg, Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2013

Cabanes, Bruno; Duménil, Anne: Der Erste Weltkrieg - Eine europäische Katastrophe, Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2013

Clark, Christopher: Die Schlafwandler . Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, Deutsche Verlags-Anstalt, München, 2013

Holzer, Anton (Hrsg.): Die letzten Tage der Menschheit - Der Erste Weltkrieg in Bildern mit Texten von Karl Kraus, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2013

Janz, Oliver: Der große Krieg, Campus Verlag, Frankfurt/ New York, 2013

Münkler, Herfried: Der Große Krieg, Rowohlt Verlag GmbH, Einbeck bei Hamburg, 2013

Rauchensteiner, Manfried: Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie, Böhlau Verlag, Wien-Köln-Weimar, 2013

Skirth, Ronald: Soldat wider Willen - Wie ich den Ersten Weltkrieg sabotierte,  Barrett, Duncan, (Hrsg.), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, 2013

Verdun. 22.September 1984: Francois Mitterrand und Helmut Kohl reichen einander die Hand.

Es ist, so meint der Rundfunksprecher sich zu erinnern, das erste Mal, dass die deutsche Nationalhymne hier in Verdun gespielt wird. "Deutschland, Deutschland über alles"  -  der Moment ist so überwältigend, dass er die in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg verpönte erste Strophe zitiert.

"La Grande Guerre" nennen die Franzosen heute noch den Ersten Weltkrieg. Der Grund dafür: Dieser Krieg fand an der Westfront auf belgischem und französischem Gebiet statt und hinterließ neben Millionen von Toten und Verletzten verheerende Zerstörungen.

Auslöser für den Krieg ist das Attentat auf den österreich-ungarischen Erzherzog Franz Ferdinand, Neffe des Kaisers Franz Joseph. Der Erzherzog nahm 1914 an einem Manöver der kaiserlichen und königlichen Armee in Bosnien-Herzegowina teil, das seit 1908 von Österreich besetzt worden war. Franz Ferdinand nutzte die Gelegenheit, der bosnischen Hauptstadt Sarajevo einen offiziellen Besuch abzustatten, und das in einer Zeit, in der serbische Nationalisten den Sturz der K.-u.-k.-Herrschaft in Bosnien und die Annexion der Provinz durch Serbien fordern, um ein großserbisches Reich zu errichten.

Es ist an jenem 28.Juni also damit zu rechnen, dass die Situation für den Erzherzog gefährlich werden könnte. Doch die Sicherheitsvorkehrungen sind lasch und die Fahrzeuge fahren ohne Verdeck. Eigentlich unbegreiflich, denn zwei Balkankriege in den vorangegangenen Jahren, mit nie da gewesener Grausamkeit ausgetragen, müssten zur Vorsicht mahnen.

Die Fakten:  

28.Juni 1914:
Der österreich-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau werden in Sarajevo von einem serbischen Nationalisten erschossen

5. Juli
Kaiser Wilhelm II. sichert Österreich-Ungarn seine Unterstützung im Konflikt mit Serbien zu

28. Juli
Österreich-Ungarn erklärt Serbien den Krieg.

30. Juli
Russland, ein Verbündeter Serbiens, erklärt die Generalmobilmachung

1.August
Deutschland erklärt Russland den Krieg. Frankreich macht mobil.

3.August
Deutschland erklärt Frankreich den Krieg.

4.August
Deutschland erklärt Belgien den Krieg.
Großbritannien erklärt Deutschland den Krieg.

6.August
Österreich-Ungarn erklärt Russland den Krieg.
Serbien erklärt Deutschland den Krieg.

Am 6.April 1917 erklären die USA Deutschland den Krieg, nachdem dieses den uneingeschränkten U-Boot-Krieg erklärt hatte. Davon auch betroffen waren amerikanische Handelsschiffe.

So hat nicht nur die Beteiligung industrialisierter Großmächte, sondern auch die außereuropäischer Völker und Nationen diesen Krieg zum Weltkrieg gemacht.  

"Dies ist beim Ersten Weltkrieg zum ersten Mal der Fall, deswegen ist er der erste globale Konflikt", sagt Prof. Oliver Janz, Historiker an der Freien Universität Berlin.

"Japan und das Osmanische Reich treten schon bald in den Krieg ein, später auch die USA, aber auch China und zahlreiche lateinamerikanische Staaten. Auch die britischen Dominions, also Kanada, Neuseeland, Australien und Südafrika sind durch den Kriegseintritt des Mutterlandes von Anfang an dabei und müssen hier erwähnt werden. Sie sind zwar nicht völlig souverän, konnten aber die Art und den Umfang  ihrer Kriegsbeteiligung, wenn auch nicht die Kriegsbeteiligung an sich, sehr weitgehend selbst bestimmen und sozusagen aushandeln und haben im Krieg durchaus eigene Ziele verfolgt. Das ist ein Phänomen, das wir Historiker Subimperialismus nennen, wenn also Kolonien selbst imperialistische Ziele verfolgen."

Aber musste es zwangsläufig zu diesem Konflikt kommen? Wie war die Lage  unmittelbar vor dem Krieg? Hatten die kriegsbeteiligten Europäer womöglich ein Interesse an einer solchen Auseinandersetzung?

Zwischen Kriegserwartung und Pazifismus
Die Stimmung vor dem Krieg in Europa

"Es gibt eine ganze Reihe von gemeinsamen, den verschiedenen Nationen und Ländern gemeinsame, Tendenzen vor 1914: Nationalismus, Militarismus, auch Sozialdarwinismus, also die Vorstellung, dass der Krieg Teil der Geschichte ist, unabwendbar, dass er einfach dazugehört zum menschlichen Leben und dass ohne Krieg kein Fortschritt möglich ist",

sagt Oliver Janz. Andererseits gibt er zu bedenken:

"Es gab aber auch die umgekehrte Prognose, dass ein großer Krieg nicht mehr möglich sein würde, getragen von einem allgemeinen Fortschrittsoptimismus: Zivilisierte Nationen führen keinen Krieg mehr gegeneinander. Und dann gab es auch den Hinweis: Wir haben doch schon so viele Krisen gehabt, und wir haben sie immer wieder gemeistert."

"Dieser Krieg war nicht unvermeidbar", sagt auch Herfried Münkler, Professor für Theorie der Politik an der Humboldt Universität Berlin:

"Und hätte es das Attentat in Sarajevo nicht gegeben, dann wäre 1914 der Konflikt zwischen den Briten und den Deutschen, den Deutschen und den Franzosen nicht mehr ausgebrochen. In der Retrospektive hat man natürlich sagen können, das Wettrüsten zur See war mit eine der Ursachen, aber tatsächlich war das Wettrüsten schon 1914 beendet und der deutschen Seite war klar, dass sie die Briten nicht einholen können, wenn sie die denn je haben einholen wollen. Und Elsass-Lothringen war zwar ein Streitpunkt, aber über den hätte man sich vielleicht auch anderweitig verständigen können. Mit den Russen hatten die Deutschen im Prinzip überhaupt keine konkurrierenden Ansprüche auf irgendwelche Gebiete. Es waren also die Zufälle von Sarajevo  in Verbindung mit schwierigen bündnispolitischen Konstellationen, die dazu führen, dass dieser Krieg in dieser Weise in Gang kommt."

Und Professor Christopher Clark, Historiker am St. Catharine’s College, Cambridge ergänzt:

"Man hat mit Recht in einer wichtigen neuen Studie von einem unwahrscheinlichen Krieg gesprochen. In mancher Hinsicht wurde dieser Krieg sogar in den letzten Monaten und Jahren vor seinem Ausbruch unwahrscheinlicher. Wenn man zum Beispiel guckt, im Frühling 1914, da sieht man: Die Briten spielten mit dem Gedanken, das Abkommen mit Russland fallen zu lassen, die Verständigung mit Deutschland zu suchen, sie wollten sogar den Privatsekretär des Außenministers, Edward Grey, nach Berlin schicken, um Sondierungen zu machen in Berlin."

Auch auf dem Kontinent erschien ein Krieg unwahrscheinlich.

"Die Beziehungen zwischen Serbien und Österreich verbessern sich", nicht zuletzt ausgelöst durch den Thronfolger, meint  Manfried Rauchensteiner, Professor für österreichische Geschichte an der Universität Wien:

"Eine gewisse Tragik liegt wahrscheinlich darin, dass der in Sarajewo ermordete Thronfolger, der Erzherzog Franz Ferdinand, einen Krieg gegen Serbien nicht wollte."

Der plädierte nämlich für friedliche Lösungen im Balkankonflikt. Und selbst nachdem Deutschland Russland den Krieg erklärt hatte, diskutierte man in Großbritannien noch über eine angemessene Reaktion. Prof. Ian Beckett, Militärhistoriker an der Universität Kent:

"Sicher war die britische Regierung gespalten. Asquith war der britische Premierminister und es gab viele in dem liberalen Kabinett, die sich sicher nicht an dem Krieg beteiligen wollten. Asquith selbst glaubte, dass Großbritannien eine Verpflichtung hätte, Frankreich oder Russland beizustehen. Als dann die Deutschen in Belgien einmarschierten, war den meisten Politikern mit Sicherheit klar, eingreifen zu müssen. Aber es gab eine große Debatte in diesem Land, ob die Briten eher vermitteln oder neutral bleiben sollten."

Von Scharfmachern und Kriegstreibern
Die Frage der Schuld

"Ich habe dann am 26.Juni den verstärkten Nachrichtendienst angeordnet, der für den Fall außerordentlicher politischer Spannungen vorbereitet war."

Walter Nicolei, Chef des deutschen Geheimdienstes von 1913 - 1919.

"Und dieser brachte uns dann bis zum 31.Juli die absolute Gewissheit der völligen russischen Mobilmachung. Und Sie wissen, dass diese Nachricht dem General von Moltke den Entschluss aufzwang, von seiner Majestät dem Kaiser, den Ausspruch der drohenden Kriegsgefahr zu erbitten."

"Es gibt keinen Alleinschuldigen für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs", sagt der Historiker Oliver Janz. "Das ist ziemlich Common Sense, also allgemeine Meinung unter den Historikern. Es ist auch so, dass keiner der Beteiligten den großen Krieg wirklich gewollt hat. Die Thesen des deutschen Historikers Fritz Fischer aus den 60er-Jahren, das Deutsche Reich habe den Krieg langfristig geplant, um die Weltmacht zu erlangen, hat sich nicht durchgesetzt, ebenso wenig wie die Vorstellung, dass alle Mächte da hineingeschlittert seien. Beide Thesen muss man ablehnen."

Die Fischer-Kontroverse gilt neben dem "Historikerstreit" als eine der wichtigen historischen Debatten in der Bundesrepublik. Auch Herfried Münkler gibt  in seinem aktuellen Buch "Der große Krieg" zu bedenken, dass sich in dem Fall Opfer und Täter keineswegs immer klar abgrenzen lassen. Er betont, dass in den letzten Jahren die Perspektive erweitert wurde  - übrigens nicht nur in Deutschland. Christopher Clark:

"Ich will nicht sagen, die Deutschen waren es doch nicht. Ihr könnt alle aufatmen. Natürlich war die deutsche Außenpolitik eine verfehlte, da gab es Aggressionen, Paranoia und so weiter und so fort, sondern  es geht darum, die Wege der deutschen Außenpolitik in ein gesamteuropäisches Bild einzubetten. Wenn man das tut, dann sieht man Aggression, Paranoia, ein leichtsinniges Spiel mit dem Risiko gibt es auf  allen, auf anderen Seiten, nicht nur in Berlin."

Dem widerspricht sein Kollege Ian Beckett:

"Natürlich gibt es Faktoren, die die Entscheidung der Politiker in jedem Land beeinflusst haben.  Natürlich haben die Entscheidungen, die in St. Petersburg oder in London getroffen wurden, die Ereignisse beeinflusst. Trotzdem finde ich Clarks Theorie nicht sehr überzeugend, denn ich glaube, man muss die Ausweitung des dritten Balkankrieges zum Ersten Weltkrieg im Zusammenhang sehen mit den Entscheidungen, die in Berlin getroffen wurden. Die britischen Historiker  tendieren dahin, eher Berlin die Schuld zu geben als den anderen."

Herfried Münkler: "Ja, die Deutschen führen gewissermaßen unterschiedliche Konfliktfelder zusammen, aber dass diese Konfliktfelder diese Dynamik bekommen haben, hat etwas mit der Bildung der Entente zwischen den Franzosen und den Russen und dann noch einmal der Entente cordiale, also zwischen Frankreich und England zu tun, sodass also in Deutschland so etwas wie eine Einkreisungsobsession entsteht."

Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit
Politik und Propaganda

Der Erste Weltkrieg ist eine Menschen-  und eine  Materialschlacht. Er ist aber auch eine Propagandaschlacht und eine Schlacht der verschiedenen politischen Systeme: Auf der einen Seite kämpfen ein absolutistisch regiertes Zarenreich gemeinsam mit einer Republik gegen quasi konstitutionelle Monarchien auf der anderen Seite. Das ändert sich allerdings im Verlauf des Krieges, als das Primat der Politik von dem des Militärs abgelöst wird.

Doch 1914 ist das noch anders: Die deutsche Bevölkerung hat mit einem Krieg zwischen den Großmächten nicht gerechnet, so der Historiker Dr. Klaus-Jürgen Bremm in seinem Buch "Propaganda im Ersten Weltkrieg":

"Die Masse der Bevölkerung war im Grunde damals genauso ahnungslos wie meinetwegen 50 Jahre später bei der nuklearen Eskalation der Supermächte."

"Es muss denn das Schwert nun entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf zu den Waffen!"

6. August.1914. Aufruf von Kaiser Wilhelm II. an das deutsche Volk.

"Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten."

Als Wilhelm II. fünf Tage vorher Russland den Krieg erklärt, reagiert die deutsche Bevölkerung unterschiedlich: Studenten, viele Intellektuelle und das Großbürgertum bejubeln den Schritt, die breite Bevölkerung hat Angst vor der ungewissen Zukunft. Bauern und Arbeiter fürchten um ihre kärgliche Existenz. Wer kann, hortet Lebensmittel und hebt sein Erspartes ab.

Wie Zweifler und Ängstliche überzeugt werden sollten, zeigen alte Propagandaschallplatten aus dem Deutschen Rundfunkarchiv in Frankfurt: Die Mobilmachung inszeniert als fröhlicher Ausflug:

Die Sozialistische Internationale ist zunächst gegen den Krieg, dann folgt die Ernüchterung: Nation geht vor Gesinnung. Die SPD steht mit dem so genannten "Burgfrieden" hinter Wilhelm II.; das Pendant auf der französischen Seite ist die "union sacré". Die Parteien begraben für die Dauer eines vermeintlich kurzen Krieges ihr Kriegsbeil.

Die Avantgarde eines ganzen Kontinents hat an der Entwicklung großen Anteil.

Klaus-Jürgen Bremm:

"Die spielten eine erhebliche Rolle, und zwar spontan und aus eigenem Antrieb, das heißt in der ersten Phase auch vermischt mit der Augustbegeisterung, Stichwort in Deutschland 'Burgfriede' in Frankreich die 'union sacré', wurden die Intellektuellen aus eigenem Antrieb tätig und haben Manifeste, Pamphlete, Reden gehalten, ganz im Sinne der jeweiligen Kriegsparteien. Das wurde nicht von oben gesteuert und erst im Laufe des Krieges, als sich abzeichnete, dass es eine längere Konfrontation geben würde, haben dann staatliche Stellen versucht, diese 'Privatpropagandisten' einzufangen und in sich aufbauende Strukturen einzugliedern. "

Aller Propaganda zum Trotz verlieren die kriegsführenden Staaten im Laufe der Auseinandersetzung an Glaubwürdigkeit, denn immer mehr Väter und Söhne kommen aus dem Krieg nicht zurück. Ian Beckett:

"Propaganda ist zunehmend wichtig, weil die Bevölkerung immer mehr Opfer bringen musste. Die Menschen brauchten einen Grund, warum diese Opfer notwendig waren. Das betraf ab 1917 die meisten europäischen Regierungen, die den Krieg vor ihrer Bevölkerung rechtfertigen mussten. Und eine Möglichkeit, um einen Krieg zu rechtfertigen, ist Propaganda. Es gab verschiedene Methoden, die genutzt wurden. Poster, Schulunterricht, Predigten in der Kirche, Zeitungen, Kino, die ganze Palette an Techniken. Das war wichtig."

Im Angesicht des Todes
Berichte von der Front

"Das Schlimme war das furchtbare Artilleriefeuer, was auf der Schlucht lag von vorne und vor allen Dingen aus der rechten Flanke. Und bei jedem Schuss schrien die getroffenen Kameraden 'Sanitäter, Sanitäter, ich bin getroffen'. Das dauerte Stunden und fast den ganzen Tag über."

Ernst Weckerling ist 18 Jahre alt, als er als Unteroffizier eines hessischen Regiments bei Verdun eingesetzt wird.

"Am nächsten Tag ging dann der Angriff weiter. Unsere Kameraden vom Regiment 81, die vorweg gestürmt waren, fanden wir tot liegend. Wir fanden tote Franzosen. Wir fanden erstürmte Bunker und gingen dann langsam durch den Wald vor, wo denn haltgemacht wurde und Vorbereitungen getroffen wurden für einen weiteren Sturmangriff auf die Höhe, die vor uns lag."

Peter Geier, Musketier im Infanterieregiment aus der Voreifel:

"Da floss ein Bach. Nachher lagen da so viel Tote drin, da haben wir über den Bach laufen können, ohne dass Wasser kam. So viel Tote lagen in dem Bach." 

Musketier Ernst Brecher aus Thüringen ist 19 Jahre alt, als er nach Verdun an die Front kommt.

"Sind wir durch, kriegten Feuer, hatten direkt ein paar Tote gehabt, was entsetzlich war. Ich konnte das Schreien schon gar nicht mehr hören vor lauter Angst. Das war ja was Neues. Wir haben Tote und Verwundete gehabt. Was das für eine Schreierei war. Also ich war selbst am Zittern an den Armen und den Beinen. War mir ja selber neu. Die Toten wurden erst abends geholt, gegen Abend."

Der inzwischen verstorbene Deutschlandfunk-Journalist German Werth hat über Jahre immer wieder  mit Zeitzeugen aus der Schlacht bei Verdun gesprochen. Alle Geschichten von der Front ähneln sich: Leichen, Skelette, Waffen, Reste von Munition und Ausstattung bedecken den Kriegsschauplatz. Manchmal müssen die Offiziere mit der Waffe im Anschlag ihre Männer nach vorne treiben. Die Soldaten sind einer unvorstellbaren  physischen und psychischen Belastung ausgesetzt.

Allein die Geräuschkulisse durch das manchmal tagelang ununterbrochene Trommelfeuer zermürbt die Kämpfenden. Deren Schicksal rückt immer mehr ins Zentrum der aktuellen Forschung.

Professor Gerhard Paul, Historiker an der Universität Kiel, kommt zu dem Ergebnis, dass der Lärm gravierende Folgen hatte: Neben geplatzten Trommelfellen entstanden Reaktionen wie Sinnesüberempfindlichkeiten, Konzentrationsschwierigkeiten und Schlafstörungen. Um zu überleben, müssen die Kämpfer lernen, welches Geräusch ihnen gefährlich werden konnte.

Besonders heimtückisch ist eine Gefahr, die sich nur leise ankündigt: der Gasangriff.

Neben der Todesangst um das eigene Leben herrscht die Angst um Freunde und Kameraden. Der französische Historiker Prof. Bruno Cabanes lehrt an der Universität Yale. Er untersucht die psychischen Belastungen der Soldaten an der Front:

"Eine der größten Sorgen der kämpfenden Soldaten war damals, allein zu sterben, mitten im Niemandsland, allein gelassen von den Kameraden, die ihnen während der Schlacht  nicht helfen konnten. Jenseits offizieller Verlautbarungen lagen verwundete Soldaten manchmal mehrere Tage zwischen den Linien, bevor sie starben. Der Militärhistoriker John Keegan hat das für den 1. Juli, der Schlacht an der Sommes, errechnet: Demnach hätte ein Drittel der  20.000 Männer gerettet werden können, wenn jemand ihnen geholfen hätte. Das war übrigens eine Furcht, die auch viele Angehörige teilten."

Die traumatisierenden Erlebnisse eines  massenhaften, qualvollen Todes auf dem Schlachtfeld  ist eine neue Erfahrung, vollkommen unbekannt aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71. Eine weitere Erfahrung müssen kämpfende Soldaten und ihre Angehörigen machen:

"Das Fehlen der toten Körper. Das passierte aus zwei Gründen: Der erste Grund war die komplette Zerstörung von etwa dreißig Prozent derjenigen, die während des Krieges getötet wurden. Ihre Körper wurden durch Explosionen zerstört und konnten nicht identifiziert werden. Dazu kam direkte Hitzeeinwirkung durch großkalibrige Munition, die die Körper durchlöcherte und keine Überreste ließ."

Der Historiker Herfried Münkler beschreibt  in seinem Buch "Der große Krieg" das Schlachtfeld so: Übersät von einzelnen Gliedmaßen, abgetrennten Köpfen und Resten des Rumpfes. Diese Überreste menschlichen Daseins bestatten die Soldaten dann an Sammelplätzen. Häufig können sie sich durch Zuruf mit dem Gegner im feindlichen Graben verständigen und eine Feuerpause vereinbaren, um Tote aus dem Niemandsland zwischen den Fronten zu bergen.

Noch heute ist die Erinnerung an den Krieg zweigeteilt: Im Westen kämpfen die Truppen meist in Schützengräben in einem zermürbenden Stellungskrieg,  im Osten ist das anders:

"Der Krieg am östlichen Kriegsschauplatz, also am russischen Kriegsschauplatz, ist ein anderer Krieg als der in Nordfrankreich oder in Flandern. Er ist militärisch anders, weil es ist eigentlich ein Bewegungskrieg", sagt Manfried Rauchensteiner, Professor für österreichische Geschichte an der Universität Wien. Der Militärhistoriker beschreibt in seinem Buch "Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburger Monarchie" den Kampf und die Lage im Osten.

Das Deutsche Reich und die K.-u.-k.-Monarchie hatten sich im Vorfeld darauf geeinigt, dass deutsche Truppen Ostpreußen verteidigen sollten, während Österreich-Ungarn aus Galizien Russisch-Polen angreifen würde.  

Was die österreich-ungarischen Armee anbelangte, war sie letztendlich der russischen unterlegen, da das Heer des Zaren über mehr Truppen verfügte.

"Die Folge dessen war, dass erhebliche Teile Galiziens geräumt werden mussten."

Mit fatalen Folgen für die Bevölkerung.

"Und jetzt fallen mehrere Maßnahmen und Entwicklungen zusammen. Zunächst einmal hat man das Aufmarschgebiet freizumachen gesucht, wo auch der Faktor Schutz der Zivilbevölkerung sehr wohl eine Rolle gespielt hat, die sollten eben jetzt nicht durch den Krieg leiden. Nur wie das dann gemacht worden ist und wie diese Evakuierungen vorgenommen worden sind, wie schließlich nach den ersten Niederlagen der K.-u.-k.-Armee das Ganze in Zwangsevakuierung und Vertreibung mündet, das ist dann eine ganz andere Sache geworden, und hier wird mit einer entsetzlichen Grausamkeit gehandelt, und zwar gegenüber der eigenen Bevölkerung."

Die Grausamkeit, mit der der Krieg im Osten geführt wurde, hat verschiedene Gründe: Hier kämpften nicht nur Nationen gegeneinander, sondern Völker in einem Bürgerkrieg um die Bildung einer eigenen Nation. Das gilt zum Beispiel für die west- und südslavischen Völker innerhalb der Donaumonarchie wie auch für die Polen, Finnen und die Bürger der Ukraine unter russischer Herrschaft. 

Während im Westen an der Front überwiegend Soldaten direkt mit dem Kriegsgeschehen konfrontiert waren, litt im Osten die Zivilbevölkerung.

Das Fazit des Ersten Weltkrieges, das Herfried Münkler zieht:

"Der Krieg wird begonnen in der Vorstellung, es handelte sich um einen ähnlichen Krieg wie den von 1870/71, sozusagen: Frisch auf und in Infanterieschwärmen angegriffen, und dann wird die Schlacht geschlagen. Und am Schluss ist dieser Krieg, man denke nur an die Ersetzung der Pickelhaube durch den Stahlhelm oder die neuen Formen der Kampftaktik, eine Form des Krieges, die in hohem Maße schon der des Zweiten Weltkrieges ähnelt, eingeschlossen strategische Bombardements." 

Das Ende
Oder die Entstehung einer neuen Welt

Der Krieg endet mit einem Desaster.

Deutsches Reich 2,04 Millionen Tote; Russland: 1,8 Millionen; Österreich-Ungarn 1,46 Millionen; Frankreich: 1,33 Millionen; Großbritannien und Irland: 750.000; Italien: 460.000; Osmanisches Reich: 325.000; Rumänien: 250.000; Serbien: 250.000; USA: 117.000; Britische Kolonien: 103.000; Bulgarien: 88.000; Französische Kolonien: 78.000; Australien und Neuseeland: 77.000; Belgien: 38.000; Griechenland: 25.000 Tote.

Und dem Friedensvertrag von Versailles. Der legt fest: Deutschland und seine Verbündeten tragen die alleinige Kriegsschuld. Daraus resultieren Gebietsabtretungen und hohe Reparationszahlungen an die Siegermächte.

Unterzeichnet wird der Vertrag von Vertretern der gerade geborenen Weimarer Republik, der Kaiser hat sich längst in die Niederlande abgesetzt.

Und obwohl der Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg in der Nationalversammlung im Vorfeld der Unterzeichnung erklärt, militärischer Widerstand gegen die Alliierten sei aussichtslos, entsteht die Dolchstoßlegende. Die besagt, dass die Heimat durch das "Gift sozialistischer Ideen" - wie General Ludendorff sagt - den tapfer kämpfenden Soldaten wie ein Dolch in den Rücken gefallen sei.

Mit dem Ersten Weltkrieg endete das Zeitalter des Hochimperialismus, die Mächteordnung des Wiener Kongresses zerfiel. Das Osmanische Reich und Österreich-Ungarn zerfielen. In Russland ging das Zarentum unter, in Deutschland das Kaiserreich. Es entstanden zwölf neue Staaten; zwei Staatsmodelle, die das 20. Jahrhundert entscheidend prägten: der Bolschewismus in Russland und die von den USA vertretene Idee einer liberal-demokratischen Weltordnung.

Und wo stehen die großen Beteiligten - 100 Jahre später -  heute?

"Das ist eine Ironie der Geschichte. Man könnte sagen, die Gewinner, die Sieger von 1918, mit Ausnahme der USA, sind die eigentlichen Verlierer dieses Krieges, wenn man es etwas länger betrachtet."

Herfried Münkler, Professor für Theorie der Politik an der Humboldt Universität:

"Die Briten, die als der Gläubiger der Weltökonomie in den Krieg eintreten und als Schuldner der USA herauskommen, bei denen der Niedergang des Empires sich beschleunigt; die Franzosen, die den größten Blutzoll in diesem Krieg zu entrichten hatten, bei denen fallen auf Tausend mobilisierte Männer 188, bei den Deutschen sind es etwas mehr als 150, die ihre Ziele, zu einer dominierenden Macht Europas wieder zu werden, nicht erreichen. Und die Deutschen, die den Krieg verloren haben, die dann auch im Gefolge dieser Niederlage einen zweiten Krieg anzetteln werden, der noch viel furchtbarer ist, den sie wieder verlieren, und trotzdem kommen sie wieder als die Zentralmacht Europas heraus, jedenfalls seit der Wiedervereinigung. Man muss vielleicht sagen, die geopolitische Mitte, die 1914 von großer Bedeutung gewesen ist, ist heute durch eine geoökonomische Mitte, also die Wirtschaftskraft der Bundesrepublik und ihre Finanzierungsfähigkeit, abgelöst, aber sie sind wieder ein im weiteren Sinn bestimmender Faktor der europäischen Politik."

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