Kultur heute / Archiv /

 

Geschichten aus dem Weltall

Uraufführung von Detlev Glanerts Oper "Solaris" nach dem gleichnamigen Roman von Stanislaw Lem

Von Wolf-Dieter Peter

Der 51-jährige Komponist Detlev Glanert hat eine Reihe Opern und Kammermusikwerke verfasst und vermag Tradition und Moderne publikumsfreundlich zu versöhnen. Nun beeindruckt er in seiner Oper "Solaris" mit Klängen, die in eine andere Sphäre ziehen.

Wie wäre es, wenn eine schon lange aus unserem Leben verschwundene Person realiter auftaucht? Eine früh gestorbene Geliebte, ein verlorener Geliebter? Ihre Wiederbelebung ist die zentrale Fähigkeit des am Rande des Universums wabernden Plasma-Sterns Solaris. In die dortige menschliche Raumstation wird der Wissenschaftler und Psychologe Kris Kelvin entsandt, um diese seltsamen Vorgänge zu prüfen. Wie er feststellt, materialisieren sich vor Solaris aber auch Negativ-Figuren. So wird Assistent Snaut (Tenor Martin Koch) von einer "Wiedergängerin" seiner herrischen Mutter (Mezzo Christiane Oertel) bedrängt, zu der er ein ödipales Verhältnis hat. Den strikt rationalen, verbohrt wissenschaftsgläubigen Dr.Sartorius (Bass Martin Winkler) quält ein halbdebiles Kind-Häschen (Sopran Mirka Wagner). Kris selbst erscheint seine vor 14 Jahren im Selbstmord endende, aber unvergessene Frau Harey – und nach erster, entsetzter Ablehnung taucht er aus Liebe zu dieser Reinkarnation am Ende in Solaris ein.

Obwohl das Libretto von Reinhard Palm nicht über die Drehbücher der beiden hochklassigen Verfilmungen durch Tarkowski und Soderbergh hinausführt und im zweiten Akt Längen besitzt, schlägt der Abend in Bann. Das ist zunächst der klaren Inszenierung des Duos Moshe Leiser-Patrice Caurier zu danken. In einem weißen Raumstationsambiente von Christian Fenouillat sind die zwischen Wirklichkeit und Imagination changierenden Beziehungsdramen mit präziser psychologischer Personenregie nachvollziehbar. Faszinierend gesteigert wird der Bühneneindruck aber durch die Videoprojektionen von Tommi Brem: im Zusammenspiel mit Christophe Foreys Lichtregie, der die Flexibilität von Solaris in Farbspielen fasste, wandern immer wieder krakenartige Lichttentakel durch die Luken herein. Es bilden sich zerfließende Zellstrukturen. Dazu schießen technische Lichtsignale an die Wände. Dass die schlafende Harey gleichsam immateriell, als Lichtprojektion aufsteht, um Kris nachzugehen - da sie ja von seinem "Gedenken" abhängig ist und verzweifelt an der verschlossenen Tür scheitert - das wurde zu einem visuellen Höhepunkt.

Stärksten Eindruck aber macht Detlev Glanerts Komposition. Seine eingangs schwebenden, angenehm irisierenden Klänge ziehen gleich in eine andere Sphäre. Dann beeindruckt die durchgängige, sofort zugängliche Dramatik, die sich bis zum Oktett aller Figuren steigert und dort dann mit Dissonanzen das Chaos der Gefühle Klang werden lässt.

Doch dazwischen scheut sich Glanert – anders als die meisten seiner Zeitgenossen - nicht, harmonische Instrumentalklänge und melodiöse Gesangslinien im menschlichen Miteinander dramaturgisch sinnvoll einzusetzen - und sie dort, wo Auseinandersetzungen oder Disharmonie aufbricht, eben mit allen Schlagzeugwirkungen und gebrochenen Klängen bühnenwirksam und sofort eingängig zu gestalten. Den ungetrübten Schlussjubel verdiente vor allem das zarte, traumschön entrückte Liebesduett zwischen Harey (Sopran Marie Arnet) und Kris (faszinierend: Bariton Dietrich Henschel) – Dirigent Markus Stenz, die Wiener Symphoniker und der Prager Philharmonische Chor – der mehrfach changierende Melismen aus dem Off in den Raum fluten ließ – musizierten da anrührend.

Plötzlich war "Oper" allem Film überlegen: Die Handlung wurde emotional emporgehoben, weil Musik und Gesang, weil der singende Mensch eben mehr vermitteln kann als alle Raffinessen Hollywoods. Deutsche Intendanten: Unbedingt nachspielen!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

PostkartenSchatzkammer des Kubismus

Besucher der Ausstellung 'Cubism: The Leonard A. Lauder Collection'  schauen auf Bilder, die an der Wand hängen.

Leonard Lauder hat in den vergangenen vier Jahrzehnten kubistische Meisterwerke zusammengetragen. Dabei konzentrierte er sich auf vier Künstler: Pablo Picasso, George Braque, Juan Gris und Fernand Léger. Seine Sammlung hat er nun dem Metropolitan Museum vermacht, wo sie derzeit einen prominenten Platz erhält.

Kultur heute Die Sendung vom 22. Oktober 2014

Provenienz-Ausstellung in Bremen"Bekenntnis zur Aufarbeitung deutscher Geschichte"

Die Kunsthalle Bremen mit neuem Anbau

Die Herkunft vieler vor allem im Nationalsozialismus gehandelter Bilder in deutschen Museen ist ungeklärt. Die Kunsthalle Bremen zeigt nun in einer Ausstellung den Weg dreier Sammlungen durch den Nationalsozialismus. Die stellvertretende Direktorin erklärt, warum sie das Wagnis eingeht, dadurch Bilder ihrer Sammlung zu verlieren.

 

Kultur

PostkartenSchatzkammer des Kubismus

Besucher der Ausstellung 'Cubism: The Leonard A. Lauder Collection'  schauen auf Bilder, die an der Wand hängen.

Leonard Lauder hat in den vergangenen vier Jahrzehnten kubistische Meisterwerke zusammengetragen. Dabei konzentrierte er sich auf vier Künstler: Pablo Picasso, George Braque, Juan Gris und Fernand Léger. Seine Sammlung hat er nun dem Metropolitan Museum vermacht, wo sie derzeit einen prominenten Platz erhält.

IkonografieAktdarstellung im Wandel der Zeit

Eine Frau bindet sich den Büsternhalter zu

Eine Gesamtdarstellung zum Akt in der Kunstgeschichte hat die Kunsthistorikerin Sabine Poeschel vorgelegt. Unter dem Titel "Starke Männer, schöne Frauen" wirft sie auch Fragen nach der Funktionalität des Aktes auf, die vor dem Hintergrund aktueller Pornografie-Skandale an Brisanz gewonnen haben.

Provenienz-Ausstellung in Bremen"Bekenntnis zur Aufarbeitung deutscher Geschichte"

Die Kunsthalle Bremen mit neuem Anbau

Die Herkunft vieler vor allem im Nationalsozialismus gehandelter Bilder in deutschen Museen ist ungeklärt. Die Kunsthalle Bremen zeigt nun in einer Ausstellung den Weg dreier Sammlungen durch den Nationalsozialismus. Die stellvertretende Direktorin erklärt, warum sie das Wagnis eingeht, dadurch Bilder ihrer Sammlung zu verlieren.