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StartseiteBüchermarktGeschichten im Kopf des Lesers22.07.2005

Geschichten im Kopf des Lesers

Mascha Kurtz: "Räuber und Gendarm"

Mit ihre elf kurzen Geschichten ist der Autorin Mascha Kurtz ein bemerkenswertes Debüt geglückt. Es geht um falsche Freundschaften und Machtspiele der Liebe, verlorene Träume und leere Versprechungen. Dabei verwendet sie eine lakonische Sprache und narrativen Reduktionismus. Oft wird das zentrale dramatische Ereignisse gar nicht erzählt. Erst die Phantasie des Lesers setzt die erzählerischen Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammen.

Von Olaf Karnik

Wie passt die Geschichte zusammen? Der Leser macht sich sein eigenes Bild. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)
Wie passt die Geschichte zusammen? Der Leser macht sich sein eigenes Bild. (Stock.XCHNG / Joao Estevao A. de Freitas)

"Ich möchte gerne, dass sich die Geschichte oder die eigentliche Geschichte unter der Geschichte, die auf dem Papier steht, erst im Kopf des Lesers zusammensetzt."

Diesem hehren Anspruch wird Mascha Kurtz schon mit ihrem bemerkenswerten Debut – dem Erzählband "Räuber und Gendarm" – gerecht. Ihr Stil in den 11 kurzen Geschichten über falsche Freundschaften und Machtspiele der Liebe, über verlorene Träume und leere Versprechungen ist gekennzeichnet durch eine lakonische Sprache und narrativen Reduktionismus. Oft wird die Schilderung der zentralen dramatischen Ereignisse oder traumatischen Erlebnisse ausgelassen, so als hätten sie gar nicht stattgefunden. Erst die Phantasie des Lesers setzt die erzählerischen Bruchstücke zu einem Gesamtbild zusammen. Mit einem ökonomischen Einsatz literarischer Mittel skizziert Mascha Kurtz eine aus den Fugen geratene Wirklichkeit. Nur wenige, äußerst pointierte Sätze genügen der Autorin, um Atmosphären, Befindlichkeiten und psychologische Dispositionen auf den Punkt zu bringen – etwa in einer Erzählung über junge, neureiche Party-Girls. Die kalte Klarheit der Sprache reflektiert dabei nur den berechnenden Charakter der Figuren. 1’05

"Magdalena und Suse sind meine besten Freundinnen. Beide lieben mich. Suse liebt mich, wie sie einen Mann lieben würde: voller Eifersucht, mit Unruhe im Blick. Magdalena dagegen ist mein nickendes Spiegelbild. Die beiden kriegen die Männer, die mich nicht haben können. Magdalena erzählt uns, dass Andreas, der Barkeeper, sie im Lagerraum auf einem Stapel Wodkakartons gevögelt hat, ohne ein Wort zu sprechen.
Ich frage nur: "Mit oder ohne?"
"Ohne", sagt Magdalena. Sie presst die Lippen zusammen und zieht die Augenbrauen hoch, aber ihre Stimme klingt stolz. Magdalena ist dreiundzwanzig. Ihr Mann ist Architekt. "

In ihren Geschichten taucht Mascha Kurtz tief in die unterschiedlichsten Milieus und sozialen Schichten ein und richtet ihre Brenngläser auf Lebenswelten, die kaum mehr beachtet werden. Sie erzählt von Straßenverkäufern, Fabrikarbeiterinnen und Obdachlosen, von migrantischen Putzfrauen am Rande der Armutsgrenze und von einem Zimmermädchen, das sich eine Karriere als Model erträumt; sie schildert die Grausamkeiten in einem Tierversuchslabor oder die Arbeit von Zivildienstleistenden in einem Behindertenheim. Als Jung-Autorin begibt sich Mascha Kurtz damit auf ein Terrain, das kaum weiter entfernt sein könnte vom gern thematisierten Pop-Glamour und den Selbstbezüglichkeiten ihrer Generation.

Also, es ist sicher ein Anliegen von mir, den Blick auf Welten zu lenken, die sonst wenig vorkommen, die in den Medien wenig vorkommen, die auch in der Literatur wenig vorkommen. Weil, viele junge Autoren, glaube ich, eher über das schreiben, was sie selber kennen und weniger den Blick über den eigenen Tellerrand raus mal wagen und andere Welten sich auch mal anschauen. Also, es gibt so viele Mikrokosmen nebeneinander und jeder lebt in seiner eigenen Welt, ohne überhaupt mal zu gucken, wie sieht’s überhaupt nebenan aus. Und, das was ich, glaube ich, beim Schreiben mache, ist Gucklöcher bohren nach Nebenan, sodass man da mal durchschauen kann.

"Marketa denkt an die Hose aus dem Schaufenster im Bahnhof. Eine modische Hose aus schwarzem Stoff, die Beine leicht ausgestellt. Marketa sieht an sich herunter. Auf ihren blauen Leggins wachsen Inseln von Faserknötchen, die den Stoff abgetragen aussehen lassen. Die Gummistege an den Beinen sind ausgeleiert. Der Pullover, der Irina gehört, ist zwar hübsch, mit eingewobenen Goldfäden, aber er ist zu groß und schlackert um Marketas Oberkörper. Sie streift oft durch die Fußgängerzone, um nicht nach Hause gehen zu müssen. Dabei versucht sie auszusehen wie eine Hausfrau, die einen Schaufensterbummel macht. Hinter den Scheiben liegen Kleider und Schmuck, Radios und Schuhe, leicht zu haben, aber unerreichbar für jemanden wie sie. Die Schaufenster sind Bühnen, indirekt beleuchtete Szenen aus einem anderen Leben voller Sorglosigkeit. Marketa traut sich nicht zu atmen bei diesem Anblick.
Sie weiß, dass sie anders aussieht als die Menschen, die ihr entgegenkommen, mit ihren schicken Frisuren und Bügelfalten, polierten Schuhen und Gesichtern, die Marketa nicht ansehen. Sie fühlt sich, als ließe jemand die Luft aus ihr heraus und sie schrumpfe ins Nichts."

Mascha Kurz verhilft nicht nur Empfindungen, die gemeinhin dumpf nach innen sacken, zum Ausdruck. Auch mit der Schilderung unappetitlicher Details hält sie nicht zurück. Beeinflusst von Schriftstellern wie Ernest Hemingway oder Virginia Woolf, wird auch in ihren Erzählungen die Welt auf oft beunruhigende Weise körperlich. Sehen, Riechen, Hören, Fühlen, Schmecken – generell sind es Sinneswahrnehmungen, die die Szenarien und Verhältnisse ihrer Figuren charakterisieren. Selten wird mitgeteilt was jemand denkt, fast alles wird in Handlung und Dialoge aufgelöst – ein sehr filmisches Prinzip kommt in "Räuber und Gendarm" zur Anwendung. Auf diese Weise wird die Bildproduktion im Kopf des Lesers mit Sicherheit angeregt. Die Tragik, Grausamkeiten oder Konflikte in ihren Erzählungen entwickeln sich zudem eher beiläufig – und sind dennoch vom ersten Satz an spürbar. Man fragt sich bloß, warum Mascha Kurtz sich fast ausschließlich für die Abgründe unserer Realität interessiert hat

"Weil das was ist, was mich selber immer so fassungslos macht, dass unter ganz normalen Beziehungen ganz viele Sachen vor sich hin schwelen, die, wenn man sie genauer anschaut, ganz furchtbar sind, die ganz schrecklich sind. Also, in vielen Beziehungen geht es ganz viel um Macht, um Grausamkeit, genau, um Kämpfen. Und das alles spielt sich aber sehr, sehr unterschwellig ab, und das schockiert mich immer so. Und anscheinend ist es mir ein Bedürfnis, das irgendwie für mich zu klären, warum das so ist, warum sich die Leute so verhalten, und was da, vielleicht nicht ungedingt mal was dahinter steckt, sondern einfach es festzuhalten, dass es so ist. Weil man diese Unterströmung gerne wegdrückt normalerweise, und die möchte ich gerne nach oben holen."

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