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StartseiteBüchermarktGeschichten mit magischer Dimension01.03.2006

Geschichten mit magischer Dimension

Zwei neue Bücher von Haruki Murakami erschienen

Haruki Murakami ist ein exzellenter Schriftsteller, sein Stil ist mühelos lesbar und elegant. Doch in der längeren Form wie im jüngst erschienen Roman "Afterdark" neigt Murakami zur Weitschweifigkeit. Da tröstet die einfache romantische Story in der Erzählung "Tony Takitani".

Von Martin Krumbholz

Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami. (AP)
Der japanische Schriftsteller Haruki Murakami. (AP)

Als Mitte der 90er Jahre im Berlin Verlag nacheinander zwei Erzählbände mit sehr sonderbaren Titeln erschienen, war ihr Autor, der 1949 geborene Haruki Murakami, in Europa ein Unbekannter. Die Titel hießen: "Der Elefant verschwindet" und "Wie ich eines schönen Morgens im April das 100%ige Mädchen sah". Und die Bücher hielten, was ihre Titel versprachen.

Sie handelten von jungen Menschen in Japan, die ebenso gut junge Menschen in Mitteleuropa hätten sein können, die Spaghetti aßen, Woody-Allen-Filme sahen und, das vielleicht als signifikante Abweichung, eher Jazz- als Popmusik hörten. Ihr Autor pflegte einen mühelos lesbaren, aber doch beharrlich nachwirkenden Stil, geschmeidig, elegant und sehr modern. Die Geschichten handelten vom Einbruch des Irrationalen ins alltägliche Leben. Sie hatten eine magische Dimension, das machte sie aufregend.

Die Story über das 100%ige Mädchen ist voller irrwitziger dialektischer Wendungen. Man liest so etwas gern. Trotzdem hatten die Erzählbände noch nicht die Resonanz, die sie verdient gehabt hätten. Erst mit den folgenden oft dickleibigen Romanen wurde Murakami zum Bestsellerautor, ja zur Kultfigur. Und äußerst produktiv ist er außerdem: Fast in jeder Saison kommt etwas Neues von ihm auf den Markt. Er ist ein Meister atmosphärischer Valeurs; erotische Ambivalenzen kommen eher in den schüchternen, verhaltenen Annäherungen der Geschlechter zum Ausdruck als in explizit sexuellen Szenen – die ohnehin rar sind. Murakami ist zwar nicht prüde, aber im Grunde interessiert ihn etwas anderes. In der Erzählung "Der Elefant verschwindet" heißt es einmal:

"Manchmal habe ich das Gefühl, als verlören die Dinge um mich herum ihr eigentliches, ihnen angemessenes Gleichgewicht."

Dieses Motiv kehrt in allen Texten des Autors wieder. Mit dem Murakami-Gefühl korrespondiert der Murakami-Sound. Der Held sitzt in einer Cocktailbar, hört ein Jazz-Stück, zum Beispiel "Five Spot After Dark" mit dem Posaunisten Curtis Fuller, und gerät dann, etwa durch eine unvorhergesehene Begegnung, in einen Strudel, der sein Leben verändert. Das ist die klassische Ausgangssituation eines Murakami-Romans. Sie lässt sich in einer knappen Erzählung ebenso durchspielen wie in einem voluminösen Roman.

Der Unterschied ist der: Je länger die Texte werden, desto deutlicher neigen sie auch zur Weitschweifigkeit, zur überflüssigen Arabeske. Das jüngst erschienene Buch "Afterdark" ist von mittlerer Länge, gut 200 Seiten, aber es offenbart einige Schwächen, die typisch sind für das größere Format. Betroffen sind besonders die extensiven Dialoge. Murakami-Figuren tendieren dazu, sich selbst zu erklären, so wie es Personen im wirklichen Leben zuweilen tun. Dieser psychologisierende Small Talk gibt den Dialogen etwas Banales.

"Afterdark" spielt in einer einzigen Nacht in Tokio und erzählt parallel von zwei Schwestern, Eri und Mari. Die 19-jährige Mari lernt in einem Lokal einen Jazzposaunisten kennen; später wird sie als Dolmetscherin in ein Bordell gerufen, wo eine chinesische Prostituierte von einem Freier misshandelt wurde. Schließlich trifft sie den Musiker wieder. Eri, die hübschere ältere Schwester, ist zu Hause und schläft. Nichts weiter. Das Ungewöhnliche daran ist, dass Eri bereits seit zwei Monaten schläft, als läge sie im Koma, aber es handelt sich offenbar nicht um eine Krankheit, sondern eben nur um einen besonders ausgiebigen Schlaf wie nach einer unerhörten Erschöpfung. Der formale Kunstgriff, dessen sich Murakami bedient, besteht in einer quasi-filmischen Operation – der Autor als Kameraauge. Das klingt so:

"Während wir Eri Asai betrachten, gewinnen wir allmählich den Eindruck, irgendetwas an ihrem Schlaf sei nicht normal. Er ist zu rein und vollkommen. Kein Muskel in ihrem Gesicht, keine Wimper regt sich. Ihr schlanker weißer Hals verharrt in tiefer Stille wie ein Kunstwerk. Ihr kleines Kinn mit der wohlgeformten Spitze erhebt sich in einem anmutigen Winkel. Auch wenn ein Mensch noch so tief schläft, dringt er nie so weit ins Reich des Schlafes vor, gibt er sein Bewußtsein nie so völlig auf."

Natürlich gibt Murakami sich große Mühe, die einzelnen Handlungsstränge plausibel miteinander zu vernetzen. Aber so ganz geht die Geschichte nicht auf: Der magische Moment, in dem die Dinge ihr Gleichgewicht verlieren, scheint verfehlt, und der Versuch, eine filmische Suggestion zu erzeugen, wirkt angestrengt und letztlich vergeblich. Man denkt, wenn man diesen Roman liest: Das stand doch in einem früheren Murakami-Buch schon ähnlich und besser.

Da tröstet es, das ebenfalls in diesem Jahr im DuMont Verlag in einer schönen handlichen Ausgabe, mit eleganten Schwarz-Weiss-Fotos versehen, ein weiterer Murakami erschienen ist, nämlich die 1996 entstandene Erzählung "Tony Takitani", die kürzlich als Film in unseren Kinos lief. Eine einfache romantische Story: Ein erfolgreicher, aber einsamer Mann in mittleren Jahren verliebt sich in eine junge Frau, macht ihr einen Heiratsantrag und stellt fest, dass seine Auserwählte fast perfekt ist, bis auf einen einzigen Fehler: Sobald ihr ein Kleidungsstück unter die Augen kommt, kann sie einfach nicht widerstehen, sie muss es kaufen. "Tony Takitani" ist eine schlichte und anrührende Geschichte über menschliche Schwächen und über deren fatale Konsequenzen, über Eros und Tod, ausnahmsweise ganz ohne unlösbare Rätsel. Und es ist auch eine Geschichte über den Jazz, denn Tonys Vater ist – raten sie mal, es ist einfach: Jazzposaunist, und einmal besucht das glückliche Paar ein Konzert mit Shozaburo Takitani.

"Er spielte genau die gleiche Musik wie früher, die gleichen Melodien, die Tony als Kind auf Platte gehört hatte. Das Spiel seines Vaters klang geschmeidig, elegant und süß. Es war keine große Kunst, aber doch die Darbietung eines hervorragenden Musikers, der die Fähigkeit besaß, sein Publikum in eine heitere Stimmung zu versetzen."

Das, nicht mehr und nicht weniger, gelingt dem exzellenten Schriftsteller Haruki Murakami auch.


Haruki Murakami: Afterdark
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
DuMont Verlag
237 Seiten
19,90 Euro

Haruki Murakami: Tony Takitani
DuMont Verlag
16,90 Euro

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