Kommentar /

 

Geschichtslos auf bedrückende Art

"Für immer unbesiegbar": Das russische Helden-Gedenken in Wolgograd

Von Gesine Dornblüth, Deutschlandradio Büro Moskau

Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad im heutigen Wolgograd.
Gedenkfeier zum 70. Jahrestag der Schlacht von Stalingrad im heutigen Wolgograd. (picture alliance / dpa /Kirill Braga)

70 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad geht uns Deutsche nicht an, wie die Russen ihre Überlebenden ehren. Aber es geht uns etwas an, wie die russische Führung die Geschichte missbraucht und über die Verbrechen der Sowjetunion schweigt.

Panzer in der Innenstadt von Stalingrad, heute, 70 Jahre nach der Schlacht. Ja, Sie haben richtig gehört. Wolgograd wurde kurzfristig zurück benannt in Stalingrad. Die russische Führung feierte das Ende der Schlacht mit großem militärischen Trara. Junge Leute spielten Gefechte nach. Auf der Bühne des Sportpalastes kreisten die Scheinwerfer von Flakabwehr, ohrenbetäubender Lärm, am Ende der zerstörte Reichstag. In der ganzen Stadt wurden die Heldentaten beschworen, die Selbstaufopferung, der Sieg. Junge Leute sollten sich ein Beispiel nehmen an den Kämpfern von Stalingrad, hieß es heute immer wieder.

Für Deutsche ist das befremdlich. Wir sind es gewöhnt, still zu gedenken. Aber die Russen feiern so wie zu Sowjetzeiten. Das muss man akzeptieren. Und doch geht uns das etwas an.

Denn die russische Gesellschaft ist auf eine bedrückende Art und Weise geschichtslos. Nicht nur an einem Tag wie heute wird nichts in Zweifel gezogen. Keiner der Massenmörder der Sowjetunion wurde je zur Verantwortung gezogen. Die Diktatur ist nicht aufgearbeitet. Das Wissen über den Zweiten Weltkrieg ist erschreckend oberflächlich, von Reflexion gar nicht zu reden. Die meisten Russen fühlen keine persönliche Verantwortung. Sie haben ihr Gewissen abgekoppelt vom Staat.

Und so begegnen sie auch den ehemaligen Feinden. Sie trennen zwischen Deutschen und Faschisten. Man hört immer wieder: Die Deutschen mussten das tun, sie waren Soldaten, hatten keine Wahl.

Das ist angenehm für einen Deutschen, der in Russland unterwegs ist. Nie muss man Rechenschaft ablegen, nie leidet man unter der Last kollektiver Verantwortung.

Die Russen begegnen den Deutschen auch an so einem Tag mit einer Herzlichkeit, die rührend ist. Und sie haben den Deutschen nicht erst heute verziehen. Überlebende Russen und Deutsche erzählen immer wieder, dass schon Kriegsgefangene, ja sogar Soldaten während des Krieges und kurz danach von russischen Dorfbewohnern mit Lebensmitteln versorgt wurden.

Aber so wie die Russen dem einzelnen keine Verantwortung zumuten, so fühlen sie auch selbst keine Verantwortung für die Verbrechen, die ihr Staat begeht, an der eigenen Bevölkerung, an den Nachbarländern. Das ist problematisch und es geht uns etwas an.

Denn, und das kann man aus der tragischen Geschichte der beiden Völker lernen: Unwissenheit macht Unrecht erst möglich. Unwissenheit ist gefährlich. Gemeinsame Geschichtsbücher würden vor zukünftigen Kriegen schützen. Historiker Russlands und Mitteleuropas haben aber grundsätzlich unterschiedliche Ansichten zum Beispiel über das Massaker von Katyn. Auch die unrühmliche Rolle von Stalins Sowjetunion vor dem Zweiten Weltkrieg – Stichwort Hitler-Stalin-Pakt - ist in Russland weitgehend unbeachtet. Stalin zählt heute zu den beliebtesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

In Russland sind die Verbrechen der Sowjetunion nicht Thema des Kriegsgedenkens. Nicht die Verbrechen in Polen, dem Baltikum oder der Ukraine, schon gar nicht die in Deutschland. 70 Jahre später wäre es an der Zeit. Aber das würde die schöne Feier stören, das angeschlagene Selbstbewusstsein der Nation untergraben und käme auch der Führung nicht zupass, die der Bevölkerung immer wieder eintrichtert, dass Russland das Größte überhaupt ist. "Für immer unbesiegbar", wenn es nur an sich selbst glaube, wie Putin heute sagte.

70 Jahre nach der Schlacht von Stalingrad geht uns nicht an, wie die Russen ihre Überlebenden ehren. Wir können froh sein, dass die Nazis besiegt wurden. Kein Volk hat mehr Opfer gebracht. Dass wir heute in Freiheit leben können und es seit annähernd 70 Jahren keinen Krieg mehr auf deutschem Boden gegeben hat, das ist auch diesen alten Menschen zu verdanken. Sich vor ihnen zu verneigen, gebietet der Anstand.

Aber es geht uns etwas an, wie die Führung Russlands Geschichte missbraucht, denn es ist gemeinsame europäische Geschichte.

Russland ist das größte Land der Erde. Ein mächtiger Nachbar, mit dem uns viel verbindet. Aber Russland ist in vielen Punkten auf dem Weg zurück in eine Art Sowjetunion. Und da ist Vorsicht geboten.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kommentar

BetreuungsgeldNoch keine Chancengleichheit in Deutschland

Horst Seehofer am Rednerpult

Das Betreuungsgeld musste kommen und es kam. Ein Mia san Mia-Pojekt, mit der die CSU zeigen wollte, dass man sie in Berlin braucht - ohne Rücksicht auf Verluste, findet Katharina Hamberger.

Rüstungsexporte "Dümmer könnten sie kaum argumentieren"

Eine Kundgebung gegen die deutschen Rüstungsexporte im Februar vor dem Berliner Reichstag.

Bundeswirtschaftsminister Gabriel will das Geschäft mit Waffen zurückfahren. Kaum verständlich erscheine hingegen der Vorstoß Horst Seehofers, der eine solche Kehrtwende scharf kritisiert und den Verlust vieler Arbeitsplätze an die Wand malt. Der Verweis auf gefährdete Jobs dürfe bei dieser Branche wirklich nicht ziehen, kommentiert Theo Geers.

MH17-AbsturzStrich durch Putins Rechnung

Wrackteil der in der Ukraine abgeschossenen Boeing 777 der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH 17 

Die Welt hatte bereits begonnen, das Interesse an den Geschehnissen in der Ostukraine zu verlieren - bis das Flugzeug abstürzte. Auf einmal ist der ganzen Welt klar, welches Gebilde da entsteht, kommentiert Jan Pallokat: eine sogenannte Volksrepublik, in der Katastrophenopfer ausgeplündert und ihrer Würde beraubt werden.