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StartseiteBüchermarktGeschlechterbilder des 18. Jahrhunderts10.08.2005

Geschlechterbilder des 18. Jahrhunderts

Inge Stephan: "Inszenierte Weiblichkeit"

Die Germanistin Inge Stephan beleuchtet in ihren Aufsätzen Inszenierungen von Weiblichkeit in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts. So untersucht sie unter anderem Kleists Amazonen-Visionen oder Schlegels Skandalroman "Lucinde" mit seinen Phantasien vom Geschlechtertausch.

Von Michael Wetzel

In der Geburtsstadt Goethes, in Frankfurt/M., liest eine junge Frau am Ufer des Main  (AP)
In der Geburtsstadt Goethes, in Frankfurt/M., liest eine junge Frau am Ufer des Main (AP)

Akademische Autorschaften bemessen sich, wie literarische auch, immer noch und vielleicht sogar immer mehr an der Produktion von Büchern. Daran hat kein audio-visuelles oder Online-Medium bislang etwas ändern können.

Auch wenn, wer im Kanon universitärer Elite lautstark mitsingen will, sein jährliches Quantum an Fachzeitschriftenaufsätzen absondern muss - und neuerdings sogar als Empfänger einer leistungsabhängigen Besoldung danach bezahlt wird: Was wirklich zählt, was zur Kenntnis genommen wird, sprich gelesen wird, das sind die zwischen zwei Buchdeckel gebundenen Erzeugnisse, die in den Buchhandel wandern.

Nun hat aber gerade der heutige Hochschullehrende für eins keine Zeit mehr, nämlich für Forschung. Wie lässt sich also das Dilemma lösen? Man greift auf die Aufsätze mit ihrem überschaubaren Arbeitsaufwand zurück und vernäht sie zu einem Buch.

Auf diese Weise ist auch die Publikation von Inge Stephan zur Geschlechterthematik in der Literatur des 18. Jahrhundert entstanden, was zunächst einmal nichts Nachteiliges bedeuten muss. In zwölf, zwischen 1984 und 2004 entstandenen Texten beleuchtet die Autorin die Inszenierungen von Weiblichkeit in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, die - so die These - seit Lessing Konjunktur hat.

Die Highlights finden sich natürlich in fast allen Unterabschnitten der Epoche bei Goethe, weshalb man als Oberbegriff getrost auch von der Goethezeit hätte sprechen können. Es ist in der Germanistik üblich, gerade die Geschlechterthematik der Goethezeit mit der Diskussion von Frauenbild und Tugendbegriff in Lessings Dramen zu beginnen. Von hier aus geht man dann zu Schillers konservativem Frauenbild über, um deutlicher die exzentrischen Weiblichkeitsverkörperungen abzuheben, die bei Goethe zwar entwickelt werden, aber untergehen; bei einem Dichter wie Kleist aber nur entwickelt werden, um spektakulär unterzugehen.

Inge Stephan hat jedoch noch viele andere Pfeile im Köcher. Da wird des von Goethe schnöde der Vergessenheit anheim gegebenen Jacob Michael Reinhold Lenz und seiner geschlechtlichen Dreieckskonstruktionen gedacht. Sein Zeitgenosse Friedrich Maximilian Klinger, seines Zeichens Erfinder der Formel von "Sturm-und-Drang", wird als einer wieder entdeckt, der die skandalöse Mutterfigur der antiken "Medea" zu rehabilitieren versuchte.

Und immer wieder wird Kleist mit seinen Amazonen- und Androgynie-Visionen den eher vor diesen Bildern machthabender Weiblichkeit zurückschreckenden Klassikern gegenübergestellt. Und natürlich ist auch die Romantik mit im Boot, wird Schlegels Skandalroman "Lucinde" mit seinen Phantasien vom Geschlechtertausch nicht vergessen und gedenkt ein etwas kontextlos daherkommender Aufsatz über die "Undinen, Melusinen und Wasserfrauen bei Eichendorff und Fouqué" dieser märchenhaften Imaginationen einer verschreckend elementaren Weiblichkeit von Wassergeistern.

Kontextlosigkeit ist allerdings kein singuläres Phänomen dieses Buches. Und damit lässt sich an die Eingangsüberlegung anknüpfen: Die Machart tut dem Buch nicht unbedingt gut. Inge Stephan hat die Aufsätze in ihrer ursprünglichen Form, als für sich entstandene Kurzstudien, einfach nur zusammengestellt und nicht überarbeitet.

Das ist bei einem so neuralgischem Forschungsfeld wie den Geschlechterbildern des 18. Jahrhunderts, das einer ständigen Neubearbeitung unterliegt - vor allem seit Entwicklung neuer Forschungsparadigmen wie den Gender-Studies -, nicht unbedingt förderlich. Der rasante Fortschritt bei der Ausdifferenzierung interpretatorischer Gesichtpunkte und geschlechtlicher Differenzkriterien unter Zuhilfenahme sozialhistorischer, technologischer, kultureller, psychoanalytischer, medialer bis medizinischer Fakten lässt manche Untersuchung der 80er und 90er Jahre "alt" aussehen. Hier wäre eine Aktualisierung zum Beispiel in Form eines längeren Vorwortes wünschenswert gewesen.

Aber die Autorin hat nicht einmal eine Aufarbeitung des Forschungsstandes bei den Einzelbeiträgen für nötig befunden. Das allerdings lässt schon die Frage nach der Legitimität des Neuabdrucks laut werden, zumal es sich nicht um Aufsätze handelt, die für die Forschungsgeschichte irgendwie bahnbrechend waren.

Inge Stephan, die auch durch andere Studien zum Geschlechterverhältnis in der Literatur um 1900 und im 20. Jahrhundert ausgewiesen ist, hat mit ihrer Aufsatzsammlung zum 18. Jahrhundert ein allzu konventionelles Beispiel germanistischer Forschung präsentiert. Abgesehen einmal von der Nichtaktualität der Beiträge und der fehlenden Vermittlung untereinander, zeichnen sich die Interpretation im einzelnen durch einen stark nacherzählenden Charakter aus. Auch hier muss nicht gleich Nachteiliges vermutet werden, aber es stellt sich umso mehr die Frage nach dem Anspruch des Buches als solchen.

In einer Studienreihe zur "Literatur- und Kulturgeschichte" erschienen, suggeriert es eher die Dokumentation von Forschungsergebnissen und nicht die Propagierung von Literaturvermittlung. Als solche lesen sich aber weite Strecken der Texte, die nur die Plots der behandelten Texte referieren. Und dass in der Literatrur des 18. Jahrhunderts die noch heute gängigen Geschlechter-Stereotypen ausgeprägt wurden, ist seit über 200 Jahren wohl unumstritten.

Auch weitere Spezifizierungen dieses Themas, das heißt die Benennung der Spaltung der Frauenimago in Heilige und Hure, die Verdrängung des aktiven, machtvollen Frauentypus durch das idealisierende Bild der Frau, die aufkommende Macht und Ohnmacht der Väter über die Töchter wie in Lessings "Emilia Galotti" dargestellt oder in Goethes Phantasmagorie der Kindsbraut "Mignon" gebrochen, die Geschwisterinzest-Phantasien und die Allegorien mannhaft-kriegerischer Tugenden des Weiblichen in Form z. B. der Jeanne d'Arc, - all das ist seit Jahren bekannt und sattsam erforscht.

Von ihrem thematischen Anspruch her hätte man von den Untersuchungen Inge Stephans im Jahre 2004 mehr erwarten können, auf dass endlich auch in Deutschland die Perspektive des Feminismus um die von Gender Studien erweitert werde.

Inge Stephan: "Inszenierte Weiblichkeit.Codierung der Geschlechter in der Literatur des 18. Jahrhunderts", Böhlau Verlag, Köln

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