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StartseiteKultur heute"Krasse neoliberale Strukturen"12.03.2018

Geschlechtergerechtigkeit am Theater"Krasse neoliberale Strukturen"

Die Konferenz "Burning Issues" in Bonn fragte gestern nach den Arbeitsbedingungen für Frauen am Theater. 350 Theaterfrauen sprachen über notwendige Veränderungen. Die Gehälter müssten sich endlich angleichen, dafür müssten Frauen aber auch mit mehr Selbstbewusstsein auftreten, sagte Initiatorin Nicola Bramkamp im Dlf.

Nicola Bramkamp im Gespräch mit Anja Reinhardt

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Die Teilnehmerinnen der Konferenz "Burning Issues", die für Gleichberechtigung am Theater kämpfen. Im Hintergrund halten sie den Schriftzug "Burning Issues" hoch (Schauspiel Bonn / Foto: Thilo Beu)
Die Teilnehmerinnen der Konferenz "Burning Issues", die für Gleichberechtigung am Theater kämpfen (Schauspiel Bonn / Foto: Thilo Beu)
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Was für die Filmbranche gilt, das gilt auch für Theaterbühnen. Die Männer sitzen in Führungspositionen, Frauen werden bei gleicher Leistung schlechter bezahlt und es gibt immer wieder Beschwerden über Machtmissbrauch. Über 70 Prozent der Regiearbeiten stammen von Männern und nur 20 Prozent der Intendanzen sind von Frauen besetzt. Die Bonner Schauspieldirektorin Nicole Bramkamp und die Mit-Gründerin des Ensemble Netzwerks, Lisa Jopt, organisierten gestern in Bonn die Tagung "Burning Issues", auf der diese Tatsachen diskutiert und Möglichkeiten für Veränderungen besprochen wurden.

"Wir müssen aktiv werden!"

"Seit über 20 Jahren gibt es ganz konkrete Forderungen, die aber in einem Schneckentempo in die Tat umgesetzt werden. Schnell, haben wir alle das Gefühl, passiert da nichts", so Nicola Bramkamp. Umso dringender sei der Handlungsbedarf: "Das war gestern ganz deutlich zu spüren, dass die Frauen alle, weil sie eben auch aus ganz unterschiedlichen Berufssparten kommen, jetzt ihren Beitrag dazu leisten – den mühsamen Weg durch die Institutionen zu wandern und für mehr Frauenrechte zu kämpfen." Was das Thema Gender Pay Gap angeht, ist Deutschland im Kulturbereich in Europa Schlusslicht– so das Ergebnis einer Studie.

Viele Fräuleins und kaum Königinnen

"Das ist nicht nur eine politische Debatte, sondern auch eine ästhetische", meint Nicola Bramkamp. Man müsse auch bei der Auswahl der Stücke anfangen. Es gebe viele Fräuleins und kaum Königinnen. Aber Shakespeares "Richard III" könne auch mal von einer Frau gespielt werden. Was auf der Bühne gelte, das sei auch dahinter immer noch eine archaische Kultur: Kostüm und Maske seien Frauenbereiche, Intendanz, Regie und Bühne Männerdomäne. Ein Bühnenbildner bekäme 2/3 mehr Gage als eine Kostümbilderin, das entspräche nicht dem Arbeistaufwand. Auch das müsse sich dringend ändern, dafür müssten Frauen aber auch selbstbewusster auftreten.

Die meisten sind bereit, sich ausbeuten zu lassen

Insgesamt müssten sich die Produktionsbedingungen ändern, und das gehe nur mit mehr Geld, sagte Bramkamp. Das Einkommen von freischaffenden Regisseurinnen beträgt laut Pro Quote Bühne 10.000 Euro im Jahr. Alle künstlerischen Verträge am Theater sind prekäre Verträge, auch weil sie befristet sind. "Trotzdem sind die meisten bereit, sich ausbeuten zu lassen, weil sie ihren Beruf lieben. Aber das sind krasse neoliberale Strukturen, in denen wir uns bewegen."

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