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StartseiteBüchermarktGeschlechtsumwandlung als sadistische Quälerei11.11.2008

Geschlechtsumwandlung als sadistische Quälerei

Thierry Jonquet: Die Haut, in der ich wohne, Hoffmann und Campe Verlag

Thierry Jonquet ist einer der erfolgreichsten Vertreter des französischen "roman noir". In seinem 1984 erschienenen Roman greift er das Thema der Transsexualität auf und verwebt sie in eine Krimihandlung. An Aktualität hat sein Roman "Die Haut, in der ich wohne" nichts eingebüßt. Er ist in doppeltem Sinne beklemmend.

Von Christoph Vormweg

Richard Lafargue, erfolgreicher plastischer Chirurg in einer Pariser Vorstadt für Gutsituierte, sperrt tagsüber die schöne Ève im Haus  ein.  (Stock.XCHNG / Per Hardestam)
Richard Lafargue, erfolgreicher plastischer Chirurg in einer Pariser Vorstadt für Gutsituierte, sperrt tagsüber die schöne Ève im Haus ein. (Stock.XCHNG / Per Hardestam)

Den Titel der deutschen Übersetzung "Die Haut, in der ich wohne" kann man erst nach der Lektüre verstehen. Der französische Originaltitel "Mygale", zu deutsch "Vogelspinne", lässt hingegen spontan beängstigende Assoziationen zu. Schließlich bauen Spinnen Netze, in denen sich die Opfer verfangen und langsam dahinsiechen. Entsprechende Grausamkeiten gibt es von der ersten Seite an zu begutachten.

Richard Lafargue, erfolgreicher plastischer Chirurg in einer Pariser Vorstadt für Gutsituierte, sperrt tagsüber die schöne Ève mit Wissen der Hausbediensteten ein. Alle paar Wochen fährt er mit ihr zu Viviane, einer verstörten jungen Frau, die in einer psychiatrischen Anstalt vor sich hin vegetiert. Gleich anschließend folgt ein Abstecher in Lafargues Pariser Appartement, wo er hinter einer verspiegelten Wand mit ansieht, wie Ève von sadistischen Freiern gedemütigt wird.

"Ich schreibe sehr oft so, dass sich der Leser verloren fühlt. Die Struktur der Erzählung ist ein Puzzle. Der Leser kommt zwar voran, aber man erkennt das Bild nicht. Es offenbart sich erst ganz zuletzt. Das gehört zu meinen Vorlieben."

Thierry Jonquet, Jahrgang 1954, ist einer der erfolgreichsten Vertreter des französischen "roman noir", einer Variante des Kriminalromans. Anders als im "roman policier" sind Polizei-Ermittler nicht obligatorisch. Mehr noch: Der "roman noir" sucht den gesellschaftlichen Bezug. Mal leuchtet er brisante soziale oder politische Konflikte aus, mal thematisiert er - wie die Romane von Didier Daeninckx - den langen Arm verdrängter nationaler Vergangenheiten: etwa die Kolonialgeschichte oder die Kollaboration während der deutschen Besatzung zwischen 1940 und 44. In jedem Fall: Thierry Jonquet versuchte 1984 mit seinem Roman "Die Haut in der ich wohne" ein damals völlig neues Phänomen auf seine möglichen Abgründe und Perversionen hin abzuklopfen:

"Der Auslöser für den Roman war ein Dokumentarfilm im Fernsehen über einen Transsexuellen, der zur Frau geworden war, zu einer wirklich schönen Frau. Das war sehr verwirrend. Es handelte sich um einen Arzt, der eine Ärztin geheiratet hatte, und ihr eines Tages sagte: "Mein ganzes Leben habe ich mich als Frau gefühlt. Ich möchte auch eine werden." Das war der Anfang eines langen Prozesses. Seine Frau gab ihm die Spritzen, um ihm bei der Umwandlung seines Körpers zu helfen - bis zur Operation. Danach lebten die beiden weiter zusammen - eine wirklich seltsame Geschichte."

Drei Erzählstränge, die zunächst ohne Zusammenhang zu sein scheinen, steuern in Thierry Jonquets Roman "Die Haut, in der ich wohne" aufeinander zu. Zu den Einblicken in den befremdlichen Alltag von Richard und Ève kommt die Geschichte eines flüchtigen Bankräubers und Polizistenmörders, dessen bester Freund seit vier Jahren verschollen ist. Im dritten, kursiv gesetzten Erzählstrang schließlich führt jemand ein Selbstgespräch. Er versucht sich zu vergewissern, was mit ihm passiert ist: Warum er von einem Mann verfolgte wurde, der ihn dann gefangen nahm und in einem abgedunkelten Raum fast verhungern ließ. In jedem Fall: Sein Selbstgespräch zeigt, dass er sich selbst fremd geworden ist.

"Das war eine ziemlich sonderbare Erfahrung. Ich habe diesen Roman in zwei Wochen geschrieben, in einem Zustand großer Konzentration. Dann hat er ein Los gefunden, das mich erstaunt: Er ist in viele Sprachen übersetzt worden, hat viele Leute interessiert. Das ist eigenartig: Heute würde ich diesen Roman sicher ganz anders schreiben. Aber ich weiß nicht, ob er dann besser würde. Damals arbeitete ich als Lehrer, hatte zwei Wochen Osterferien, und am Montag legte ich wie ein Verrückter los - so wie Georges Simenon seine "Maigrets" schrieb: in einem Zug, schweißgebadet. Das war in einem Zustand großer Erregung."

Diese Erregung lässt Thierry Jonquets Text nicht durchscheinen. In kühlem, feststellendem Erzählton leuchtet er eine neue Dimension der Rache aus. Denn das Selbstgespräch des Misshandelten entpuppt sich als das Selbstgespräch von Ève. Ève war einmal Vincent, ein Mann. Mit seinem Freund, besagtem Bankräuber, hatte er vor Jahren auf einem Fest Richards Tochter Viviane vergewaltigt. Traumatisiert glitt sie in den Wahnsinn ab. Deshalb jagte Richard Vincent, fing ihn wie eine Spinne ihr Opfer und wandelte in einem jahrelangen Prozess sein Geschlecht um. Vincent alias Ève durchlebt eine subtil arrangierte Hölle. Denn er soll am eigenen Leib erleben, wie es sich anfühlt, vergewaltigt zu werden. Dumm nur, dass sich Richard ausgerechnet in das Objekt seiner Rache und Gestaltungsmacht verliebt. Thierry Jonquet:

"Das kann sich in Paris, Berlin, Montreal abspielen. Das ist eine universelle Liebesgeschichte. Als ich sie schrieb, war mir das überhaupt nicht bewusst. Das Thema Transsexualität war damals nicht tabu, aber doch abseitig. Seither ist es immer aktueller geworden: die ganzen körperlichen Veränderungen: nicht nur in der ästhetischen Chirurgie, sondern auch die biologischen Veränderungen, die Einführung von Mikro-Maschinen - das hat ein derartiges Ausmaß angenommen!"

An Aktualität hat Thierry Jonquets Roman "Die Haut, in der ich wohne" nichts eingebüßt. Er ist in doppeltem Sinne beklemmend. Zum einen zeigt er, in welche extreme Rachephantasien ausufern können, zum anderen, dass neue wissenschaftliche Möglichkeiten zwangsläufig neue Macht- und Demütigungsphantasien freisetzen. Thierry Jonquet erkundet in diesem hoch spannendem Roman das theoretisch Mögliche: die Geschlechtsumwandlung nicht als freier Wille, sondern als sadistische Quälerei. Die moralische Deutung überlässt er allein dem Leser. Wohin der Showdown führt, als Bankräuber Alex in die Zweisamkeit von Richard und Ève einbricht, sei hier natürlich nicht verraten.

Thierry Jonquet: Die Haut, in der ich wohne.
Roman.
Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2008.
141 Seiten, 16,95 Euro.

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