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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturAngst als beständiger Begleiter27.10.2014

GesellschaftAngst als beständiger Begleiter

"Gesellschaft der Angst" heißt das neue Buch des renommierten Soziologen Heinz Bude. Die ebenso anregende wie informative Bestandsaufnahme unserer Ängste bleibt allerdings eine konkrete Idee, wie wir uns von ihnen befreien könnten, schuldig.

Von Ulrike Westhoff

Weiterführende Information

Gesellschaft : Das Produktivitätsproblem(Deutschlandfunk, Interview mit Heinz Bude, 12.10.2014)

Lesenswert ist dieses Buch unbedingt. Denn unser Angstkonto ist dick im Plus, glaubt Soziologe und Autor Heinz Bude. Klar - denkt man. Ebola grassiert, der IS-Terror sorgt für Schrecken, und sind die Deutschen nicht für ihre Marotte, die German Angst, sowieso weltberühmt? Doch statt "Angst" auf einen Affekt oder ein bestimmtes Ereignis zu beziehen, erhebt Heinz Bude in seinem Buch das sozialpsychologische Phänomen zum Dreh- und Angelpunkt des 20. Jahrhunderts samt Gegenwart. Wie der Systemtheoretiker Niklas Luhmann, der der Angst schon in den 80er-Jahren eine große politische und moralische Zukunft voraussagte, macht Bude sie als Stimmung aus, ein beständiges Rauschen im Hintergrund:

"... das vielleicht einzige Apriori moderner Gesellschaften, auf das sich alle Gesellschaftsmitglieder einigen können. Sie ist das Prinzip, das absolut gilt, wenn alle Prinzipien relativ geworden sind. Über Angst kann die Muslima mit der Säkularistin, der liberale Zyniker mit dem verzweifelten Menschenrechtler reden."

Anregende und informative Tour d'Horizon durch die Ängste

Das ist ein gewagter Ansatz. Doch der Soziologe vermag den Leser schnell zu überzeugen. Zu bekannt, zu vertraut wirken die Beispiele, je weiter man sich in die Lektüre vertieft. Plötzlich scheint die Angst vor Arbeitslosigkeit, Altersarmut, Beziehungen oder Inflation als letztmöglicher Konsens einer Gesellschaft plausibel. Bude präsentiert hier jedoch nicht schnöde Statistik, sondern liefert eine anregende und informative Tour d'Horizon durch die Ängste, angereichert mit Gedankenfutter aus Psychologie, Philosophie und den Künsten. Hier drängt jemand darauf, moderne Lebenskonzepte auf ihre Praxistauglichkeit zu hinterfragen. Auch wenn das vom Standpunkt einer soziologischen Systematik nicht immer stringent wirkt und das Inhaltsverzeichnis eine ungezwungene Ordnung der Dinge präsentiert. Die elf Kapitel mit Titeln wie "Das Unbehagen mit dem eigenen Typ" oder "Niemandsherrschaft" dienen dennoch nicht der Gefühlsduselei. Sie sind Anstoß für weitaus größere Zusammenhänge als man sie in der Ratgeberliteratur findet. Gleich am Anfang macht es Bude sich zur Aufgabe, die Angst als Prinzip zu erklären, in dem er sie als ideellen Bezugspunkt des Wohlfahrtstaates setzt.

"The only thing we have to fear is fear itself. Das einzige, was wir fürchten müssen, ist die Furcht selbst."

Der Soziologe benutzt das Zitat von US-Präsident Franklin D. Roosevelt aus seiner Amtsantrittsrede am 3. März 1933, um den Sinneswandel westlicher Sozialpolitik historisch zu markieren: Wer abstürzt, soll von nun an aufgefangen werden. Die neuen Maßnahmen sollen aber nicht nur Arbeitslosigkeit oder Altersarmut bekämpfen, sie sollen dem modernen Menschen vor allem die Angst davor nehmen. Doch der Wohlfahrtsstaat alter Prägung hat sich der direkten Verantwortung für seine Bürger entzogen und die Fürsorge an den Markt delegiert. Die "Angst" vor dem Abstieg sei heute wieder eine persönliche Angelegenheit, konstatiert Bude. Insbesondere die Generation nach den Babyboomern, die in den 1970ern Geborenen, sei betroffen. Sie bilde den Prototyp des modernen Individuums: ehrgeizig, fleißig und sehr unentspannt. Der Mensch, thirty something, stehe immer kurz davor, alles zu verlieren - zumindest glaubt er das.

Endlosschleife der Selbstoptimierung

"Man wird nicht mehr durch eine positive, sondern nur noch durch eine negative Botschaft bei der Stange gehalten. Man glaubt, in jedem Moment mit seinem ganzen Leben zur Disposition zu stehen."

Wenn man sich nicht noch dies oder das draufschafft. Wer also nicht in den Abstiegsstrudel geraten will, hetzt sich in der Endlosschleife der Selbstoptimierung. Je mehr Zertifikate, desto besser, so die Hoffnung. Jeder Aspekt des alltäglichen Lebens soll in produktives, soziales oder ökonomisches Kapital verwandelt werden. Weil jedoch Leistung und Bildung keinen Aufstieg mehr garantierten, habe diese Totalmobilisierung ihren Preis, meint der Autor.

"Der besteht in der Ausbreitung einer postkompetetiven Verbitterungsstörung unter den Zweiten und Dritten, die sich als gedemütigte Verlierer empfinden. Das heruntergeschluckte Rachemotiv äußert sich in Antriebsblockaden, Rückzugstendenzen."

Die Erkenntnis, die Bude aus diesen Ressentiments weiter ableitet: Das Private erlebt ein Comeback. Es ist wieder politisch. Im Kapitel "Die Sehnsucht nach einer unkündbaren Beziehung" beschreibt er, dass sich hier die Optimierungsidee ebenso ausbreite und damit Austauschbarkeit. Die emotionale Bindung werde so zum knappsten Gut, das dem modernen Menschen zur Verfügung stehe. Ergo bleibe ihm nur die Beziehung zu Kindern als das einzige in seinem Leben, was nicht abgewickelt werden kann.

"Die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern und zwischen Geschwistern besitzen für das außengeleitete Ich das anthropologische Gewicht einer natürlichen Bindung, die durch keine Kündigung aus seelischer Willkür oder nach partnerschaftlicher Übereinkunft getrennt werden kann."

Und weiter:

"Man bindet sich nicht, weil man das Erbe zweier Familien weiterführen, weil man eine legitime Form für den Sex haben oder weil man der gemeinsamen Liebe einen Ausdruck verleihen will. Man will vielmehr in erster Linie die Bindung ans Kind, die von keiner der beiden Seiten gekündigt werden kann."

Was bedeutet es nun für eine Gesellschaft, wenn allein Tochter oder Sohn zu Heilsbringern werden? Wer Helikopter-Eltern kennt, die die Karriere ihrer Kinder rund um die Uhr perfektionieren wollen, ahnt die Problematik. Doch, was folgt daraus? Heinz Bude versteht es immer wieder, mit ästhetischen Mitteln der Prosa seine Gedanken zuzuspitzen, und er formuliert auch eine Zukunftsperspektive: eine Erfolgskultur nämlich, in der die Gewinner prämiert, Verlierer aber nicht herabgewürdigt werden. Doch letztlich bleibt Bude vage: Notwendige politische Konsequenzen nennt er nicht. Der Soziologe beschreibt ein Phänomen - eine konkrete Idee, wie die Gesellschaft sich aus der Angst befreien könnte, bleibt er allerdings schuldig.

Heinz Bude: Gesellschaft der Angst.
Hamburger Edition, 168 Seiten, 16 Euro
ISBN: 978-3-868-54284-4

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