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StartseiteWissenschaft im BrennpunktGesellschaft mit beschränkter Haftung09.12.2007

Gesellschaft mit beschränkter Haftung

Warum der Mensch den Klimawandel nicht aufhalten wird

Vor einigen Wochen schien ein Ruck durch die Welt zu gehen. Alle wollten plötzlich entschlossen auf den drohenden Klimawandel reagieren. Inzwischen aber wird wieder zäh um klimapolitische Kompromisse gerungen. Warum tut sich der Mensch so schwer damit, die Menschheit zu retten? Liegt das am Überdruss an einem Thema, über das man schon zu viel Widersprüchliches gehört hat?

Von Martin Hubert

Menschgemachter Klimawandel? (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)
Menschgemachter Klimawandel? (Stock.XCHNG / Alejandro Basso)

Die Pflöcke sind eingerammt. Zwei Grad darf die Erdtemperatur höchstens noch steigen, sonst wird der Klimawandel unbeherrschbar. Die jahrhundertelang steigenden Treibhausgasemissionen sind daher in den nächsten 40 Jahren zu halbieren. Das ist die Mindestmarke. Natürlich gibt es hoffnungsvolle Signale: Die Kanzlerin nimmt sich persönlich der Klimapolitik an. Broschüren über klimafreundliches Verhalten sind massenhaft in Umlauf.. Das Nobelkomitee würdigt die Klimawarner Al Gore und IPCC (englisch aussprechen). Aber ist das mehr als das berühmte Pfeifen im Walde?

"Gesellschaft mit beschränkter Haftung.

Warum der Mensch den Klimawandel nicht aufhalten wird.

Eine Sendung von Martin Hubert."

Zuerst ist nur ein Grollen hinter dem Berg zu hören. Dann schiebt sich die pechschwarze Gewitterwand über die Waldgipfel ins Tal. Mit prasselndem Regen fällt das Unheil in die hessische Kleinstadt ein. Starke Temperaturunterschiede zwischen höheren und tieferen Luftschichten und die immense Feuchtigkeit haben einen kleinräumigen Wirbel erzeugt. Er reicht vom Wolkenrand bis zum Erdboden: ein sich drehendes Gewitter: ein Tornado.

Kurz vor der Stadt wirbelt er einige Autos wie Pappkartons durch die Luft. Bäume werden aus der Erde gedreht. Die Menschen fliehen in ihre Keller. Dort hören sie die Welt 30 Sekunden lang brausen und zittern. Eine halbe Stunde später stehen die Menschen vor ihren zerstörten Fahrzeugen und Häusern. Über den von Pfützen übersäten Straßen schwingen zerfetzte Elektrokabel im schwach gewordenen Wind.

Die ersten großen Stürme, die sich mit dem Klimawandel in Verbindung bringen lassen, sind längst über die Erde gezogen. Natürlich haben sie auch die menschliche Seele in Aufruhr gebracht. Also wäre entschlossenes Handeln angesagt. Doch um solche Katastrophen zu verhindern, müsste der homo sapiens sapiens strategisch vorgehen, einem langfristig angelegten Plan folgen - er müsste Vernunft in die Naturgeschichte bringen. Wie stehen die Chancen? Franz Wuketits von der Universität Wien ist Evolutionsbiologe. Ein älterer Herr, der sich keine Illusionen mehr macht. Er sitzt in einem kleinen Seminarraum eines Hamburger Instituts und nimmt sich ein Plätzchen. Am Abend vorher hat Franz Wuketits hier einen Vortrag über das menschliche Denken gehalten. Jetzt spricht er Klartext:

"Wenn man die Erdgeschichte sich vergegenwärtigt, da gab es ja Katastrophen gewissermaßen am laufenden Band. So gesehen wäre eine Klimakatastrophe nichts besonderes, so ironisch das auch klingen mag, egal, wer oder wie sie verursacht wird."

Vor 250 Millionen Jahren etwa entging das Leben nach einer globalen Katastrophe nur knapp der Vernichtung. Vor allem die Ozeane waren entvölkert, und es sollte Jahrmillionen dauern, bis sich das Leben wieder erholte. Es war nicht die einzige Katastrophe dieser Art. Die bekannteste geschah am Ende der Kreidezeit, als die Dinosaurier von der Bildfläche verschwanden. Notfalls also geht die Evolution über Leichen. Nun bezeichnet sich der Mensch gerne als intelligentes Wesen, und als solches möchte er sich seinem Schicksal nicht einfach so ergeben. Er möchte Lehren aus der Vergangenheit ziehen, die Gegenwart analysieren und die möglicherweise katastrophale Zukunft verhindern. Aber die ganze Crux, so Franz Wuketits, bestehe darin: wollte der Mensch wirklich lernen und den Klimawandel bewältigen, dann müsste er nicht egoistisch, sondern sozial denken. Dann müsste er nicht nur an sich und sein direktes Umfeld, sondern ans Überleben seiner Art, an das der "Menschheit" denken. Seiner inneren Natur nach aber sei er so nicht gestrickt. Wuketits:

"Wir sind geborene Kleingruppenwesen. Die längste Zeit unserer Evolution sind wir in kleinen Gruppen oder kleinen Horden mit 20, 30, 50, wahrscheinlich immer weniger als 100 Individuen als Jäger und Sammler herummarschiert. Und in diesen kleinen Gruppen haben sich die Grundmuster unseres sozialen und auch des moralischen Verhaltens entwickelt und stabilisiert. Also mit der menschlichen Vernunft ist es offenbar nicht allzu weit her, zunächst einmal, und zweitens sind wir natürlich zunächst einmal biologisch darauf programmiert, zu leben und zu überleben. Was verstehen wir denn unter "Fitness" im strikt evolutionsbio-logischen Sinn? Nichts weiter als erfolgreiche Reproduktion, erfolgreiche Fortpflanzung, oder anders gesagt, in soziobiologischen Begriffen: die erfolgreiche Weitergabe der eigenen Gene."

Und das ist ein Unterfangen, das zunächst einmal einen auf die eigene Lebensspanne bezogenen Egoismus voraussetzt. Der Horizont des Einzelnen, meint Franz Wuketits umfasst demnach höchstens noch die nächste Generation. Doch ist das nicht zu schwarz gemalt? Nicht immer wirtschaftet der Mensch in die eigene Tasche, er hat gezeigt, dass er auch in der Lage ist, mit anderen zu kooperieren. Und zwar gerade wenn es um die großen und komplizierten Dinge geht. Wuketits:

"Da gibt es in der Tat sehr interessante Experimente, die alle darauf hinauslaufen, dass sich Kooperationen beziehungsweise wechselseitige Hilfe mittel- beziehungsweise langfristig auszahlen, dass niemand allein alle Probleme zu lösen imstande ist. Aber noch einmal komme ich zurück auf die großen Dimensionen. Wenn man sich allein vergegenwärtigt, dass wir heute bitte 6,5 Milliarden Individuen auf diesem Planeten sind. Das ist für ein Säugetier unserer Größenordnung, Gewichtsklasse und Körperhöhe absoluter Rekord! Es ist eine Sache, in kleinen Gruppen zu kooperieren, eine andere Sache, als Menschheit zu kooperieren!"

Als immer weiter expandierende Spezies greift das Säugetier Mensch gewaltig in die Natur ein - sein Denkhorizont aber bleibt begrenzt. Das zeige sich schon daran, so Franz Wuketits, wie der Mensch seine Vernunft gebraucht:

"Wir haben ein großes Problem, nämlich die Schwierigkeit, in komplexen Systemen zu denken und wirklich vernetzt zu denken. Unsere angeborene und von der Evolution uns – anthropomorph gesagt – mitgegebene Ausstattung ‚rechnet’ mit einer linearen, einseitigen Kausalität. Auf A folgt B, auf B folgt C und so weiter. Was wir heutzutage brauchen, ist zu begreifen, dass im Gesamtsystem alles auf alles wieder zurückwirkt, und dass das hochkomplizierte Regelkreise sind, die zu begreifen bislang unserer Vernunft offenbar nicht wirklich gelungen ist."

Was könnte man dagegen tun? Franz Wuketits zuckt kurz mit den Achseln.

"Was wir bräuchten, ist das Denken in Komplexitäten."

Vernetztes Denken für den einfach gestrickten Verstand. Wie soll das gehen?

Strahlend blau der Himmel, glänzend weiß die Eisgipfel - scharf und tief der Riss. Zunächst geschieht alles lautlos und wie in Zeitlupe. Am Riss beginnt sich etwas zu bewegen, ein schwarzer Schatten breitet sich aus. Dann erst kommt das Knirschen, ein kurzer heftiger Knall. Weißes Pulver staubt auf, Schneebrocken peitschen das Wasser auf. Langsam setzt sich in der Westantarktis ein gewaltiger Block aus kaltem Eis in Bewegung.

Lange, unendlich lange dauert es, bis er sich tatsächlich vom alten Eis entfernt. Jetzt hat er seine Bewegung gefunden, treibt langsam weg, hinaus ins offene Meer. Dort, wo er gerade noch mit dem antarktischen Eis verbunden war, klafft eine unnatürlich schwitzende Wand. Kleine Wasserperlen glänzen im Licht der Sonne: Allmählich gleiten sie das Eis hinab.

Der Evolutionsbiologie erklärt, dass man dem Menschen nicht allzu viel zutrauen sollte. Und hofft dann doch: dass der Mensch lernt, besser zu denken. Das Denken aber ist das Reich der Philosophen. Was trauen sie dem menschlichen Geist in Bezug auf das Klimaproblem zu? Ludger Heidbrink von der Universität Kiel ist Philosoph. Er sitzt in seinem Büro an einem kleinen runden Tisch, auf dem zahlreiche Manuskripte und Bücher verstreut sind. Nachdenklich, fast etwas bekümmert schaut er vor sich hin, bevor er seine Sicht der Lage formuliert:

"Es sieht ja im Moment ja ganz gut aus, wenn man sich mal umschaut, weil die Bemühungen, irgendetwas gegen den Klimawandel zu unternehmen, sind ja beachtlich im Vergleich zu früheren Zeiten. Und da bin ich zuversichtlich, dass man da neue Strategien entwickelt. Die Strategien könnten allerdings, und da bin ich wiederum pessimistisch, erst mal nur Strategien bleiben. Und ob dem Willen zur Tat dann tatsächlich die Tat folgt, das muss sich noch zeigen."

Ludger Heidbrink setzt sich seit Jahren mit dem ethischen Prinzip auseinander, das allen Strategien gegen den Klimawandel zu Grunde liegt: dem Prinzip Verantwortung. Vor knapp dreißig Jahren hatte es der deutsche Philosoph Hans Jonas formuliert: Der Mensch, so seine Forderung, solle endlich anerkennen, dass er auch für die Langzeitfolgen seines Handelns verantwortlich ist. Auf eine Technologie, bei der Folgeschäden zu erwarten sind, müsse er deshalb verzichten. Das sei sicherlich weiterhin ein wichtiges Prinzip, meint Ludger Heidbrink nachdenklich, aber es habe eben die heutige Situation nicht verhindert. Und inzwischen seien seine inneren Tücken offensichtlich geworden. Zum Beispiel die "Verantwortungsdiffusion". Heidbrink:

"Klassisches Beispiel: Jeder Einzelne, der mit seinem Auto herumfährt, produziert relativ wenig Schadstoffe. Alle zusammen produzieren so viel Schadstoffe, dass sie klimaschädlich wirken. Jetzt ist die Frage: Wer trägt die Verantwortung? Ich als einzelner, wenn ich Auto fahre, produziere ja im Grunde genommen keine klimaschädlichen Gase. Und gleichwohl muss ich mich in irgendeiner Art und Weise an diesen Prozessen beteiligen, das heißt, ich müsste auf mein Auto verzichten, sehe aber, die anderen tun es nicht. Und dann hat man diese klassische Situation, dass das individuelle Handeln auf einer anderen Ebene stattfindet wie das kollektive Handeln. Das heißt ich bin unter Umständen der Dumme, wenn ich auf irgendeinen Luxus verzichte, aber letztendlich keinen Einfluss habe auf die Gesamtsituation, weil alle anderen so weitermachen wie vorher."

Man kann nicht vom Prinzip Verantwortung sprechen, ohne genau zu sagen, wer wirklich die Verantwortung trägt. Das Klimaproblem, so Ludger Heidbrink, sei aber außerordentlich vielschichtig. Also werde die Verantwortung ständig munter zwischen der individuellen und der kollektiven Ebene des Handelns hin- und hergeschoben. Heidbrink:

"Die Verantwortungsfalle besteht auch natürlich darin, dass man sie an so genannte Experten weitergibt. Das macht die Politik sehr gerne, das macht aber auch der Bürger sehr gerne. Der Bürger gibt sie auch selbst gerne erst mal wieder an die Politik zurück und sagt: Na ja, erst einmal solle die was machen, ich sehe gar nicht ein, warum ich etwas ändern soll. Die Politik soll die Gesetze ändern, mir vor allem Geld geben, damit ich mein Haus dämmen kann. Da ich aber sowieso als Normalmensch gar nicht weiß, was mein Handeln für Auswirkungen hat, tue ich lieber nichts, bis irgendein Experte mir genau sagt, was ich zu tun habe. Und damit entsteht eine Art von Entlastung von verantwortlichem Handeln, dass man immer meint, irgendjemand anders müsse den ersten Schritt unternehmen."

Auch soziologisch gesehen sei Verantwortung heute schwer verorten, sagt Ludger Heidbrink. Schuld sei die Komplexität moderner Gesellschaften. Die moderne Gesellschaft habe sich in effektive Teilsysteme ausdifferenziert, die kaum mehr zentral steuerbar seien.

"Die Systemtheorie sagt ja, dass die Systeme nur durch ihre eigenen Programme gesteuert werden können. Also die Wirtschaft lässt sich nur durch das Geld regulieren oder beeinflussen, die Politik lässt sich nur durch die Wahl oder Nicht-Wiederwahl beeinflussen, die Wissenschaft nur durch die Frage "wahr oder falsch?". Und das heißt: Wir haben ganz unterschiedliche Kriterien, nach denen sich diese Bereiche, die ja für das Klimaproblem wichtig sind, organisieren. Und wenn man jetzt zum Beispiel aus dem Bereich Wissenschaft, die nach den Kriterien "wahr oder falsch" arbeitet ,in den Bereich der Wirtschaft geht und sagt, wir müssen eigentlich die wirtschaftlichen Bedingungen ändern, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen, dann haben wir das bekannte Problem, dass aus der Wirtschaft die Antwort zurückkommt: Das rechnet sich nicht. Und dann lässt sich das auch nicht realisieren. Das ist im Grunde ein ganz triviales Problem."

Die Politik sollte eigentlich die Instanz in der Gesellschaft sein, die deren Entwicklung verantwortungsvoll steuert. In Wirklichkeit aber ist sie selbst nur ein kleines Teilsystem der Gesellschaft, das sich seine Macht vor allem mit dem der Wirtschaft teilen muss. Wer oder was kann dann aber überhaupt noch die Verantwortung übernehmen? Ludger Heidbrink hat einen Stift in der Luft hin- und herbewegt, jetzt hört er damit auf.

"Vielleicht ist es noch irgendwo ein Rest utopischen Vertrauens - weiß ich nicht - darauf, dass die Menschen in der Lage sind, durch gewisse Einsichtsfähigkeit, Kurskorrekturen vorzunehmen, ihr Handeln neuen Umweltbedingungen anzupassen – und dadurch auch Einfluss auf die Systemprozesse zu nehmen."

Umlenken ist gefragt – nur: ein Steuermann ist nicht in Sicht.

Eine einsame Ebene im Tschad. Sechs oder sieben Hütten, nur drei sind offenbar noch bewohnt. Dort, wo einmal das Feld des kleinen Dorfes gewesen zu sein scheint, wellt sich der Boden. Es sind die Wellen einer zu harter Kruste versteinerten Erde. Vor zehn Jahren, erzählt der Alte vor den Hütten, konnte man hier noch leben und sein Getreide anbauen. Es war nicht üppig, aber es reichte für das kleine Dorf. Dann kam der Regen nicht mehr. So lange nicht, wie es selbst die Ältesten nicht kannten. Jetzt sind die Felder fast vollständig verdorrt. Aus dem Brunnen kriechen ein paar spinnenartige Tiere. Zwei Tage gehen die Frauen inzwischen mit ihren Krügen zum letzten Wasserloch, aus dem noch Nasses kommt.

Der Philosoph erklärt, wie Verantwortung hin und hergeschoben wird. Und hofft trotzdem noch, dass der einzelne Mensch die Initiative übernimmt. Die Psyche des einzelnen Menschen aber ist Angelegenheit der Psychologen: Was trauen sie ihm zu? Jürgen Schahn von der Universität Heidelberg ist Psychologe. Und er ist ein nüchtern denkender Wissenschaftler, der sich ein paar handbeschriebene Zettel auf den Tisch gelegt hat. Darauf stehen einige Zahlen und ein paar harte Thesen.

"Wenn man die Sache genau betrachtet, müsste man eigentlich zu der Meinung kommen, dass die Menschen es wahrscheinlich nicht schaffen werden, allein als Individuum dieses Problem in den Griff zu bekommen. Man denkt da immer an die Lemminge, die sich in den Abgrund stürzen und man sagt, die Menschen machen doch eigentlich was ähnliches: die wissen eigentlich, dass es ein Problem ist und verhalten sich trotzdem nicht anders, obwohl sie entsprechende Einstellungen haben und wissen, dass sie das eigentlich nicht tun sollten."

Vor einigen Jahren hat Jürgen Schahn mit ein paar Kollegen die Fachzeitschrift "Umweltpsychologie" ins Leben gerufen. Anfangs mussten die Herausgeber sie noch auf eigene Kosten finanzieren. Heute trägt sie ein Verlag, aber die Finanzen stimmen nicht gerade optimistisch – genauso wenig wie die Inhalte der Zeitschrift. Denn seit Jahren stoßen die Umweltpsychologen, wenn sie das Klimabewusstsein der Menschen untersuchen, auf ein immer gleiches Muster. Zwar nimmt das Klimabewusstsein kontinuierlich zu, aber das Handeln hinkt weiter hinterher. Das, so Jürgen Schahn, zeigte schon eine klassische soziologische Studie aus den 90er Jahren, deren Grundaussagen bis heute bestätigt werden. Schahn:

"Bei den hoch Umweltbewussten war es also so, dass 74 Prozent Flugzeug oder Auto benutzt haben für den Weg in die Ferien. Dass 38 Prozent im Winter die Heizung nicht abgedreht haben, wenn sie für längere Zeit weggingen. Und dass 25 Prozent einen Wäschetrockner benutzten, was auch einer der energieintensivsten Haushaltsgeräte ist. Auf der anderen Seite war es so, wenn man dann die wenig Umweltbewussten angeguckt hat: 90 Prozent von denen haben ihren Problemmüll ordnungsgemäß entsorgt und sogar 10 Prozent sind mit der Bahn in den Urlaub gefahren."

Jürgen Schahn legt den Zettel mit den Zahlen wieder sorgfältig auf den Tisch. Die wenig Umweltbewussten, fasst er zusammen, handeln zwar nicht ganz so klimaschädlich, wie man befürchten würde – es reicht nur nicht. Die Umweltbewussten dagegen handeln klimaschädlicher, als man hoffen würde - und das reicht noch weniger, um die Klimabilanz aufzubessern. Schahn:

"Aus psychologischer Sicht ist das gar kein Problem, sondern es ist eigentlich sehr gut verständlich, dass es so ist, nur aus Laiensicht ist das vielleicht anders. Aus Laiensicht denkt man, das Problembewusstsein müsste doch eigentlich das Verhalten beeinflussen, das ist aber in der Realität nur zum geringen Teil der Fall, weil es auch ganz andere Faktoren gibt, die das Verhalten ebenfalls beeinflussen. Beispielsweise die Anreize: habe ich einen Vorteil davon, wenn ich mich umweltgerecht verhalte? Das ist eine Kostenfrage, das ist eine Frage der Bequemlichkeit, das ist eine Frage der Sicherheit und es ist eben häufig so, dass Handlungen, die eigentlich umweltschonend sind, dass sie von dieser Seite eher negativ ausschlagen."

Der Gegensatz zwischen Wollen und Handeln verursacht bei den Betroffenen eine innere Spannung, die am leichtesten durch Verdrängung und Problemverleugnung behoben werden kann. Jedes Mal, wenn der Einzelne dann Neues über die Klimaproblematik erfährt, wird ihm der Gegensatz zwischen Wollen und Handeln wieder spannungsvoll ins Bewusstsein gehoben - und das Spiel der inneren Entlastung beginnt erneut. Dabei hilft es natürlich, wenn ihm suggeriert wird, das Klimaproblem ließe sich rein technokratisch lösen, etwa durch neue Kraftwerke, höhere Dämme oder gigantische Sonnenschirme im All. Was aber wäre wirklich zu tun? Schahn:

"Da hat eigentlich - weil das Individuum aus dieser Zwickmühle nicht herauskommt - die Politik die Aufgabe, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass diese Zwickmühle aufgehoben wird. Das heißt, wenn man versuchen will, noch etwas zu retten, dann bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als sämtliche Ebenen, auf denen man nur agieren kann, auch zu nutzen: Anreize, Angebote, Rückmeldungen über die Folgen von Verhalten zu geben; Wissen zu vermitteln; Einstellungen zu ändern und die Rahmenbedingungen des Verhaltens so zu ändern, dass umweltgerechtes Verhalten gefördert wird. Also wichtig bei Kampagnen ist, dass man bei vorhandenen Situationen, vorhandenen Einstellungen und Werten anknüpft. Beispielsweise könnte man sich denken, dass man eine Kampagne machen müsste zum Stromsparen, dass man da an die steigenden Strompreise anknüpft. Dann würde man praktisch neben die Umweltschutzmotivation noch eine andere stellen, auf die sehr viele Leute reagieren."

Bessere Politik, um dem Individuum unter die Arme zu greifen. Ob das reicht?

Es werde ein anderes Licht. Ein gigantisches Schildermeer zwischen Sonne und Erde: 16 Milliarden kleiner Scheiben, keine größer als die Doppelseite einer Zeitung. Gemeinsam würden sie eine Fläche von über 3 Millionen Quadratkilometern bedecken. Ein kosmischer Sonnenschirm, der die Menschheit retten soll.

Der amerikanische Astronaut Roger Angel hat dieses Projekt Ende 2006 in einer angesehenen wissenschaftlichen Fachzeitschrift vorgeschlagen. Wie eine künstliche Schutzwand soll die Schilderwolke Sonnenlicht zurückhalten und so der Erde Schatten schenken. Zwanzig Jahre bräuchte man, um die Sonnenschirme von drei Kilometer langen Abschussrampen ins All zu katapultieren. Kostenpunkt: ein paar tausend Milliarden Dollar. Eigentlich weiß man, was zu tun wäre, um die Ursachen des Treibhauseffekts zu bekämpfen. Trotzdem treibt der technokratische Verstand weiterhin Blüten.

Der einzelne Mensch ist schwach. Bleibt also doch nur die Politik, um ihm auf die Sprünge zu helfen? Um Verantwortung ins Räderwerk der Gesellschaft zu montieren? Claus Leggewie ist Politikwissenschaftler und seit kurzem Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen. Mit leicht zerzaustem Haar sitzt er an der Längsseite des Konferenztisches in seinem repräsentativen Büro, ein basisdemokratischer Linker in leitender Stellung. Dürfen wir noch optimistisch sein? Claus Leggewie antwortet schnell und konzentriert.

"Sozialwissenschaftler oder Kulturwissenschaftler sind nie Optimisten oder Pessimisten, sondern Realisten. Das heißt sie würden von einer bestimmten Trägheit menschlichen Verhaltens ausgehen: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es umgangssprachlich. Deswegen ist der Mensch ein Gewohnheitstier, weil Gewohnheiten nicht nur Bequemlichkeiten sind, sondern auch Routinen zum Ausdruck bringen, ohne die Alltagsleben und Zusammenleben zwischen Menschen schwerlich funktionieren."

Claus Leggewie möchte lieber nüchtern die Lage analysieren als vorschnell Wertungen abzugeben. Zunächst einmal müsse man wirklich den besonderen Charakter der Klimaproblematik begreifen. Denn sie sei eine für die Denk- und Handlungsroutinen des Menschen völlig neue Krisensituation. Leggewie:

"Ein Klimawandel ist kein Super-Gau, ist kein Krieg, ist keine Bankenkrise, auch keine Arbeitsmarktkrise. Ein Klimawandel ist nichts, was sozusagen eruptiv auf uns einbricht wie ein Erdbeben. Der Klimawandel ist so etwas wie eine Dauerirritation unseres Routineverhaltens, das dann im wesentlichen nicht durch eigenes Erleben sondern durch Medienberichte über eine Verschlechterung der Umweltqualität wiederum gestört wird."

Wer oder was könnte diese Dauerirritation bewältigen? Die Parteien? Claus Leggewie schüttelt den Kopf: diese seien doch schon seit langem in eigenen Routinen verfangen.

"Ich glaube wirklich, dass politische Parteien nicht zeitgemäß sind. Nicht ‚die Demokratie’ ist ungeeignet, sich dem Klimawandel zu stellen, sondern eine parteipolitisch auf eine kurze Legislaturperiode und mediale Effekte ausgerichtete Demokratie kann das nicht leisten."

Auch internationale Verhandlungsregime scheinen ihre Grenzen zu haben. Bestes Beispiel: der Kyoto-Prozess. Hier haben sich diplomatische Verhandlungsroutinen eingeschlichen, die primär auf Kompromissbildung und Erhaltung des Vertragswerks aus sind. Auch die NGO’s, Nichtregierungsorganisationen wie Greenpeace oder das Öko-Institut, werden zunehmend in solche Verhandlungsprozesse eingebunden. Dabei mehren sich die Stimmen, die sagen: das Kyoto-Protokoll in seiner jetzigen Form reicht längst nicht aus, um den Klimawandel zu begrenzen. Claus Leggewie:

"Ich glaube nicht, dass die Entscheidung über solche Klima-Regime kommt. Ich glaube, viel wichtiger ist die Selbstverpflichtung von Gemeinden und Städten, zu sagen: Wir in unserem überschaubaren Bereich verpflichten uns ungeachtet der Tatsache, ob es auch andere tun, zu ehrgeizigen Klimazielen."

Claus Leggewie, der Politikwissenschaftler, glaubt nicht mehr an die große Politik. Wenn überhaupt, dann hofft er auf eine Bewegung von unten. Aber wie soll das gehen? Das Klimabewusstsein hat sich längst verändert, es gibt auch Hausbesitzer, Städte und Gemeinden, die klimabewusst investiert haben, sogar in den USA – allein es reicht eben nicht. Claus Leggewie nickt: Man müsse sich die Lage wirklich auf neue Weise bewusst machen! Man müsse die bisherige technokratische Herangehensweise an den Klimawandel überwinden.

"Weil die Klimaforschung herkömmlichen Typs meines Erachtens einen Denkfehler macht. Sie sagt: der Klimawandel ist eine abhängige Variable, das heißt veränderbar durch politische Technologie. Wir machen politische Entscheidungen, wir machen technische Innovationen und die senken die Emission und dadurch verringern wir den Klimawandel. Ganz offenbar gibt es hier einen, wie wir so sagen Hiatus, einen großen Schritt von der Einsicht in die Evidenz naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten und der Veränderung individuellen oder auch kollektiven Verhaltens. Deswegen muss man den Klimawandel als eine unabhängige Variable nehmen. Er kommt sowieso - ist übrigens auch egal, ob der von Menschen gemacht ist oder möglicherweise nicht: wir müssen unser Verhalten ändern!"

Heißt das, der Mensch solle sein Handeln in dem Bewusstsein ändern, dass die Klimakatastrophe eigentlich schon existiert?

"Ja, sicher! Und das ist hart! Eine Katastrophe anzunehmen, eine die nicht vorbeigeht, diese Sorte von schleichender Katastrophe überhaupt anzunehmen, zu denken, sich vorzustellen, ins Alltagsbewusstsein zu übersetzen, das ist die Kunst. Wir müssen uns einfach ausdenken, dass die Gesellschaften in zehn, 15 Jahren nicht durch den Einfluss politischer Akteure oder sozialer Bewegungen sondern einfach durch die Gegebenheiten des Klimawandels sich verändern, revolutionieren. Und diese Strukturen sozusagen vorzuzeichnen, gewissermaßen Rollenmodelle zu entwickeln, Verhaltenstypen zu entwickeln, die sich sozusagen neuen Gegebenheiten anpassen, das ist etwas, was im wesentlichen Kultur- und Sozialwissenschaften sich ausdenken können."

Ist der Klimawandel noch zu stoppen? Der Biologe weiß kaum Hoffnungsvolles über die Natur des Menschen zu berichten. Der Philosoph baut, wenn überhaupt, auf den Einzelnen, doch dort, winkt der Psychologe ab, sei ohne politische Führung auch nicht viel zu erwarten – wohl wissend, dass auch die Möglichkeiten der Politik begrenzt sind. Klingt nach der Quadratur des Kreises. Vielleicht müsste der Mensch einfach einsehen, dass es in der Klimafrage nichts als die Quadratur des Kreises gibt? Dann bleibt tatsächlich nur das Projekt von Claus Leggewie: eine Kultur zu entwickeln, in der die Menschen zunächst einmal akzeptieren, dass sie den Klimawandel nicht vollständig abwenden können. In der sie aber trotzdem eigeninitiativ daran arbeiten, seine katastrophalen Folgen zu minimieren. Und in der sie zu lernen beginnen, die aus dem Klimawandel entstehenden globalen Konflikte auf möglichst gerechte und friedliche Weise zu lösen.

Vieles spricht dafür: Es gibt keine Rettung vor der Klimakatastrophe. Die Gesellschaft wird eine mit beschränkter Haftung bleiben: Sie kann die Folgen ihres Tuns nicht völlig kontrollieren. Aber es kann eine Gesellschaft mit bedingter Hoffnung geben.

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