Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 04:05 Uhr Radionacht Information
StartseiteBüchermarktDas Ruder wird nicht mehr rumgerissen13.07.2015

GesellschaftskritikDas Ruder wird nicht mehr rumgerissen

Mit unserer gegenwärtigen Wirtschaftsweise und dem entsprechenden Konsumverhalten richten wir die Welt zu Grunde - davon ist die Autorin Karen Duve überzeugt. In ihrem Essay "Warum die Sache schiefgeht" liefert sie zahlreiche Belege für ihre These. Hoffnung macht sie keine.

Von Detlef Grumbach

Die Autorin Karen Duve  (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)
Die Autorin Karen Duve (picture alliance / dpa / Jörg Carstensen)

"Ich habe mir die Fälle ausgesucht, wo es besonders brisant und besonders heikel ist, auch, was aktuell war, deshalb ist die Finanzwirtschaft dabei, und wo es auch extrem gut zu sehen ist. Es gibt sicher andere Bereiche, in denen es ähnlich funktioniert, aber wo es nicht gleich so klar zu sehen ist."

So erläutert Karen Duve die Auswahl der Beispiele, anhand derer sie ihre These begründet: Finanzwirtschaft, Atomwirtschaft, Hightech-Medizin, Agrarindustrie. Die nicht gerade originelle These lautet: Die gegenwärtige Wirtschaftsweise und das entsprechende Konsumverhalten zehren an der Zukunft, die Menschheit ist sehenden Auges dabei, die Grundlagen ihrer Existenz zu vernichten. Doch entgegen der seit Jahrzehnten hinlänglich bekannten Warnungen ändere sich nichts, weil die Menschheit sich, verkürzt gesagt, der Führung psychopathischer Alpha-Männchen anvertraut habe. "Einsatzbereitschaft", "Risikobereitschaft", "Selbstvertrauen" und "Durchsetzungsvermögen", so die ersten vier Kapitelüberschriften, sind demnach die Tugenden, die sich in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik durchgesetzt und von den Prinzipien einer sozialen Verantwortung abgekoppelt haben. Kompromisslosen Eigennutz und Skrupellosigkeit macht Karen Duve als die Kernkompetenzen aus. Echte und "funktionelle" Psychopathen würden durch die Anforderungen an Spitzenkräfte angezogen und hätten ein System geschaffen, in dem sich auch unbescholtene Aufsteiger schnell zu "Sekundärpsychopathen" mausern würden, die in ihrer Hybris jedes, auch jedes nicht mehr kalkulierbare Risiko für das eigene Fortkommen, den eigenen Erfolg eingingen. Doch greifen diese Mechanismen, so Karen Duve, nicht nur aufseiten der Entscheidungsträger, sondern auch dort, wo Gegenwehr sich organisieren könnte.

"Ich glaube, dass es auch in ganz, ganz netten Bereichen immer darauf hinausläuft, dass dann immer Leute dazu stoßen werden, die ganz schnell dann die Führung übernehmen, die durch eine bestimmte Charakterdisposition es schaffen, die anderen zu manipulieren, sich an die Spitze zu setzen und dann das Ganze nach ihren Bedürfnissen und Interessen umzugestalten. Und das ist dann oft der Punkt, wo gerade bei solchen Sachen wie Bürgerinitiativen viele sagen, ach, das habe ich mir anders vorgestellt, jetzt steige ich aus, und zurück bleiben die, die solche Führungscharaktere sind und die, die das gerne mitmachen."

Unpopuläre Entscheidungen von oben

So knüpft die Autorin angesichts konkreter Probleme an ein allgemeines Unwohlsein an und holt zum großen Rundschlag aus. Doch die Art und Weise, wie sie ihren Kassandraruf mit einzelnen Beispielen belegt und diese pars pro toto zu einem allumfassenden Bild zusammenfügt, weckt auch wiederum nur Unwohlsein. Geht es Karen Duve darum, möglichst schwarz zu malen, wie schon der Titel suggeriert: "Warum die Sache schiefgeht?" Und wozu das Ganze? Will sie den vielstimmigen Chor eines alltäglichen Alarmismus in einer einzigen, ihrer Stimme zusammenfassen?

"Ja, schon. Doch vor allem ging es mir darum, warum die Leute nicht das tun, was sie wissen, also nicht entsprechend handeln. Und da ging es mir nicht darum, noch einmal die Stimme zusätzlich zu erheben, sondern ich wollte das zurückführen auf die einfachste Gleichung, die es dazu gibt, also das man sagt, woran liegt das eigentlich."

"Frauen" und "Sintflut" titelt die Autorin die beiden abschließenden Kapitel ihres Buchs. Karen Duve geriert sich nicht als Feministin, denn die Frauen, die heute in Führungspositionen sitzen, hält sie nicht für besser als die Männer. Sie hätten sich in einem System der Alpha-Männer hochboxen müssen und es dabei selbst verinnerlicht. Duve macht aber keinen Hehl daraus, dass verantwortungsvolle Führungspersonen, die Menschheitsfragen und Gemeinwohl über Eigennutz stellen, ihrer Meinung nach eher unter Frauen zu finden sind. Das Kernproblem ihres Buchs liegt aber nicht im Geschlechterdiskurs, sondern dass sie eine - für sie unwahrscheinliche - Lösung der Probleme allein durch schnelle, autoritäre und unpopuläre Entscheidungen von oben sieht. Wo andere Autoren, wie Fred Luks in seinem Buch "Öko-Populismus", auf gesellschaftspolitische Diskussionen über globale Gerechtigkeit und Demokratie setzen, auf eine Debatte, wie wir unser Leben in Zukunft gestalten wollen, zeigt Duve sich einer Debattenkultur und Demokratie gegenüber eher skeptisch. Hier wäre sie sogar zu Einschnitten bereit:

Es wird in den Führungsschichten entschieden

"Es könnte zum Beispiel auch eine modifizierte Demokratie sein. Im Moment ist es ja so, dass sich da jeder zur Wahl stellen darf, dass da keiner vorher geprüft wird, und das sind natürlich genau die Leute, die sich dahin drängen, die sehr ehrgeizig sind, die gerne Macht mögen, die Einfluss haben wollen. Das sind nicht unbedingt die, die am kompetentesten und geeignetsten sind für diese Posten. Also könnte man auch eine Einschränkung machen, wer sich zur Wahl stellen darf."

Die Diskussion einer drohenden Öko-Diktatur ist so alt wie die Diskussionen, die der Club of Rome in den 1970er-Jahren begonnen hat und wurde jüngst erst durch den Vorschlag der Grünen für einen Veggieday beflügelt. Doch die Lösung der Probleme liegt weder in einer Basta-Politik noch in einem alles erschlagenden Alarmismus, der Ohnmachtsgefühle auslöst und am Ende lähmt. Ansätze wie genossenschaftliches Wirtschaften, das nur die eigenen Bedürfnisse befriedigt und keinen Mehrwert produzieren, kein Wachstum schaffen muss, schiebt Karen Duve mit leichter Hand beiseite. So debattiert das Kapitel "Sintflut" nicht etwa die Chancen der Allmende, sondern setzt gleich mit der "Tragik der Allmende" ein, dem Totschlagargument, dass der Mensch eben doch auf seinen Vorteil aus ist. So hat Karen Duve mit hohem moralischem Anspruch Buch der Ausweglosigkeit geschrieben, das aufrütteln will, aber keine Optionen eröffnet.

"Das ist ein Weltuntergangsbuch, weil ich das für sehr unwahrscheinlich halte, dass wir es tatsächlich nochmal schaffen, das Ruder nochmal rumzureißen. Es liegt nicht daran, dass jemand zu Hause sitzt und seine Joghurtdeckel auswäscht und in den gelben Sack packt. Damit kriegen wir das nicht wieder hin, sondern es tatsächlich in den Führungsetagen entschieden werden."

Karen Duve: "Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen", Essay, Galiani Berlin 2014, 182 Seiten, 12 Euro

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk