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StartseiteKommentare und Themen der WocheTechnischer Fortschritt oder digitale Selbstveräußerung?17.09.2017

GesichtserkennungTechnischer Fortschritt oder digitale Selbstveräußerung?

Apple verspricht: Durch die Funktion der Gesichtserkennung beim iPhone X werde die Diebstahlsicherung optimiert. Sie ersetzt den bisher erforderlichen Fingerabdruck. Doch dieser technische Fortschritt berge zugleich eine Gefahr, kommentiert Patrick Bahners - die der Selbstveräußerung.

Von Patrick Bahners, "FAZ"

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Sicht auf das Apple-Logo an der gläsernen Fassade des Apple-Stores an der Fifth Avenue in New York. (AFP/Eric THAYER)
Das Apple-Logo an der Fassade des Apple-Stores an der Fifth Avenue in New York. (AFP/Eric THAYER)
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Der Fingerabdruck wird abgeschafft. Die modernsten Smartphones der Firma Apple schaltete der Benutzer bislang durch Berührung mit einem Finger frei. Ein Sensor stellt einen Scan her, den das Gerät mit den gespeicherten Daten des unverwechselbaren Linienmusters der Fingerkuppe des Eigentümers vergleicht. Das iPhone X, das in dieser Woche vorgestellt wurde, ersetzt den Abgleich der Fingerabdrücke durch ein Verfahren der Gesichtserkennung. Man muss das Gerät nicht mehr anfassen, nur noch anblicken.

Ein Schritt zurück

Der Apple-Konzern vermarktet seine Jahr für Jahr überarbeiteten Produkte als Embleme des technischen Fortschritts. In diesem Fall hat der Fortschritt einen Schritt zurückgemacht. Um 1900 setzte sich der Fingerabdruck in den Verbrecherkarteikästen durch. Als Industriestandard löste er innerhalb kürzester Zeit eine Methode der Personendatenverarbeitung ab, die schon damals Anthropometrie genannt wurde, Vermessung des Menschen. Nach seinem Erfinder, dem Pariser Polizisten Alphonse Bertillon, hieß das System Bertillonage. Der Proband wurde auf einen drehbaren Sessel gesetzt und aus zwei verschiedenen Perspektiven fotografiert.

Sodann wurden elf Körpermaße ermittelt, von der Breite des rechten Ohres bis zur Länge des linken kleinen Fingers. Die Gesamtheit der Kennzahlen fungierte als dreidimensionales Abbild der Person.

Mehr als ein digitales Passfoto

Ein solches Abbild wird künftig auch im iPhone gespeichert sein. Nur dass die Zahl der Kennzahlen explosiv gestiegen ist: Mit einem Netz aus 30.000 Infrarot-Lichtpunkten wird die Kopfform abgetastet. Apple fertigt also nicht etwa nur ein digitales Passfoto an. Mit zweidimensionaler Gesichtserkennung haben bereits andere Smartphone-Hersteller einigermaßen Schiffbruch erlitten. Hacker konnten diese Geräte überlisten, indem sie Fotos vor die Kameras hielten.

Im 19. Jahrhundert sprach für den Systemwechsel von der Anthropometrie zur Daktyloskopie, der Fingerbeschau, vor allem die drastische Verringerung des Aufwands. Denn um die durch Bertillonage gewonnenen Daten sortieren zu können, benötigte die Berliner Polizei einen Schrank mit 13.122 Fächern. Von diesem Aufwand merkt der Benutzer eines iPhone nichts mehr. Das Gerät nimmt ihm die Arbeit ab.

Scham oder doch Irritation

Die Entriegelung des tragbaren Universalcomputers durch Gesichtswiedererkennung bedeutet, dass der Eigentümer sich einer Prozedur der erkennungsdienstlichen Selbstbehandlung unterzieht. Erfahrungsgemäß ist die Anfertigung solcher Aufnahmen mit Scham oder doch mit Irritation verbunden.

Früher erlebte man dieses Unbehagen hinter dem Vorhang des Passfotoautomaten, heute in der gläsernen Schleuse der automatisierten Grenzkontrolle. Solche abschreckenden Effekte der biometrischen Fixierung scheint Apple nicht zu fürchten. Eher rechnet man damit, dass der neue Schlüsselmechanismus den narzisstischen Genussfaktor steigert. Der Besitzer eines iPhone X trägt ein unsichtbares Selbstporträt mit sich herum, das mit ihm altert.

Schon Alphonse Bertillon und seine Kollegen träumten von einer biometrischen Datenbank, die am Ende die ganze Menschheit erfassen sollte. Denn Fingerabdrücke kann man nur vergleichen, wenn man schon einen Fingerabdruck hat. Solange nur Verbrecher erkennungsdienstlich behandelt wurden, gingen nur Wiederholungstäter ins Netz der Körperrasterfahndung. Aber das Projekt der "Volksdaktyloskopie" blieb Utopie. Zu fest war im Bewusstsein der Bevölkerung der Fingerabdruck mit der Figur des sogenannten Gewohnheitsverbrechers verbunden, und mit anderen Randgruppen wie Analphabeten und Asylsuchende.

Eine Gefahr für den Datenschutz

An den höchstaufgelösten Kopfstudien im Speicher des iPhone X haftet ein solches Stigma nicht. Im Gegenteil: Die Gesichtserkennungstechnik ist das wichtigste Verkaufsargument für das superteure Gerät. Der Konzern verspricht, dass die Bilddaten nur im Telefon gespeichert sind und vom Hersteller nicht abgerufen werden können. Die Käufer müssen das glauben. Doch selbst wenn Apple dieses Vertrauen honoriert, geht von der Optimierung der Diebstahlsicherung eine Gefahr für den Datenschutz aus: Einfach deshalb, weil die Smartphone-Besitzer sich an die Normalität der Gesichtserkennung gewöhnen. Beim iPhone X ist der Selbstauslöser ein Selbsteinschalter. Als stolze Eigentümer einer solchen Fotoapparatur werden wir womöglich unser Recht am eigenen Bild vergessen.

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