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StartseiteBüchermarktGestalt in Verse verwandelt17.04.2008

Gestalt in Verse verwandelt

Les Murray übersetzt die Natur

Les Murrays lustvoll an der Sprache arbeitenden Gedichte haben den Australier seit Jahren zu einem heißen Nobelpreiskandidaten gemacht. Im deutschen Sprachraum kümmert sich vor allem seine Übersetzerin Margitt Lehbert um die Verbreitung seines Werks. Jetzt hat sie auch einen eigenen Verlag gegründet, die Edition Rugerup. In dieser Edition ist nun schon der zweite Murray-Band erschienen: "Übersetzungen aus der Natur". Eine CD, auf der der Dichter die englischen Originale spricht, liegt ebenfalls vor.

Von Tobias Lehmkuhl

Fledermäuse kommen zu Wort. (AP Archiv)
Fledermäuse kommen zu Wort. (AP Archiv)

"ah, eyrie-ire; aero hour, eh?
O'er our ur-area (our era aye
ere your raw row) we air our array
err, yaw, row wry-aura our orrery,
our eerie ü our ray, our arrow.
A rare ear, our aery Yahweh."

"Ihr ganzes Gesicht ein zerknittertes Ohr" heißt es in "Fledermaus-Ultraschall", dem Eröffnungsgedicht des Bandes "Übersetzungen aus der Natur" von Les Murray. Der Titel verspricht nicht zuviel: "Fledermaus-Ultraschall" endet, wie eben gehört, mit einer lautmalerischen Anverwandlung der erstaunlichen Hörwelten dieser Nachtgestalten. So befremdlich die Verse klingen mögen, sie sind keineswegs frei von Sinn, und der Übersetzerin Margitt Lehbert ist es dankenswerterweise gelungen, neben den an- und abschwellenden Vokalfolgen auch die Semantik überzeugend ins Deutsche zu retten.

Soviel Spaß Les Murray bei der Komposition solch hochvirtuoser Klangereignisse auch haben mag, sein Spiel erschöpft sich nie in sich selbst. Nichts liegt dem Australier ferner als dadaistische Sinnzertrümmerung. Schließlich widmet er all seine Lyrikbände der Ehre Gottes. Und was könnte dessen Schöpfung besser beleuchten als die "Übersetzungen aus der Natur"? In ihnen gibt Murray den Tieren und Pflanzen eine je eigene Stimme: den "Kühen am Schlachttag" genauso wie der "Würgefeige", dem "Kuhreiher" wie dem "Hahnendornbusch". In allen Gedichten schlüpft der Dichter in das Wesen seiner Wahl. Das lyrische Ich ist hier nie menschlicher Natur. Und wie erfrischend ist es, einmal nicht mit der geschundenen Psyche, den komplizierten Ansichten oder den ach-so-sensiblen Beobachtungen irgendeines menschlichen Artgenossen, sondern mit dem reinen Ausdruckswillen des bloß Lebendigen konfrontiert zu werden!

Dieser Ausdruckswille ist natürlich vom Dichter unterstellt, aber sein Kunstgriff funktioniert: Das sprachliche Beben, das alle Gedichte durchzieht, sorgt für einen Verfremdungseffekt, der das Rollenspiel glaubwürdig macht. Da niemand so spricht, wie diese Gedichte sprechen, ist man gerne bereit anzunehmen, dass es tatsächlich Schlange oder Pottwal sind, die hier das dichterische Wort ergreifen. Les Murrays Mittel dabei sind vielfältig. Angefangen mit den überraschenden, teilweise an altnordische Kenningar erinnernden Bildern. So spricht der Pottwal etwa davon, wie er "über die Krümmung" hinweg schwimmt, den Boden der See. Oder es liegen am Ende von "Honigzyklus" "verbrauchte Kampfanzüge erstarrt im Gras" - Bienenpanzer nämlich.

Gerne auch arbeitet Murray mit ungewöhnlichen Substantivierungen, mit originellen Kompositabildungen oder mit syntaktischen Lesefallen. "Wir damals in kühlem Gottesscheiß", sprechen zum Beispiel die Schweine, "wir fraßen Knackiges./ Wir schnüffelten gut Stinkendes im durchtunnelten Busch". Auch der Blick auf den Menschen fehlt nicht. Eine Mieze etwa erkennt in uns "riesige blechrülpsende Tuchvögel". Doch in der Regel interessiert sich das Tier wenig für uns. "Das Käfersein allein war mein Ausdruck", spricht der Käfer, und weiter: "ich bleibe das wahre Wort für mich". Dieser Ausdruckswille, der Wunsch, das bloße Sein, die reine Wesenheit in Worte zu fassen und anschaulich zu machen, fern aller Psychologisierung und frei von Klischees, das ist Les Murray in "Übersetzungen aus der Natur" auf einzigartige Weise gelungen. Wie kein Zweiter verwandelt er Gestalt in Verse. Sein Band ist von archaischer Kraft, durchzogen von schillernden Rhythmen und wabernden Klanggewittern. Für einen Moment entheben diese Gedichte den Leser den eitlen Verwicklungen der Gegenwart und führen ihn hinab auf den Grund des Seins. Sei dies auch die glänzende Oberfläche erhabener Käfer - oder eben das Summen und Fiepen unsichtbarer Nachtgestalten:

"Bat's Ultrasound

Sleeping-bagged in a duplex wing
with fleas, in rock-cleft or building
radar bats are darkness in miniature,
their whole face one tufty crinkled ear
with weak eyes, fine teeth bared to sing.

Few are vampires. None flit through the mirror.
Where they flutter at evening's a queer
tonal hunting zone above highest C.
Insect prey at the peak of our hearing
drone re to their detailing tee:

ah, eyrie-ire; aero hour, eh?
O'er our ur-area (our era aye
ere your raw row) we air our array
err, yaw, row wry-aura our orrery,
our eerie ü our ray, our arrow.

A rare ear, our aery Yahweh."


Les Murray: Übersetzungen aus der Natur
Gedichte. Deutsch und Englisch. Übersetzt von Margitt Lehbert
Edition Rugerup, Hörby/Schweden 2007
90 Seiten, 17,90 Euro, mit CD 29,90 Euro

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