Samstag, 18.11.2017
StartseiteUmwelt und Verbraucher"Obst und Gemüse sollen steuerbefreit werden"14.11.2017

Gesunde Ernährung"Obst und Gemüse sollen steuerbefreit werden"

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist inzwischen jeder vierte bis fünfte Deutsche stark übergewichtig. Dadurch ist das Diabetes-Risiko erhöht. Der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz plädierte im Dlf deswegen für eine erhöhte Besteuerung zuckerhaltiger Lebensmittel - und gleichzeitige Steuerbefreiung für gesunde Lebensmittel.

Tobias Effertz im Gespräch mit Stefan Römermann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Marshmallows in einem Glas Marshmallows in glass jar. Selective focus PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY KantarukxAgnieszka bew178DCD6 Marshmallows in Glass Jar selective Focus PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY KantarukxAgnieszka bew178DCD6 (imago/BE&W)
Marshmallows in einem Glas (imago/BE&W)
Mehr zum Thema

Bluthochdruck und Diabetes-Typ-2 Volkskrankheiten haben oft gemeinsame Ursachen

Übergewicht bei Kindern Abnehmen ist nicht alles

Übergewicht Mit den Kilos steigt das Krankheitsrisiko

Adipositas-Operationen Chirurgie für Bauch und Psyche

Reha-Maßnahmen als Wirtschaftsfaktor Der Preis der Gesundheit

Übergewicht in Deutschland Ein schwer wiegendes Problem

Adipositas Wirkung von Süßigkeiten-Werbung auf Kinder

Stefan Römermann: Die Zahlen sind durchaus dramatisch. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts ist inzwischen jeder vierte bis fünfte Deutsche stark übergewichtig. Dadurch erhöht sich dann für diese Menschen das Risiko für eine ganze Reihe von Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Probleme zum Beispiel oder auch Diabetes. Aufklärungskampagnen helfen bisher nur wenig.

Eine Studie, die unter anderem von der Deutschen Adipositas-Gesellschaft und der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Auftrag gegeben wurde, schlägt nun vor, am Geldbeutel anzusetzen: mit höheren Steuern für ungesunde Lebensmittel. Autor der Studie ist der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz. Ihn habe ich vor der Sendung gefragt, ob bei ihm im Kühlschrank tatsächlich nur gesunde Lebensmittel stehen.

Tobias Effertz: Nein. So gesehen gibt es da alles Mögliche in meinem Kühlschrank. Allerdings ist es ja sehr, sehr wichtig, dass man sich ausgewogen ernährt und dass man auch mit einem gewissen Augenmaß die Menge dieser ganzen Sachen konsumiert. Auch hier gilt ja grundsätzlich auch für mich, dass ich ein bisschen darauf achte, was die Dinge kosten und wie ich mir das budgetär einteile. Das ist ja auch genau der Ansatzpunkt jetzt dieser neuen Studie. Darauf zielt es ja letztlich ab.

Römermann: Wie könnte denn eine Besteuerung von Lebensmitteln aussehen, die sich an der Gesundheit orientiert? Was haben Sie sich da vorgestellt?

"Obst und Gemüse sollten steuerbefreit sein"

Effertz: Wir wollen folgendermaßen vorgehen. Für Obst und Gemüse soll keine Mehrwertsteuer mehr anfallen. Die sollen steuerbefreit werden. Während die Produkte, die besonders viel Zucker, Salz oder Fett beinhalten, nicht mehr mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz von aktuell sieben Prozent besteuert werden sollen, sondern mit dem vollen Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent. Und das würde entsprechende Anreize setzen für die Verbraucher, für die Konsumenten, die gesündere Wahl im Geschäft, im Supermarkt dann zu treffen.

Römermann: Manche Experten sagen ja auch, es gäbe so eine Art Zuckersucht in unserer Gesellschaft, wir seien quasi darauf konditioniert, Getränke und Ähnliches mit hohem Fett- und Zuckergehalt zu kaufen und zu konsumieren. Können denn da die höheren Preise wirklich helfen, oder kaufen die Leute am Ende dann doch, auch wenn es teurer ist?

Effertz: Nein. Die Belege dafür, dass die Reaktion bei einem höheren Preis immer geringer ausfällt, die sind schon sehr, sehr zahlreich gefunden worden in wissenschaftlichen Studien und ermittelt worden. Es ist dann immer eine Frage. A: Sind die Steuern spürbar? Und B: Sind die Steuern so erhoben, dass sie keine Schlupflöcher lassen.

Römermann: Ob die Flasche Cola jetzt nun einen Euro oder 1,20 Euro kostet, lässt sich davon wirklich jemand abschrecken?

"Ärmere Bevölkerungsschichten eher von Adipositas betroffen"

Effertz: Nun ja, Sie müssen sehen: Es geht um die Menge, wie ich eingangs schon sagte, und es geht darum, dass nicht mehr diese Mengen konsumiert werden, sondern dass man systematisch herangeht und dann in der Breite des ganzen Konsumspektrums langsam den Konsum zurückfährt. Wir haben ja Effektgrößen ermittelt in der Studie, die sagen, wenn wir das so machen würden mit der Mehrwertsteuer, dann würde das bedeuten, dass in der Bevölkerung das Gewicht um 1,5 bis etwa vier Kilogramm abnehmen kann. Das sind jetzt erst mal Größen, die erscheinen gar nicht so, wie soll ich sagen, aussagekräftig und so groß, aber die bringen enorm was, weil Sie damit einen Wendepunkt schaffen und einen Einstieg dahin schaffen, wieder zu einem gesunden Gewicht zu kommen. Vor dem ganzen Hintergrund der Kosten, die mit Adipositas beziehungsweise mit krankhaftem Übergewicht verbunden sind, sind diese Einpreisungen auch so etwas wie die Abbildung der späteren Folgekosten, die durch diese ungesunde Ernährung entstehen, und das ist nur fair.

Römermann: Da muss ich trotzdem noch mal fragen. Trifft das nicht am Ende doch wieder, ich sage mal, die armen Bevölkerungsschichten, wenn dann Schokolade und Cola zum Luxusgut werden?

Effertz: Das stimmt nur halb. Wenn Sie sehen, dass gerade diese Bevölkerungsschichten ja besonders stark von Übergewicht betroffen sind und von Krankheiten betroffen sind, die aus diesem Übergewicht und dieser Adipositas folgen, dann ist das natürlich zunächst mal so, dass die jetzt von ihrem Budget her erst mal am stärksten betroffen scheinen. Aber was wir ja wissen ist, dass dort eine Umstellung stattfindet. Es reicht ja aus, wenn man nicht das Produkt kauft, was so viel Salz beinhaltet, sondern ein bisschen weniger Salz und deswegen steuerlich etwas günstiger ist. Das schmeckt immer noch, aber ist gesünder, und darauf zielen wir ab.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk