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StartseiteSprechstundeSchmerzen, die es nicht geben dürfte14.01.2014

GesundheitSchmerzen, die es nicht geben dürfte

Jedes Jahr müssen in Deutschland bei mehr als 60.000 Menschen Gliedmaßen amputiert werden. Viele Betroffene klagen danach über Phantomschmerzen. Klassische Schmerzmittel helfen da wenig, doch jetzt gibt es eine neue Behandlungsmethode.

Von Michael Engel

Eine Person mit einer Arm-Prothese sitzt an einem Tisch und hält Spielkarten in der Hand. (Hendrik Möbius)
Nach einer Amputation spüren viele Betroffene Schmerzen in dem Bereich, wo nun die Prothese ist. (Hendrik Möbius)

Es war vor zehn Jahren. Ein Verkehrsunfall. Irmgard Timpe wurde mit dem rechten Bein eingeklemmt. Es musste amputiert werden. Seitdem leidet sie immer wieder unter Phantomschmerzen in einem Bein, das es gar nicht mehr gibt.                                                                                                                  

"Ich glaube, dass es für jemanden, der das noch nicht gehabt hat und hoffentlich auch nicht bekommt, nicht zu erklären ist. Das ist wie eine Verbrennung, wie Einschüsse, wie Messerstiche, alles insgesamt. Aber da ist ja eben nichts, sodass man das so überhaupt nicht beeinflussen kann."

Phantomschmerzen werden durch Umbauprozesse in den abgetrennten Nerven ausgelöst und im Gehirn als Schmerz in der ursprünglichen Zielregion zum Beispiel im Fuß gedeutet. Klassische Schmerzmittel helfen da wenig, erklärt Dr. Michael Bernatek von der Schmerzambulanz der Medizinischen Hochschule Hannover, sondern Medikamente, die vor allem das zentrale Nervensystem dämpfen.

"Antidepressiva werden eingesetzt. Medikamente, die man bei der Epilepsie normalerweise einsetzt, die nennen wir Antikonvulsiva. Opiate auch, in zweiter Linie Opiate. Aber auch Medikamente, die über den Serotoninstoffwechsel, also spezielle Botenstoffe, die bei der Schmerzverarbeitung eine Rolle spielen, aber auch gleichzeitig für Stimmung, Schlafqualität eine Rolle spielen, kommen dort zum Einsatz. Und in der Regel sogar in Kombinationstherapieform."                                      

Medikamente helfen oft nicht

Die Medikamente haben leider auch Nebenwirkungen. Und auch der Therapieerfolg lässt zu wünschen übrig: Nur 50 Prozent der Patienten profitieren - mit etwas weniger Schmerzen. Absolute Schmerzfreiheit ist die Ausnahme. Viele Betroffene versuchen es daher auch mit Physiotherapie, Hypnose, Akupunktur, Biofeedback oder Spiegeltherapie.    

Neu im Kanon der therapeutischen Möglichkeiten ist das "autogene Training" - modifiziert nach Dr. Erwin Kusche - Facharzt für Psychotherapeutische Medizin aus Hannover. Der Effekt durch das modifizierte autogene Training ist phänomenal, urteilt Erwin Kusche. "Es war eine Schmerzreduktion von etwa 50 Prozent, wobei die Frequenzhäufigkeit, mit der die Phantomschmerzen auftraten, auch deutlich zurückgegangen ist."

Eine ursächliche Behandlung ist derzeit nicht möglich

Noch ist unklar, wie es zu der Schmerzlinderung kommt. Der Therapeut nimmt an, dass Hirnzellen, die ehemals für die amputierte Region zuständig waren, einen Input an imaginärer Wärme und Schwere bekommen und so das Schmerzempfinden verdrängen. Das Schöne daran: Die Behandlung lässt sich daheim - ohne Therapeut - fortsetzen. Irmgard Timpe will nicht mehr darauf verzichten:    

"Das hat dazu geführt, dass ich so gut wie keine Phantomschmerzen mehr hatte. Aber immer dann, wenn ich in Stress geraten war, wenn ich zu Besuch bei meinen Enkelkindern war und das nicht mehr grundsätzlich gemacht habe, kamen diese Schmerzen immer wieder zurück. Das hat mich dazu bewogen, das grundsätzlich weiter zu machen."

Eine ursächliche Behandlung der Neuropathie - der Fehlsteuerung in den durchtrennten Nerven - ist derzeit nicht möglich. Gleichwohl lassen sich Phantomschmerzen wirkungsvoll behandeln, wenn mehrere Medikamente und auch andere Verfahren miteinander kombiniert werden, urteilen Experten wie Dr. Michael Bernatek von der Medizinischen Hochschule Hannover.           

"Gerade die Behandlung des Phantomschmerzes als Sonderform des Nervenschmerzes erfordert eine multimodale Schmerztherapie. Dass wir die Patienten identifizieren müssen, die von vornherein möglichst medikamentöse Therapien benötigen, vielleicht sogar ein Entspannungsverfahren oder gar ein psychotherapeutisches Verfahren."

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