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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDu bist, was du isst!03.03.2016

Gesundheit und Ernährung Du bist, was du isst!

Für den modernen Menschen wird Ernährung zunehmend zum identitätsstiftenden Merkmal. Wer besonders isst, unterscheidet sich von anderen - das Ablehnen von bestimmten Lebensmitteln wird zum Statement. Das Phänomen ist allerdings nicht neu: Schon vor 150 Jahren protestierten Menschen mit dem Verzicht von Fleisch gegen die Verrohung der Gesellschaft.

Von Isabel Fanrich

Obst und Gemüse liegen um einen Teller Nudelsuppe. (imago / BE&W)
Wer auf bestimmte Lebensmittel verzichtet, setzt ein Statement. (imago / BE&W)
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Slow food, vegetarisch, vegan – oder eine Paleo-Diät mit Nahrungsmitteln ähnlich denen der Altsteinzeit? Der moderne Mensch entscheidet, was er wie zubereitet zu sich nimmt – oder ob umgekehrt bestimmte Lebensmittel wie Fleisch oder Milchprodukte gar nicht auf den Tisch kommen.

In den vergangenen Jahrzehnten ist diese Frage zunehmend identitätsstiftend geworden, stellt Maren Möhring fest, Professorin am Institut für Kulturwissenschaften der Uni Leipzig.

"Lange Zeit war das, möglicherweise seit den 60er Jahren, eher Sexualität, wie man Beziehungen lebte. Und ich glaube Sexualität ist jetzt so ein bisschen out, sag ich mal. Und die Ernährung hat da so einen ganz wichtigen Punkt bekommen. Und ich glaube auch, weil Ernährung wie Sexualität so stark am Selbst und am eigenen Körper ansetzt, bietet es sich auch sehr an für bestimmte Identitätspolitiken. Es geht natürlich auch immer um soziale Distinktion, dass man sich abgrenzt von anderen oder die richtigere Lebensweise praktiziert etc."

"Du bist, was du nicht isst": Wer nach dem Motto der Berliner Tagung lebt und keine Früchte aus fernen Ländern, keine Eier aus Bodenhaltung kauft, positioniert sich heute zu Themen wie gesundes Leben und Klimawandel.

Ab dem 19. Jahrhundert wurden Lebensmittel genauer untersucht

Dass Ernährung für das eigene Selbst wichtig wurde, begann allerdings bereits vor rund 150 Jahren in der sich durch Industrialisierung und Urbanisierung verändernden Gesellschaft. Was auf den Teller kam, wurde zugleich das Ziel staatlicher Regulierung und wissenschaftlicher Forschung. Dabei entstand ein Spannungsverhältnis, geriet doch der Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit zunehmend in den Blick. Die Historikerin stellt fest, "dass ein anderer Blick auf die Bevölkerung sich durchsetzt. Dass man die Bevölkerung als Ressource begreift, die für die sich etablierenden Nationalstaaten von Bedeutung ist. Und das bedeutet dann auch, dass man sieht, es ist produktiver, für den Staat sozusagen bekömmlicher, wenn die Bevölkerung einigermaßen ernährt ist."

Als Mitte des 19. Jahrhunderts Forscher begannen, Nahrungsmittel unter die Lupe zu nehmen, galt noch der Satz des Philosophen Ludwig Feuerbach: "Der Mensch ist, was er isst." Die ausreichende Versorgung mit Nahrungsmitteln stand im Vordergrund, Fleisch war vor allem in der Arbeiterklasse ein Luxus.

Neben dem staatlichen Interesse stand das wissenschaftliche: zu ergründen, welche Nährstoffe in welchen Mengen wichtig waren. Ende des 19. Jahrhunderts berechnete der US-amerikanische Chemiker Wilbur Advater, wie viel Energie einzelne Nahrungsmittel liefern – und erfand die Kalorie. Mit Hilfe der neuen Maßeinheit verglichen erste Studien, wie Familien der Arbeiterklasse sich ernährten. Sie wurden politisch instrumentalisiert, wie die Historikerin Dr. Nina Mackert beschreibt:

"Durch diese neue Vergleichbarkeit von Essen konnte man sagen: Ihr deckt euren Kalorienbedarf aus dem teuren Fleisch. Das braucht ihr gar nicht, ihr könnt das billigere Fleisch kaufen – und braucht deswegen keine Lohnerhöhung. Also es hat interveniert in eine zeitgenössische Diskussion um Lohnerhöhung. Also hat die Kalorie quasi Lohndumping betrieben."

Als Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen und auf die Erkenntnisse der Ernährungsforschung gründeten Angehörige der städtischen Mittelschicht in Deutschland in den 1860er Jahren die ersten Vegetarier-Vereine. Damals war das ein besonderes Statement, erzählt die Historikerin Annette Leiderer:

"Dadurch, dass die Ächtung fürchten mussten, bedeutet das, wenn man das dann gemacht hat, hat man das ganz bewusst gemacht. Es war ja eine Ideologie, die alles umfasst hat. Es ging ja nicht einfach bloß darum, dass man aufhört, Fleisch zu essen. Sondern man wollte die Welt damit retten und die Zivilisation retten und seinen Körper retten."

Erste Vegetarier um 1900

Die sogenannten Vegetarianer lassen sich den Lebensreform-Bewegungen um 1900 zuordnen. Als in Deutschland die ersten industriell organisierten Schlachthöfe gebaut wurden, wandten sie sich auch gegen eine Verrohung der Menschen durch den Fleischkonsum. Sie kritisierten das Leben in der Stadt, verkörpert durch den dickleibigen Städter, der – wie es damals hieß – kein naturgemäßes Leben mehr führte. Und sie hofften, zu einer Zeit, in der die medizinische Versorgung mangelhaft war, Zivilisationskrankheiten wie der Cholera die Stirn zu bieten. Damals wie heute sei es um die Deutungshoheit gegangen, sagt Annette Leiderer - mit teilweise ähnlichen Anliegen:

"Es gab im Kaiserreich schon die Vorstellung, dass es unwirtschaftlich ist, Nahrungsmittel für Tiere anzubauen, wenn doch die Menschen eigentlich direkt diese Nahrungsmittel auch essen könnten. Also diese Verschwendungsvorstellung, die es in Deutschland oder in den westlichen Ländern seit den 1970ern ganz stark gibt. Das ist ein Argument, das es damals auch schon gab, das aber natürlich im Kontext von einer noch sich entwickelnden Industrialisierung noch nicht so schwer wog."

Nach dem Zweiten Weltkrieg spielte in den westlichen Industrieländern nicht mehr die Unter-, sondern die Fehlernährung eine Rolle: die falsche Zusammensetzung des Essens und das zu-viel-Essen. Die Kalorie ist auch heute noch omnipräsent, stellten die Experten fest. Aus der Freiheit, sich um seinen Körper zu kümmern und bei einer Diät wohl zu fühlen, wurde längst ein Imperativ: Der ideale Staatsbürger ist nicht dick. Er ist für seinen Körper verantwortlich. Maren Möhring:

"Wie auch durch die Konstruktion meinetwegen bestimmter Risikogruppen die Gesellschaft versucht, bestimmte Leute ins Visier zu nehmen, und gerade dieser Gruppe dieses oder jenes Ernährungsverhalten nahe zu legen. Das ist sozusagen mein Anliegen, deutlich zu machen, dass weder Gesundheit oder was darunter verstanden ist, einfach eine klare Norm ist oder man das klar beschreiben könnte. Das tut auch die WHO mittlerweile nicht mehr, die hat auch einen sehr weiten Gesundheitsbegriff. Sondern dass das ein historisch wandelbares Konzept ist."

Der moderne Mensch wird trotz der sich immer wieder verändernden Ernährungs- und Gesundheitsnormen seinen Eigensinn bewahren und nicht diktieren lassen, was er mit seinem Körper tut, ist die Leipziger Professorin überzeugt.

Zu sehr klaffen Wissen und Handeln auseinander. Die Sahnetorte fördert zwar nicht die Gesundheit, schmeckt aber - vor allem in Gesellschaft - gut. Maren Möhring begrüßt, dass diese Haltung auch im wissenschaftlichen Diskurs ankommt, "dass auch die Ernährungswissenschaften jetzt langsam anfangen, von dieser klaren Fokussierung auf  gesund, gesund, gesund wegzukommen. Weil es alles, was am Essen Genuss oder Spaß ist, abzuschneiden droht. Und dass es aber vielleicht viel eher darum gehen könnte, genussvoll auch in Maßen Dinge zu essen, die nicht als gesund gelten. Aber das eine andere Esskultur vonnöten ist und nicht ein größeres Wissen darüber, welche Nährstoffe in welchem Lebensmittel sind."

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