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StartseiteBüchermarktGeteilte Geschichten25.07.2006

Geteilte Geschichten

Erzählungen aus dem Nahen Osten

Der Israeli Etgar Keret und der Palästinenser Samir El-Youssef haben ein gemeinsames Buch mit erzählender Prosa herausgebracht. Die Menschen in den Erzählungen neigen allesamt zur Bevormundung oder willigen ein in die Instrumentalisierung von Menschen. Die Protagonisten in "Alles Gaza. Geteilte Geschichten" lassen sich manipulieren, oder sie imaginieren Befreiungsschläge.

Von Sigrid Brinkmann

Eine jüdische Siedlerin im Gazastreifen vor der endgültigen Räumung im vergangenen Jahr. (AP)
Eine jüdische Siedlerin im Gazastreifen vor der endgültigen Räumung im vergangenen Jahr. (AP)
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Am Rande der Realität in Nahost

"Das Leben in Israel hat schon etwas Abgerissenes. Jede Stunde werden Nachrichten gehört. Die Wirklichkeit wird wie eine Salami im Stundentakt in Scheiben geschnitten. Das hat schon etwas sehr Neurotisches. Kurzgeschichten passen zu diesem Rhythmus."

Etgar Kerets "Gaza Blues" durfte nicht fehlen in dieser Sammlung, die Texte aus den 90er Jahren und einige unveröffentlichte Erzählungen des populären Schriftstellers zusammenspannt. 13 Kurzgeschichten halten sich die Waage mit El-Youssefs langer Erzählung vom "Tag, an dem die Bestie Durst bekam". Der "Blues" markiert die Grundstimmung; hier und da platziert der pointensichere Etgar Keret ein paar schrille Töne. Momente des Schweigens zwischen Paaren, zwischen Eltern und Kindern in Szene zu setzen, gehört zu seinen erzählerischen Stärken. Die Taten, die das Schweigen gebiert, sind allemal furchtbar. Der "Sohn des Chefs vom Mossad", der nicht weiß, dass sein Vater ein Agent ist, quittiert erlittene Demütigungen durch zwei Kinder mit tödlichen Schüssen. Unbemerkt legt er nach der Bluttat den Revolver des Vaters in dessen Schreibtisch zurück.

Etgar Kerets bester Freund starb bei einer militärischen Operation. Bekannte von ihm sind bei Selbstmordattentaten ums Leben gekommen. Wie aus Individuen nationale Symbolträger gemacht werden, davon handelt seine neue Geschichte "Überraschungsei". Menschen, die bei Terroranschlägen getötet werden, bringt man zur Autopsie ins pathologische Institut nach Abu-Kabir.

"Auch diejenigen, die in Abu-Kabir arbeiten, verstehen nicht immer genau, wozu das gut ist. Schließlich ist die Todesursache bekannt, und eine Leiche ist kein Überraschungsei, bei dem man nicht weiß, ob man beim Öffnen ein Segelboot, ein Rennauto oder ein Koalapüppchen darin findet."

Im Gehirn einer 32-jährigen Frau und Mutter werden Dutzende Tumore gefunden. Nur wenige Wochen nach dem Anschlag, so diagnostiziert der Pathologe, wäre die Frau an ihrer Krebserkrankung gestorben. Er entscheidet, dem Ehemann nicht die Wahrheit über den "doppelten" Tod der Frau zu sagen.

"Ich konnte diese Geschichte erst schreiben, nachdem ich die Figur des Pathologen in den Mittelpunkt gerückt hatte. Ein Pathologe weiß alles über den körperlichen Zustand des Patienten, aber er kann, im Gegensatz zu praktischen Ärzten, nicht helfen. Ich fühle mich ganz ähnlich in Bezug auf die israelische Gesellschaft und deren Leiden. Woran mir auch lag, war, zu zeigen, wie ein Mensch, der bei einem Selbstmordattentat stirbt, seiner Persönlichkeit beraubt wird. Er wird zum Symbol eines Konfliktes stilisiert, zu einem Werkzeug der Rache gemacht. Er wird in gewisser Weise entmenschlicht. Plötzlich nehmen sich Leute das Recht, in das private Leben der Angehörigen einzudringen; sie überfallen sie zu Hause, laden sie zu Talkshows ein, machen sie wider Willen zu gesellschaftlichen Repräsentanten. Das ist die reine Willkür."

Für das moralische Dilemma, das Etgar Keret beschreibt, gibt es keine Lösung. Die Wahrheit, die der Pathologe zurückhält, ändert nichts am Tod eines Menschen. Knapp bescheidet der Autor: "Das war das Traurige, und der ganze Rest war Geschwätz." Dem Hinterbliebenen erscheint das Leben nicht mehr als eine Falle, sondern nur noch als türloser Raum. Wände überall.

Samir El-Youssef lange Erzählung vom "Tag, an dem die Bestie Durst bekam" spielt nicht in Gaza, sondern in einem palästinensischen Flüchtlingslager im Süden des Libanon - zur Zeit der ersten Intifada. Der Erzähler ist ein Joint rauchender, Tabletten schluckender Junkie, der die Lügengeschichten anderer Männer bewusst aufsaugt, um die drangvolle Enge des Lagers zu ertragen. Sich mit Hilfe eines schlauen Reiseveranstalters ein Visum für Deutschland zu verschaffen, wird zur fixen Idee des Junkies. Mit drastischem Witz demontiert der Autor El-Fatah-Anhänger und Funktionäre der Jugendmiliz Tansim. Im Lager kursierende Newsletter der Kurdischen Befreiungspartei eignen sich bestens zum Einwickeln von Falafel-Sandwiches.

Zielsicher legt El-Youssef, der 2005 den Tucholsky-Preis des Schwedischen PEN erhielt, den Finger auf innerpalästinensische Konflikte. Während Arafat, "die Katastrophe auf zwei Beinen" genannt, in Tunesien weilte, brachen im Lager an jeder vorstellbaren Front bewaffnete Kämpfe aus. Schlussendlich wurden wieder Wände mit Märtyrerfotos tapeziert. Youssef lässt zynische "Rowdys", die allen ideologischen Ballast abgeworfen haben, derbe Witze über den Befreiungskampf reißen und Lagerbewohner Kriegsgericht abhalten.

Die Menschen in den Erzählungen von Etgar Keret und Samir El-Youssef bewegen sich in geschlossenen Kreisen: Familie, Freunde, Nachbarn, Soldaten, politische Repräsentanten neigen allesamt zur Bevormundung oder willigen ein in die Instrumentalisierung von Menschen. Ihre Protagonisten regredieren und lassen sich manipulieren, oder sie imaginieren Befreiungsschläge. Das ist die gemeinsame Schnittmenge zweier Autoren, die sich nur außerhalb Israels begegnen können. Samir El-Youssefs Erzählung endet mit einer Erinnerung an den militärischen Drill kleiner Kinder, die abends in einer Grundschule zu so genannten Junglöwen ausgebildet werden. Er selbst hatte als Kind trainiert für seine Aufgabe als Junglöwe. Die jungen "Bestien" sind unersättlich in ihrem Hunger und ihrem Durst.

"Mein Vater hatte mir verboten, dort hinzugehen. Er mochte die Fedajin nicht und hielt sie für ein faules Pack. Einmal erwischte er mich im Trainingslager. Er stand am Zaun, sah mich an und ließ mir keine Möglichkeit, mich zu verstecken oder wegzulaufen. In Erwartung einer Strafe verließ ich schweigend das Lager und ging mit gesenktem Kopf auf ihn zu. Ich dachte, sobald ich ankäme, würde er mich am Ohrläppchen nach Hause schleifen und dort mit seinen riesigen rauen Händen auf mich einschlagen. Ich dachte, er würde mir mit dem Tod drohen, wenn ich noch einmal dort hinginge. Ich dachte, er würde mir mit dem Tod drohen, wenn ich noch einmal dort hinginge. Aber er tat nichts dergleichen."

Der Vater kaufte für sich und seinen Sohn zwei große Portionen Eis. Nie hatte das Kind eine größere Portion gegessen.

""Bestien! Bestien! hörte ich die Junglöwen schreien, während ich immer noch über die Schulmauer spähte. Ich hatte Durst. Ich hatte Durst und Hunger. Fast hätte ich gerufen: 'Ich wollte, ich wäre ein Junglöwe!' Doch statt dessen rief ich: 'Ich wollte, ich könnte dieses Land verlassen!'"

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