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StartseiteKommentare und Themen der WocheBetreuung auch bei drohender Abschiebung nötig06.01.2018

Gewaltkriminalität von ZuwanderernBetreuung auch bei drohender Abschiebung nötig

Weder eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen noch Alterstests oder schnellere Abschiebungen können etwas daran ändern, dass die Politik künftig dort ansetzen müsse, wo es sich auf den ersten Blick nicht lohne, meint Gerwald Herter. Und zwar nicht nur aus Mitgefühl oder Anstand, sondern auch aus Eigeninteresse.

Von Gerwald Herter

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Junge Männer spielen im Freizeitzentrum in der Außenstelle der Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende am 28.12.2017 in Doberlug-Kirchhain (Brandenburg) Billard. Knapp 600 Asylsuchende sind hier derzeit untergebracht. (dpa / Bernd Settnik)
Ein paar Angebote wären weitaus besser als Müßiggang, Langeweile und Frust - auch bei Flüchtlingen, die kaum eine Chance auf Asyl oder Duldung haben (dpa / Bernd Settnik)
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Kriminalität ist keine Frage der Nationalität, Familiennachzug kann kein Allheilmittel sein und die Integration von Flüchtlingen ist für die deutsche Gesellschaft eine noch umfangreichere Aufgabe, als es bisher schon schien: Das sind einige der wichtigsten Ergebnisse der Studie zur Gewalt in Deutschland, die in dieser Woche veröffentlicht wurde – mit den Schwerpunkten Jugendliche und Flüchtlinge.

Wer keine Bleibeperspektive hat, wird häufiger zum Verbrecher

Eine ganze Reihe von Forderungen an die deutsche Politik ist darin enthalten. Die Bundesregierung, wie auch immer sie aussehen wird, zudem Länder und Kommunen müssen nacharbeiten. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als dort anzusetzen, wo es unbequem ist, wo es sich auf den ersten Blick weniger oder gar nicht lohnt. Diese Aufgabe wird bleiben. Weder eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen könnte daran etwas ändern, noch umfassende Altersüberprüfungen oder schnellere Abschiebungen von abgelehnten Asylbewerbern.

Bei der Beschleunigung der Verfahren, der schnelleren Abschiebung und der freiwilligen Rückkehr lebt die Politik bisher vor allem von großer Hoffnung, mit der die Wirklichkeit nicht mithalten kann. Auch wenn die letzten Zahlen noch nicht vorliegen: Sehr wahrscheinlich wurden 2017 weniger Menschen aus Deutschland abgeschoben, als 2016. Im vorletzten Jahr waren es etwa 25.400. Die Zahl der freiwilligen Rückkehrer wird 2017 in jedem Fall deutlich unter der von 2016 gelegen haben.

Die Autoren der Studie Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem haben nachgewiesen, dass ein Zusammenhang besteht, zwischen der Perspektivlosigkeit bestimmter Flüchtlingsgruppen und der Gewaltkriminalität. Wer bald nach seiner Ankunft erfährt, dass er nicht bleiben kann, wird häufiger zum Verbrecher. In Niedersachsen trifft das vor allem auf Flüchtlinge aus den Maghreb-Staaten zu. Der Anteil an männlichen Jugendlichen und jungen Männern ist in dieser Gruppe besonders hoch. Sie neigen in allen Ländern, also nicht allein in Tunesien, Algerien oder Marokko, eher zu Gewalttaten, als andere Teile der Bevölkerung. Ein weiterer Faktor ist nach Auffassung der Autoren die Abwesenheit zivilisatorischer Einflüsse, die von Müttern, Schwestern oder anderen Frauen ausgehen und schließlich ist auch von "Macho-Kultur" die Rede. Aber selbst dieser Faktor hat nicht oder wenigstens nicht zwingend etwas mit Nationalität zu tun. Das ist keine Frage des Reisepasses und kann deshalb pauschale Verurteilungen nicht rechtfertigen.

Betreuung chancenloser Flüchtlinge auch aus Eigeninteresse

Unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass wir uns in Deutschland auch um die Flüchtlinge kümmern sollten, die kaum eine Chance auf Asyl oder Duldung haben. Ein paar Angebote, ein wenig Beschäftigung wären weitaus besser als Müßiggang, Langeweile und Frust. Betreuung wäre gerade dann nötig, wenn die Abschiebung bevorsteht. Der Moment also, indem sich für viele Flüchtlinge herausstellt, dass ihre Flucht, das so vieles umsonst war. Dabei geht es nicht allein um Anstand und menschliches Mitgefühl, sondern auch um unser Eigeninteresse. Hier anzusetzen, verhindert schließlich Gewaltkriminalität.

Wenn man bei dieser Flüchtlingsgruppe bleibt und hier die Kernforderung sieht, kann es nur verwundern, dass diese Studie die Debatte über den Familiennachzug in dieser Woche so angefacht hat. Von dem festgestellten Fehlen "zivilisatorischer Einflüsse" durch weibliche Verwandte zur Forderung nach mehr Familiennachzug ist es zwar nicht weit. Doch wer will massenhaft Familien von Flüchtlingen nach Deutschland holen, wenn es doch im Falle dieser Flüchtlinge sehr wahrscheinlich ist, dass sie selbst bald wieder in ihre Heimat zurückkehren werden? Bei Flüchtlingen aus Kriegsgebieten ist das anders, aber wie gesagt, um sie geht es in diesem Zusammenhang nicht in erster Linie.

Bleibt also zu hoffen, dass Union und SPD trotz der Eigendynamik der Sondierungen, später womöglich der Verhandlungen, Antworten finden auf die wissenschaftlich gesicherten Forderungen dieser Studie. Es ist brisant, aber sinnvoll im Zusammenhang mit Gewalt und Kriminalität Faktoren auszumachen, die eben auch dazu führen, dass Flüchtlinge Täter werden.

Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter (Deutschlandradio - C. Kruppa)Gerwald Herter studierte Geschichte und Internationale Beziehungen in München und Straßburg. Tätigkeit im Institut für Zeitgeschichte, freie Mitarbeit bei ARTE und beim ARD-Fernsehen. Volontariat beim Bayerischen Rundfunk. BR-Korrespondent zunächst in Bonn, dann in Brüssel, anschließend Leiter des ARD-Studios Südosteuropa, später ARD-Terrorismusexperte. Ab 2011 Leiter der Dlf-Redaktion Europa und Außenpolitik in der Abteilung Hintergrund. Seit Juli 2017 Dlf-Sicherheitsexperte.

 

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