Kommentar /

Gezielter Tabubruch

Aufregung um den Song "Stress ohne Grund"

Von Fabian Elsäßer, Deutschlandfunk

Rapper Bushido bekommt Stress - wegen seines Songs "Stress ohne Grund".
Rapper Bushido bekommt Stress - wegen seines Songs "Stress ohne Grund". (picture alliance / dpa / N24)

Es hat etwas Scheinheiliges: Ein deutscher Rapper vergreift sich absichtlich im Ton, schon bricht allerorten größtmögliche Empörung aus, und danach steht der Gescholtene erst recht im Rampenlicht.

Nebenbei füllt es das Sommerloch doch ganz vortrefflich, vor allem für jene Portale und großflächig bebilderten Zeitungen, die von der schnellen Sensation leben. Für die war Bushido immer gut, vom Start seiner inzwischen zehnjährigen Karriere an. Von seinen Alben stehen gleich mehrere wegen jugendgefährdender, homophober und gewaltverherrlichender Texte auf dem Index. Geschmacksgrenzen zu überschreiten, gehört zu seinem Konzept, es ist sein Unique Selling Point, den er pflegen muss. Das gilt für die ganze Aggro-Berlin-Szene, aus der Bushido stammt, eine Gruppe Berliner Rapper, die nach der Jahrtausendwende den gezielten Tabubruch zum Stilmittel erkor.

Was Bushido in seinen Texten tut, entspricht dem klassischen Rap-Handwerk des "Battle Rap". Dieses Subgenre wurde ursprünglich in den USA von der Hip-Hop-Gemeinde erfunden, um handgreifliche Auseinandersetzungen zu vermeiden. Man nutzt Worte statt Waffen, und derjenige siegt, der die besseren "Skills" hat, also geschickter und schneller reimen kann. Nichts davon trifft auf Bushido zu.

Das besagte Video "Stress ohne Grund" ist ein weiteres Beispiel dafür: Das einzige sprachliche Stilmittel ist der unreine Reim, die extreme Reduktion mancher Sätze lässt an eine billige Kopie des französischen Rappers Booba denken.

Also muss der Text für Furore sorgen, und das ist ihm oder einem seiner mutmaßlichen Texthelfer ja gelungen. Im Battle Rap ging es tatsächlich einmal um Inhalte – etwa nachdem der Afroamerikaner Rodney King 1991 willkürlich von kalifornischen Polizisten verprügelt worden war. Bushido wie auch vielen seiner amerikanischen Vorbilder dagegen geht es nur noch um Show und Schampus. Er selbst hat in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" einmal zugegeben: Geld sei seine Lieblingsdroge, und deswegen habe er ja auch noch eine Immobilienfirma, falls es mit der Musik einmal nicht mehr so laufe.

Dafür gibt es trotz Nummer-eins-Platzierungen Hinweise: Die für Herbst angekündigte Tournee findet durchweg in Hallen niederer Ordnung statt. Insofern sollte man den Einfluss dieses Künstlers auch nicht überschätzen.

Ob seine jüngste Geschmackslosigkeit die weiten Grenzen des Artikel 5 überschritten hat, entscheiden Gerichte, ob der Song strafrechtlich relevant ist, ebenfalls. Man mag es dieser Figur, der vom Bambi bis zum Bundestagspraktikum jede öffentlichkeitswirksame Maßnahme recht ist und der sie ja auch angedient wird, sogar wünschen. Es wird nichts daran ändern, dass der nächste Skandal dieser Art nicht lange auf sich warten lassen wird, denn er gehört zur Popmaschinerie seit jeher dazu. Die größte Strafe für einen wie Bushido wäre etwas anderes: totale Ignoranz durch diejenigen, die Öffentlichkeit herstellen.



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