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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenGlashandel an der Seidenstraße26.02.2009

Glashandel an der Seidenstraße

Gemeinsames Forschungsprojekt von deutschen und chinesischen Archäologen

Ein Stoff, dem Wissenschaftler zur Zeit besonders viel Aufmerksamkeit schenken, ist Glas. Experten können aus Funden sogar erkennen, wo das Glas ursprünglich hergestellt wurde. Wie Glas nun von Europa nach China kam, dem gehen deutsche und chinesische Wissenschaftler seit einiger Zeit in einem gemeinsamen Forschungsprojekt nach.

Von Mathias Hennies

Glas ist nicht gleich Glas, chemisch gesehen. (Stock.XCHNG / Makkai Bence)
Glas ist nicht gleich Glas, chemisch gesehen. (Stock.XCHNG / Makkai Bence)

Aus China stammen die Nudeln und das Schießpulver, das Porzellan und das Papier - aber das Glas wurde nicht im Reich der Mitte erfunden. Dieser Ruhm gebührt einer anderen Region der Erde, die ebenfalls für große Erfindungen berühmt ist: dem Zweistromland. Archäologen haben ermittelt, dass zwischen Euphrat und Tigris schon um 1600 vor Christus Glas hergestellt wurde. In China lernte man Glas erst viel später kennen, erklärt Jiayiao An, Archäologie-Professorin aus Peking:

"Das erste Glas sind wohl kleine Perlen und gläserne Einlegearbeiten für Bronzen, sehr kleine Stücke. Sie stammen etwa aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Sie waren damals sehr kostbar, wir haben sie im Grab einer reichen Familie gefunden. Am interessantesten sind die Augenperlen. Wir haben sie chemisch analysiert und festgestellt, dass sie aus einem Natronglas bestehen. Das bedeutet: Das älteste Glas Chinas stammt vielleicht aus dem Westen und wurde nicht in China hergestellt."

Chemische Analysen können einen Hinweis auf die Herkunft gläserner Perlen, Vasen oder Teller geben, denn Glas ist nicht gleich Glas. Es besteht aus einer Vielzahl chemischer Elemente. Der wichtigste Bestandteil ist der Quarzsand, den man schmilzt und dann in Formen erstarren lässt. Doch Quarz ist sehr hart, so dass man extrem hohen Temperaturen braucht. Damit er früher flüssig wird, fügt man ein "Flussmittel" hinzu, das den Schmelzpunkt heruntersetzt. Und daran können Forscher heute erkennen, ob ein Glas in China, in Indien oder etwa in Ägypten hergestellt wurde. Thilo Rehren, Professor am Archäologischen Institut der Universität London:

"Diese verschiedenen Glasarten unterscheiden sich vor allem in der Art des Flussmittels, das dazu verwendet wird, um die Hauptmasse des Glases, nämlich den Quarz, zu schmelzen. Das ist für das ägyptische Glas vor allem die Asche von bestimmten Salzpflanzen, das ist für das römische Glas Mineralnatron, das sind für indisches Glas verschiedene Salze, für das mitteleuropäische mittelalterliche Glas gibt es verschiedene Baum-Aschen, und das zeigt sich dann in der unterschiedlichen chemischen Zusammensetzung der Gläser, wenn man sie analysiert."

Künftig will man anhand der Rezeptur den Herstellungsort bestimmen. Doch bisher sind die Datenbanken erst spärlich mit Analyse-Ergebnissen gefüllt, erklärt Dr. Susanne Greiff vom Restaurierungslabor des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz:

"Wir stehen da am Anfang. Wir stellen jetzt mal Daten zusammen, um zu sehen, wo wurde was verwendet, man muss natürlich noch den Tauschhandel berücksichtigen, so dass man, wenn man eine Glas-Zusammensetzung irgendwo findet, ja auch nicht direkt davon ausgehen kann, dass die auch dort hergestellt worden ist. Das heißt, man muss sehr viele chemische Daten sammeln aus unterschiedlichen Orten und Zeiten, um da Gruppierungen und eine gute Einordnung vornehmen zu können."

Klar ist immerhin schon, dass in China Natron-Vorkommen fehlen. Natrongläser wie die Augenperlen aus dem Fünften vorchristlichen Jahrhundert müssen also importiert worden sein. Nomadenvölker, die durch die Länder an der Seidenstraße zogen, könnten sie als Zahlungsmittel aus dem Westen mitgebracht haben: Sie tauschten sie gegen Lebensmittel, Textilien oder was sie eben brauchten, vermutet Jiayao An:

"Also kamen die Glasperlen nach China, und den Chinesen gefielen sie, gerade den Reichen. Und später haben Chinesen begonnen, die Augenperlen nachzumachen. Sie produzierten gläserne Perlen, die sehr ähnlich aussehen und sogar noch schöner verziert sind. Aber die Zusammensetzung ist anders: Bei uns benutzte man Blei und Barium, um das Glas herzustellen. Weil wir keine Natronvorkommen haben."

Die Glaswaren lösten in China keinen Boom aus. Obwohl man die Herstellung beherrschte, entwickelte sich keine umfangreiche Glasproduktion wie in westlichen Teilen Asiens und in Europa. Stattdessen entwickelten die Chinesen eine Meisterschaft darin, Porzellan mit einer dünnen Schicht Glas, einer Glasur, zu überziehen. Glas-Gefäße stellten sie kaum her.

"Und das ist eine große Fragestellung, die uns zusammen mit den Archäologen beschäftigt: Warum hat man diese Technologie so gut beherrscht und dann trotzdem relativ wenig Glas als eigenständiges Material produziert?"

Die Glas-Spezialistin Jiayiao An hat eine verblüffende Antwort auf dieses Problem:

"In China hat man ziemlich spät angefangen, Glas im Alltag zu benutzen. Eigentlich erst in der Gegenwart. Ich glaube, das liegt daran, dass wir sehr gute Keramik haben. Und außerdem mögen die Chinesen sehr heißes Essen, heiße Suppen oder Getränke!"

Und dafür eignet sich Geschirr aus Glas schlecht: Das Material leitet die Wärme so gut, dass man eine gläserne Suppenschüssel oder ein Teeglas nicht anfassen kann, ohne sich die Finger zu verbrennen. Schüsseln und Tassen aus Porzellan dagegen werden weniger heiß. Vielleicht wurde in China deshalb das Porzellan erfunden: Damit man richtig heißen Tee trinken konnte!

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